Autorenseite

 << zurück weiter >> 

28. Familie: Spechtmeisen ( Sittidae)

Spechtmeisen oder Kleiber ( Sittidae) nennen wir eine aus ungefähr dreißig Arten bestehende Familie, deren Merkmale die folgenden sind. Der Schnabel ist mittellang, keilkegelförmig und spitzig, auf der Firste gerade, an der Dillenkante seicht gewölbt, der kurzläufige und sehr langzehige Fuß mit großen, spitzigen, stark gekrümmten Nägeln bewehrt, der Fittig, unter dessen Schwingen die dritte und vierte die Spitze bilden, breit und stumpf, der Schwanz kurz und breit, das Gefieder reichhaltig und weich. Die Zergliederung ergibt, laut Nitzsch, große Uebereinstimmung mit anderen Singvögeln. Die Wirbelsäule besteht aus zwölf Hals-, acht Rippen- und sieben Schwanzwirbeln. Die Hinterglieder zeigen auch im Gerippe ihre bedeutende Entwickelung. Luftführend sind nur die Hirnschale und die Oberarmknochen. Die Zunge ist lang, aber nicht wurmartig, breit, niedrig, oben gefurcht, vorn stumpf gespalten und in mehrere Fasern zerrissen, reicht in ihrer gewöhnlichen Lage bis zur halben Schnabellänge hervor, läßt sich jedoch über die Schnabelspitze vorstrecken. Der Vormagen ist kurz, der Magen fleischig.

