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XIII. Kapitel

Comrade-Straße dreiundsiebzig in Soho war schwer zu finden, – aber schließlich entdeckte Gyp mit Hilfe eines Milchjungen die richtige Tür. Eine runde weiße Hand streckte sich heraus und nahm die Milchkanne, und Daphne Wings Stimme sagte: »Oh, wo ist die Sahne?«

»Es gibt keine.«

»Oh! Ich sagte Ihnen doch, um zwölf Uhr will ich immer für zwei Penny Sahne.«

»Wollten Sie nicht mit ihr sprechen, Fräulein?« Der Junge schlug gegen die sich schließende Tür. »Eine Dame wünscht Sie zu sprechen! Guten Tag, Fräulein.«

Daphne Wings Gestalt erschien in einem blauen Kimono. Ihre Augen blieben an Gyp haften.

»Oh!« sagte sie.

»Darf ich hineinkommen?«

»Oh, ja! Oh, bitte. Ich habe eben geübt. Oh, wie ich mich freue, Sie zu sehen!«

In der Mitte des Ateliers war ein kleiner Tisch für zwei Personen gedeckt. Daphne Wing trat an ihn heran, in der einen Hand die Milchkanne, in der anderen ein kurzstieliges Messer, mit dem sie anscheinend eben Austern geöffnet hatte. Sie wandte sich Gyp zu. Ihr Gesicht war rot, und auch der Halsausschnitt hatte sich gerötet. Ihre Augen, rund wie Teetassen, begegneten denen Gyps.

»Oh, Frau Fiorsen, ich bin so froh. Wirklich froh. Ich wollte immer, daß Sie mein Zimmer einmal sähen! Gefällt es Ihnen? Woher wußten Sie, wo ich wohne?« Sie senkte den Kopf und fügte hinzu: »Ich will es Ihnen lieber sagen. Herr Fiorsen kam einmal her, seitdem traf ich ihn bei Graf Rosek und … und …«

»Ja, aber quälen Sie sich nicht damit, es mir zu erzählen, bitte.«

Daphne Wing fuhr hastig fort: »Natürlich bin ich jetzt nicht mehr, so hilflos.« Dann fiel plötzlich die schlecht sitzende Weltdamenmaske von ihr ab, sie griff nach Gyps Hand. »Oh, Frau Fiorsen, ich werde Ihnen niemals gleichen.«

»Hoffentlich nicht!« Wie konnte sie dieses Mädchen um etwas bitten? Sie bezwang das Gefühl und sagte hart: »Erinnern Sie sich an mein Baby? Nein, natürlich nicht, Sie haben es nie gesehen. Er und Graf Rosek haben es mir gestohlen.«

Daphne Wing preßte krampfhaft Gyps Hand.

»Oh, wie verbrecherisch! Wann?«

»Gestern nachmittag.«

»Oh, wie froh bin ich, daß ich ihn seither nicht gesehen habe! Sind Sie nicht furchtbar unglücklich?« Ein müdes Lächeln kam auf Gyps Lippen. Daphne Wing brach aus: »Wissen Sie, … ich finde … ich finde Ihre Selbstbeherrschung furchtbar. Sie erschreckt mich. Wenn mein Baby gelebt und es mir jemand gestohlen hätte, ich wäre halbtot.«

Gyp antwortete mit der gleichen Härte: »Ich will es natürlich zurückhaben, und ich dachte …«

Daphne Wing faltete die Hände. »Oh, ich glaube schon, daß ich ihn dazu bewegen kann …« Sie stockte verwirrt und fügte hastig hinzu: »Macht es Ihnen auch gewiß nichts?«

»Es wäre mir einerlei, wenn er fünfzig Geliebte hätte. Vielleicht hat er sie.«

Daphne Wing biß mit erbostem Ausdruck auf ihre Unterlippe. »Er hat jetzt zu tun, was ich will, nicht umgekehrt. Das ist in der Liebe das einzig Mögliche. Oh, bitte, lächeln Sie nicht so, Sie machen mich so … so unsicher.«

»Wann werden Sie ihn wiedersehen?«

Daphne Wing errötete. »Vielleicht kommt er zum Lunch. Er ist ja kein Fremder, nicht wahr?« Sie blickte auf. »Ich darf nie Ihren Namen erwähnen, das macht ihn rasend. Deshalb bin ich überzeugt, daß er Sie noch immer liebt, – nur ist seine Liebe sehr merkwürdig.« Sie griff wieder nach Gyps Hand. »Ich werde niemals vergessen, wie gut Sie zu mir waren. Ich hoffe … ich hoffe, Sie lieben einen anderen.«

