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3. Familie: Zahntaube ( Didunculus strigirostris)

Eine Taube, welche die Beachtung der Forscher in hohem Grade auf sich gezogen hat, weicht im Schnabelbaue erheblich von allen übrigen uns bekannten ab; doch scheint es mir, als ob man auf die Bildung des Schnabels mehr Gewicht gelegt habe, als sie verdient. Jedenfalls dürfte eine Schlußfolgerung, welche man gezogen hat, noch zu gerechten Zweifeln herausfordern. Man glaubte nämlich in der Zahntaube, wie wir unseren Vogel nennen können, die nächste Verwandte der berühmten Dronte zu erkennen und nahm keinen Anstand, beide in einer und derselben Familie zu vereinigen. Nach meinem Dafürhalten ähnelt sie anderen Tauben, insbesondere den Fruchttauben, in ungleich höherem Maße als der Dronte und darf jedenfalls mit ihr nicht in eine und dieselbe Familie gebracht werden.

 

Die Zahntaube ( Didunculus strigirostris, Gnathodon und Pleiodus strigirostris) wird anzusehen sein als Urbild einer besonderen Familie ( Didunculidae). Sie hat die Gestalt einer etwas plumpen Erdtaube. Der Leib ist kräftig, der Kopf groß, der Schnabel viel höher als breit, sein Obertheil vom Grunde an aufwärts, im übrigen Verlaufe gleichmäßig stark abwärts gebogen und scharfhakig übergekrümmt, an der Schneide ohne Zahn oder Ausbuchtung, sein Untertheil nach unten hin ebenfalls ausgebogen, vorn aber schief abgestutzt und hier jederseits dreizähnig eingeschnitten, seine Schneide seicht nach unten ausgeschweift, der Fuß kräftig und ein echter Taubenfuß, der Lauf stark, länger als die Mittelzehe und bis zur Ferse nackt, freizehig und mit starken, flach ausgebogenen, unten ausgehöhlten Nägeln bewehrt; der Flügel abgerundet, in ihm die dritte Schwinge die längste, die vierte länger als die zweite, diese länger als die fünfte, letztere länger als die erste, diese länger als die sechste, das Oberarmgefieder so lang, daß es fast den Handfedern gleichkommt, der aus vierzehn Federn gebildete Schwanz mittellang und seicht abgerundet. Kopf, Hals und Untertheile sind glänzend stahlgrün, Mantel, Unterrücken und Bürzel, Oberflügeldecken und Schwanzfedern schön braunroth, die Schwingen dunkel bleigrau. Der junge Vogel ist ähnlich gefärbt, jede Feder des Kleingefieders aber mit mondförmigen, oberseits schwarzen und rothbraunen, unterseits schwarzen und blaß gelbbraunen Querbändern gezeichnet. Das Auge ist dunkel röthlichbraun, die nackte Stelle um dasselbe und der Zügelstreifen lebhaft orangeroth, der Schnabel orangeroth, gegen die Spitze hin lichtgelb, der Fuß lebhaft roth, die Bekrallung gelblichweiß. Die Länge beträgt dreiunddreißig, die Breite dreiundsechzig, die Fittiglänge achtzehn, die Schwanzlänge acht Centimeter.

Die erste Zahntaube wurde von Lady Harvey in einer Versteigerung australischer Gegenstände erstanden, deshalb für einen Bewohner Neuhollands erklärt und von Gould in seinem Werke über die Vögel dieses Erdtheiles abgebildet und beschrieben. Später lernten wir durch Peale, Walpole, Bennett, Stair, Ramsay und Gräffe Vaterland, Lebensweise und Wesen des Vogels kennen; endlich wurde derselbe sogar lebend nach Europa gebracht.

siehe Bildunterschrift

Zahntaube ( Didunculus strigirostris). ⅓ natürl. Größe.

