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12. Familie: Stärlinge ( Icteridae),

Die Webervögel Amerikas sind die Stärlinge ( Icteridae), Vögel von Krähen- bis Finkengröße, gestreckt, aber kräftig gebaut, mit schlankkegelförmigem Schnabel, kräftigen Läufen, mittellangem Flügel und Schwanze und ziemlich weichem, glänzendem Gefieder, in welchem Schwarz, Gelb und Roth vorherrschend sind. Der gestreckte Schnabel ist rundlich, an der Wurzel dick, an der Spitze zahnlos oder ungekerbt; seine Oberfirste tritt schneppenartig in das Stirngefieder vor; die Wurzel wird nicht von haarartigen Federn eingehüllt. Die Läufe sind länger als die Mittelzehe, vorn geschildert; die Zehen werden durch kräftige, gebogene und spitzige Nägel bewehrt. Im Flügel ist die vierte Schwinge über die anderen verlängert. Der Schwanz, welcher während der Ruhe des Vogels bis gegen die Hälfte hin von den Schwingen bedeckt wird, ist abgerundet oder selbst abgestuft. Das Gefieder verlängert sich bei einigen auf dem Scheitel hollenartig und läßt bei anderen die Wangen frei.

Auch die Stärlinge, von denen man etwa einhundertundzehn Arten kennt, herbergen ausschließlich in Amerika, zu mehr als vier Fünftel im Süden und der Mitte der Erdtheils, jedoch auch im Norden bis zum Polarkreise. Sie vertreten die altweltlichen Staare, ähneln aber auch den Raben und ebenso gewissen Finken. Alle Arten sind gesellig, munter, beweglich und sangfertig. Sie bewohnen und beleben die Waldungen, nähren sich von kleinen Wirbel-, Kerb - und Muscheltieren, Früchten und Sämereien, und machen sich oft verhaßt, oft wieder sehr nützlich. Ihre Nester, welche denen der Webervögel an Zierlichkeit nicht nachstehen, sie vielleicht noch übertreffen, werden meist siedelweise an Bäumen aufgehängt; die Mitglieder einer Sippe aber bauen weder, noch brüten sie, vertrauen vielmehr ihre Eier fremder Pflege an.

Zur leichteren Uebersicht theilen wir auch diese, ebenfalls für Amerika bezeichnende Familie in Unterabtheilungen.

Haufenvögel ( Agelainae)

In der ersten Unterfamilie vereinigen wir die Haufenvögel ( Agelainae), zu denen die kleinsten Arten der Gesammtheit zählen. Ihr Schnabel ist gerade auf der Firste, die Schneide am Mundwinkel eckig herabgebogen. Der Daumen trägt eine spornartige Kralle. Das Gefieder der Jungen ist oft ammerartig, von dem der alten Vögel sehr verschieden gefärbt und gezeichnet.

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Paperling ( Dolichonyx oryzivorus) ½ natürl. Größe

Einer der häufigsten und verhaßtesten Vögel Nordamerikas, der Bobolink oder, wie unsere Händler sagen, der Paperling ( Dolichonyx oryzivorus und agripennis, Psarocolius caudacutus, Emberiza und Passerina oryzivora, Icterus und Emberizoides agripennis), verdient an erster Stelle genannt zu werden, weil er halb Fink, halb Stärling zu sein scheint. Man bleibt in der That im Zweifel, zu welcher der beiden Familien man ihn zu zählen hat, und dieser Zweifel ist auch dann noch nicht so leicht entschieden, wenn man den Vogel lebend vor sich sieht. Die Sippe der Reisstärlinge ( Dolichonyx), welche er vertritt, kennzeichnet sich durch mittellangen, starken, kegelförmigen, seitlich zusammengepreßten Schnabel, dessen oberer Theil schmäler ist als der untere, und dessen Kieferränder sich in ähnlicher Weise einbiegen, wie wir dies bei den Ammern kennen gelernt haben; der Fuß ist ziemlich lang und kräftig, der Leib gedrungen, der Kopf groß, der Flügel mittellang, in ihm die zweite Schwinge am längsten, der Schwanz mittellang, jede einzelne Feder von beiden Fahnen her scharf zugespitzt, das Gefieder eng anliegend und glänzend.

Die Länge des Paperlings beträgt achtzehn, die Breite neunundzwanzig, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge sechs Centimeter. Im Hochzeitskleide sind Ober- und Vorderkopf, die ganze Unterseite sowie der Schwanz des Männchens schwarz; der Nacken ist bräunlichgelb, der Oberrücken schwarz, jede Feder aber breit gelb gesäumt. Die Schultergegend und der Bürzel sind weiß mit gelbem Schimmer, die Schwingen und Flügeldeckfedern schwarz, aber sämmtlich gelb gesäumt. Das Auge ist braun, der Oberschnabel dunkelbraun, der Unterschnabel bläulichgrau, der Fuß lichtblau. Das etwas kleinere Weibchen ist aus der Oberseite licht gelblichbraun mit dunkleren Schaftstrichen auf den Federn, auf der Unterseite blaß graugelb, an den Seiten ebenfalls gestreift, die Zügelgegend braun, ein Streifen über dem Auge gelb. Die Schwingen und die Steuerfedern sind bedeutend lichter als beim Männchen. Diesem Kleide ähnelt das Männchen in seiner Wintertracht, und auch die Jungen stimmen im wesentlichen damit überein; jedoch sind bei ihnen alle Farben blasser und graulicher.

