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43. Familie: Bürzelstelzer ( Pteroptochidae)

Als Verwandte der Ameisenvögel dürfen wir die Bürzelstelzer ( Pteroptochidae) ansehen. Die von ihnen gebildete, im gemäßigten Gürtel Südamerikas heimische Familie umfaßt höchstens zwanzig Arten, deren Merkmale die folgenden sind. Der Schnabel ist mittellang, an der Wurzel breiter als hoch, auf der Firste sanft abfallend, an den Schneidenrändern gerade, die Nasenöffnung durch Haut verdeckt, der Fuß äußerst kräftig, hochläufig, großzehig und mit langen Nägeln bewehrt, der Lauf vorn mit sechs breiten Schildern getäfelt, der Flügel, unter dessen Schwingen die vierte bis sechste die längsten sind, kurz und abgerundet, der Schwanz mittellang und zugerundet, das Gefieder reich, über dem Auge und am Schnabelrande zu Borsten umgewandelt.

Eine der bekannteren Arten ist der Türkenvogel, »Turco« und »Tapacolo« der Chilesen ( Hylactes megapodius, Pteroptochus megapodius, Megalonys rufus, Leptonyx macropus). Das Gefieder der Oberseite ist dunkel olivenbraun, das des Bürzels rothbraun; ein Schläfenstrich, Kinn und untere Backengegend sind weiß, Zügel und Ohrgegend dunkelbraun, die übrigen Untertheile olivenrostbraun, Bauch- und Schenkelseiten mit schmalen schwärzlichen und breiten weißen, untere Schwanzdecken mit rostfahlen, Brust- und Bauchmitte auf weißlichem Grunde mit schmalen dunkelbraunen Querbinden gezeichnet, die Schwingen außen rostbräunlich gesäumt, die Schwanzfedern tiefbraun. Das Auge hat dunkelbraune, der Schnabel schwarzbraune, der Fuß braunschwarze Färbung. Die Länge beträgt ungefähr siebenundzwanzig, die Fittiglänge zehn, die Schwanzlänge neun Centimeter.

siehe Bildunterschrift

Türkenvogel ( Hylactes megapodius). 2/5 natürl. Größe.