So viel bis jetzt bekannt, findet sich die Zahntaube ausschließlich auf den beiden zu den Schifferinseln gehörigen Eilanden Upolu und Savaii, und auch hier nur an gewissen, beschränkten Oertlichkeiten. Sie bewohnt waldige Berggegenden in einer gewissen Entfernung von der Küste. Nach Angabe Walpole's war sie früher auf der Insel Upolu sehr häufig und lieferte dem gedachten Reisenden einen Haupttheil seiner Nahrung. Gewöhnlich sah man sie paarweise, zuweilen aber auch in Flügen bis zu neun Stück, in jeder Beziehung nach Art anderer Tauben lebend, wie diese fliegend, gehend, girrend und brütend. Gegenwärtig ist sie auf Upolu selten geworden, und zwar weniger deshalb, weil die Eingeborenen inzwischen das Feuergewehr zu benutzen gelernt haben, als infolge ihrer Liebhaberei für Katzen, welche theilweise verwilderten und Niederlagen unter den bisher von keinem Raubthiere bedrohten Vögeln angerichtet haben sollen. Die Eingeborenen nannten sie Manumea oder »Rother Vogel« und schätzten sie ihres vortrefflichen Fleisches halber so hoch, daß sie alljährlich einen längeren Jagdzug nach den Bergen unternahmen, einzig und allein in der Absicht, Manumeas zu fangen. Aber auch in die Berge, wohin die Taube sich zurückgezogen hat, folgten die Katzen ihr nach. Laut Gräffe lebt sie hier vorzüglich auf großen, eschenartigen Bäumen, Mauke genannt, deren Früchte, lederartige, fleischige, im Inneren dreikantige, rothe Samen enthaltende Kapseln, ihre bevorzugte Nahrung bilden. Auf diesen hohen, dichtbelaubten Bäumen verräth nun zwar ihr Ruf ihre Anwesenheit; es ist aber fast nur dem Auge der Eingeborenen möglich, sie im Gezweige aufzufinden und herabzuschießen. Der Flug ähnelt dem anderer Tauben, geschieht jedoch mit so lautem Geräusche, daß man es auf weithin hört, wenn sie sich erhebt, und die Eingeborenen darauf das Sprichwort begründet haben: er lärmt wie ein Manumea. Walpole bemerkt, daß sie sich höchstens von einem Walde zum anderen wendet und sehr selten ihren Flug bis zu einer der benachbarten Inseln ausdehnt. Ueber das Brutgeschäft wissen wir noch nichts sicheres; denn die Angaben der Berichterstatter sind Wiederholungen der von den Eingeborenen gegebenen Mittheilungen. Das Nest soll auf dem Boden stehen, das Gelege von beiden Eltern abwechselnd und mit so regem Eifer bebrütet werden, daß sie sich mit den Händen fangen lassen. Die Jungen sind, laut Walpole, so hülflos wie die anderen Tauben, scheinen auch langsam heranzuwachsen und sich langsam zu entwickeln; denn sie erhalten erst im zweiten Lebensjahre das Kleid ihrer Eltern, möglicherweise erst im dritten ihre volle Ausbildung. Derselbe Berichterstatter bemerkt noch, daß die Eingeborenen der Samoainseln Zahntauben oft in der Gefangenschaft hielten, halbflügge Junge aus dem Neste hoben oder die Alten mittels Netzen oder Vogelleim fingen, die gefangenen an einer langen Schnur am Beine fesselten und diese an einem Stocke oder an einer Gabel befestigten, solche Vögel auch bei ihren Spaziergängen mit sich nahmen und unterwegs mit ihnen spielten.

