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XI. Kapitel

Obwohl Gyp sich nicht umzuwenden schien, wußte sie dennoch, daß Summerhay noch auf dem Fleck stand, wo sie einander verlassen hatten, und ihr nachblickte. Die Stärke ihres eigenen Gefühls setzte sie in Erstaunen, wie ein Schwimmer im Meere staunt, wenn er jählings keinen Boden mehr unter den Füßen fühlt und von der Flut fortgetragen wird.

Sie verbrachte nun schon die zweite Nacht fast schlaflos, hörte das laute Schlagen der Turmuhr, Stunde um Stunde. Beim Frühstück erzählte sie dem Vater von Fiorsens Erscheinen. Er nahm die Nachricht mit einem forschenden Blick auf.

»Nun, Gyp?«

»Ich habe es ihm gesagt.«

Neugierde, Mißbilligung, zu der er kein Recht hatte, Bewunderung ihres Mutes, Sorge wegen der Folgen, tiefe Beunruhigung in dem Bewußtsein, daß sie endlich in die tiefen Wasser der Liebe geraten war, tobten in ihm, – aber dem schwächsten dieser Gefühle verlieh er Ausdruck:

»Wie hat er es aufgenommen?«

»Er lief fort. Ich bin überzeugt, er wird sich nicht scheiden lassen.«

»Nein, ich glaube, dazu hätte nicht einmal er die Frechheit.« Winton verstummte. »Nun«, sagte er unvermittelt, »so liegt denn alles im Schoße der Götter. Sei aber vorsichtig, Gyp.«

Um die Mittagszeit kam Betty mit der kleinen, dunkeläugigen, plappernden, kaffeebraunen Gyp an. Nachdem sie ihr so viel, wie bekömmlich, zu essen gegeben hatten, nahm Gyp die Kleine in ihr Schlafzimmer, hüllte sie in einen Schal und legte sich mit ihr aufs Bett. Einige schläfrige Küsse und liebkosende Laute, – dann war die kleine Gyp ins Schlafland gewandert, und ihre Mutter lag still, die schwarzen Wimpern des Kindes mit einer Art Leidenschaft betrachtend. Sie war keine kinderliebende Seele, doch schien ihr das eigene Kind, mit der dunklen Weichheit, der zärtlichen Art, der kosenden Stimme und dem »liebe Mammi« anbetungswürdig und bezaubernd. Die kleine Gyp entwickelte sich rasch, mit der anmutigen Fülle eines kleinen Tieres, der Vollkommenheit einer Blume. Das italienische Blut ihrer Urgroßmutter schien noch stark in ihr; ihr Haar verlor bereits das Babyschwarz, lockte sich um Hals und Wangen. Eine der winzigen braunen Hände war aus dem Schal geglitten, hielt das Ende desselben hartnäckig fest. Und während Gyp die rosigen Nägel und die lächerlich kleinen Halbmonde darauf betrachtete, die schlafende Ruhe, die vom Atem kaum mehr bewegt wurde, als ein Rosenblatt an einem windstillen Tag, wurden ihre Lippen voller, begannen zu zittern, näherten sich den dunklen Wimpern, bis sie sich selbst bezwingen mußte, um den Schlaf nicht zu stören.

Am Abend beim Diner sagte Winton gelassen: »Ich habe Fiorsen gesehen und ihn gewarnt. Ich traf ihn bei diesem Rosek. Das Mädchen, diese Tänzerin, kam eben aus dem Haus, als ich hineinging, – ich hab' natürlich gesagt, daß ich sie gesehen habe. Ich glaube, er wird dich nicht mehr belästigen.«

»Wie sah sie denn aus, Väterchen?«

Winton lächelte. Wie sollte er die Gestalt beschreiben, die die Stufen heruntergekommen war – die bei seinem Anblick immer runder werdenden Augen, den sich öffnenden Mund?