Die Spechtmeisen fehlen, so weit bis jetzt bekannt, in Mittel- und Südafrika wie in Südamerika, beherbergen vorzugsweise, aber nicht ausschließlich Waldungen und klettern an den Bäumen auf und nieder oder laufen an den steilsten Felsenwänden auf und ab. Vielleicht sagt man nicht zu viel, wenn man sie als die vollendetsten aller Klettervögel bezeichnet, da sie den Spechten in dieser Fertigkeit nicht nur nicht im geringsten nachstehen, sondern sie in einer Hinsicht noch übertreffen; sie verstehen nämlich die schwere Kunst, an senkrechten Flächen von oben nach unten herabzuklettern, was außer ihnen kein anderer Vogel vermag. »Ihre Fertigkeit im Klettern«, sagt mein Vater, »habe ich oft umsomehr bewundert, als sie aus der Einrichtung ihrer Füße und ihres Schwanzes nicht hervorzugehen scheint. Die Gestalt der Spechte kann als die Grundgestalt der Klettervögel betrachtet werden. Ihre starken, kurzen, mit gepaarten Zehen und großen, scharf gekrümmten Nägeln versehenen Füße, ihr keilförmiger, aus harten, zurückschnellenden Federn bestehender Schwanz, ihr meist schlanker, niedriger Körper setzen sie in den Stand, mit der größten Schnelligkeit und Sicherheit an den Bäumen hinauf zu hüpfen. Die ganze Einrichtung ist so zweckentsprechend, daß man meint, es könnte an derselben nichts verändert werden, ohne daß ein leichtes Klettern unmöglich würde. Bei den Kleibern aber ist vieles anders. Ihre Füße sind länger und von den Zehen drei vorwärts gerichtet; ihr Leib ist kurz, und der Schwanz hat so schwache und biegsame Federn, daß er beim Klettern durchaus keine Stütze abgeben kann. Und doch klettert der Kleiber nicht nur ebenso geschickt wie die Spechte an den Bäumen hinauf, sondern sogar an ihnen herab und hängt sich oft mit niederwärts gerichtetem Kopfe so fest an den Stamm an, daß er in dieser Stellung eine Buchen- oder Haselnuß aufknacken kann. Dies ermöglicht einzig und allein die Gestalt der Zehen und Nägel. Die Zehen nämlich sind ungleich länger als bei den Spechten und bedecken also eine viel größere Fläche: die Spitzen des Nagels der Mittel- und Hinterzehe liegen bei ausgespreizten Zehen fast so weit auseinander, als der Leib lang ist, haben sehr große, im Halbkreise gekrümmte, nadelspitzige Nägel und unten mehrere Ballen. Vermöge dieser Einrichtung können sie beim Klettern einen verhältnismäßig großen Umfang umklammern, welcher natürlich mehr Unebenheiten und also mehr Anhaltspunkte darbietet. Auch die Warzen an der Sohle befördern offenbar das feste Anhalten, und die Verbindung der Zehenwurzeln hindert das zu weite Auseinandergehen der Zehen und verstärkt also ihre Kraft. Da