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24. Familie: Fruchtdrosseln ( Picnonotidae)

In hohem Grade bezeichnende Erscheinungen des indischen und äthiopischen Gebietes sind die Fruchtdrosseln oder Bülbüls ( Picnonotidae), welche eine aus wenig Sippen, aber gegen einhundert Arten bestehende Familie bilden. Ihre Größe kommt mit der einer kleinen Drossel ungefähr überein. Der Schnabel ist schlank, jedoch nicht schwach, an der Wurzel breit und flach, im übrigen Verlaufe hoch, seitlich zusammengedrückt, auf der Firste sanft gewölbt, an der Spitze kurzhakig, der Fuß kurzläufig, der Flügel, unter dessen Schwingen die dritte, vierte oder fünfte die längste sein kann, ziemlich lang, der Schwanz mittellang und stark abgerundet, das Gefieder weich und dicht.

 

Durch Krüper erfahren wir, daß eine Art dieser Familie, der in Syrien, Palästina und Arabien häufige, und ebenso auf Cypern und Rhodus heimische Gelbsteißbülbül ( Pycnonotus xanthopygos, xanthopygius, nigricans und Valombrosae, Ixus xanthopygos, xanthopygius, Vaillantii und Valombrosae), ziemlich regelmäßig auch in Europa, und zwar auf den Kykladen vorkommt. Der Kopf ist schwarz, die ganze Oberseite erdbraun, der Kropf dunkelbraun, die Unterseite weiß, graulich verwaschen, das untere Schwanzdeckgefieder lebhaft gelb; die Schwingen und Schwanzfedern sind umberbraun, erstere außen etwas lichter gerandet. Das Auge ist braun, der Schnabel wie die Füße sind schwarz. Die Länge beträgt zwanzig, die Breite dreißig, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge acht Centimeter.

 

Eine zweite Art derselben Sippe, der Graubülbül ( Pycnonotus Arsinoë und barbatus, Turdus Arsinoë, Ixus Arsinoë und plebejus), welcher die Nilländer bewohnt, ist kleiner und unterscheidet sich durch die bräunlichen unteren Schwanzdecken von dem Gelbsteißbülbül.

Während meiner Reisen in Afrika und Arabien habe ich beide Arten im Freien gesehen, jedoch nur den Graubülbül eingehend beobachtet, später beide Arten gleichzeitig gefangen gehalten und dadurch erfahren, daß der eine dem anderen in jeder Beziehung ähnelt. Es genügt daher, wenn ich mich im nachfolgenden auf die letztbeschriebene Art beschränke.

Der Graubülbül wurde von Ehrenberg in der Oase Fajum entdeckt und von mir ebenfalls daselbst aufgefunden, gehört aber in einer so hohen Breite zu den sehr seltenen Erscheinungen. Erst vom fünfundzwanzigsten Grade nördlicher Breite an wird er häufig. Schon in Nordnubien fehlt er keinem Mimosenhaine; im Ostsudân gehört er zu den gewöhnlichsten Vögeln des Landes, und hier scheint ihm jeder Ort genehm zu sein, der dichte Urwald wie der Garten, die Mimose in der Steppe wie das niedere Gebüsch im Hochgebirge. Doch liebt er es, wenn der Baum oder der Busch, welchen er sich zum Wohnsitze erkor, dicht beschattet ist, und zieht deshalb in den unteren Nilländern die Sykomore allen übrigen Bäumen vor.

siehe Bildunterschrift

Gelbsteiß- und Graubülbül ( Pycnonotus xanthopygos und Arsinoë). 1/2 natürl. Größe.

