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III. Kapitel

Die nächsten zwei Jahre waren weit weniger einsam, brachten viel mehr Geselligkeit. Sein Bekenntnis spornte Winton dazu an, die gesellschaftliche Stellung der Tochter zu festigen. Er wollte nicht dulden, daß sie scheel angesehen werde. Weder in Mildenham noch in London unter den Fittichen von Wintons Schwester stellten sich Gyp Schwierigkeiten entgegen; sie war viel zu hübsch, Winton viel zu gelassen, seine Ruhe zu unheimlich.

An dem Tage, da sie volljährig wurde, waren sie zusammen in der Stadt; er hatte sie in das Zimmer gerufen, in dem er nun am Feuer saß, um ihr Rechenschaft über seine Vermögensverwaltung abzulegen. Er hatte ihr geringes Vermögen durch vorsichtige Spekulationen auf zwanzigtausend Pfund erhöht. Mit ihr hatte er darüber nie gesprochen, das Thema war gefährlich – und da sein eigenes Vermögen beträchtlich war, hatte sie keine Entbehrungen gekannt. Nachdem er ihr genau den Stand ihres Vermögens erklärt hatte und wie es angelegt war, sagte er ihr, sie müsse nun ihr eigenes Bankkonto haben. Sie starrte auf die Papiere, deren Inhalt sie verstehen sollte; ein sorgenvoller Ausdruck kam in ihr Gesicht. Ohne die Augen zu heben, fragte sie:

»Stammt das alles – von ihm?«

Darauf war er nicht vorbereitet gewesen.

»Nein, achttausend davon gehörten deiner Mutter.«

Gyp sah ihn an und sagte:

»Dann will ich den Rest nicht haben – bitte, Väterchen.«

Winton empfand eine gewisse, halb bittere Freude. Was mit dem Gelde geschehen sollte, wenn sie es nicht nahm, wußte er nicht. Doch sah es ihr ähnlich, es zurückzuweisen, machte sie mehr denn je zu seiner Tochter, war eine Art Endsieg. Er wandte sich dem Fenster zu, durch das er so oft nach der Mutter ausgespäht hatte. Um die Ecke dort pflegte sie zu kommen. Wird sie nicht in einer Minute hier stehen, mit warmglühenden Wangen, die Augen weich unter dem Schleier, ein wenig hastig atmend von dem raschen Gang, seine Umarmung erwartend? Ja, dort hatte sie stets gestanden und den Schleier hinaufgehoben. Er wandte sich um. Es war schwer, zu glauben, daß dies nicht sie sei. Er sagte:

»Gut, Liebste. Doch wirst du die gleiche Summe von mir annehmen. Die andere kann liegenbleiben, eines Tages wird sie jemandem zugute kommen.«

Das ungewohnte Wort »Liebste«, von seinen zurückhaltenden Lippen gesprochen, jagte ihr das Blut ins Gesicht, ihre Augen leuchteten auf. Sie schlang die Arme um seinen Hals.

In jenen Tagen schwelgte sie in Musik. Nahm bei Monsieur Harmost, einem grauhaarigen, alten Lütticher mit mahagonibraunen Wangen und dem Anschlag eines Engels Klavierstunden. Er zwang sie, hart zu arbeiten und nannte sie »seine kleine Freundin«. Es gab kaum ein gutes Konzert, das sie nicht besuchte, keinen bedeutenden Musiker, dessen Spiel sie nicht kannte, und obwohl ihr guter Geschmack sie davor bewahrte, sich diesen erstaunlichen Wundern zu Füßen zu werfen, so stellte sie sie doch, Frauen wie Männer, auf ein sehr hohes Piedestal. Einigen begegnete sie im Hause der Tante, in der Curzon-Straße. Tante Rosamunde war ebenfalls musikalisch, soweit ihre gute Erziehung dies zuließ; sie stand Gyp recht nahe, und diese hatte eine romantische Geschichte um die Tante gewoben, von einer Liebe, die durch Stolz zerstört worden war. Sie war eine große, gut aussehende Frau, ein Jahr älter als Winton, mit einem langen, aristokratischen Gesicht, dunkelblauen, glänzenden Augen, einer männlichen Art und einer nicht unmelodischen, gedehnten Sprechweise. Sie liebte Gyp sehr, behielt aber ihre verwandtschaftlichen Empfindungen streng für sich. Sie hatte einen männlichen Einschlag, und Gyp die Weichheit, die jene Frauen anzieht, für die es besser gewesen wäre, als Männer auf die Welt zu kommen. Sie liebte, lange Mäntel, Westen, Krawatten und einen Krückstock zu tragen, besaß, gleich dem Bruder, »Stil«, überdies auch Sinn für Humor – der in musikalischen Kreisen recht wertvoll ist. In ihrem Hause lernte das Mädchen notgedrungen neben den Vorzügen auch die komischen Seiten der Genies sehen, die sich eine Glorie aus ihren Haaren weben und neben der Musik nur die eigne Person kennen.

