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IX. Kapitel

Gyp blieb in ihrem Zimmer und beschäftigte sich mit kleinen Dingen – wie Frauen das tun, wenn sie besonders unglücklich sind –, nähte Bänder an ihre Wäsche, putzte ihre Ringe. Der Teufel, der beim Erwachen in sie gefahren war, hatte sich ausgetobt, verkroch sich nun, ließ sie in verwirrter Traurigkeit zurück. Sie hatte ihren Geliebten mit Blicken und Worten durchbohrt, hatte sogar daran Freude gehabt, – nun war sie tieftraurig. Was hatte es genützt, welche Befriedigung hatte es ihr gewährt? Wie konnte man durch rachsüchtige Nadelstiche die tiefe Wunde heilen, den Krebs, der an ihrem Leben fraß? Wie konnte sie Heilung finden, indem sie ihm, den sie liebte, weh tat? Wenn er wieder heraufkäme, ein Zeichen von Versöhnlichkeit gäbe, sie würde sich in seine Arme werfen. Doch kam er nicht, und auch sie ging nicht hinunter, denn sie fühlte sich allzu unglücklich. Es dunkelte bereits, sie zog die Vorhänge nicht zusammen, der Anblick des windgepeitschten, mondhellen Gartens, der treibenden Blätter war für sie eine melancholische Zerstreuung. Die kleine Gyp kam. Ein Baum sei vom Winde umgeworfen worden, sie sei hinaufgeklettert, habe zwei Körbe Eicheln gepflückt, die Schweine seien so gefräßig gewesen, der Wind habe sie fortgeweht, so daß Betty ihr nachlaufen mußte. Bryan gehe im Arbeitszimmer auf und ab, so schrecklich beschäftigt, daß er ihr nur einen einzigen Kuß gegeben habe.

Der Wind! Möchte er doch aus ihrem Herzen das Gefühl fortblasen, daß alles aus war, wenngleich er aus Mitleid noch Liebe heuchelte. Ihr stolzer Charakter, der sich in der Liebe ganz hingab, konnte sich nicht mit einer halben Liebe begnügen. In einem Charakter wie dem ihren, so zweifelnd und arm an Selbstvertrauen, konnte das einmal erschütterte Vertrauen nicht wieder aufgerichtet werden. Sie, die die Liebe gefürchtet, gegen sie gekämpft hatte, bis sie von ihr fortgerissen worden war, die seither einzig und allein von der Liebe lebte, die alles gab und alles verlangte, – sie wußte nun gewiß und für immer, daß sie nicht alles haben konnte.

Seit Monaten hatte er, zumindest ein wenig, an eine andere Frau gedacht. Selbst wenn sie glaubte, daß es nichts weiter gegeben hatte als einen Kuß – bedeutete es nichts, daß es zu diesem Kuß gekommen war? Dieses Mädchen – die Kusine – hielt alle Trümpfe in der Hand: die Welt, Familieneinfluß, eine sichere Lebensstellung – und noch mehr, erschreckend mehr, die Anziehungskraft des jungen unerweckten Wesens für den Mann. Dieses Mädchen konnte er heiraten! Der Gedanke verfolgte sie. Einen Ausbruch natürlicher, männlicher Ungezügeltheit konnte sie verzeihen. Aber dieses Mädchen, seine eigene Kusine, die ihn belagerte, ihn ihr entriß! Wie konnte sie mit ihrem Gefühl ihn von Diana fernhalten, ihn binden?

Sie hörte ihn in sein Ankleidezimmer kommen und huschte, während er dort war, die Treppe hinunter, Das Leben mußte weitergehen, alles vor den Dienstboten verborgen bleiben. Sie setzte sich ans Klavier, spielte. Nach einer Weile trat er ein, stand schweigend am Kamin.

Das Diner mit dem unerläßlichen Gespräch war fast unerträglich. Sobald es vorüber war, ging er in sein Arbeitszimmer, sie ans Klavier zurück. Sie saß dort, bereit, die Tasten anzuschlagen, sobald jemand hereinkam: Tränen fielen auf ihre Hände, die müde im Schoß ruhten. Sie sehnte sich danach, zu ihm zu gehen, die Arme um ihn zu schlingen, auszurufen: »Es ist mir einerlei, – ist mir einerlei. Tu, was du willst, geh zu ihr, – nur hab mich noch ein wenig lieb!« Und dennoch: ein wenig zu lieben oder geliebt zu werden, – war das möglich? Nicht für sie!