nun die Einrichtung der Kletterwerkzenge des Kleibers ganz anders ist als bei den Spechten, so ist auch die Art seines Kletterns von der dieser Vögel sehr verschieden. Die letzteren stemmen sich beim Hinaufreiten an dem Baumstamme stark an den Schwanz und tragen die Brust weit vom Stamme abstehend; der Kleiber hingegen verläßt sich bloß auf seine Füße und hält den Schwanz beinahe ebensoweit wie die Brust vom Baumstamme ab, an welchem er hinaufhüpft. Auch die Fähigkeit, an den Bäumen herabzuklettern und sich an ihnen mit niederwärts gerichtetem Kopfe anzuhängen, wird aus der Beschaffenheit seiner Füße erklärlich. Die Hinterzehe ist mit ihrem großen Nagel sehr geschickt weit oben einzuhaken, während die Vorderzehe tief unten eingreift und das Ueberkippen des Körpers verhindert. Bei den Spechten stehen zwar zwei Zehen hinten, aber sie sind getrennt, und die große ist mehr seitlich als gerade nach hinten gerichtet; dabei sind die Vorderzehen, mit denen des Kleibers verglichen, kurz. Wollte sich nun ein Specht verkehrt an den Baum hängen, so würde oben der feste Anhaltungspunkt, welchen der Kleiber mit dem großen Nagel seiner gerade nach hinten gerichteten, langen Hinterzehe erreichen kann, fehlen, und die Vorderzehen würden viel zu weit oben eingreifen, als daß der Vogel ohne die größte Anstrengung in dieser Stellung auszuhalten, geschweige sich leicht zu bewegen im Stande wäre. Die ihm so wichtige Schwanzstütze müßte natürlich, wenn er sich ihrer bedienen wollte, sein Ueberkippen befördern. Man sieht, daß ein Vogel, welcher mit gleicher Geschicklichkeit an den Bäumen hinauf und herabklettern sollte, nicht anders wie der Kleiber gestaltet sein kann. Die Eigenthümlichkeit seines Fußbaues ermöglicht ihm aber noch eine dritte Bewegung, ein leichtes Herumhüpfen auf den Zweigen und auf dem Boden.«

Soviel bis jetzt bekannt, sind alle Arten der Familie Strichvögel, welche nur außer der Brutzeit in einem kleinen Gebiete auf- und niederwandern, im ganzen aber jahraus, jahrein an einer und derselben Stelle sich halten. Wo hohe alte Bäume oder unter Umständen Felswände ihnen genügende Nahrung bieten, fehlen sie gewiß nicht, denn sie steigen auch ziemlich hoch im Gebirge empor. Ihre Nahrung besteht aus Kerbthieren und Pflanzenstoffen, namentlich aus Sämereien, welche sie von den Bäumen und von Felsenwänden wie vom Erdboden aufnehmen. Sie nisten in Baum- oder Felslöchern, deren Eingang fast regelmäßig mit Lehm und Schlamm überkleidet wird. Das Gelege besteht aus sechs bis neun, auf lichtem Grunde roth gepunkteten Eiern.

siehe Bildunterschrift

Kleiber ( Sitta caesia). ⅝ natürl. Größe.

