Autorenseite

 << zurück weiter >> 

VII. Kapitel

Eines Nachmittags, zu Anfang November, lag der alte Scotchterrier Ossian im blassen Sonnenschein auf dem Gartenweg. Seit sein Herr mit dem Frühzug in die Stadt gefahren war, lag er so da. Fast sechzehn Jahre alt, war er taub und trübselig; sooft Summerhay ihn verließ, schienen seine Augen zu sagen: du wirst mich einmal für immer verlassen. Die Zärtlichkeit der anderen freundlichen Leute im Hause ersetzte ihm täglich weniger die einzige Freude, die er nur noch kurze Zeit würde genießen können. Auch ertrug er keine Fremden mehr. Vom Fenster aus sah Gyp, wie er aufstand, mit gekrümmtem Rücken den Briefträger anknurrte; um die Beine des Mannes besorgt, eilte sie hinunter.

Er gab ihr einen Brief in der gefürchteten Handschrift, der den Vermerk: »Dringend« trug und Summerhay von London aus nachgeschickt worden war. Sie roch daran. Ein eigenartiges Parfüm – wonach roch es? Ihre Nägel suchten die Klappe. Sie legte den Brief nieder – es verlangte sie allzusehr, ihn zu öffnen. Der Gedanke durchzuckte sie: wenn ich ihn läse und es wäre nichts! Dann würden alle ihre eifersüchtigen Zweifel der letzten Monate verschwinden. Wenn aber dennoch etwas darin stünde?! Sie würde auf einen Schlag ihr Vertrauen zu ihm und zu sich selbst verlieren, seine Liebe und ihre Selbstachtung. Konnte sie denn nicht den Brief selbst nach London bringen? Wenn sie um drei Uhr den Personenzug nahm, war sie um fünf Uhr dort. Sie hatte noch Zeit, zum Bahnhof zu gehen. Sie lief hinauf. Die kleine Gyp saß auf der obersten Treppenstufe und blätterte in einem Bilderbuch.

»Ich fahre nach London, Liebling. Sage Betty, daß ich vielleicht abends nicht zurückkomme. Gib mir einen guten Kuß.«

Die kleine Gyp gab ihr einen guten Kuß und sagte: »Laß mich zusehen, wie du den Hut aufsetzt, Mütterchen.«

Während Gyp sich ankleidete, dachte sie: ich werde keine Tasche mitnehmen, kann mich ja immer behelfen. Sie lief hinunter, nahm den Brief und hastete dem Bahnhof zu. Im Zug zog sie den Brief hervor. Wie sie diese Schrift haßte, um all der Sorgen und Ängste willen, die sie ihr in den letzten Monaten verursacht hatte. Wenn das Mädchen wüßte, wieviel Sorgen es ihr machte, würde es ihm vielleicht nicht mehr schreiben. Und Gyp versuchte, das Gesicht, das sie nur eine Minute gesehen hatte, heraufzubeschwören, die Stimme, die sie nur einmal gehört hatte. Es schien ihr das Gesicht und die Stimme eines Menschen, der gewohnt ist, seinen eigenen Willen durchzusetzen. Nein! Sie würde nur noch entschlossener vorgehen. Es war ein leichtes Spiel gegen eine Frau, die keine Rechte besaß – außer denen der Liebe. Gott sei Dank, daß Gyp selbst ihn keiner anderen Frau fortgenommen hatte – oder diesem Mädchen! In all diesen Jahren hatte sie seine Geheimnisse nicht erfahren. Sie stand am Fenster des leeren Coupés. Da war der Fluß – und dort – ja, dort war die Bucht, wo er sie gebeten hatte, ganz zu ihm zu kommen. Sie sah so verändert aus, nackt und bloß unter dem hellgrauen Himmel, die Weiden waren gestutzt, die Schilfkolben abgeschnitten.

Der Zug hatte Verspätung, es dunkelte bereits, als sie Paddington erreicht hatte, und einen Wagen nahm, um zum Gericht zu fahren. Seltsam, daß sie zum erstenmal dort hingeht! In Temple Lane stieg sie aus, schritt durch die enge, schlecht erhellte, bevölkerte Gasse dem Mittelpunkt des Großen Gesetzes zu.