Verzweifelt legte sie sich ins Bett. Sie hörte ihn kommen, das Ankleidezimmer betreten – sah ihn endlich im Scheine des Kaminfeuers vor ihr knien.

»Gyp!«

Sie setzte sich auf, warf ihre Arme um seinen Hals. So hätte ihn eine Ertrinkende umfassen können. Ihr ganzer Stolz versank in dem Verlangen, ihn wieder nahe zu fühlen, die verlorene Vergangenheit wiederzufinden. Lange Zeit lauschte sie seinen Erklärungen, Rechtfertigungen, seinen Beteuerungen unveränderter Liebe, die ihr seltsam und hilflos klangen, rührend und knabenhaft. Sie beruhigte ihn. In dieser Stunde erhob sie sich über sich selbst. Was ihrem eigenen Herzen zustieß, zählte nicht, wenn er nur glücklich war, alles hatte, was er wollte, bei ihr oder fern von ihr, – wenn es sein mußte, für immer fern von ihr.

Nachdem er eingeschlafen war, kamen jedoch furchtbare Stunden für sie. Im Morgengrauen, da alles am schrecklichsten erscheint, konnte sie das Weinen nicht mehr unterdrücken. Er erwachte, und nun wiederholte sich alles noch einmal, ihre Klage: »Alles ist vorbei«, seine Antwort: »Es ist es nicht!« Wie bei allen menschlichen Tragödien waren beide, ihren Charakteren gemäß, im Recht. Sie gab sich ihm ganz, verlangte dafür alles, und konnte es nicht haben. Er verlangte sie, aber außer ihr noch alles andere, und konnte es ebenfalls nicht haben. Er erkannte keine Unmöglichkeit an, sie ja.

Endlich kamen wieder Minuten barmherziger Stille. Sie lag noch lange wach, starrte in die Finsternis, wurde sich ihrer Verzweiflung bewußt, suchte sie zu ertragen und konnte es nicht. Es war unmöglich, ihn von seinem anderen Leben zu trennen, – ausgeschlossen, daß dieses Mädchen, solange er es führte, ihn nicht fortzureißen suchte. Unmöglich, ihn zu beobachten, auszufragen. Unmöglich, stumm und taub dahinzuleben, die übriggebliebenen Brosamen anzunehmen, nichts merken zu lassen. Sie konnte sich nur einem Menschen ganz geben, er konnte es nicht. Trotz all seinen Beteuerungen wußte sie, daß er das Mädchen in Wirklichkeit nicht aufgeben wollte. Selbst wenn das Mädchen ihn freiließ. Langsam ersann sie einen schauerlichen Plan, um ihn auf die Probe zu stellen. Dann zog sie sanft die Arme zurück und schlief erschöpft ein.

Am nächsten Morgen, unerbittlich an ihrem Plan festhaltend, zwang sie sich, zu lächeln und zu plaudern, als ob nichts geschehen wäre, beobachtete die Erleichterung auf seinem Gesicht, seine sichtliche Freude über ihre Veränderung, während ihr dabei das Herz schmerzte. Sie wartete, bis er bereit war, hinunterzugehen, sagte dann, noch immer lächelnd: »Vergiß alles, was gestern war, Liebster. Versprich mir, daß dadurch nichts anders wird. Du mußt deine Freundschaft mit ihr aufrechterhalten, darfst nichts verlieren. Es macht mir gar nichts; ich werde ganz glücklich sein.« Er kniete vor sie hin, lehnte den Kopf an sie. Sie streichelte sein Haar, wiederholte: »Ich werde nur dann glücklich sein, wenn du jede Freude genießt, die du auf deinem Weg findest.« Sie betrachtete sein Gesicht, von dem der sorgenvolle Ausdruck verschwunden war.

»Meinst du das wirklich?«

»Ja, wirklich.«

»Dann siehst du ein, daß es nichts ist, nie etwas war – im Vergleich mit dir – nie!«

Er hatte ihre Kreuzigung zugegeben.

»Es wäre so peinlich für dich, diese Intimität aufzugeben, würde auch deiner Kusine weh tun.«

Sie sah die Erleichterung in seinen Zügen noch stärker werden und lachte plötzlich. Er schnellte auf, starrte sie an: »Gyp, um Gottes willen, fang nicht wieder an!«

Sie wandte sich aufschluchzend ab, verbarg das Gesicht in den Händen. Auf alle seine Bitten und Küsse antwortete sie kein Wort, entwand sich seinen Armen, lief auf die Tür zu. Ein wilder Gedanke beherrschte sie. Wäre sie tot, so würde für ihn alles gut sein, ruhig, friedlich, – ruhig für alle. Er verstellte ihr den Weg.