Der Paperling ist in Nordamerika ein Sommervogel, welcher sehr regelmäßig erscheint und wegzieht. Auf seiner Reise nach Süden berührt er Mittelamerika und namentlich Westindien, vielleicht auch die nördlichen Länder Südamerikas; doch scheint er nicht bis nach Brasilien vorzudringen. Im Staate New York trifft er zu Anfang des Mai in größeren und kleineren Trupps ein, welche sich bald durch neue Zuzüge vermehren und nach kürzester Zeit das ganze Land im buchstäblichen Sinne des Wortes erfüllen. Wie Audubon sagt, ist es unmöglich, ein von diesen Vögeln nicht bewohntes Feld aufzufinden. Dem Unbetheiligten gewährt die Beobachtung des von allen Landleuten bitter gehaßten Paperlings Vergnügen. Die Geselligkeit der Thiere wird auch während der Brutzeit nicht aufgehoben; ein Paar wohnt und brütet dicht neben dem anderen. Das Nest wird auf oder hart über dem Boden ohne große Sorgfalt, jedoch immer zwischen Gras oder Getreidehalmen angelegt und selbstverständlich zum Mittelpunkte des Wohngebietes eines Paares. Während nun die Weibchen sich dem Fortpflanzungsgeschäfte hingeben, treiben sich die Männchen im neckenden Wetteifer über dem Halmenwalde umher. Eines und das andere erhebt sich singend in die Luft und schwingt sich hier in eigenthümlichen Absätzen auf und nieder. Das Lied des einen erregt alle übrigen, und bald sieht man eine Menge aufsteigen und vernimmt von jedem die anmuthig heitere Weise. Mit Recht rühmen die Nordamerikaner den Gesang dieses Vogels; er genügt selbst dem verwöhnten Ohre eines deutschen Liebhabers. Die Töne sind reich an Wechsel, werden aber mit großer Schnelligkeit und anscheinender Verwirrung ausgestoßen und so eifrig fortgesetzt, daß man zuweilen den Gesang von einem halben Dutzend zu vernehmen glaubt, während doch nur ein einziger singt. Eine Vorstellung kann man sich nach Wilson von diesem Gesänge machen, wenn man auf einem Pianoforte rasch nach einander verschiedene Töne, hohe und tiefe durcheinander, ohne eigentliche Regel anschlägt. Aber die Wirkung des ganzen ist gut. Recht häufig singt das Männchen übrigens auch im Sitzen und dann unter lebhafter Begleitung mit den Flügeln, nach Art unseres Staares. In seinen Bewegungen zeigt sich der Paperling als sehr gewandter Vogel. Sein Gang auf dem Boden ist mehr ein Schreiten als ein Hüpfen, sein Flug leicht und schön. Zudem versteht er es, in seinem Halmenwalde auf- und niederzuklettern, trotz eines Rohrsängers.

In den letzten Tagen des Mai findet man die vier bis sechs, etwa zweiundzwanzig Millimeter langen, sechzehn Millimeter dicken, auf bräunlichgelbem oder bläulichem Grunde mit schwarzbraunen Flecken und Schnörkeln gezeichneten Eier im Neste. Jedes Paar brütet, falls ihm die ersten Eier nicht geraubt werden, nur einmal im Jahre. Die Jungen werden hauptsächlich mit Kerbthieren aufgefüttert, wachsen rasch heran, verlassen das Nest und schlagen sich sodann mit anderen ihrer Art in zahlreiche Flüge zusammen. Nunmehr zeigt sich der Paperling von seiner unliebenswerthen Seite. Der anmuthige Gesang ist beendet, die schmucke Tracht der männlichen Vögel bereits im Wechsel begriffen; das Paar hat keinen festen Standort mehr und streift im Lande auf und nieder. Jetzt beginnen die Verwüstungen. Die Vögel fliegen von Feld zu Feld, fallen in ungeheueren Schwärmen ein, fressen die noch milchigen Körner des Getreides ebenso gern als die bereits gereiften und fügen wegen ihrer ungeheueren Menge den Landleuten wirklich erheblichen Schaden zu. Jedes Gewehr wird jetzt gegen sie in Bereitschaft gesetzt; tausende und hunderttausende werden erlegt, jedoch vergeblich; denn die Verwüstungen währen demungeachtet fort. Man vertreibt die Vögel höchstens von einem Felde, um sie in das andere zu jagen. Sobald sie ihr Werk im Norden vollendet haben, fallen sie in die südlichen Pflanzungen ein. So treiben sie sich wochenlang umher, bei Tage in den Feldern hausend, nachts Rohrwälder zum Schlafen erwählend. Dann wandern sie allmählich weiter nach Süden hinab.

Im Käfige geht der Paperling ohne weiteres an das Futter, ist bald ebenso lustig und guter Dinge wie im Freien, klettert, turnt, singt nach Behagen, dauert aber nur dann einige Jahre aus, wenn man ihn knapp hält.

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Rothflügel ( Agelaius phoeniceus). 5/8 natürl. Größe.

Fast ebenso häufig wie der Paperling ist der Rothflügel, Vertreter der Sippe der Sumpftrupiale ( Agelaius). Der Schnabel ist lang, gestreckt kegelförmig, sehr spitzig und etwas zusammengedrückt, der Leib kräftig, der Flügel mittellang, die zweite und dritte Schwinge über die anderen verlängert, der Schwanz ziemlich lang und abgerundet, das Gefieder weich und glänzend. Im Hochzeitskleide ist der männliche Rothflügel ( Agelaius phoeniceus, Sturnus prädatorius, Oriolus, Icterus, Psarocolius und Xanthornis phoeniceus) tief schwarz, auf der Schulter prächtig scharlachroth, die größte Reihe der oberen Flügeldeckfedern zimmetgelbbraun, der Augenring dunkelbraun, der Schnabel wie der Fuß endlich bläulichschwarz. Die Länge beträgt zweiundzwanzig, die Breite fünfunddreißig, die Fittiglänge zwölf, die Schwanzlänge acht Centimeter. Das Weibchen ist auf der Oberseite schwärzlichbraun, auf der Unterseite graulichbraun, jede Feder hier mehr oder weniger gilblichgrau gesäumt; die Kehle und die Wangen sind auf licht graufahlem Grunde dunkel in die Länge gestrichelt.

Auch der Rothflügel ist über ganz Nordamerika verbreitet, wo er vorkommt, häufig, im Norden der Vereinigten Staaten regelmäßiger Brutvogel, im Süden nur zeitweilig massenhaft auftretender Wintergast. Audubons Schilderung gibt ein so vortreffliches Bild seiner Lebensweise, daß es genügt, wenn ich das wesentlichste derselben hier folgen lasse.