Als Gyp zweiundzwanzig Jahre alt war, erlitt Winton den ersten heftigen Gichtanfall und reiste – entsetzt von dem Gedanken, daß er bei der nächsten Parforcejagd nicht in den Sattel würde steigen können – mit Gyp und Markey nach Wiesbaden. Sie bewohnten mehrere Zimmer in der Wilhelmstraße, von wo aus sie den Park überblicken konnten, dessen Blätter sich bereits zu färben begannen. Die Kur war langwierig und ermüdend. Von dem schweigsamen Markey begleitet, ritt Gyp täglich auf den Neroberg und ärgerte sich über die Vorschriften, die sie zwangen, sich in diesem majestätischen Walde an bestimmte Wege zu halten. Einmal, manchmal sogar zweimal am Tag, ging sie, allein oder mit dem Vater, zum Kurhauskonzert.

Sie war allein, als sie Fiorsen zum erstenmal spielen hörte. Unähnlich den meisten Geigenvirtuosen, war er groß und mager, sein Körper äußerst biegsam, mit raschen Bewegungen. Sein Gesicht war blaß, paßte schlecht zu Haar und Schnurrbart, die eine schmutziggoldene Farbe hatten; die mageren, starkknochigen Wangen wurden ein wenig durch einen schmalen Backenbart verdeckt. Er erschien Gyp eigentlich recht häßlich – sein Spiel jedoch erschütterte sie, entrückte sie auf eine unheimliche Art. Er besaß eine bemerkenswerte Technik, das irrlichternde Gefühl seines Spiels wurde durch diese Technik gleichsam gemeißelt, wie eine im Flackern erstarrte Flamme. Als er zu spielen aufhörte, stimmte Gyp nicht in den Beifallssturm ein, saß reglos da, blickte zu ihm auf. Er strich mit dem Handrücken über die heiße Stirn, schob das seltsam gefärbte Haar zurück, dann verbeugte er sich mit einem etwas unangenehmen Lächeln. Was für merkwürdige Augen er hat – wie die einer großen Katze! – Sicherlich sind sie grün, wild und doch scheu, hypnotisierend! Jedenfalls war er der seltsamste Mann, den sie je gesehen hatte, und auch der unheimlichste. Er blickte sie an, sie senkte die Augen, klatschte. Als sie wieder aufsah, war das Lächeln seines Gesichtes einer leisen Wehmut gewichen. Er verbeugte sich nochmals – gerade vor Gyp –, hob hastig die Violine unters Kinn. Nun wird er für mich spielen, dachte sie kindlich. Ohne Begleitung spielte er eine kleine Melodie, die am Herzen zu zerren schien. Diesmal blickte sie nicht auf, bemerkte aber dennoch, daß er eine kurze, ungeduldige Verbeugung machte und ging.