»Hier, die Steintreppen hinauf, Fräulein, die zweite Tür.« Gyp las im Zwielicht die Namen auf der Tafel. »Summerhay – zweiter Stock.« Ihr Herz pochte heftig. Was wird er sagen? Wie wird er sie empfangen? War es nicht töricht, ja gefährlich, herzukommen? Vielleicht hatte er eben eine Besprechung? Ein Amtsdiener wird da sein oder jemand, der ihr den Zutritt verwehren will; welchen Namen sollte sie angeben?

Im ersten Stock angelangt, hielt sie inne, nahm eine Karte aus der Tasche und schrieb mit Bleistift darauf: »Kann ich dich einen Augenblick sprechen? – G.«

Dann atmete sie tief auf, um ihr Herz zu beruhigen, und schritt weiter. Da war die Tür mit seinem Namen. Sie läutete, niemand kam. Alles war so massiv und traurig und düster – das eiserne Geländer, die Steintreppen, die kahlen Wände, die Eichentür. Sie läutete nochmals. Was sollte sie tun? Den Brief hierlassen? Ihn nicht sehen, ihr kleines Idyll zerstört – nur einen frostigen Besuch in der Bury-Straße machen, wo sie bloß Frau Markey vorfinden wird, denn der Vater war bis Sonntag in Mildenham. Und sie dachte: ich werde den Brief hierlassen, in den »Strand« gehen, Tee trinken und dann nochmals herkommen.

Sie nahm den Brief, warf ihn durch die Öffnung an der Tür, hörte, wie er in den Briefkasten fiel, – dann stieg sie langsam die Treppen hinab und schritt durch Temple Lane. Männer und Burschen drängten sich hier, von der Arbeit heimkehrend. Als Gyp schon fast den »Strand« erreicht hatte, fiel ihr eine Frauengestalt auf. Sie schritt an der Seite eines Mannes, das Gesicht ihm zugewandt. Gyp vernahm ihre Stimmen, und blieb, den beiden nachblickend, stehen. Sie kamen unter einer Laterne vorbei, das Licht fiel schimmernd auf das Haar der Frau, beleuchtete eine Summerhay eigene Gebärde: das Emporziehen der einen Schulter, wenn er etwas ableugnete. Sie hörte seine Stimme, die er erhoben hatte. Sie beobachtete, wie sie die Straße überquerten, die Treppen emporstiegen, die sie selbst eben heruntergekommen war, durch die Tür verschwanden. Sie wurde von einem solchen Entsetzen erfaßt, daß sie kaum weitergehen konnte.

Nein! Nein! Nein! – fuhr es ihr durch den Kopf Es war eine Art Wimmern, wie kalter regenfeuchter Wind, der durch tropfende Blätter streicht. Was bedeutete das? In ihrer verzweifelten Verwirrung kam ihr kein einziges Mal der Gedanke, in sein Zimmer hinaufzugehen. Sie kam nach Trafalgar Square, lehnte sich gegen das Gitter vor der Nationalgalerie. Nun kam ihr der erste zusammenhängende Gedanke: deshalb also waren seine Zimmer leer! Kein Amtsdiener da, – niemand! Damit die beiden allein sein konnten! Und noch heute morgen hatte er sie geküßt! Ein schreckliches, kurzes Lachen, mit einem Schluchzen vermischt, würgte ihre Kehle. Weshalb hatte sie ein Herz?

Weiter unten, in der Nähe der Löwen, stand ein junger Mann, drückte ein Mädchen an sich. Gyp wandte die Augen von dem Anblick ab, machte sich von neuem auf ihre Wanderung. Sie kam in die Bury-Straße. Kein Licht! Es tut nichts, sie hätte ja doch nicht eintreten können.