Wenn der Frühling erscheint, verläßt der Rothflügel die südlichen Staaten, in denen er während der kalten Jahreszeit Herberge genommen, und wandert in kleineren oder größeren Flügen dem Norden zu. Die Männchen ziehen singend voran, gleichsam als wollten sie durch ihre Lieder die Weibchen einladen, ihnen zu folgen. Die Wandergäste verweilen unterweges nicht selten auf mittelhohen Bäumen, spreizen ihren Schwanz, lüften das Gefieder und lassen ihre klaren und wohlklingenden Laute vernehmen, namentlich am frühen Morgen, bevor sie die Plätze verlassen, auf denen sie die Nacht verbrachten; denn sie wandern nur bei Tage. Sobald die Weibchen angekommen sind, beginnt das Brutgeschäft. Mehrere Männchen verfolgen ein Weibchen, bis dieses den Rechten sich erwählt und mit ihm zum Baue des Nestes schreitet. Das glückliche Paar zieht sich vom Haufen zurück und sucht am Rande eines einsamen Teiches oder einer sumpfigen Wiese nach einem geeigneten Nestplatze. Ein niedriger Strauch, ein dichter Rohr- oder Grasbusch wird erkoren und hier eine Menge trockenes Rohr zusammengetragen, die Nestmulde in ihm geformt und das Innere dann mit feineren Gräsern oder Pferdehaaren ausgekleidet. Hier findet man die vier bis sechs höchst eigenartigen, durchschnittlich fünfundzwanzig Millimeter langen, achtzehn Millimeter dicken, auf wasserblauem Grunde mit einzelnen großen, schwarzen und schwarzbraunen Flecken gezeichneten Eier. »Jetzt«, sagt Audubon, »kann man alle Treue und allen Muth beobachten, welche in dem Herzen des Männchens wohnt. Es bewacht ängstlich seine brütende Gattin. Jeder Eindringling, welcher dem Neste sich nähert, wird unter lautem Rufen, welches Furcht und Verwünschungen auszudrücken scheint, angegriffen, und gar nicht selten stößt der Vogel dicht selbst neben dem Menschen vorbei, welcher willentlich oder unwissentlich den Frieden stören wollte, oder er setzt sich auf einen Zweig über dem Neste und stößt so klägliche Töne aus, daß nur ein Gefühlloser daran denken kann, das Paar weiter zu stören.«

Nachdem die Jungen ausgeflogen sind, schlagen sie sich mit tausenden anderer ihrer Art zusammen und treiben sich selbständig umher, während die Eltern zu einer zweiten Brut Anstalt machen. Die ersten Jungen entfliegen im Anfange des Juni dem Neste; die zweiten folgen ihnen in den ersten Tagen des August. Zu dieser Zeit ist das Getreide der mittleren Staaten der Reife nahe gekommen, und nun fallen die gescharten Rothflügel in unschätzbarer Masse in den Feldern ein und machen ernste Abwehr des sorglichen Landmannes nöthig. Doch ist auch der größte Eifer des Menschen gewöhnlich erfolglos; die Masse der Vögel vereitelt jegliche Anstrengung. Sobald das Getreide wirklich reif geworden ist, verlassen die Plünderer die Felder und sammeln sich jetzt auf Wiesen und an Stromrändern, auch wohl im Rohre, vereinigen sich dabei mit Drosseln, Paperlings und ähnlichen Verwandten und bilden mit ihnen Flüge, welche die Luft verdunkeln. Ihre Verfolgung währt noch immer fort, und es ist kaum glaublich, in welchen Massen diese Vögel getödtet werden. Audubon versichert, vernommen zu haben, daß ein einziger Schuß mehr als funfzig von ihnen zu Boden gestreckt, und erzählt, daß er selbst Hunderte in einem Nachmittage erlegt habe. Dennoch nehmen die Massen an Zahl nicht ab. Nach Art unserer Staare, fallen sie mit Einbruch der Nacht in geschlossenen Flügen in den Rohrwäldern ein, um hier, wenigstens einigermaßen gegen die sie ewig bedrohenden Gegner geschützt, die Nacht zu verbringen.

Der Rothflügel wird seiner Schönheit halber oft in Gefangenschaft gehalten, verlangt wenig, singt fleißig, ist ewig munter und in Thätigkeit, stets heiter und, unter Gleichstarken mindestens, verträglich. Einen Gesellschaftsbauer belebt er in der anmuthigsten Weise; denn er versteht es, Auge und Ohr zugleich zu fesseln. Zur Fortpflanzung im Käfige schreitet er nicht, woraus zu erkennen, daß wir ihm bisher doch nicht alle Bedingungen zum Wohlbefinden gewährt haben.


Ein dick kegelförmiger und kurzer, aber sehr spitziger, auf der Firste fast gerader Schnabel mit stark eingebogenem Schneidenrande, feine, dünnzehige, mit wenig gebogenen Krallen bewehrte Füße, ziemlich lange und spitzige Flügel, in denen die drei ersten Federn gleich lang sind, mittellanger, gerade abgestutzter Schwanz, dessen einzelne Federn gegen die Spitze hin sich etwas verbreitern, und weiches Gefieder kennzeichnen die Sippe der Kuhstärlinge ( Molobrus).

Die bekannteste Art dieser Gruppe ist der berühmte oder berüchtigte Kuhvogel ( Molobrus pecoris, Emberiza, Fringilla, Molothrus, Icterus und Psarocolius pecoris). Kopf und Hals sind rußbraun; das ganze übrige Gefieder ist bräunlichschwarz, auf der Brust bläulich, auf dem Rücken grün und blau glänzend; der Augenring ist dunkelbraun; der Schnabel und die Füße sind bräunlichschwarz. Die Länge beträgt neunzehn, die Breite dreißig, die Fittiglänge elf, die Schwanzlänge acht Centimeter. Das Weibchen ist etwas kleiner und ziemlich gleichmäßig rußbraun, auf der Unterseite etwas lichter als auf der oberen.

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Kuhvogel ( Molobrus pecoris). ½ natürl. Größe.

Der Kuhvogel ist ebenfalls über den größten Theil Nordamerikas verbreitet und wenigstens in einzelnen Gegenden sehr häufig. Auch er lebt hauptsächlich auf sumpfigen Strecken, gern aber nebenbei auf Weiden, zwischen Rindern und Pferden. Seine Schlafplätze wählt er sich im Gebüsche oder im Röhrichte an Flußufern. Im Norden der Vereinigten Staaten erscheint er zu Ende des März oder im Anfange des April in kleinen Flügen. Zu Ende des September verläßt er das Land wieder, gewöhnlich in Gesellschaft mit anderen Vögeln. Seine Nahrung ist wesentlich dieselbe, welche seine Verwandten verzehren. Unseren Staaren ähnelt er darin, daß auch er oft von dem Rücken des Viehes die Schmarotzer abliest, welche sich dort festgesetzt haben.