Die für uns wichtigste Art, der Kleiber oder Blauspecht, welcher auch wohl Spechtmeise, Holz- oder Baumhacker, Baumpicker, Baumritter, Baumreuter oder Baumrutscher, Maispecht, Chlän, Gottler oder Tottler genannt wird ( Sitta caesia, affinis, advena, coerulescens‚ pinetorum und foliorum), ist auf der Oberseite bleigrau, auf der Unterseite rostgelb; ein schwarzer Streifen zieht sich durch die Augen und läuft auf den Kopfseiten bis zum Halse herunter; Kinn und Kehle sind weiß, die seitlichen Weichen- und die Unterschwanzdeckfedern kastanienbraun, die Schwingen bräunlich schwarzgrau, licht gesäumt, die vordersten auch an der Wurzel weiß, die mittleren Schwanzfedern aschgraublau, die übrigen tiefschwarz mit aschblauer Spitzenzeichnung, die ersten auf der Außenfahne mit einer weißlichen Stelle vor der grauen Spitze und einem großen, viereckigen, weißen Flecke auf der Innenfahne. Das Auge ist nußbraun, der Schnabel oben hornschwarz, unten bleigrau, der Fuß horngelblich. Die Länge beträgt sechzehn, die Breite sechsundzwanzig, die Fittiglänge acht, die Schwanzlänge vier Centimeter. Das Weibchen unterscheidet sich durch den schmäleren schwarzen Augenstrich, den lichteren Unterkörper und die geringere Größe.

Früher nahm man an, daß Europa nur von einer einzigen Art dieser Sippe, deren Kennzeichen die oben angegebenen der Familie sind, bewohnt wird; gegenwärtig unterscheidet man ziemlich allgemein den größeren, oberseits blaugrünen, unterseits unrein weißen, an den Schenkelseiten rostroth gefärbten, an den Unterschwanzdeckfedern ebenso gesäumten Nordkleiber ( Sitta europaea), welcher Skandinavien und Nordrußland bewohnt, und den ihm sehr ähnlichen, aber bedeutend kleineren Seidenkleiber ( Sitta sibirica, uralensis, asiatica und sericea), welcher in Ostrußland und Sibirien bis Japan lebt, als besondere Arten.

Unser Kleiber fehlt im Norden Europas, findet sich aber von Jütland an bis Südeuropa allerorten. Er lebt nirgends in größeren Gesellschaften, sondern paarweise oder in sehr kleinen Familien und endlich mit anderen Vögeln vereinigt. Gemischte, hochstämmige Waldungen, in denen es aber nicht gänzlich an Unterholz fehlt, bevorzugt er allen übrigen Oertlichkeiten. Er scheut die Nähe des Menschen nicht und findet sich vor den Thoren der Städte oder in den belaubten Spaziergängen derselben ebenso zahlreich wie im einsamen Walde. Im Sommer kann ihn eine einzige Eiche stundenlang fesseln und ihm volle Beschäftigung geben; im Herbste ergreift auch ihn der Reisedrang, und er dehnt dann seine Streifereien etwas weiter aus. Unter allen Umständen hält er sich an die Bäume, und nur im äußersten Nothfalle entschließt er sich, eine baumleere Strecke zu überfliegen.