Die Bäume des Parkes, unter denen sie dahinschritt, hatten noch einige Blätter, die kupfern glänzten wie das Haar des Mädchens. Allerlei qualvolle Visionen folterten Gyp. Diese leeren Zimmer! Und er wird sie belügen. Hat durch seine Taten bereits gelogen. Sie hat es wahrlich nicht verdient. Das Gefühl erlittenen Unrechts war die erste Erleichterung, die sie empfand, das erste klare Gefühl eines durch Leid verwirrten Geistes. Sie hatte für keinen Mann außer ihm einen Blick oder Gedanken gehabt, seit jener Nacht am Meere, da er durch den mondhellen Garten zu ihr gekommen war, – keinen einzigen Gedanken! Doch war das ein armseliger Trost. Nun befand sie sich im Hyde-Park, wanderte einen Pfad entlang, der diagonal den Rasen durchschnitt. Sie durchsuchte ihr Gedächtnis nach Zeichen und Beweisen, um zu erfahren, wann sich seine Gefühle ihr gegenüber verändert hatten. Sie fand keine. Er war ihr gegenüber der gleiche geblieben. Konnte man denn Liebe heucheln? Leidenschaft heucheln, – oder dachte er, wenn er sie küßte, dachte er an das Mädchen?

Weshalb beherrschte die Liebe sie so sehr, daß, ihn mit einer anderen zusammenzusehen, ihr solches Leid verursachte? Was sollte sie tun? Nach Hause gehen, sich verkriechen! Von Paddington fuhr soeben ein Zug ab. Im Abteil befanden sich andere Menschen, Geschäftsleute aus der City, Rechtsanwälte aus dem Viertel, – wo sie gewesen war. Sie war froh über das Rascheln der Abendblätter, über die gleichgültigen Gesichter, die sie mit kühlem Interesse betrachteten, froh, daß sie die Maske anbehalten mußte, denn sie fürchtete die Macht ihrer Gefühle. Einer nach dem anderen stieg aus, begab sich zu seinem wartenden Automobil oder auf den Abendspaziergang, und sie blieb allein zurück, starrte auf den öden Fluß, der im blassen, von Wolken verschleierten Mondlicht gerade noch zu unterscheiden war. Einen wilden Augenblick lang dachte sie: soll ich die Tür öffnen, hinaustreten? – Ein einziger Schritt, dann hatte sie Frieden.

Eilig verließ sie den Bahnhof. Es regnete, und sie freute sich über die Kühle auf ihrem heißen Gesicht. Durch den kleinen Buchenhain seufzte und stöhnte der Wind, schüttelte die dunklen Äste, riß die Blätter ab, peitschte ihr ins Gesicht. Der schwankende Wald war voll wilder Schwermut. Gyp lief dahin über die dichten, nassen, abgefallenen Blätter, die sich feucht um ihre dünnen Strümpfe legten. Am Waldesrand hielt sie inne, um Atem zu schöpfen, blickte zurück, dann, den Kopf vor dem Regen senkend, lief sie aufs freie Feld hinaus.

Es gelang ihr, ungesehen ihr Zimmer zu erreichen. Sie kauerte nieder vor dem frisch angezündeten Feuer, lauschte dem Treiben des Windes in den Pappeln, und die Worte des schottischen Liedes kamen ihr in den Sinn:

»Und mein Herz, seiner eigenen Sonne beraubt,
Liegt kalt und grau in tiefer Todesstarre.«

Nach einer Weile kroch sie ins Bett und schlief schließlich ein.

Am folgenden Morgen erwachte sie mit dem freudigen Gedanken: es ist Sonnabend, heute kommt er gleich nach dem Lunch! Doch dann erinnerte sie sich. Es war, als wäre ein Teufel in sie gefahren, – der Teufel trotzigen Stolzes, der mit jeder Stunde stärker und stärker wurde. Um nicht daheim zu sein, wenn er kam, ließ sie ihre Stute satteln und ritt allein nach den Dünen. Der Regen hatte aufgehört, doch wehte noch ein starker Wind von Südwest, der Himmel war in weiße und graue treibende Fetzen zerrissen, in den gletscherblauen Flecken zwischen den Wolken jagten Rauchdünste. Man konnte weithin das Land übersehen, über das Tal nach Wittenham-Clumps, bis zu den hochgelegenen Wäldern im Osten über dem Flusse. Weit, weit dehnte sich unter dem zerklüfteten Himmel die Herbstlandschaft: fahles Gras, kahle Felder, graue, goldene und braune Wälder mit spärlichem Laub. Doch vermochten das Wehen des Windes, die Frische des Regens, der Himmel, die fernen Farben nicht das hoffnungslose Leid aus Gyps Herzen zu vertreiben.


 << zurück weiter >>