Abends beim Diner sagte sie zu Winton:

»Heute habe ich einen Geiger gehört, Väterchen, der ganz herrlich spielt: Gustav Fiorsen. Glaubst du, daß das ein Schwede ist?«

»Wahrscheinlich«, meinte Winton. »Wie hat er ausgesehen? Ich habe mal einen Schweden im türkischen Heer kennengelernt – einen sehr netten Menschen.«

»Groß und mager und weißgesichtig war er, mit hervorstehenden Backenknochen und seltsam grünen Augen. Oh, und einem kleinen Backenbart.«

»Zum Kuckuck, das klingt ja ganz unmöglich!«

Gyp lächelte. »Ich glaube, das ist er auch.«

Am nächsten Tag sah sie ihn im Park; sie saßen in der Nähe des Schillerdenkmals, Winton las die »Times«, deren Ankunft er mit mehr Ungeduld erwartete, als er zugeben wollte, denn er fürchtete, durch zu offenkundige Langeweile Gyps Freude an ihrer Umgebung zu stören. Während er den Bericht über das Newmarket-Rennen las, betrachtete er verstohlen seine Tochter.

Niemals hatte sie hübscher, zarter und rassiger ausgesehen als zwischen der langhaarigen, kosmopolitischen Menge in diesem gottverlassenen Nest.

Das Mädchen, seiner Blicke unbewußt, ließ die klaren Augen an allen Vorübergehenden haften, beobachtete die Bewegung der Vögel und Hunde, das schimmernde Sonnenlicht im Grase, das die Blutbuchen zu grellerem Rot entfachte, die Linden, unten am Wasser die hohen Pappeln. Der Mildenhamer Arzt, der einst wegen ihrer vorübergehenden Kopfschmerzen konsultiert worden war, hatte ihre Augen »vollkommene Organe« genannt; jedenfalls vermochten keine anderen Augen die Dinge so rasch und völlig aufzunehmen. Sie wirkten anziehend auf die Hunde; hin und wieder blieb einer stehen, überlegte, ob er seine Schnauze in die Hand des fremden Mädchens legen solle oder nicht. Von einem Augenflirt mit einer großen Dogge aufblickend, sah sie Fiorsen in Begleitung eines kleineren, vierschrötigen Mannes vorübergehen, der höchst moderne Beinkleider und ein Korsett trug. Die hohe, magere, ein wenig vorn überhängende Gestalt des Geigers war in einen grünlichgrauen Gehrock eingeknöpft, er trug einen breitkrempigen, grauen Velourhut, im Knopfloch eine weiße Blume; seine Schuhe waren aus Lackleder, die Krawatte bauschte sich auf einem weichen weißen Leinenhemd – ein richtiger Elegant. Plötzlich fegten seine seltsamen Augen über sie hin, er machte eine Bewegung nach seinem Hut.

Er erinnert sich meiner, dachte Gyp. Die schlanke Gestalt, der Kopf ein wenig vorgeneigt zwischen den etwas hohen Schultern, die langen federnden Schritte gemahnten sie an einen Leoparden oder an eine andere Katzenart. Er berührte den Arm seines Gefährten, brummte etwas, kam zurück. Sie sah, wie er sie anstarrte, wußte, daß er komme, um sie anzusehen, wußte auch, daß der Vater aufmerksam geworden war. Die grünen Augen – so fühlte sie, werden sich vor Wintons Blick senken – vor dem starren Blick des Engländers einer gewissen Klasse, der sich nie herabläßt, neugierig zu sein. Sie gingen vorüber, Gyp sah, wie Fiorsen sich seinem Gefährten zukehrte, eine rückwärtsgewandte Gebärde mit dem Kopf machte, sie hörte den anderen lachen. Eine kleine Flamme schoß in ihr auf.

Winton sagte:

»Drollige Typen sieht man hier.«

»Das war der Geiger, von dem ich dir erzählte; Fiorsen.«

»So–o–o? …« – doch hatte er anscheinend ihre Worte vergessen.

Jählings schmeichelte ihrer Eitelkeit der Gedanke, daß Fiorsen aus dem ganzen Publikum sich gerade an sie erinnerte. Das zornige Gefühl wich. Obgleich ihr Vater seinen Anzug schrecklich fand, stand er ihm wirklich sehr gut; in englischen Stoffen würde er schlechter ausgesehen haben. Im Verlauf der nächsten zwei Tage begegnete ihr der kleine vierschrötige Mann, der Fiorsen begleitet hatte, und sie fühlte, daß er ihr mit den Augen folgte.

