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X. Kapitel

Von dem Tage an, da die Pflegerin eintraf, ritt Winton die Jagden nicht mehr mit. Er verließ das Haus niemals für länger als eine halbe Stunde. Sein Mißtrauen gegen die Ärzte hinderte ihn nicht, sich jeden Morgen zehn Minuten mit dem alten Doktor zu beraten, der Gyp während der Masern, des Mumps und anderen Kinderkrankheiten behandelt hatte. Dieser Doktor – er hieß Rivershaw – war ein ganz merkwürdiges, vorsintflutliches Subjekt. Er roch nach Regenmantel, hatte purpurne Wangen, einen spärlichen, gefärbten Haarkranz und hervorstehende, blutunterlaufene graue Augen. Immer hatte er kurzen Atem, trank Portwein, schnupfte, las die »Times«, sprach mit heiserer Stimme und fuhr in einem sehr kleinen Coupé mit einem sehr alten, schwarzen Pferd umher. Doch besaß er eine gewisse triebhafte Klugheit, die schon manche Krankheit bezwungen hatte, und sein Ruf als Geburtshelfer war äußerst gut. Jeden Vormittag, genau um die zwölfte Stunde, knirschten die Räder seines Coupés vor dem Haus. Dann erhob sich Winton, holte eine Flasche Portwein, eine Dose Keks und ein Glas. Wenn der Arzt erschien, pflegte er zu fragen: »Nun, Doktor, wie geht es ihr?«

»Gut, sehr gut.«

»Keine Ursache zur Sorge?«

Der Arzt ließ die Augen zur Portweinflasche schweifen, brummte: »Das Herz ist in vorzüglicher Ordnung, vorzüglich – ein wenig – hm – nichts von Bedeutung. So etwas muß seinen Verlauf nehmen!«

»Ein Glas Portwein, Doktor?«

Ein erstaunter Ausdruck kam in das Gesicht des Arztes.

»Ein kalter Tag – ah, vielleicht.« Und er schneuzte sich in ein dunkelrotes Taschentuch.

Während er den Wein trank, fragte Winton: »Wir können Sie doch zu jeder Zeit erreichen, nicht wahr?«

»Keine Sorge, lieber Herr. Das kleine Fräulein Gyp ist eine alte Freundin von mir. Ich stehe Tag und Nacht zu ihren Diensten. Keine Sorge!«

Winton überkam ein Gefühl der Beruhigung, das noch etwa zwanzig Minuten lang anhielt, nachdem das Rollen des Coupés und die verschiedenen Düfte seines Insassen entschwunden waren.

Gyps Wunsch gemäß wurde er nicht verständigt, als bei ihr die Wehen begannen. Als der erste Anfall vorüber war und sie halb schlafend im alten Kinderzimmer lag, kam Winton zufällig zu ihr herauf. Die Pflegerin, ein hübsches Geschöpf, trat ihm im Wohnzimmer entgegen. Sie war das »Geschichtenmachen« der Männer bei solchen Anlässen gewöhnt und darauf vorbereitet, ihm eine kleine Predigt zu halten. Doch wurde sie von dem Ausdruck seines Gesichtes erschüttert und flüsterte nur: »Es fängt eben an, Sie dürfen aber nicht besorgt sein – eben jetzt leidet sie nicht. Wir werden bald zum Arzt schicken müssen … Sie ist sehr tapfer.« Dann fügte sie mit einer ihr ungewohnten Empfindung von Achtung und Mitleid hinzu: »Machen Sie sich keine Sorgen, Herr.«

»Wenn sie mich sehen will, ich bin in meinem Studierzimmer. Ersparen Sie ihr so viel Schmerzen wie möglich, Schwester.«

Die Pflegerin kehrte zu Gyp zurück, die sofort fragte: »War es mein Vater? Er sollte doch nichts davon wissen.«

»Es ist alles in Ordnung, Liebe.«

»Wie lange wird es wohl dauern, bis es wieder anfängt? Ich möchte ihn gerne sehen.«

Die Pflegerin fuhr ihr streichelnd übers Haar. »Dazu ist Zeit, wenn alles vorüber ist. Männer machen immer Geschichten.«

Gyp sah sie an und sagte still: »Wissen Sie, meine Mutter starb bei meiner Geburt.«

Die Pflegerin glättete die Bettdecke. »Das bedeutet nichts – kommt oft vor – ich meine – das steht in keinem Zusammenhang.«

Und da sie Gyps Lächeln sah, dachte sie: Herrgott, – was bin ich für ein Narr!