Der Kleiber zeichnet sich durch seine Regsamkeit und Anspruchslosigkeit vor vielen anderen Vögeln sehr zu seinem Vortheile aus. »Bald hüpft er an einem Baume hinauf«, sagt mein Vater, »bald an ihm herab, bald um ihn herum, bald läuft er auf den Aesten vor oder hängt sich an sie an, bald spaltet er ein Stückchen Rinde ab, bald hackt er, bald fliegt er: dies geht ununterbrochen in einem fort, so daß er, nur um seine Stimme hören zu lassen, zuweilen etwas ausruht. Seine Stellung ist gedrückt: er zieht fast immer den Hals ein, die Füße an und trägt die weichen und langen Federn locker auf einander liegend, wodurch er ein plumpes und ungeschicktes Aussehen erhält. Daß er diesem Aussehen nicht entspricht, haben wir oben gesehen. Sein Flug ist leicht, doch nicht sehr schnell, mit stark ausgebreiteten Schwingen und starker Flügelbewegung, nicht selten flatternd. Er fliegt gewöhnlich nicht weit in einem Zuge; daran ist aber nicht Unvermögen, sondern der Umstand schuld, daß er, um von einem Baume zum anderen zu kommen, selten eine große Strecke in der Luft auszuführen braucht. Daß ihm der Flug nicht sauer wird, sieht man deutlich daran, daß er sehr oft um die Wipfel der Bäume und ohne erkennbare Ursache zuweilen von einem Berge zum anderen fliegt. Auf dem Striche legt er oft eine Strecke von einem Kilometer, ohne sich niederzusetzen, zurück. Zuweilen klettert er lange Zeit hoch auf den Bäumen herum und wird dann nicht leicht gesehen; zuweilen ist er so zutraulich, daß er oft wenige Schritte vor dem Menschen sein Wesen treibt.« Er ist beständig fröhlich und guter Dinge, und wenn er wirklich einmal traurig aussieht, so beweist er im nächsten Augenblicke, daß dies nur Schein war; denn traurig wird er in der That erst dann, wenn er wirklich krank ist. Gewöhnlich macht er den Eindruck eines munteren, regsamen, zugleich eines listigen und verschlagenen Vogels. »Ein Hauptzug in seinem Wesen«, fährt mein Vater fort, »ist Liebe zur Gesellschaft, aber nicht sowohl zu seinesgleichen, sondern zu anderen Vögeln, namentlich zu den Meisen und Baumläufern. Mehr als zwei, drei oder vier Kleiber habe ich, wenn nicht die ganze Familie noch vereinigt war, nie zusammen angetroffen. Sie sind, da sie ihre Nahrung mühsam aufsuchen müssen, hier und da vertheilt und gewöhnlich die Anführer der Finken, Hauben- und Tannenmeisen, unter welche sich auch oft die Sumpfmeisen, die Baumläufer und die Goldhähnchen mischen.« Mitunter schließt sich ein vereinzelter Buntspecht der Gesellschaft an und hält dann längere Zeit gute Gemeinschaft. »Welches von diesen so verschiedenartigen Gliedern der Gesellschaft der eigentliche Anführer ist«, fügt Naumann hinzu, »oder welches die erste Veranlassung zu solcher Vereinigung gab, läßt sich nicht bestimmen. Einer folgt dem Rufe des anderen, bis der Trieb zur Fortpflanzung in ihnen erwacht und die Gesellschaft auslöst.« Diese Genossenschaften sind in allen unseren Wäldern sehr gewöhnliche Erscheinungen, und wer einmal den bezeichnenden Lockruf unseres Kleibers kennen gelernt hat, kann sie, durch ihn geleitet, leicht auffinden und selbst beobachten. Es herrscht eigentlich kein inniges Verhältnis unter der Gesammtheit, aber doch ein entschiedener Zusammenhang; denn man trifft dieselben Vögel ungefähr in der gleichen Anzahl tagelang nach einander an verschiedenen Stellen an.

Der Lockton ist ein flötendes, Helles »Tü tü tü«, der gewöhnliche Laut aber, welcher fortwährend gehört wird, ohne daß er eigentlich etwas besagen will, ein kurzes und nicht weit hörbares, aber doch scharfes »Sit«. Außerdem vernimmt man Töne, welche wie »Zirr twit twit twit« oder »Twät twät twät« klingen. Der Paarungsruf besteht aus sehr schönen, laut pfeifenden Tönen, welche weit vernommen werden. Das »Tü tü« ist die Hauptsache; ihm wird »Quü quü« und »Tirrr« zugefügt. Das Männchen sitzt auf den Baumspitzen, dreht sich hin und her und stößt das »Tü« aus; das Weibchen, welches sich möglicherweise auf einem Baume befindet, äußert sich durch »Twät«. Dann fliegen beide mit einander herum und jagen sich spielend hin und her, bald die Wipfel der Bäume umflatternd, bald auf den Aesten sich tummelnd und alle ihnen eigenen Kletterkünste entfaltend, immer aber laut rufend. Unter solchen Umständen ist ein einziges Paar dieser liebenswürdigen Vögel im Stande, einen ziemlich großen Waldestheil zu beleben.