»Wie immer. Ein wenig bestürzt. Sie trug einen weißen Hut – sehr elegant. In ihrer Art ist sie anziehend, nur sehr gewöhnlich. Die beiden spielten Klavier und Geige, als ich hinaufkam. Sie versuchten, mich nicht einzulassen. Merkwürdige Zimmer.«

Gyp sah alles so genau vor sich. Die schwarzen Wände, die silbernen Figuren, Rops Zeichnungen, sie roch den Duft verwelkter Rosenblätter und Zigaretten – die beiden am Klavier, ihr Vater, so gelassen und trocken!

»Mit solchen Leuten darf man keine Geschichten machen. Ich habe das Benehmen des Polen nicht vergessen, Liebste.«

»Es tut mir fast leid, daß du hingegangen bist, Väterchen.«

»Nein, ich glaube, ich war ganz höflich. Ich kann's nicht beschwören, daß ich den einen nicht einen Gauner nannte. Sie sagten etwas darüber, daß ich die Vorteile meiner verkrüppelten Hand ausnütze.«

»Väterchen!«

»Dieser polnische Kerl …«

Wieder fühlte sie Angst. Sie sah Roseks verbindliches Gesicht, die Augen, in denen so viel verborgen lag, die vollen, beherrschten, sinnlichen Lippen, – er würde es nie verzeihen. Winton jedoch lächelte. Ihn hatte die Begegnung gefreut, war seinen Gefühlen eine Erleichterung gewesen.

Gyp verbrachte den Abend mit dem Schreiben ihres ersten wirklichen Liebesbriefes. Als sie jedoch am nächsten Nachmittag um sechs Uhr, ihrer Abmachung gemäß, vor Summerhays kleinem Haus erschien, waren die Rouleaus herabgelassen und das Gebäude sah verödet aus. Wäre er daheim gewesen, sicherlich stünde er wartend am Fenster. Er hatte also ihren Brief nicht bekommen, war seit gestern gar nicht zu Hause gewesen? Zum erstenmal ergriff sie die kalte Angst, die kalte Angst, die das Herz der Liebenden foltert, wenn sie vergebens zu einem Stelldichein kommen. In dem dreieckigen Garten stand die zerfallene Statue eines Eros mit zerbrochenem Bogen, – ein Spatz saß auf der grünlichen Schulter, verrußte Fliederblätter hingen auf sein Haupt nieder, der alte Scotchterrier stand daneben, die Beine beriechend. Gyp rief: »Ossy!« und der alte Hund kam ihr schweifwedelnd entgegen.

»Wo ist dein Herr?«

Ossian stieß seine lange Schnauze gegen ihr Bein. Mit angstvollen Gedanken verließ sie das Haus. Wohin war er gegangen? Warum hatte er sie nicht benachrichtigt? Mißtrauen überwucherte ihr Herz. Was wußte sie mehr von ihm, als daß er sagte, er liebe sie? Die Eifersucht, die sie im Bungalow so entsetzlich gequält hatte, als seine Briefe ausgeblieben waren, kam mit verdoppelter Kraft wieder. Es mußte ja eine Frau geben, die auf ihn ein Recht hatte, ein Mädchen, das er bewunderte. Ihre Anlage zur Eifersucht verblüffte sie. Sie hatte sich stets zu stolz gedünkt, um Eifersucht zu empfinden, – dieses dunkle, klägliche, unwürdige Gefühl, das dennoch so entsetzlich wirklich und überwältigend ist.

Winton war in seinen Klub gegangen, und sie nahm ein hastig zubereitetes kleines Mahl ein. Dann kleidete sie sich wieder an und verließ das Haus. Sie schritt an der St. James-Kirche vorbei, Piccadilly zu, strebte auf der belebteren Seite nach dem Park. Es brachte ihr eine große Erleichterung, etwas Törichtes zu tun, und sie schritt mit einem leisen Lächeln weiter. Einige Straßenmädchen kamen aus den Nebengassen, bewegten sich mit der ihnen eigenen gezierten, hastig scheinenden Langsamkeit dahin. Die verblüfften, halb zornigen Blicke aus den geschminkten, gepuderten Gesichtern erweckten in Gyp eine boshafte Freude. Sie war ihnen lästig, tat ihnen weh, – und sie wollte weh tun.