Dann fragte eine Baronin von Maisen, eine kosmopolitische Freundin Tante Rosamundes, halb Holländerin, halb Französin, die an einen Deutschen verheiratet war, ob sie den schwedischen Geiger Fiorsen gehört habe. Er wäre der beste Geiger unserer Tage, sagte sie, wenn … und sie schüttelte den Kopf. Da dieses ausdrucksvolle Schütteln keine Frage hervorrief, fuhr die Baronin fort:

»Ach, diese Musiker! Er müßte vor sich selbst gerettet werden. Wenn er nicht bald haltmacht, ist er verloren. Schade! Ein großes Talent!«

Gyp sah sie gelassen an.

»Trinkt er?«

»Pas mal, doch gibt es außer dem Trunk noch andere Dinge, ma chère.«

Das natürliche Gefühl sowie das stete Zusammensein mit Winton hatten das Mädchen gelehrt, jede Prüderie zu verachten. Wohl suchte sie nicht nach der Erkenntnis des Lebens, doch sie schreckte auch nicht davor zurück. Die Baronin, der diese Unschuld pikant erschien, sprach weiter:

»Weiber, – nichts als Weiber! Es ist schade, denn sein Charakter wird darunter leiden. Sein einziges Heil wäre, eine wirkliche Frau zu finden, doch bedaure ich diese Frau; sapristi, was für ein Leben wird das für sie!«

»Wird so ein Mann je lieben?« fragte Gyp sehr ruhig.

Die Baronin riß die Augen auf.

»Ich habe solche Männer zu Sklaven werden sehen, habe gesehen, wie sie einer Frau, die sie rechts und links betrog, gleich einem Lamm nachliefen. On ne peut jamais dire. Ma belle, il y a des choses, que vous ne savez pas encore.« Sie nahm Gyps Hand. »Eines aber ist gewiß, mit diesen Augen steht Ihnen noch manches bevor.«

Gyp zog ihre Hand zurück und schüttelte den Kopf; sie glaubte nicht an die Liebe.

»Ah, Sie werden viele Köpfe verdrehen. Es liegt etwas Schicksalhaftes in diesen schönen braunen Augen.«

Es ist verzeihlich, wenn ein Mädchen es als Kompliment auffaßt, daß in ihren Augen Schicksal liege. Die Worte ließen Gyp erglühen – sorglos und leichtherzig, wie sie in jenen Tagen war –, wie sie erglühte, wenn sich Leute nach ihr umwandten. Die linde Luft, die Weichheit dieses heiteren Ortes, die Musik, das Bewußtsein, etwas Seltenes unter Menschen zu sein, deren Schwerfälligkeit ihren Reiz erhöhte, machten sie ein wenig trunken, »un peu folle«, wie die Baronin sagte. Sie war stets bereit, in Lachen auszubrechen. Alles erschien ihr »komisch« oder »herrlich«. Und die Baronin, die den Chic des Mädchens anerkannte und von seiner Schönheit bezaubert war, bemühte sich, Gyp mit allen wünschenswerten – und auch einigen unwünschenswerten – Leuten bekannt zu machen.

Neugierde ist ein äußerst lebhaftes Gefühl. Je mehr Eroberungen ein Mann gemacht hat, ein um so begehrenswerteres Eroberungsobjekt ist er für die Frau. Einen Mann anzuziehen, der viele angezogen hat – ist dies nicht ein Beweis, daß der eigene Reiz größer ist als der der anderen? Die Worte der Baronin bestärkten Gyp in der Ansicht, Fiorsen sei »unmöglich«, heimlich aber verstärkten sie auch die leise Aufregung, von der sie bei dem Gedanken erfaßt worden war, daß er sich aus der Menge des Publikums nur ihrer erinnere. Später trugen sie noch andere Früchte. Erst aber kam der merkwürdige Vorfall mit den Blumen.