Erst in der neuesten Zeit hatten Naturforscher Gelegenheit, gefangene Zahntauben zu beobachten. Im Jahre 1863 erfuhr Bennett, daß der britische Konsul Williams eine lebende Zahntaube besitze und sie demnächst nach Sidney senden wolle. Sie war noch jung und die Zahnung ihres Kiefers noch nicht entwickelt. Auch war sie sehr scheu und wenig an den Käfig gewöhnt; denn Williams hatte sie erst vor ungefähr sechs Wochen erhalten. Die Eingeborenen schienen auf das höchste überrascht zu sein von der lebhaften Theilnahme, welche diesem Vogel allseitig geschenkt wurde, und noch mehr von den hohen Preisen, welche man ihnen bot. Der Manumea kam im Juni 1863 nach Sidney und wurde zwei Tage später von Bennett besichtigt. »Zuerst«, sagt dieser, »schien er scheu und wild zu sein, später wurde er zahmer, und ich konnte ihn beobachten, ohne daß er Furcht zeigte, wahrend er anfangs seine Angst durch gelegentliches Ausstoßen einiger rasch wiederholten Laute bekundete. Er befand sich in einem Bauer, welches mehr einer Kiste als einem Käfige ähnelte und nur vorn Sprossen hatte. Hier rannte er auf dem Boden umher oder saß auf den niederen Springhölzern oder verbarg sich in einem der Winkel, wie er gern zu thun pflegte. Wenn er aufgestört wurde, lief er furchtsam im Käfige umher, und zwar mit großer Schnelligkeit, den Körper vorgestreckt und den Kopf niedergedrückt, fast nach Art der Hühner. Die Behauptung, daß er niemals Wasser trinkt, erwies sich als falsch. Er sieht sehr dumm aus und hat außer seinem unförmlichen Schnabel nichts, was ihn besonders anziehend macht. Der einzige Laut, welchen er ausstößt, ist ein rasches ›Ku ku ku‹. Er frißt gekochten Reis, Yams und Kartoffeln.« Ein zweiter und älterer Vogel, welchen Bennett beobachtete und später ankaufte, war sehr zahm und verschlang ohne Scheu vor den Augen des Forschers gekochte Yams in großen Stücken. Verschiedene Sämereien zermalmte er in derselben Weise, wie es Papageien thun, wenn sie fressen, Brot verzehrte er auch, und zwar indem er es unter seine Füße nahm und mit dem Schnabel zerkleinerte. Er fraß nur bei Tage, nicht aber, wenn er Leute vor sich sah. Obgleich der Schnabel kräftig gebaut ist, gebraucht ihn der Manumea doch niemals als Angriffswaffe, wenigstens versuchten die gefangenen nicht, nach der in den Käfig gesteckten Hand zu beißen, zeigten sich im Gegentheile so furchtsam, daß sie sich ohne weiteres aufnehmen ließen, nachdem sie sich in einer Ecke niedergeduckt hatten. So lange Bennett die Vögel besaß, bewiesen sie nicht die geringste Zuneigung zu der Dame, welche sie täglich fütterte; deshalb bezweifelt Bennett auch, daß sie sich für die Gefangenschaft eignen werden. Zuweilen erschienen sie verhältnismäßig zahm; dann zeigten sie sich wieder ohne die geringste Veranlassung scheu und wild. Beide Zahntauben wurden nach London gesandt und trafen hier am zehnten April 1864 ein, lebten aber nicht lange. Bartlett beobachtete noch folgendes: Der Manumea schreitet in einem größeren Raume, so lange er nicht gestört wird, langsam und bedächtig einher, in der Regel mit so tief eingezogenem Halse, daß der Kopf auf dem Rücken zu ruhen scheint. Er ist ein Grünfruchtfresser, aber der einzige seiner Ordnung, welcher aus der Frucht, die er frißt, Stücke herausbeißt. Größere Früchte zerkleinert er, ohne sich der Mithülfe seiner Füße zu bedienen; die Schale einer Nuß zertrümmert er ohne sonderliche Anstrengung. Sein Oberschnabel kann, wie der der Papageien, selbständig bewegt werden. Er trinkt nicht nach Art anderer Girrvögel, sondern nach Art der Gänse, indem er seinen Schnabel zunächst ins Wasser senkt und dann rasch den Kopf aufwirft.

Seitdem gelangten lebende Zahntauben wiederholt nach England, auch nach Deutschland, fanden jedoch keinen Beobachter, welcher gehaltvoll über sie zu berichten verstanden hätte.



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