Der Kleiber frißt Kerbthiere, Spinnen, Sämereien und Beeren und verschluckt zur Beförderung der Verdauung Kies. Erstere liest er von den Stämmen der Aeste ab, sucht sie aus dem Moose oder den Rissen der Borke hervor und fängt sie auch wohl durch einen raschen Schwung vom Aste, wenn sie an ihm vorbeifliegen. Zum Hacken ist sein Schnabel zu schwach, und deshalb arbeitet er nie Löcher in das Holz; wohl aber spaltet er von der Rinde ziemlich große Stückchen ab. Bei seiner Kerbthierjagd kommt er nicht selten unmittelbar an die Gebäude heran, klettert auf diesen umher und hüpft wohl sogar in die Zimmer herein. »Ebenso gern wie Kerbthiere«, sagt mein Vater, »frißt er auch Sämereien, namentlich Rothbuchen- und Lindennüsse, Ahorn-, Kiefer-, Tannen- und Fichtensamen, Eicheln, Gerste und Hafer. Bei völlig geschlossenen Zapfen kann er zu dem Samen der Nadelbäume nicht gelangen; sobald aber die Deckelchen etwas klaffen, zieht er die Körner hervor und verschluckt sie. Den Tannensamen, welchen außer ihm wenige Vögel fressen, scheint er sehr zu lieben. Wenn unsere alten Tannen reifen Samen haben, sind ihre Wipfel ein Lieblingsaufenthalt der Kleiber. Den ausgefallenen Holzsamen lesen sie vom Boden auf, die Gerste und den Hafer spelzen sie ab, und die Eicheln zerstückeln sie, ehe sie diese Früchte verschlucken. Hafer und Gerste scheinen sie nicht sehr zu lieben, sondern mehr aus Noth zu verzehren; denn man findet dieses Getreide selten in ihrem Magen. Rothbuchen- und Lindennüsse fressen sie sehr gern und heben sie auch für nahrungslose Zeiten auf. Ich habe die Kleiber oft mit Vergnügen auf den mit Nüssen beladenen Rothbuchen beobachtet. Ihrer zwei bis drei halten sich in der Nähe einer samenreichen Buche auf, fliegen abwechselnd aus sie, brechen mit dem Schnabel eine Nuß ab und tragen sie auf einen nahestehenden Baum, in welchen sie ein zum Einklammern derselben passendes Loch angebracht haben, legen sie in dasselbe, halten sie mit den Vorderzehen, hacken sie auf und verschlucken den Kern. Jetzt lassen sie die Schale fallen und holen sich eine andere Nuß, welche auf gleiche Weise bearbeitet wird. Dies geht oft stunden-, ja tagelang fort und gewährt wegen der beständigen Abwechselung, welche das Hin- und Herfliegen, das Abbrechen und Aufhacken der Nüsse bedingt, ein recht angenehmes Schauspiel. Die Hasel-, Linden- und Ahornnüsse behandelt der Kleiber auf ähnliche Weise. Sein feiner Geruch zeigt ihm stets so richtig an, ob die Nuß voll ist oder nicht, daß er nie eine leere abbricht. Das Durchbrechen der harten Schale einer Haselnuß kostet ihm einige Mühe; aber mit einer Linden-, Rothbuchen- oder Ahornnuß ist er schnell fertig. Sonderbar sieht es aus, wenn er die Nüsse fortträgt. Es geschieht stets mit dem Schnabel, den er, um eine Haselnuß zu fassen, ziemlich weit aufsperren muß.« Naumanns Beobachtungen zufolge liest er im Winter die abgefallenen Kirschkerne vom Boden auf und zerspaltet auch sie, um zu dem Inneren zu gelangen, oder sucht in den Gärten mit den Meisen nach den Kernen der Sonnenblumen, nach Quecken und Hanfsamen, welch letzterer ein Leckerbissen für ihn zu sein scheint. Nach Snell frißt er die giftigen Beeren der Zaunrübe, und die Knaben pflegen daher an manchen Orten mit den Ranken dieser Pflanzen die Meisenkästen zu umwinden, um durch die weithin sichtbaren rothen Beeren den Kleiber anzulocken. Hayden beobachtete ferner, daß er im Winter häufig die Larven der Buchengallmücke vom Boden aufnimmt. Diese allgemein bekannte, kegelförmige Galle gedachter Mücke befindet sich oft in großer Menge auf der Oberseite der Buchenblätter, wird im Herbste holzartig und fällt dann von den Blättern ab. Die Kleiber und die Meisen suchen sie emsig unter den Bäumen zusammen, hacken gewöhnlich an der Seite der Spitze ein Loch in den Mantel und sind so im Stande, die darin befindliche Made herauszuholen. Gewöhnlich ist die eingebohrte Oeffnung so klein, daß die Made kaum mit dem Schnabel herausgezogen werden kann, dieses vielmehr wahrscheinlich mit der Zunge geschehen muß. Als sonderbar hebt Hayden hervor, daß der Vogel stets den harten, holzartigen Theil an der Gallenspitze aufhackt, nicht aber die Stelle bearbeitet, welche nur durch ein dünnes, papierartiges Gespinst der Larve geschlossen ist. »Seine Vorrathskammer«, fährt mein Vater fort, »ist nach den Umständen bald der Spalt eines Baumes, bald ein anderer Ritz, zuweilen sogar das Dach eines Hauses. Er trägt aber nicht viele Nüsse an einen Ort, sondern steckt sie einzeln da und dorthin, ohne Zweifel, damit nicht der ganze Reichthum mit einem Male zu Grunde geht. Einmal diente das Strohdach eines Bauernhauses in hiesiger Gegend zum Nußlager eines Kleibers.«