Dies alles würde nach dem vorhergegangenen besondere Erwähnung kaum nöthig erscheinen lassen, zeichnete sich der Kuhvogel nicht anderweitig wesentlich aus. Er und alle übrigen Genossen seiner Sippe brüten nicht selbst, sondern vertrauen ihre Eier fremder Pflege an, mißachten auch, wie unser Kukuk, Schranken der Ehe und leben in Vielehigkeit. Während der Fortpflanzungszeit sieht man den Kuhvogel ebenso gut in Gesellschaften als sonst, in geraden und ungeraden Zahlen bei einander, bei dem einen Fluge mehr Weibchen, bei dem anderen mehr Männchen. »Trennt sich ein Weibchen von der Gesellschaft«, sagt Potter, »so wird sein Weggang kaum oder nicht berücksichtigt. Kein artiger Gefährte begleitet es oder verräth Kummer über seine Abwesenheit, kein zärtlicher oder liebevoller Ton begrüßt es bei seiner Rückkehr. In der That sind solche Ausdrücke der Zärtlichkeit oder wechselseitigen Zuneigung bei dem Kuhvogel durchaus überflüssig; die größte Ungebundenheit ist die Regel: jeder thut, was er will. Beobachtet man eine Anzahl dieser Vögel während der Brutzeit, so kann man sehen, wie das Weibchen seine Gefährten verläßt, unruhig umherfliegt und schließlich an einem geeigneten Orte, von wo aus es das Thun und Treiben der anderen Vögel wahrnehmen kann, geraume Zeit verweilt. Als ich einmal ein Weibchen in dieser Weise suchen sah, beschloß ich, womöglich das Ergebnis zu erfahren, stieg zu Pferde und ritt ihm langsam nach. Ich verlor es zuweilen aus dem Gesichte, bekam es jedoch immer bald wieder zu sehen. Es flog in jedes dichte Gebüsch, durchspähte mit der größten Sorgfalt alle Stellen, wo die kleineren Vögel gewöhnlich bauen, schoß zuletzt pfeilschnell in ein dichtes Gebüsch von Erlen und Dornsträuchen, verweilte hier fünf bis sechs Minuten und kehrte dann zu seiner Gesellschaft auf dem Felde zurück. Im Dickichte fand ich das Nest eines Erdwaldsängers oder Gelbkehlchens ( Geothlypis trichas) und in ihm ein Ei des Kuhvogels neben einem anderen des rechtmäßigen Besitzers. Als der Kuhvogel längs der einen Seite der Landzunge dahinflog, begab er sich in das lichte Laubwerk einer kleinen Ceder und kehrte zu wiederholten Malen zurück, ehe er es über sich vermochte, den Ort zu verlassen. Bei genauerer Untersuchung fand ich einen Ammerfinken auf dem Neste sitzen: in dieses würde der Kuvogel sich eingestohlen haben, wäre der Besitzer abwesend gewesen. Es scheint mir ziemlich sicher zu sein, daß der Schmarotzer mit Gewalt in ein Nest anderer Vögel eindringt und sie aus ihrem rechtmäßigen Besitze vertreibt. Im Nothfalle vollendet er aber auch auf Schleichwegen, was er nicht durch Gewalt erlangen kann. Jenes Gelbkehlchen kehrte, als ich mich noch in der Nähe der angegebenen Stelle befand, zurück und flog pfeilschnell in sein Nest, verließ es aber sogleich wieder, verschwand und kam wenige Minuten später in Gesellschaft des Männchens zurück. Beide zwitscherten mit großer Lebhaftigkeit und Unruhe eine halbe Stunde lang, als wollten sie die erlittene Beleidigung besprechen.«

Das Ei ist, wie bei dem Kukuk, kleiner, als man, von der Größe des Vogels schließend, vermuthen möchte, etwa fünfundzwanzig Millimeter lang, sechzehn Millimeter dick, und auf blaß blaugrauem Grunde, am dichtesten gegen das dickere Ende hin, mit umberbraunen Flecken und kurzen Strichen bezeichnet. Nach Audubon legt der Kuhvogel niemals mehr als ein Ei in ein Nest, zweifelsohne ihrer aber mehrere im Verlaufe der Brutzeit. Nach ungefähr vierzehntägiger Bebrütung schlüpft der junge Vogel aus, und nunmehr benehmen sich Pflegeeltern und Pflegekind genau ebenso, wie bei Beschreibung des Kukuks (vierter Band, Seite 222 ff.) geschildert wurde.

Wilson erzählt folgende allerliebste Geschichte. »Im Monate Juni hob ich einen jungen Kuhvogel aus dem Neste seiner Pflegeeltern, nahm ihn mit mir nach Hause und steckte ihn mit einem Rothvogel in einen Käfig zusammen. Der Kardinal betrachtete den neuen Ankömmling einige Minuten lang mit reger Neugierde, bis dieser kläglich nach Futter schrie. Von diesem Augenblicke an nahm sich der Rothvogel seiner an und fütterte ihn mit aller Emsigkeit und Zärtlichkeit einer liebevollen Pflegemutter. Als er fand, daß ein Heimchen, welches er seinem Pfleglinge gebracht, zu groß war und von diesem nicht verschlungen werden konnte, zerriß er es in kleinere Stücke, kaute diese ein wenig, um sie zu erweichen und steckte sie ihm mit der möglichsten Schonung und Zartheit einzeln in den Mund. Oefters betrachtete und untersuchte er ihn mehrere Minuten lang von allen Seiten und pickte kleine Schmutzklümpchen weg, welche er am Gefieder seines Lieblings bemerkte. Er lockte und ermunterte ihn zum Fressen, suchte ihn überhaupt auf jede Weise selbständig zu machen. Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, ist der Kuhvogel sechs Monate alt, hat sein vollständiges Gefieder erlangt und vergilt die liebevollen Dienste seines Pflegers durch ofte Wiederholung seines Gesanges. Dieser ist allerdings nichts weniger als bezaubernd, verdient jedoch wegen seiner Sonderbarkeit erwähnt zu werden. Der Sänger spreizt seine Flügel aus, schwellt seinen Körper zu einer Kugelgestalt an, richtet jede Feder wie ein Truthahn auf und stößt, anscheinend mit großer Anstrengung, einige tiefe und holperige Töne aus, tritt auch dabei jedesmal mit großer Bedeutsamkeit vor den Rothvogel hin, welcher ihm aufmerksam zuzuhören scheint, obgleich er ein ausgezeichneter Sänger ist und an diesen gurgelnden Kehltönen gewiß nur das Wohlgefallen finden kann, welches Darlegung der Liebe und Dankbarkeit dem Herzen bereitet.«

Gilbvögel ( Icterinae)

Eine zweite Unterfamilie umfaßt die Gilbvögel oder Trupiale ( Icterinae). Sie unterscheiden sich von den vorhergehenden durch beträchtlichere Größe, langen, schlanken, fein zugespitzten Schnabel mit gerader Firste, kräftige Beine mit ziemlich starken Zehen und schmalen, scharf gekrümmten Krallen, mäßig lange Flügel, aber langen, abgerundeten, seitlich stufig verkürzten Schwanz sowie endlich durch reiches Gefieder von vorherrschend gelber Färbung. Die Weibchen weichen wenig von den Männchen ab, und die Jungen haben niemals die ammerartige Zeichnung des Gefieders wie die Mitglieder der vorhergehenden Gruppe.