Demjenigen, welcher gewohnt ist, auf die Stimme der Vögel zu achten, fällt der Graubülbül sehr bald auf. Er ist ein munteres, regsames und anmuthiges Geschöpf, welches in unmittelbarer Nähe des Menschen seinen Aufenthalt nimmt und ungescheut über oder neben den Hütten der Eingeborenen sich umhertreibt. Sein Lied ist es, welches vor allen anderen fesselt; denn der Vogel gehört unter die besten Sänger Nordafrikas: unter den wenigen, welche wirklich mit unseren Sängern zu wetteifern suchen, kann sich kein einziger mit ihm messen. Der Gesang ist laut, wohlklingend und ziemlich reichhaltig, erinnert in vieler Hinsicht an den unserer Drosseln, hat aber ein eigenthümliches Gepräge, welches man durch Worte nicht wiedergeben kann. Die Lockstimme klingt wie »Güb ga güb« und scheint beiden Geschlechtern gemeinsam zu sein. Im Gezweige bewegt sich der Graubülbül mit großer Behendigkeit und Gewandtheit; auf dem Boden hüpft er immer noch geschickt umher; nur der Flug ist nicht besonders, weil schwankend und flatternd. Vom frühen Morgen an bis zum späten Abend ist der Vogel ununterbrochen in Thätigkeit, immer lebendig und immer rastlos und, wie sein flotter Gesang bekundet, immer heiter. Während der augenblicklichen Ruhepausen richtet er sich stolz empor und erhebt dann auch von Zeit zu Zeit die hollenartig verlängerten Federn seines Hinterhauptes, schaut ernsthaft in die Runde und hüpft gleich darauf weiter, rechts und links Blüten und Blätter ins Auge fassend; denn von den einen wie von den anderen sucht er den größten Theil seiner Nahrung ab. Wenn die Mimosen blühen, hält er sich vorzugsweise auf ihnen auf und nährt sich dann fast ausschließlich von den Käfern, welche sich in das Innere der kleinen gelben Blütenröschen verbergen. Er weiß auch die verborgensten Käfer aus der Tiefe hervorzuziehen und bekommt zuweilen von dieser Arbeit, infolge des sich an den Seitenfedern anhängenden Blütenstaubes, ein schwefelgelbes Gesicht, welches ihm ein ungewöhnliches Ansehen verleiht. Neben den Käfern liest er auch Raupen ab, und vorüberfliegenden Schmetterlingen jagt er auf weite Strecken nach. Zur Fruchtzeit frißt er Beeren und andere Früchte, kann deshalb auch in Orangegärten lästig werden.

Man sieht den Graubülbül paarweise oder in kleinen Familien, je nach der Jahreszeit. Die Paare halten treuinnig zusammen, und auch die Familien bleiben im engen Verbande. Nicht einmal die Brutzeit scheint ihre Eintracht zu stören; denn man findet oft mehrere Pärchen, wenn auch nicht auf demselben Baume, so doch in demselben Waldestheile oder in demselben Garten. Je nach der Heimatsgegend brütet das Pärchen früher oder später im Jahre. In den nördlichen Breiten fällt die Brutzeit in unsere Frühlingsmonate, im Sudân in die ersten Wochen der Regenzeit, welche bekanntlich dort den Frühling bringt. Das Nest wird im dichten Gebüsche angelegt, ist einfach, dünn und durchsichtig, aber doch kunstvoll gebaut, äußerlich aus feinen Würzelchen, Hälmchen und dergleichen Stoffen, welche mit Spinnweben durchflochten sind, zusammengeschichtet, innen glatt und nett mit feinen Bastfasern ausgelegt. Die verhältnismäßig kleinen, ungefähr zweiundzwanzig Millimeter langen und sechzehn Millimeter dicken Eier sind auf röthlichweißem Grunde überall mit dunkelbraunen und blaugrauen Flecken gezeichnet, welche gegen das Ende hin kranzartig zusammentreten. Weiteres über das Brutgeschäft habe ich nicht in Erfahrung bringen können.

In Indien werden Bülbüls oft gezähmt und nicht wegen ihres Gesanges, sondern wegen ihrer Kampflust hoch geschätzt. Auf Ceylon ist es ein gewöhnliches Vergnügen der Eingeborenen, sie kämpfen zu lassen. Zu diesem Zwecke nimmt man die jungen Männchen, sobald man sie unterscheiden kann, aus dem Neste, bindet sie an einen Faden fest und lehrt sie, jederzeit auf die Hand ihres Wärters zurückzukommen. Nachdem sie abgerichtet worden sind, bringt man die Kämpfer zusammen. Jeder einzelne wird auch jetzt an einer Schnur gefesselt, damit man ihn rechtzeitig zurückziehen kann; denn die streitlustigen Vögel kämpfen mit soviel Muth und Eifer, daß einer den anderen tödten würde, wenn man sie sich selbst überlassen wollte. Von Indien, ebenso aber auch von Syrien und Egypten aus erhalten wir die Bülbüls, welche in immer steigender Anzahl die Käfige unserer Liebhaber bevölkern und durch schmucke Haltung, flotten Gesang, leichte Zähmbarkeit, Begnügsamkeit und Ausdauer allgemeine Gunst sich erwerben.


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