Als Gyp, eine Woche, nachdem sie mit Winton beim Schillerdenkmal gesessen hatte, von einem Ritt heimkam, fand sie auf ihrem Toilettetisch einen Strauß von Gloire de Dijon- und La France-Rosen. Es war keine Karte bei den Blumen. Das deutsche Stubenmädchen konnte nur sagen, ein Bote habe sie aus einem Blumengeschäft für »Fräulein Winton« gebracht. Gyp nahm an, daß sie von der Baronin kämen, und darum trug sie am Abend zum Diner und nachher zum Konzert eine La France und eine Gloire de Dijon, ein Gemisch von Rosa und Orange auf ihrem perlmutterfarbenen Kleid. Sie hatten kein Programm gekauft, da alle Musik für Winton gleichklang und Gyp keines brauchte. Als sie Fiorsen auftreten sah, röteten sich ihre Wangen vor Erwartung.

Er spielte zuerst ein Mozart-Menuett, dann die César Franck-Sonate; als er zurückkam, um sich zu verbeugen, hielt er in der Hand eine Gloire de Dijon- und eine La France-Rose. Unwillkürlich berührte Gyp die eigenen Rosen; ihre Augen begegneten einander. Er verbeugte sich tief. Als er sich zum Gehen wandte, hob er die Rosen an seine Lippen. Gyp ließ die Hand fallen, als ob etwas sie gestochen hätte. Sollte sie die Rosen fortnehmen, sie fallen lassen? Der Vater könnte es sehen, Fiorsens Rosen bemerkt haben – zwei und zwei zusammenrechnen. Er würde finden, sie sei beleidigt worden. War es tatsächlich so? Sie konnte es nicht recht glauben. Es war ein hübsches Kompliment gewesen, als hätte er ihr damit sagen wollen, daß er für sie allein spiele. Die Worte der Baronin fuhren ihr durch den Kopf: »Er muß vor sich selbst gerettet werden. Schade! Ein großes Talent!« Er war tatsächlich ein großes Talent. In einem Menschen, der so spielen konnte, mußte etwas stecken, das sich zu retten lohnte! Sie verließen den Konzertsaal nach seinem letzten Solo. Gyp steckte die beiden Rosen sorgsam zwischen die anderen zurück.

Drei Tage später ging sie zu einem Jour der Baronin von Maisen. Sie sah ihn sofort bei ihrem Eintreten; er stand mit seinem kleinen, vierschrötigen Gefährten neben dem Klavier, lauschte den Worten einer redseligen Dame und sah äußerst gelangweilt und unruhig aus. An diesem ganzen bewölkten Nachmittag, der seltsam still war, mit merkwürdigen Färbungen des Himmels, die drohenden Regen verrieten, hatte Gyp sich ein wenig verstimmt, ein wenig heimwehkrank gefühlt. Nun jedoch war sie aufgeregt. Sie sah, wie der kleine Gefährte die anderen verließ, auf die Baronin zutrat; eine Minute später wurde er ihr vorgestellt – Graf Rosek. Sein Gesicht mißfiel Gyp; schwarze Ringe zogen sich um die Augen, er war allzu selbstbeherrscht, mit einer frostigen Höflichkeit –, doch schien er angenehm und liebenswürdig und sprach gut englisch. Er war anscheinend Pole, lebte in London und wußte alles, was es über Musik zu wissen gab. Hatte Fräulein Winton seinen Freund Fiorsen nicht in London spielen hören? Nein? Wie merkwürdig, er war während der letzten Saison einige Monate dort gewesen. Ein wenig beschämt über ihre Unwissenheit erwiderte Gyp:

»Ja, ich habe jedoch fast den ganzen Sommer auf dem Lande verbracht.«

»Es war ein großer Erfolg. Ich werde ihn wieder nach London bringen, es ist für seine Zukunft das beste. Wie finden Sie sein Spiel?«

Gegen ihren Willen, denn es widerstrebte ihr, sich vor dem sphinxartigen kleinen Mann gehen zu lassen, murmelte Gyp:

»Oh, natürlich wundervoll!«

Er nickte, sagte dann plötzlich mit einem seltsamen Lächeln:

»Darf ich ihn vorstellen? Gustav, – Fräulein Winton.«

Gyp wandte sich um. Er stand gerade hinter ihr, verbeugte sich, in seinen Augen lag eine demütige Anbetung, die er nicht zu verbergen suchte. Gyp sah wieder ein Lächeln über die Lippen des Polen huschen, dann befand sie sich im Erkerfenster mit Fiorsen allein. Aus der Nähe glich er weniger einem eingesperrten Tier im Käfig. Er war tatsächlich in seiner Art sehr elegant, wundervoll gepflegt, sein Taschentuch oder sein Haar duftete angenehm, was Gyp bestimmt mißfallen hätte, wenn er Engländer gewesen wäre. Er trug auch einen Diamantring, doch machte dieser keinen gewöhnlichen Eindruck, gerade auf diesem kleinen Finger. Seine Größe, die breiten Backenknochen, das dichte, aber nicht lange Haar, die hungrige Vitalität seines Gesichtes, seiner Gestalt und Bewegungen widersprachen diesen Beweisen einer femininen Natur. Er war männlich genug, vielleicht sogar zu männlich. Mit einem merkwürdigen, abgehackten Akzent sprechend, sagte er:

»Fräulein Winton, heute sind Sie mein Publikum. Ich spiele für Sie – nur für Sie.«

Gyp lachte.

»Sie lachen mich aus? Das sollten Sie nicht tun! Ich spiele für Sie, weil ich Sie bewundere. Ich bewundere Sie unendlich. Wenn ich Ihnen Blumen geschickt habe, so geschah dies nicht aus Dreistigkeit. Es war der Dank für die Freude, die mir Ihr Gesicht bereitet hat.« Seine Stimme klang nicht ganz fest. Gyp senkte die Augen, als sie erwiderte:

»Es war sehr freundlich von Ihnen. Ich möchte Ihnen für Ihr Spiel danken. Es ist wunderschön – wirklich wunderschön.«

Er machte eine kleine Verbeugung.

»Werden Sie in meine Konzerte kommen, wenn ich nach London zurückkehre?«

»Ich denke, jedermann wird es tun, wenn es möglich ist.«

Er lachte kurz auf.

»Hier tue ich es des Geldes wegen; ich hasse diesen Ort. Er langweilt mich. War der Herr, mit dem Sie neben dem Schillerdenkmal saßen, Ihr Vater?«

Gyp nickte. Sie hatte sein spöttisches Rückwärtsblicken nicht vergessen.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, wie um dessen Ausdruck fortzuwischen.

»Er ist sehr englisch. Doch Sie – Sie sind aus keinem Lande, gehören allen Ländern an!«

Gyp machte eine kleine spöttische Verbeugung.

»Wirklich, ich könnte Ihre Heimat nicht erraten; Sie stammen weder aus dem Norden noch aus dem Süden. Ich kam mit der Hoffnung her, Sie hier zu treffen; nun bin ich sehr glücklich. Fräulein Winton, ich bin Ihr ganz ergebener Diener.«

Er sprach sehr rasch, sehr leise, mit erregtem Ernst, der wirklich nicht geheuchelt sein konnte. Urplötzlich jedoch flüsterte er: »Schreckliche Menschen!«, verbeugte sich und verließ sie hastig. Die Baronin kam mit einem anderen Herrn.

Von dieser Begegnung blieb Gyp der Gedanke zurück: Ob er wohl mit jeder Frau so anfängt? Sie vermochte es nicht zu glauben. Der stammelnde Ernst seiner Stimme, die demütig anbetenden Blicke!

Sie war zu schlau, um sich jemand anzuvertrauen, hatte daher keine Gelegenheit, die eigenartigen Gefühle von Anziehung und Abstoßung zu korrigieren, die in ihr gärten, Gefühle, die jeder Analyse Trotz boten, sich tief in ihrem Herzen vermischten, in ihr rangen. Es war nicht Liebe, nicht einmal der Beginn einer Liebe; doch war es das gefährliche Interesse, das Kinder für geheimnisvolle, unerreichbare Dinge verspüren, für Dinge, die vielleicht doch erreichbar sind, wenn man nur wagte, zuzugreifen. Dazu kam noch seine Musik, die Worte der Baronin über die »Rettung«, – der Gedanke, das Unmögliche zu vollbringen. Doch befanden sich all diese Gefühle und Gedanken noch im Zustand der Entstehung. Vielleicht wird sie ihn niemals wiedersehen! Und sie wußte nicht einmal, ob es sie danach verlangte, ihn wiederzusehen.


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