Die Gilbvögel bewohnen vorzugsweise die südliche Hälfte Amerikas, ohne jedoch im Norden zu fehlen. Ihre Gesellschaften beleben die Gebüsche und Wälder, und ihre oft sehr reichhaltigen Lieder erfreuen den Ansiedler wie den Jäger inmitten des Waldes. Ihre Nahrung besteht aus Kerbthieren und Früchten. Sie sind Erbauer äußerst künstlicher Nester, welche oft in großer Anzahl auf einem und demselben Baume aufgehängt werden. Fast alle Arten empfehlen sich als Stubenvögel durch Schönheit ihres Gefieders, lebhaftes Betragen und reichhaltigen Gesang.

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Baltimorevogel.

Unter den nordamerikanischen Arten der Unterfamilie verdient der Baltimorevogel oder Baltimoretrupial ( Icterus baltimore oder baltimorensis, Oriolus, Yphantes, Hyphantes und Psarocolius baltimore), als der bekannteste, zuerst erwähnt zu werden. Er vertritt die artenreiche Sippe der Trupiale ( Icterus), deren Merkmale in dem schlanken, fein zugespitzten, auf der Firste gerundeten, schneppenartig in das Stirngefieder eingreifenden, unterentheils durch hohen Mundwinkel ausgezeichneten Schnabel, den ziemlich kräftigen, langzehigen, mit hohen, stark gekrümmten Nägeln bewehrten Füßen, den ziemlich langen Flügeln, unter deren Schwingen die zweite die Spitze bildet, dem langen, abgerundeten, seitlich stufig verkürzten Schwanze und dem weichen, vorherrschend gelben Gefieder zu suchen sind. Kopf, Hals, Kinn und Kehle, Mantel, Schultern, Flügel und die beiden mittelsten Schwanzfedern sind tiefschwarz, Oberflügeldecken, Bürzel, Oberschwanzdeckgefieder und die übrigen Unterteile feurig orange, die Schwingen mit breiten, die der Hand im Endtheile mit schmalen weißen Außensäumen, die Handdecken in der Endhälfte weiß, eine breite Querbinde bildend, die noch nicht erwähnten Steuerfedern orange, hinter der Wurzel breit schwarz gebändert. Der Augenring ist braun, der Schnabel schwärzlich bleigrau, an den Schneidenrändern heller, der Fuß bleigrau. Die Länge beträgt zwanzig, die Breite dreißig, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge acht Centimeter. Beim Weibchen sind die Obertheile olivenbräunlich grau, die Mantelfedern undeutlich dunkler längsgestrichelt, die Unterteile orangegelb, die Oberschwanzdeckfedern olivenorange, die Armdecken und die größte Reihe der übrigen Flügeldecken am Ende weiß, so daß zwei Flügelquerbinden entstehen, alle übrigen Theile düsterer oder trüber gefärbt als beim Männchen.

Das Brutgebiet des Baltimorevogels umfaßt die Oststaaten Nordamerikas, von Kanada an bis zu den westlichen Hochebenen. Von hier aus wandert er im Winter bis Westindien und Mittelamerika hinab. Nach Audubon ist er an geeigneten Orten sehr häufig, wogegen er andere nur auf dem Zuge berührt. Hügelige Landschaften scheinen ihm vor allen zuzusagen. Er ist ein Sommervogel, welcher mit Beginn des Frühlings paarweise im Lande eintrifft und dann baldmöglichst zur Fortpflanzung schreitet. Sein Nest wird, je nachdem das Land, in welchem der Vogel wohnt, heißer oder kälter ist, verschieden ausgestattet, immer aber an einem schlanken Zweige angehängt und sehr künstlich gewebt. In den südlichen Staaten Nordamerikas besteht es nur aus sogenanntem »spanischen Moose«, und ist so locker gebaut, daß die Luft überall leicht hindurchdringen kann; das Innere enthält auch keine wärmenden Stoffe, ja der Bau wird sogar auf der Nordseite der Bäume angebracht. In den nördlichen Staaten hingegen wird es an Zweigen aufgehängt, welche den Strahlen der Sonne ausgesetzt sind, und innen mit den wärmsten und feinsten Stoffen ausgekleidet. Der bauende Vogel fliegt zum Boden herab, sucht sich geeignete Stoffe, heftet das Ende derselben mit Schnabel und Klauen an einen Zweig und flicht alles mit großer Kunst durcheinander. Gelegentlich des Nestbaues wird der Baltimorevogel übrigens zeitweilig lästig. Die Frauen haben dann auf das Garn zu achten, welches sie bleichen wollen; denn jener schleppt alle Faden, welche er erlangen kann, seinem Neste zu. Man hat oft Zwirnssträhne oder Knäuel mit Seidenfaden in seinem Nestgewebe gefunden.

Nachdem der Bau fertig ist, legt das Weibchen vier oder sechs Eier, welche ungefähr fünfundzwanzig Millimeter lang, sechzehn Millimeter dick und auf blaßgrauem Grunde mit dunkleren Flecken, Punkten und Strichen gezeichnet sind. Nach vierzehntägiger Bebrütung entschlüpfen die Jungen; drei Wochen später sind sie flügge. Dann brütet, wenigstens in den südlichen Staaten, das Paar wohl noch einmal im Laufe des Sommers. Bevor die Jungen ausfliegen, hängen sie sich oft an der Außenseite des Nestes an und schlüpfen aus und ein wie junge Spechte. Hierauf folgen sie ihren Eltern etwa vierzehn Tage lang und werden während der Zeit von ihnen gefüttert und geführt. Sobald die Maulbeeren und Feigen reifen, finden sie sich auf den betreffenden Bäumen ein, wie sie früher auf den Kirsch- und anderen Fruchtbäumen erschienen, und dann können sie ziemlich bedeutende Verwüstungen anrichten. Im Frühjahre hingegen nähren sie sich fast ausschließlich von Kerbthieren, welche sie entweder von Zweigen und Blättern ablesen oder fliegend und zwar mit großer Behendigkeit verfolgen. Schon frühzeitig im Jahre treten sie ihre Wanderung an. Sie reisen bei Tage in hoher Luft, meist einzeln, unter laut tönendem Geschreie und mit großer Eile. Erst gegen Sonnenuntergang senken sie sich nach geeigneten Bäumen hernieder, suchen hastig etwas Futter, schlafen, frühstücken und setzen dann ihre Reise fort.