Ein Mann im Abendanzug mit offenem Überrock trat an ihre Seite. Sie ging ruhig ihres Weges, noch immer das kleine Lächeln auf den Lippen, wußte, er empfinde Staunen und fühle sich heftig angezogen. Den Ausdruck ihres Gesichtes bemerkend, wich er zurück, und abermals fühlte sie boshafte Freude.

Sie verließ die belebte Straße, kehrte auf der Parkseite nach St. James zurück, und nun überwältigte sie tiefe, schwarze Traurigkeit. Hätte sie doch zwischen den Lichtern und Schatten der Bäume, in der milden Luft den Geliebten an ihrer Seite! Weshalb war er nicht unter den Vorübergehenden? Sie, die mit einem Lächeln jeden Mann anlocken konnte, vermochte es nicht, den einzigen, nach dem sie verlangte, aus dieser großen Stadtwüste heraufzubeschwören! … An der Ecke der St. James-Straße blieb sie stehen. Da war sein Klub. Vielleicht spielte er dort Karten oder Billard, nur einige Schritte von ihr entfernt und dennoch wie in einer anderen Welt. Später wird er hier herauskommen, in ein Varieté, oder nach Hause gehen, an sie denken, – vielleicht auch nicht einmal an sie denken! Sie eilte heim.

Der nächste Morgen brachte ihr einen Brief. Summerhay schrieb aus einem Gasthaus an der Themse, bat sie, mit dem Elf-Uhr-Zug zu kommen, er werde sie am Bahnhof erwarten. Er wolle ihr ein Haus zeigen, das er gesehen habe, den Nachmittag könnten sie dann auf dem Fluß verbringen. Gyp nahm den Brief mit einer Seligkeit entgegen, die sie nicht ganz zu verbergen vermochte. Winton, der ihr Gesicht beobachtete, sagte: »Ich werde heute nach New Market fahren, Gyp, bin aber morgen Abend wieder daheim.«

Im Zug saß sie wie in einem Traumzustand. Hätte ihr Geliebter neben ihr gesessen, er wäre nicht näher gewesen.

Als der Zug einlief, erblickte sie ihn; sie begrüßten sich ohne Händedruck, wortlos, blickten einander nur an.

Eine kleine Viktoria, die Summerhay, wie er sagte, »samt Pferd und Kutscher ausgegraben hatte«, trug sie fort. Unter der leichten Decke fanden sich ihre Hände.

Der Tag war wunderschön, wie es nur Frühseptembertage sein können, da die Sonne heiß und doch nicht zu heiß ist, das Licht in seidigem Glanz auf die Bäume fällt, die eben die Überfülle des Sommers zu verlieren beginnen, auf silbrig-goldene, abgeerntete Felder, auf silbrig-grüne Weiden, goldenen, wilden Senf. In der Ferne verhallten Flintenschüsse; langsam, fast ohne äußeren Anlaß, löste sich bisweilen ein Blatt vom Baum. Nach einer Weile bogen sie von der Hauptstraße auf einen Feldpfad ab, fuhren an einer Buchengruppe vorbei, hielten vor einem einsamen Haus. Es war aus sehr alten, roten Ziegeln erbaut, von wildem Wein überwuchert und hatte altmodische, breite Schornsteine. Ein kleiner verwahrloster Rasenplatz lag davor, Platanen umgaben es, ein mächtiger Nußbaum streckte seine Äste darüber aus. Aller Sonnenschein schien sich im Garten angesammelt zu haben, die Luft war voller Bienengesumm. Durch die Bäume hindurch erblickte man Dünen, – dort wurden Rennpferde trainiert. Summerhay hatte die Schlüssel bei sich, und sie betraten das Haus. Es war ihnen ein kindliches Spiel, sich vorzustellen, sie würden hier zusammen leben, die Zimmer einrichten, sie einweihen. Doch wollte sie den köstlichen Tag nicht durch Argumente oder Beschlüsse verderben. Als er sie fragte: »Nun, Liebling, wie gefällt es dir?« erwiderte sie nur: »Oh, es ist sehr hübsch, in seiner Art. Gehen wir jetzt aber zum Fluß zurück. Nutzen wir die Zeit aus.«