»Wenn ich nicht durchkommen sollte, so möchte ich verbrannt werden. Sie werden es nicht vergessen, nicht wahr? Ich kann es meinem Vater jetzt nicht sagen, es würde ihn erschrecken.«

Und die Pflegerin dachte: Das geht ja nicht ohne ein Testament oder sonstige Verfügungen, doch will ich es lieber versprechen. Es ist eine krankhafte Einbildung, und sie hat doch gar keinen krankhaften Geist. Doch sagte sie nur: »Gut, Liebe, – es wird bestimmt alles gut gehen! Aber …«

»Ich schäme mich, daß ich so viel Pflege brauche und andere so unglücklich mache.«

Die Pflegerin, noch immer mit dem Bett beschäftigt, murmelte zerstreut: »Bilden Sie sich ja nicht ein, daß Sie auch nur halb so viel Mühe machen wie die meisten. Alles wird vorzüglich gehen.« Und bei sich dachte sie: Merkwürdig! Sie hat kein einziges Mal von ihrem Mann gesprochen. Das gefällt mir nicht – besonders bei dieser Frau – sie ist zu empfindsam, ihr Gesicht ist zu rührend.

Gyp flüsterte: »Ich möchte gerne meinen Vater sehen, und bitte, ein wenig rasch.«

Die Pflegerin warf ihr einen hastigen Blick zu und ging.

Gyp ballte unter der Decke die Hände! November! Eicheln und Blätter – ein köstlicher feuchter Erdgeruch! Das ganze Gras ist voller Eicheln. Einst hatte sie den alten Schimmel eingespannt, war über die mit Eicheln und toten Blättern bedeckte Wiese kutschiert, der Wind hatte immer neue Blätter von den Bäumen gerissen – sie hatte ein braunes Samtkleid getragen. Wer hatte sie doch einst in diesem Kleid »eine weise kleine Eule« genannt? Und jählings erbebte ihr Herz, die Schmerzen kamen wieder. Wintons Stimme sagte von der Tür: »Nun, mein Liebling?«

»Ich wollte nur sehen, wie es dir geht. Mir geht es ganz gut.«

Ihre Stirn, die er mit seinen Lippen berührte, war feucht.

Draußen, im Korridor, schwebte ihm ihr Lächeln wie etwas Körperliches vor, – das Lächeln, das sie mit Mühe auf ihren Lippen festgehalten hatte. Als er in sein Studierzimmer zurückkehrte, litt er. Weshalb konnte nicht er statt ihrer die Schmerzen ertragen?

Das Knirschen der Coupéräder machte seinem ruhelosen Schreiten ein Ende. Er trat in die Halle, sah dem Arzt ins Gesicht, hatte ganz vergessen, daß der alte Mann den besonderen Grund seiner tödlichen Angst nicht kannte. Dann ging er ins Studierzimmer zurück. Der wilde Südwestwind peitschte feuchte Blätter gegen die Fensterscheiben. Hier hatte er vor einem Jahre im Dunkeln gestanden, als Fiorsen gekommen war, um Gyp anzuhalten. Weshalb hatte er nicht den Kerl Hals über Kopf hinausgeworfen, Gyp fortgebracht? Nach Indien, Japan – irgendwohin? … Sie hatte den Geiger nicht geliebt, hatte ihn niemals wirklich geliebt. Es war ungeheuerlich! Unendliche Bitterkeit packte Winton bei dem Gedanken, und er stöhnte laut. Dann trat er an den Bücherschrank. Es waren nur wenige Bücher, die er las – er nahm eines heraus: »Das Leben des Generals Lee.« Er stellte es zurück, griff nach einem anderen, einem Roman von Whyte-Melville: »Zu nichts gut.« Ein trauriges Buch, – ein trauriges Ende! Das Buch entglitt seiner Hand, fiel zu Boden. Wie in grellem Scheinwerferlicht hatte er für einen Moment sein Leben gesehen, wie es sein würde, wenn er zum zweiten Male einen derartigen Verlust erleiden müßte. Sie durfte nicht sterben! Starb sie, – dann gab es für ihn …! In alten Zeiten begrub man einen Mann mit seinem Pferd und seinem Hund, wie nach einer guten Jagd. Dies blieb ihm immer noch übrig. Der Gedanke brachte ihm Erleichterung. Er setzte sich, starrte lange wie betäubt ins Feuer. Dann erfaßte ihn von neuem fieberhafte Angst. Warum, zum Teufel, kam niemand, um ihm etwas mitzuteilen? Irgend etwas, – alles wäre doch besser als diese Stille, dieses mörderische Warten. Die Haustür wurde geschlossen. Räderrollen? Markey stand an der Tür, hielt Visitenkarten in der Hand.