Die Bewegungen sind zierlich und gleichmäßig. Der Flug ist gerade und anhaltend, der Gang auf dem Boden ziemlich geschickt. Seine größte Fertigkeit entfaltet der Vogel im Gezweige der Bäume; hier klettert er mit den Meisen um die Wette.

Seiner Schönheit halber hält man den Baltimorevogel häufig im Käfige. Der Gesang ist zwar einfach, aber äußerst angenehm wegen der Fülle, der Stärke und des Wohllautes der drei oder vier, höchstens acht oder zehn Töne.


Den Gilbvögeln stehen die Krähenstärlinge ( Ostinops) nahe. Auch sie, die größten Glieder der Familie, sind schlank gebaute Vögel mit langem, spitzkegelförmigem Schnabel, starken, langzehigen und scharf bekrallten Füßen, ziemlich langen, zugespitzten Flügeln, langem, breitfederigem und gewöhnlich stufig abgerundetem Schwanze und derbem, glattem, glänzendem Gefieder von vorherrschend schwärzlicher, durch Gelb oder Roth gehobener Färbung.

Die Krähenstärlinge, welche in Amerika theilweise die Stelle unserer Raben vertreten, sind schöne, lebhafte und bewegliche Geschöpfe, welche in ihrer Lebensweise manches mit den Gilbvögeln gemein haben, jedoch in den Wäldern und immer auf Bäumen leben. Zur Zeit der Reife des Getreides oder der Früchte nähern sie sich den Wohnungen und Pflanzungen ohne Scheu und werden dann zuweilen lästig. Im Walde stellen sie Kerbthieren und die größeren Arten wohl auch kleinen Wirbelthieren nach; nebenbei fressen sie Früchte und Sämereien. Ihre Stimme ist zwar nicht so wohllautend wie die der Gilbvögel, entbehrt jedoch keineswegs alles Wohlklanges und zeichnet sich durch große Biegsamkeit aus. Nach Schomburgk werden einzelne Arten von den Europäern Guayanas »Spottvögel« genannt. Sie ahmen nicht bloß die Stimmen aller um und neben ihnen singenden und schreienden Vögel, sondern auch die Laute der Säugethiere nach. »Es kann«, sagt Schomburgk, »kaum einen unruhigeren und lärmenderen Sänger geben als diesen Spottvogel. Schweigt die umgebende Thierwelt, so stimmt er seinen eigenen Gesang an, welcher etwas ganz angenehmes hat. Plötzlich läßt vielleicht ein Pfefferfresser seine hohle Stimme erschallen, und der Krähenstärling wird augenblicklich zum Pfefferfresser; die verschiedenen Spechte werden laut, der Schwarzvogel wird zum Spechte; blöken die Schafe, so ist er um die Antwort ebensowenig verlegen. Ertönt aber einige Augenblicke keine andere Stimme, dann fällt er wieder in seinen eigenthümlichen Gesang, bis dieser vielleicht von dem Geschreie der Truthühner oder dem Geschnatter der Enten auf dem Gehöfte unterbrochen wird, und er dann augenblicklich als Truthahn oder Ente auftritt. Alle diese nachgeahmten Töne begleitet der Vogel zugleich mit so sonderbaren Bewegungen und Drehungen des Kopfes, des Halses und des ganzen Körpers, daß ich oft in helles Lachen über den so redseligen und sich doch so zierenden Gesellen habe ausbrechen müssen.«

Kaum weniger merkwürdig als durch ihre Stimme werden diese Stärlinge durch ihren Nestbau. Auch sie bilden Brutansiedelungen und hängen ihre beutelförmigen, ziemlich künstlichen Nester gemeinschaftlich an einem und demselben Baume auf, gar nicht selten in brüderlicher Eintracht mit verwandten Arten, welche nach der Brutzeit ihren eigenen Weg gehen und sich um die Mitbewohner der Siedelungen nicht mehr bekümmern. Die Nester gleichen großen, unten stark gefüllten Schrotbeuteln, wie sie früher üblich waren, sind aber so luftig, daß man den hellen Steiß des brütenden Vogels sehen kann. Ihr Bau erfordert viel Zeit und einen großen Aufwand von Mühe und Geschicklichkeit. Einzelne Arten gebrauchen nur zwirnfadenartige Streifen oder Fasern, welche sie von den Wedeln der Maximilianen abschälen. »Kaum hat sich der Vogel«, sagt Schomburgk, »auf den Wedel niedergesetzt, so faßt er die äußere Schale des Wedels mit dem Schnabel, löst sie einige Centimeter weit ab und fliegt dann mit einer ganz eigenthümlichen Bewegung seitwärts, dabei die Faser drei bis vier Meter weit abschälend.« Andere Arten benutzen lange Grashalmen zum Nestbaue und wissen diese wahrscheinlich durch ihren Speichel geschmeidig zu machen. Nach Prinz von Wied erziehen alle Arten nicht mehr als zwei Junge.

Die freilebenden Krähenstärlinge haben außer dem Menschen nur in den kräftigsten Falken ihrer Heimat gefährliche Feinde; die Jungen leiden, so trefflich ihre Wiege sonst geschützt sein mag, zuweilen unter Ueberschwemmungen. »Große Flüge von Krähenstärlingen«, erzählt Schomburgk, »umschwärmten mit ängstlichem Geschreie ihre beutelförmigen Nester, von denen viele bereits von der hohen Flut erreicht und sogar schon in ihr begraben waren. Hier flogen unter ängstlichem Gelärme eine Menge von Paaren und suchten ihr Nest, ihre Eier, ihre Brut, währenddem andere, noch nicht vom Wasser erreichte, ruhig fortbrüteten, die Jungen fütterten oder Stoffe zum begonnenen Neste herbeitrugen und die Klagen ihrer Genossen nicht beachteten. Das Leben in ihrer Ansiedelung war das treue Abbild des Lebens in den größeren Städten. Wie dort hatten auch die Vögel ihre Wohnungen friedfertig neben einander gebaut, und wie dort bekümmerte sich keiner um die Schmerzen der anderen.«

 

Ein würdiger Vertreter der Sippe ist der Schapu (Japu) oder der Haubenstärling ( Ostinops cristata, Xanthornus maximus, Oriolus, Cassicus und Psarocolius cristatus). Seine Länge beträgt vierzig bis fünfundvierzig, die Breite einundsechzig bis fünfundsechzig, die Fittiglänge zwanzig bis einundzwanzig, die Schwanzlänge achtzehn bis neunzehn Centimeter. Das auf der Scheitelmitte schmale, schopfartig verlängerte Gefieder ist bis auf die fünf äußeren citrongelben Schwanzfederpaare und die lebhaft kastanienbraunen Bürzel-, Ober- und Unterschwanzdeckfedern glänzend schwarz, auf Mantel und Schultern am Federende bräunlich gerandet und unterseits düsterer als auf der Oberseite. Das Weibchen ist bedeutend kleiner.