Sie mieteten bei dem Gasthaus, in dem Summerhay wohnte, ein Boot. Ihm, der in Oxford zu den besten Ruderern gehört hatte, war der Fluß von Lechlade bis Richmond wohlbekannt, Gyp jedoch war noch niemals auf der Themse gefahren und wurde nun von dem stillen Zauber fast überwältigt. An diesem schimmernden, windstillen Tag langsam den Fluß hinunterzutreiben, über grüne Tiefen, auf denen glänzende, flache Wasserlilien wuchsen, die Libellen vorüberschwirren zu sehen, die träge aufschnellenden Fische, die Tauben gurren zu hören, die Hand ins Wasser tauchend, um mit dem frischen Naß die sonnenglühenden Wangen zu kühlen, den Geliebten zu betrachten, – all dies glich einer Fahrt auf dem Flusse der Träume, der Erfüllung aller Seligkeiten. Hatte sie denn wirklich mit einem anderen Manne das Leben geteilt, und war das erst ein Jahr her?

Als er in einer Bucht das Boot am Ufer festband, dämmerte es bereits, und die unbestimmte Schwermut des schattigen Flusses hatte auch sie erfaßt. Ihr Herz preßte sich zusammen, als er zu bitten begann: »Gyp, wir müssen zusammen fort. Wir ertragen es nicht, getrennt zu leben, nur Stunden des Beisammenseins zu stehlen.«

»Weshalb, Liebster? War es heute nicht schön? Können wir uns etwas Besseres wünschen? Es war wie im Paradies.«

»Ja, doch jeden Tag aus dem Paradies vertrieben zu werden! Ganze Tage und Nächte ohne dich sein zu müssen! Gyp, du mußt! Liebst du mich denn nicht genug?«

»Zu sehr. Es hieße die Vorsehung versuchen. Wir wollen so weiterleben, Bryan.«

»Weshalb fürchtest du dich?«

»Oh, laß alles so bleiben. Wir wollen nichts ändern und nichts aufs Spiel setzen.«

»Hast du Angst vor den Menschen – der Gesellschaft? Ich dachte, daran läge dir nichts.«

Gyp lächelte.

»Die Gesellschaft? Nein, die fürchte ich nicht.« »Was dann? Mich?«

»Ich weiß nicht. Männer werden so leicht einer Sache überdrüssig. Ich bin nun einmal eine Zweiflerin, kann nichts dafür.«

»Als ob jemand deiner überdrüssig werden könnte! Hast du vor dir selbst Angst?«

Gyp lächelte abermals. »Nicht, daß ich zu wenig liebe.«

Sie zog sein Gesicht an ihre Lippen. »Nein, Bryan, wir wollen so weiterleben. Ich will dich entschädigen, wenn wir zusammen sind. Würdest du meiner überdrüssig, ich ertrüge es nicht.«

Noch lange flehte er, zornig, mit Küssen, mit Argumenten, doch stellte sie allem das gleiche zärtliche, halb traurige »Nein« entgegen. Als sie aus dem Boot stiegen, dämmerte es, und der Tau fiel bereits. Ehe sie den Bahnhof erreichten, griff sie nach seiner Hand und preßte sie an die Brust. »Liebster, sei mir nicht böse. Vielleicht werde ich … eines Tages.«

Im Zug versuchte sie, sich wieder in das Boot zurückzuversetzen, zwischen Schatten und raunendes Schilf und alle stillen Wunder des Flusses.


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