»Lady Summerhay, Herr Bryan Summerhay. Ich habe ›Nicht zu Hause‹ gesagt, Herr.«

Winton nickte.

»Sie haben noch nicht gefrühstückt, Herr.«

»Wieviel Uhr ist es?«

»Vier.«

»Bringen Sie meinen Pelzmantel und Portwein, und schüren Sie das Feuer. Ich will alles wissen, was oben vorgeht.«

Markey nickte.

Seltsam, in einem Pelzmantel vor dem Feuer zu sitzen, und es war doch heute gar nicht kalt. Man sagt, es gäbe ein Fortleben nach dem Tode. Er hatte niemals zu fühlen vermocht, daß sie weiterlebe. Sie lebte in Gyp fort. Und wenn jetzt Gyp …! Er erhob sich, zog die Vorhänge zusammen.

Es war sieben Uhr, als der Arzt herunterkam. Winton saß noch immer am Kamin, reglos, in seinem Pelzmantel zusammengesunken. Er hob den Kopf, blickte den Arzt an.

Das Gesicht des Doktors verzog sich, die Lider sanken halb über die hervorstehenden Augen: dies war seine Art, zu lächeln. »Es geht gut«, sagte er, »recht gut – ein Mädchen. Keine Komplikationen.«

Wintons Lippen öffneten sich, er hob die Hand. Dann, getreu einer lebenslangen Gewohnheit, verharrte er reglos.

»Ein Glas Portwein, Doktor?«

Der Arzt schien über sein Glas zu sinnen: »Hm, – Zweiundfünfziger? … Mir ist der Achtundsechziger lieber, er hat mehr Gestalt!«

Nach einer Weile ging Winton hinauf. Als er im ersten Zimmer wartete, erfaßte ihn nochmals eisige Angst. »Vollkommen gelungen, der Patient an Erschöpfung gestorben!« Der leise quietschende Lärm, der an sein Ohr drang, vermochte ihn nicht zu beruhigen. Dieses neue Geschöpf ließ ihn vollkommen gleichgültig. Plötzlich stand Betty hinter ihm.

»Was gibt's? Lassen Sie sich doch nicht so gehen!«

Sie schluchzte, gurgelte hervor: »Sie sieht so schön aus, – oh, sie sieht so schön aus!«

Winton stieß sie hastig zurück und blickte durch die ein wenig geöffnete Tür. Gyp lag sehr still, sehr weiß, die großen, tief dunklen Augen auf ihr Kind gerichtet. Ihre Züge trugen den Ausdruck leisen Staunens. Sie sah Winton nicht, der wie erstarrt stand, sie beobachtend, während die Pflegerin hinter einem Wandschirm hantierte. Er sah zum erstenmal im Leben eine Mutter mit ihrem neugeborenen Kinde. Der Ausdruck ihres Gesichtes, der sofort verschwand, verblüffte ihn. Sie hatte anscheinend Kinder niemals gern gehabt, hatte gesagt, sie wolle kein Kind.

Er trat ein. Sie machte eine schwache Bewegung nach dem Baby hin, ihre Augen lächelten. Winton blickte auf das eingewickelte, fleckige, winzige Geschöpf, dann neigte er sich über Gyp, küßte ihre Hand und schlich auf den Zehenspitzen hinaus.

Zum Essen trank er Champagner, strömte über vor Wohlwollen gegen die ganze Welt. In den Zigarrenrauch blickend, dachte er: Ich muß dem Menschen doch ein Telegramm schicken. Schließlich war auch er ein Mitmensch, – litt vielleicht, wie Winton noch vor zwei Stunden gelitten hatte. Konnte er ihn ohne Nachricht lassen? … Dann schrieb er das Telegramm:

»Alles in Ordnung, eine Tochter – Winton«, und sandte es mit dem Reitknecht noch am selben Abend ab.

Als er gegen zehn Uhr hinaufschlich, schlief Gyp.


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