Der Schapu, dessen Lebensweise Prinz von Wied unübertrefflich geschildert, verbreitet sich, mit Ausnahme der westlichen Gebiete von Südbrasilien, über ganz Südostamerika, nach Norden hin bis Guatemala, bewohnt nur die Wälder und nähert sich den Pflanzungen oder menschlichen Wohnungen bloß dann, wenn sie dicht am Walde liegen. In den waldlosen Gegenden sieht man ihn nicht; in den Waldungen ist er zahlreich. Er lebt, etwa nach Art unseres Hehers gesellschaftlich, ist lebhaft, stets in Bewegung, fliegt von einem Fruchtbaume zum anderen, hängt sich mit seinen starken Klauen an die Zweige, ergreift zuweilen eine Frucht, fliegt damit ab, um sie anderwärts zu verzehren und lockt und ruft dabei fortwährend. Die Nahrung besteht aus kleineren Thieren und Beeren; während der Fruchtreife aber bilden Orangen, Bananen, Mammonen seine Lieblingsspeise. In den Pflanzungen kann er sehr schädlich werden.

siehe Bildunterschrift

Schapu ( Ostinops cristata). 2/5 natürl. Größe.

Man begegnet ihm auch zur Brutzeit stets in Gesellschaft anderer seiner Art, oft dreißig, vierzig und mehr Paare auf einem kleinen Raume vereinigt, und seine merkwürdigen Beutelnester hängen alsdann beinahe an allen Zweigen eines oder mehrerer der hohen oder ausgebreiteten Urwaldbäume. »Ich fand einst«, sagt der Prinz, »in einem romantischen, dunkel schattigen, allseitig von Waldbergen geschützten Thale eine höchst zahlreiche Ansiedelung dieser Vögel. Sie belebten den Wald so, daß man seine Aufmerksamkeit nicht genug auf eine und dieselbe Stelle heften konnte. Der ganze Wald hallte wieder von ihrer in dieser Zeit besonders lebendigen Stimme. Gewöhnlich hört man von ihnen einen kurzen, rauhen, etwas krächzenden Lockton; sie lassen aber auch abwechselnde Töne hören: einen lauten, sonderbaren Kehlpfiff, welcher gleichsam flötend und nicht unangenehm klingt, gewöhnlich nicht oft wiederholt wird, jedoch zuweilen in der Ausdehnung einer halben Oktave ertönt. Andere verschiedenartige Laute, welche mit obigen vereint werden, bringen oft ein nicht unangenehmes, obwohl sonderbares Tonstück hervor, zumal dann, wenn viele dieser Vögel zugleich sich vernehmen lassen.

»Der Schapu befestigt sein merkwürdiges Nest zuweilen auf sehr hohen, zuweilen auf mäßig hohen Bäumen. Es ist beutelförmig, dreizehn bis siebzehn Centimeter weit, schmal, lang, unten abgerundet, oft einen bis anderthalb Meter lang, oben an einem ziemlich schlanken, etwa fingerdicken Zweige festgeschlungen und stark befestigt; hier befindet sich auch eine längliche, gänzlich unbeschützte Oeffnung zum Eingänge. Die Gestalt und die biegsame, lockerem Filze ähnliche Masse dieses Nestes gibt dasselbe vollkommen der Gewalt des Windes preis; es ist dessen Spiel, selbst bei einer leisen Luftbewegung. Der Vogel flicht und filzt dieses Beutelnest auf die künstlichste Art aus Tillandsia- und Gravathafäden so fest ineinander, daß man es nur mit Mühe zerreißen kann. Unten im Grunde dieses tiefen Beutels findet man zur Unterlage der jungen Vögel Moos, dürres Laub und Bast; hier liegen ein oder zwei Eier. Sie sind von länglicher Gestalt, auf weißlichem Grunde blaß violettröthlich verwaschen marmorirt und haben einzelne unregelmäßige dunkel schwarzviolette Striche und Punkte. Gewöhnlich fand ich nur ein Junges in diesen Nestern; doch muß man die Anzahl eigentlich auf zwei annehmen; unrichtig würde es aber sein, wenn man dieselbe mit Azara auf drei festsetzen wollte. Die jungen Vögel haben eine laute, rauhe Stimme und gleichen schon im ersten Gefieder den alten, da die gelben Schwanzfedern sogleich hervorkommen. Oft findet man ein Nest an das andere angebaut, das heißt das eine theilt sich etwa in seiner Mitte und hat einen beutelförmigen Seitenauswuchs, welcher ebenfalls eine Wohnung ist. Auf einem Baume zeigen sich dreißig, vierzig und mehrere Nester. Besonders gern scheint sie der Vogel an dürren, trockenen Zweigen zu befestigen. Im November fand ich Nester, welche noch leer waren, in anderen Eier und junge Vögel. »Ein solcher mit Nestern beladener Baum, auf welchem diese großen, schönen Vögel sich geschäftig ab und zu bewegen, bietet dem Vogelkundigen und Jäger ein höchst anziehendes Schauspiel dar. Das weit größere, schönere Männchen breitet seinen prächtigen Schwanz aus, bläht wie der Schwan seine Flügel auf, bringt den Kopf unterwärts, wobei es den Kropf aufbläst, und läßt alsdann seinen sonderbaren flötenartigen Kehllaut hören. Fliegt der Vogel mit seinem leichten, schnellen Fluge ab, so verursacht er mit seinen Flügeln ein von unten hörbares Geräusch. Man kann die Thiere, ohne sie zu verscheuchen, stundenlang beobachten.