Die Lebensweise der Bürzelstelzer bedarf noch sorgfältiger Forschung. »So verborgen der merkwürdige Gesell sich gewöhnlich zu halten pflegt«, sagt Kittlitz von dem durch ihn in der Nähe von Valparaiso entdeckten Türkenvogel, »so muß doch an den mit einer eigentümlichen Bambusenform überwucherten Abhängen sein Dasein jedem Beobachter der Natur durch die einzelnen, in unregelmäßigen Zwischenräumen auf einander folgenden Töne seiner Stimme sich kundgeben, die wunderbar knarrend und kreischend lauten und allmählich immer tiefer werden. Der Tapacolo und seine Verwandten gewähren oft den überraschendsten Anblick, wenn sie plötzlich mit ihren kurzen, zum Fluge unfähigen Flügeln, den raschen Lauf unterstützend, aus dem Dickichte hervorschlüpfen und in einer Stellung, wie wir sie wohl bei unserem Zaunkönige zu sehen gewohnt sind, auf einer hervorragenden Spitze auf Augenblicke sich zeigen, nachdem sie dahin durch einen plötzlichen, ungeheueren Sprung gelangt sind. Durch einen ähnlichen Sprung verschwinden sie ebenso plötzlich wieder« Eingehender berichtet Darwin. »Unter den Vögeln Chiloës sind zwei Bürzelstelzer die merkwürdigsten. Der erstere, welcher von den Chiloësen ›Turco‹ genannt wird, ist nicht selten. Er lebt auf der Erde, geschützt von den Gesträuchen, mit denen die trockenen und kahlen Hügel hier und da bedeckt sind. Mit seinem aufgerichteten Schwanze und stelzengleichen Beinen kann man ihn sehr oft sehen, wie er mit ungemeiner Schnelligkeit von einem Gebüsche zum anderen huscht. Es bedarf wirklich nicht viel Einbildungskraft, zu glauben, daß der Vogel sich seiner selbst schämt und seiner lächerlichen Gestalt bewußt ist. Wenn man ihn zuerst sieht, wird man versucht, auszurufen: Ein schlecht ausgebalgter Vogel hat sich von einem Museum geflüchtet und ist wieder lebendig geworden. Man kann ihn ohne die größte Mühe nicht zum Fliegen bringen. Auch läuft er nicht, sondern hüpft nur. Die verschiedenen lauten Töne, welche er hören läßt, wenn er unter dem Gesträuche verborgen ist, sind so fremdartig wie sein ganzes Aeußere. Er soll sein Nest in eine tiefe Höhle unter der Erde bauen. Ich zerlegte mehrere. Der sehr muskelkräftige Magen enthielt Käfer, Pflanzenfasern und Kiesel. Hiernach, nach der Länge der Beine, den Füßen zum Kratzen und der häutigen Bedeckung der Nasenlöcher scheint dieser Vogel bis zu einem gewissen Grade die Drosseln mit den hühnerartigen Vögeln zu verknüpfen. Eine zweite Art ( Pteroptochus albicollis), welche hier Tapacolo heißt, ist mit der ersten verwandt. Der kleine schamlose Wicht verdient seinen Namen (Bedecke deinen Hintern) mit Recht; denn er trägt seinen Schwanz mehr als aufrecht, nämlich rückwärts nach dem Kopfe zu geneigt. Er ist sehr gemein und lebt in Hecken und einzelnem, über die unfruchtbaren Hügel zerstreutem Gebüsche, wo kaum ein anderer Vogel bestehen könnte. Deshalb ist er für die Vogelwelt Chiloës bezeichnend. In der Art, seine Nahrung zu suchen, in seinem schnellen Hüpfen aus den Dickichten und wieder zurück, in seiner Weise, sich zu verstecken, und seiner Unlust zum Fliegen hat er eine große Aehnlichkeit mit dem Turco; aber sein Aussehen ist nicht ganz so lächerlich. Der Tapacolo ist sehr listig. Wenn er von jemand in Furcht gesetzt wird, bleibt er bewegungslos unten in einem Gebüsche sitzen und versucht dann nach einer kleinen Weile mit viel Geschicklichkeit auf die andere Seite zu kriechen. Es steht im Einklange mit seiner sonstigen Lebhaftigkeit, daß er viel schreit. Seine Töne sind mannigfaltig und sehr sonderbar. Einige klingen wie das Girren der Turteltauben, andere wie das Rauschen des Wassers, und noch andere lassen sich mit gar nichts vergleichen. Die Landleute sagen, daß er sein Geschrei dreimal im Jahre verändere, vielleicht dem Wechsel der Jahreszeiten entsprechend. Merkwürdig ist, daß Molina, welcher die Säugethiere und Vögel Chiloës genau beschreibt, dieser nicht erwähnt. Eine dem Turco nächst verwandte Art ( Hylactes Tarnii) wird von den Eingeborenen Gid-Gid, von den Engländern bellender Vogel genannt. Dieser letztere Name ist sehr passend; denn sicher kann niemand unterscheiden, ob nicht ein kleiner Hund irgendwo im Walde bellt. Zuweilen hört man das Bellen ganz nahe, aber man bemüht sich vergebens, durch Aufmerksamkeit, und noch weniger, wenn man die Gebüsche klopft, seinen Urheber zu entdecken, und doch kommt der Gid-Gid bei anderen Gelegenheiten furchtlos nahe. Beide Arten sollen ihre Nester ganz nahe an die Erde unter die faulenden Aeste bauen. Da der Boden so ausnehmend naß ist, so ist dies ein guter Grund, daß sie nicht Löcher graben.«


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