»Gyp, um's Himmels willen! Ich gebe sie auf – natürlich gebe ich sie auf. Sei doch – sei doch vernünftig! Im Vergleich zu dir liegt mir doch gar nichts an ihr!« Dann folgte wieder eine Stille, die nun bereits von beiden als Stille der Erschöpfung erkannt wurde.

Die Kirchenglocken läuteten, der Wind hatte sich gelegt, eine jener Windstillen war eingetreten, die meist in der Nacht beginnen und zwölf bis fünfzehn Stunden währen. Der Garten war besät mit bunten Blättern, von grüngelb gesprenkelten die ganze Farbenskala hindurch bis zur kupferroten.

Summerhay blieb den ganzen Vormittag bei ihr, ersann allerlei kleine Beschäftigungen. Allmählich schwand seine Angst, Gyp schien ruhig, sein Charakter vertrug Sorge schlecht, war stets bemüht, sie abzuschütteln. Nach dem Lunch brach das seelische Ungewitter von neuem los, mit einer Plötzlichkeit, die verriet, wie tief und unheilbar die Wunde war. Er hatte sie nur gefragt, ob er ihr morgen in der Stadt etwas besorgen solle; sie schwieg einen Augenblick, erwiderte dann: »O nein, danke. Du wirst etwas anderes zu tun haben, wirst Besuche machen müssen.«

Der Klang ihrer Stimme, der Ausdruck ihres Gesichtes offenbarten ihm mit neuer Kraft, welche Lähmung sein Leben befallen hatte. Wenn er sie nicht von seiner Liebe zu überzeugen vermochte, so würde er in ewiger Angst schweben – daß er einmal heimkommen, sie nicht mehr vorfinden wird, daß sie sich etwas antun könnte. Er sah sie entsetzt an und verließ das Zimmer. Wieder erfaßte ihn das Gefühl, er müßte mit dem Kopf gegen etwas anrennen, wieder versuchte er, es durch Aufundabgehen zu vertreiben. Daß eine solche Nichtigkeit derartige Folgen haben sollte! Ihr ganzes Gleichgewicht, ja, fast ihr Verstand schien gestört. Was hatte er denn so Furchtbares getan? Konnte er denn dafür, daß Diana ihn liebte?

In der Nacht hatte Gyp gesagt: »Du bist grausam. Glaubst du, es gibt einen Mann auf der Welt, den ich nicht hassen würde, wenn ich wüßte, daß mein Zusammensein mit ihm dir auch nur für einen Augenblick Schmerz bereite?« Das war wahr; er fühlte, daß es die Wahrheit war. Doch konnte er das Mädchen nicht hassen, nur weil es ihn liebte, – nicht einmal, um Gyp Kummer zu ersparen. Es war nicht vernunftgemäß, nicht möglich! Weshalb können Frauen die Dinge nicht im richtigen Verhältnis sehen? Einsehen, daß ein Mann nach Freundschaft verlangt, ja sogar nach flüchtigen Leidenschaften, und sie dennoch unverändert lieben kann. Sie fand ihn grausam – weshalb? Weil er ein Mädchen, das ihn geküßt, wiedergeküßt hatte, weil er gerne mit ihm plauderte und – ja – sogar darüber den Kopf verlieren könnte? Aber grausam? Das war er nicht. Gyp wird für ihn immer die erste sein. Er muß ihr das klarmachen, – aber wie? Alles aufgeben? Diana – aufgeben? Er konnte auch das. Sein Gefühl Diana gegenüber war nicht so tief, das war die lautere Wahrheit. Doch wäre es schwierig, peinlich, brutal, so plötzlich völlig mit ihr zu brechen. Immer noch besser freilich, als daß Gyp ihn für grausam hielt. Es konnte geschehen, würde geschehen!