»Wenn die Brutzeit verstrichen ist, ziehen die Krähenstärlinge gesellschaftlich nach den Fruchtbäumen umher, und wir haben ihrer dann viele auf den Genipabäumen und anderen erlegt. Dieses habe ich besonders häufig an den Flüssen Belmonte und Ilhéos gesehen, wo sie äußerst zahlreich und gemein sind. Ihr Fleisch ist ziemlich eßbar, obwohl grob und oft hart; wir haben an demselben nie einen besonderen Geruch wahrgenommen, wie einige Schriftsteller sagen. Die Botokuden schießen den Schapu mit Pfeilen, theils um ihn zu essen, theils wegen seiner gelben Federn. Sie lieben dieselben ganz ungemein, bilden mit Wachs einen Fächer aus ihnen und befestigen denselben vor der Stirne.«

Gefangene Krähenstärlinge dauern viele Jahre aus, sind im Käfige munter und regsam, würden hier wohl auch zum Nisten schreiten, wenn man sie gesellschaftsweise halten wollte. Diejenigen Forscher, welche von einem besonderen Geruche sprechen, haben wahrheitsgetreu berichtet; denn unsere Stärlinge riechen zuweilen so stark, daß man sie kaum im Zimmer belassen kann.

Schwarzvögel ( Chalcophaninae)

Als Vertreter einer besonderen Unterfamilie betrachtet man die Schwarzvögel ( Chalcophaninae). Ihr kegelförmiger Schnabel ist lang, gerade, auf der Firste sanft gebogen, an der Spitze deutlich herabgekrümmt, am Mundwinkel weniger als bei den Verwandten herabgezogen, die Stirnschneppe kurz, der Fuß verhältnismäßig zierlich, hochläufig, lang- und dünnzehig, mit spitzigen, wenig gebogenen Nägeln bewehrt, die Flügel mittellang, in ihnen die dritte Schwinge die längste, der Schwanz stark zugerundet, das Gefieder einfarbig schwarz mit metallischem Glanze.

Der Purpurschwarzvogel oder Bootschwanz, auch Purpurgrakel genannt ( Calcophanes quiscalus, Gracula quiscala, Oriolus ludovicianus und h udsonius, Sturnus quiscalus, Quiscala nitens und purpurea, Quiscalus purpureus und versicolor), mag uns über die Lebensweise genauer unterrichten. Seine Länge beträgt einunddreißig, die Breite vierzig, die Fittiglänge vierzehn, die Schwanzlänge zwölf Centimeter. Kopf, Hals und Unterseite sind schwarz, glänzend und tief purpurveilchenfarben oder kupferbraun schimmernd, die Untertheile durch stahlgrüne Flecke, alle Federn des Mantels und der Schultern durch einen von dem matt schwarzgrünen Grunde sich abhebenden, regenbogenartig schimmernden Querstrich geziert, Bürzel und obere Schwanzdeckfedern bronzefarben, die längsten purpurviolett, die Außenfahnen der Schwingen und Schwanzfedern stahlviolettblau schillernd. Der Augenring ist schwefelgelb, der Schnabel wie der Fuß schwarz.

siehe Bildunterschrift

Bootschwanz ( Calcophanes quiscalus). 3/5 natürl. Größe.

Der Bootschwanz verbreitet sich über die östlichen Theile der Vereinigten Staaten, nördlich bis Neuschottland, westlich bis zu den Alleghanies, und bewohnt ausschließlich sumpfige Gegenden. Er lebt zu allen Zeiten des Jahres gesellig, schlägt sich oft in sehr große Scharen zusammen und schwärmt in den salzigen Marschen und an den schlammigen Küsten seiner Heimat umher. Seine Hauptnahrung besteht aus kleinen Krabben und Würmern. Kerbthiere verschmäht er selbstverständlich ebensowenig als andere seiner Verwandten, und zur Zeit der Frucht- oder Getreidereife erscheint auch er in den Pflanzungen. In den Reisfeldern soll er empfindlichen Schaden anrichten.

Im Anfange des Februar haben die Männchen ihr Hochzeitskleid angelegt und sich gepaart. Jetzt sieht man sie einzeln auf hohen Bäumen sitzen und hier ihre ganze Pracht entfalten. Sie brüsten sich gewissermaßen in ihrer Schönheit und glitzern auf weithin im Strahle der Sonne. Gegen andere ihrer Art zeigen sie sich eifersüchtig, jedoch nur so lange, als ihre Ehe noch nicht geschlossen ist. Sobald sich die Paare geeinigt haben, endet der Streit, und die vollste Eintracht tritt an dessen Stelle. Sie wählen jetzt längs der Küsten oder Stromufer, auch wohl in den Sümpfen, einen geeigneten Platz zur Anlage ihres Nestes, welches im wesentlichen dem anderer Stärlinge ähnelt. Das Weibchen legt vier bis fünf Eier, welche einunddreißig Millimeter lang, dreiundzwanzig Millimeter dick und auf graulichweißem Grunde unregelmäßig mit braunen und schwarzen Punkten bedeckt sind. Die Jungen werden von beiden Eltern groß gezogen und mit allerlei Futter ernährt. So scheuen sich die Alten keineswegs, andere Vogelnester auszuplündern und deren Eier oder Jungen zu verzehren und bezüglich zu verfüttern. Sie ihrerseits sollen aber auch ihre Feinde haben. »Wenn der Bootschwanz«, erzählt Audubon, »in dem hohen Rohre der offenen Baien und Seen Louisianas und Floridas brütet, zieht das Geschrei der Jungen oft die Aufmerksamkeit des Alligators auf sich, welcher dann, in Anbetracht des vortrefflichen Bissens, leise im Rohre dahin schwimmt und plötzlich dem betreffenden Stengel einen Schlag mit dem Schwanze gibt, in der Absicht, die unvorsichtigen Jungen aus dem Neste zu schleudern. Die, welche ins Wasser fallen, werden augenblicklich verschlungen. Doch gelingen dem Kaiman selten mehr als einer oder zwei seiner Angriffe, weil die Alten bald sehr vorsichtig werden und die Jungen rechtzeitig warnen.« Ich will ausdrücklich bemerken, daß ich die Wahrheit dieser Erzählung entschieden bezweifele.

Der Bootschwanz ist ein sehr gewandter Vogel. Im Rohre klettert er mit Leichtigkeit auf und nieder, und auf dem Boden bewegt er sich mit der Zierlichkeit des Staares und der Fertigkeit der Krähe. Der Flug beschreibt lange Wellenlinien. Die Stimme ist nicht rühmenswerth; der Lockton ein schrillendes »Krikkrikri«, der Gesang der Liebe ein einfaches »Tiriri« etc., welches von den höchsten Zweigen herab mit großer Ausdauer und viel Selbstgefühl vorgetragen wird. Im Herbste und Winter vereinigen sich die Bootschwänze oft mit verwandten Vögeln und zuweilen auch mit unverwandten wie mit kleinen Reihern und dergleichen. Raubvögel verfolgen sie mit demselben Eifer und Ingrimme wie die Krähen die unserigen.


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