Gyp drückte die feuchten kleinen Finger, und Daphne Wing fuhr fort: »Gewiß ist Ihr Baby ein kleiner Engel. Wie Sie leiden müssen! Sie sind ganz blaß. Doch hat es keinen Sinn, zu leiden, das habe ich gelernt.«

Gyp neigte sich vor und küßte das Mädchen auf die Stirn. »Leben Sie wohl. Mein Baby würde Ihnen danken, wenn es dies wüßte.«

Sie schickte sich zum Gehen an. Ein Schluchzen ließ sie innehalten. Noch ehe Gyp ein Wort sagen konnte, schlug sich das Mädchen gegen die Brust und sagte mit erstickter Stimme: »Das … ist zu dumm … Ich … ich habe nicht mehr geweint, seit … seit … Sie wissen schon. Ich … verstehe mich zu beherrschen; nur … nur … Sie haben mich daran erinnert … Ich weine sonst nie

Diese Worte und der Ton des Schluchzens begleiteten Gyp hinaus.

Als sie in der Bury-Straße anlangte, fand sie Betty, den Hut auf dem Kopf, in der Halle sitzend. Es war nicht nach ihr geschickt worden, auch von New Market fehlte jede Nachricht. Gyp konnte nicht essen, sich nicht beschäftigen. Sie begab sich in ihr Schlafzimmer, um den Blicken der Dienstboten zu entgehen. Jede Minute hob sie den Kopf, lauschte auf belanglose Geräusche, trat hundertmal ans Fenster. Betty befand sich im Kinderzimmer, wo Gyp sie auf und ab gehen hörte. Dann verstummte das Geräusch ihrer Schritte, und als Gyp ins Zimmer blickte, sah sie die dicke Frau mit dem Rücken zur Tür auf einem Koffer sitzen, tiefe Seufzer ausstoßend. Zitternd stahl sich Gyp in ihr eigenes Zimmer zurück. Wenn sie ihr Baby nur durch dieses Opfer zurückerhalten kann? Wenn dieser grausame Brief wirklich sein letztes Wort ist, sie zwischen beiden wählen muß! Wen wird sie aufgeben? Wem folgen, dem Geliebten oder dem Kinde?

Sie trat ans Fenster, um Luft zu schöpfen, ihr Herz schmerzte furchtbar. Dort lehnte sie, schwindelnd von der Heftigkeit eines in ihr tobenden Kampfes, der weder Gefühlen noch Gedanken Klarheit gestattete, nur das stumme Ringen zweier entsetzlicher starker Instinkte war, deren Gewalt sie früher niemals erkannt hatte.

Ihr Blick fiel auf das Bild, das sie an Bryan erinnert hatte, – nun schien keine Ähnlichkeit mehr zu bestehen, gar keine. Er war ihr viel zu wirklich geworden, zu lieb, zu begehrt. Vor vierundzwanzig Stunden noch war sie taub gewesen gegen seine Bitten, sie möge für immer zu ihm kommen. Wie komisch! Jetzt würde sie zu ihm eilen, hingehen, wo er wollte, wann er wollte. Läge sie nur wieder in seinen Armen! Sie kann ihn nicht aufgeben! Dann aber tönten ihr die kosenden Worte des Babys ins Ohr: »Liebe Mammi!« Ihr Baby – das winzige Geschöpfchen – wie konnte sie es aufgeben, es nie mehr festhalten, nie mehr den kleinen, rundlichen, vollkommenen Körper küssen, das ernste, kleine, dunkeläugige Gesicht?

Durch das offene Fenster drang das Dröhnen Londons. Soviel Leben, so viele Menschen, – und keine Seele konnte ihr helfen. Sie verließ das Fenster, trat zum Klavier, das sie hier, ferne von Winton, untergebracht hatte. Doch saß sie nur mit verschränkten Armen da, starrte auf die Tasten. Das Lied, das das Mädchen in Fiorsens Konzert gesungen hatte, – das Lied eines gebrochenen Herzens, fiel ihr ein.

Nein, nein, sie konnte es nicht, konnte es nicht! Sie wird sich an ihren Geliebten klammern. Tränen rannen über ihre Wangen.

Ein Wagen hielt vor dem Hause, doch blickte sie erst auf, als Betty hereingestürzt kam.


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