Aber wird es denn nützen? Wird sie ihm glauben? Wird sie ihm von nun ab nicht stets mißtrauen, wenn er fern von ihr ist, was er auch tut? Muß er denn hier sitzenbleiben, müßiggehen? Eine Zornes woge überflutete ihn. Weshalb behandelte sie ihn, als wäre er völlig unverläßlich? Oder, – war er es am Ende? Als Diana ihm die Arme um den Hals geschlungen, hatte er ihren Kuß ebensowenig nicht zu erwidern vermocht, wie er jetzt durch das Fenster hinaus über die Pappeln fliegen könnte. Dennoch war er kein Schurke, nicht grausam, kein Lügner. Was konnte er dafür? Das einzig richtige wäre gewesen, vor einem Jahr den ersten Brief des Mädchens unbeantwortet zu lassen. Wie aber konnte er alles voraussehen? Seither war alles so allmählich gekommen, und schließlich war es ja doch nichts, fast nichts. Wieder durchzuckte Zorn sein Herz. Sie mußte den Brief gelesen haben, der vor vielen Monaten unter dieser verwünschten Büste gelegen hatte. Von da ab hatte in ihr das Gift gewirkt. In jäher Wut über den törichten Zufall schlug er mit der Faust in das Bronzegesicht. Die Büste fiel um; Summerhay blickte stumpf auf seine schmerzende Hand. Wie dumm, so etwas zu tun! Doch hatte sich sein Ärger gelegt. Was konnte er tun? Wenn sie ihm doch glauben wollte! Und abermals erfaßte ihn das hoffnungslose Gefühl, daß nichts nützen könne. Er stand erst am Anfang eines Leids, das kein Ende hatte. Gleich einer gefangenen Ratte, versuchte sein Geist auf allen Seiten einen Ausweg zu finden! War aber die Sache nun einmal hoffnungslos, so mochte eben alles kommen, wie es kam. Er zuckte die Achseln, begab sich in den Stall und befahl dem alten Pettance, Heißsporn zu satteln. Während er wartend stand, fragte er sich: »Soll ich sie auffordern, mitzukommen?« Doch fühlte er, daß er keinen Jammer mehr ertragen konnte. Er stieg auf, ritt gegen die Dünen zu.

Heißsporn, das braune Pferd ohne einen einzigen weißen Fleck, das Gyp an dem Tage geritten hatte, da sie Summerhay zum erstenmal gesehen hatte, war nun neun Jahre alt. Die zwei Fehler, die sein Reiter im Sattel hatte – die Gewohnheit, vorzudrängen und die schwere Hand –, hatten das ohnehin etwas harte Maul des Pferdes noch härter gemacht; vielleicht hatte sich heute im Stall etwas ereignet, das ihm die Laune verdorben hatte, es fühlte auch, wie das bei Pferden vorkommt, die Unruhe, die seinen Reiter durchtobte. Jedenfalls zeigte es sich von seiner schlechtesten Seite, und Summerhay fand daran ein gewisses trotziges Vergnügen. Er ritt eine Stunde lang auf den Dünen, dann, erhitzt, mit schmerzenden Armen, wandte er sich heimwärts, schwenkte in die »Wildnis« ein, die beiden schilfbewachsenen Felder, an deren Ecke die Ruine stand. Ein Zaun zog sich zwischen den Feldern hin, er ritt darauf los. Heißsporn flog hinüber gleich einem Vogel, und Summerhay empfand einen Augenblick reiner Freude. Er ritt zurück, setzte noch einmal hinüber, und wieder nahm das Pferd leicht das Hindernis. Doch wallte nun das Blut des Tieres auf. Summerhay konnte es fast nicht halten. Er brummte: »Oh, du Bestie, zieh nicht so!« und sägte am Maul des Pferdes. In einer jener Nervenkrisen, die bisweilen uns alle befallen, schlug er auf das Tier ein.

Er galoppierte gegen die Ecke zu, wo die Felder zusammenkamen, und merkte plötzlich, daß er das Tier ebensowenig halten konnte, als ritte er auf einer Dampfmaschine. Heißsporn raste geradeswegs auf die Ruine zu, und Summerhay dachte: Mein Gott! Er wird sich totschlagen! Geradeswegs auf die alte efeubedeckte Ruine zu, in sie hinein. Summerhay duckte sich aber nicht tief genug, denn der Efeu verbarg einen Balken. Ein furchtbares Dröhnen. Aus dem Sattel geschleudert, fiel er auf den Rücken in eine Pfütze aus Schlamm und Blättern. Das Pferd glitt aus, blieb unversehrt, erschrocken stehen, wandte die wilden Augen seinem Herrn zu, der regungslos lag, dann warf es den Kopf zurück und trabte wieder auf das Feld.


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