Das Nest steht immer in Höhlungen, regelmäßig in Baumlöchern, ausnahmsweise in Mauer- oder Felsritzen. Sehr gern benutzt der kluge Vogel die vom Meister Specht gezimmerten Wohnungen zu seiner Kinderwiege, liebt aber nicht, daß die Thüre seiner Behausung größer sei, als es für ihn nöthig ist, und gebraucht deshalb ein höchst sinnreiches Mittel, um sich zu helfen, indem er den Eingang zu seinem Neste bis auf ein kleines Loch, welches für sein Ein- und Ausschlüpfen gerade groß genug ist, verkleibt. »Dies«, berichtet mein Vater ferner, »geschieht mit Lehm oder anderer kleberiger Erde, welche, wie bei den Schwalbennestern, durch den leimartigen Speichel angefeuchtet, verbunden und zusammengehalten wird. Er kommt mit dem Zukleiben seines Nestloches bald zu Stande, indem er ein Klümpchen Lehm nach dem anderen im Schnabel hinträgt und es mit demselben, nachdem es ringsum mit dem Speichel angefeuchtet ist, festklebt. Man glaubt einen kleinen Maurer zu sehen, welcher, um eine Thüre zu verschließen, einen Stein nach dem anderen einlegt und festmacht. Diese Lehmwand hat zwei Centimeter und darüber in der Dicke und, wenn sie trocken ist, eine solche Festigkeit, daß man sie nicht mit dem Finger ausbrechen kann, sondern den Meisel gebrauchen muß, wenn man sie sprengen will. Das Eingangsloch, welches sich stets in der Mitte der Lehmwand befindet, ist kreisrund und so eng, daß ein Kleiber kaum durchkriechen kann. Ist das Nest einmal so weit fertig, dann ist es vor allen Raubthieren gesichert; nur die Spechte vermögen die Wand zu zerstören und thun es, wenn ihnen der Kleiber ihr Nestloch weggenommen hat. Im Jahre 1819 hatte dieser kleine Vogel ein Schwarzspechtloch für seine Brut eingerichtet. Kaum war er damit fertig, so kam das Schwarzspechtpaar, um sein Nest zur neuen Brut zurecht zu machen. Das Weibchen näherte sich, staunte die Lehmwand an und zertrümmerte sie mit wenigen Schlägen, Ueberhaupt hat der Kleiber wegen der Behauptung seines Nestes, ehe dieses durch die Lehmwand gesichert ist, mit mehreren Vögeln zu kämpfen und muß ihnen oft weichen. So sah ich ein Kleiberpaar emsig bauen, aber noch ehe es das Eingangsloch verbleiben konnte, kamen ein paar Staaren und vertrieben die schwachen Spechtmeisen in kurzer Zeit.« Die Vollendung des Baues scheint bei beiden Gatten hohe Freude zu erregen. »Das Männchen«, sagt Päßler, »sitzt in der Nähe der gewählten Nisthöhle und jauchzt seinen Paarungsruf in die Luft, während das Weibchen eifrig ein- und ausschlüpft.« Man meint es ihnen aber auch anzumerken, daß sie nicht bloß erfreut sind, sondern sich auch vollkommen sicher fühlen. So untersuchte Pralle ein Nest und klopfte, um sich zu vergewissern, ob es bewohnt sei, unten an den Stamm. Der Vogel kam mit halbem Leibe aus dem Loche heraus, betrachtete den Forscher eine Weile neugierig und schlüpfte dann mit dem Gefühle der vollsten Sicherheit wieder in das Innere zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch einigemale, und erst, als der Baum erstiegen wurde, flog er ab. »Das Nest«, schließt mein Vater, »welches nach der Weite der Höhlung, in welcher es steht, bald einen großen, bald einen kleinen Umfang hat, ist stets von sehr trockenen, leichten Stoffen gebaut. In Laubhölzern besteht es aus Stückchen von Buchen- und Eichenblättern, in Nadelwäldern immer aus äußerst dünnen Stückchen Kieferschale, welche, da sie nicht eng verbunden werden können, so locker über einander liegen, daß man kaum begreift, wie die Eier beim Aus- und Einfliegen des Vogels zusammen und oben aus den Schalen gehalten werden können. Man sollte denken, sie müßten unter dem Wuste dieser dünnen Schalenblättchen begraben werden.« Auf dieser schlechten Unterlage findet man in den letzten Tagen des April oder in den ersten des Mai sechs bis neun, etwa neunzehn Millimeter lange, vierzehn Millimeter dicke, auf kalk- oder milchweißem Grunde äußerst fein mit hell- oder dunkler rothen, bald schärfer gezeichneten, bald verwaschenen Pünktchen gezeichnete Eier, welche mit denen der Meisen viel Ähnlichkeit haben. Das Weibchen bebrütet sie allein und zeitigt sie in dreizehn bis vierzehn Tagen. Die Jungen werden von beiden Eltern mit Kerbthieren, namentlich mit Raupen, groß gefüttert, wachsen rasch heran, sitzen aber so lange im Neste, bis sie völlig fliegen können. Nach dem Ausstiegen halten sie sich noch längere Zeit zu den Alten, von denen sie ernährt, vor Gefahren gewarnt und unterrichtet werden. Nach der Mauser vertheilen sie sich.

Der Kleiber geht ohne Umstände in den Meisenkasten, wenn dieser durch Hanf oder Hafer geködert wurde, kommt mit den Meisen auf den Meisentanz, fängt sich in Sprenkeln, auf Leimruthen oder auf dem Vogelherde, zufällig auch wohl in den Zimmern der Häuser, welche er unvorsichtigerweise besuchte, scheint den Verlust seiner Freiheit leicht zu verschmerzen, nimmt ohne weiteres Futter an, macht wenig Ansprüche und behält auch im Käfige die Anmuth seines Wesens bei. Mit anderen Vögeln verträgt er sich vortrefflich. Um die, welche ihm nicht zusagen, bekümmert er sich nicht, und mit denen, deren Gesellschaft er auch in der Freiheit aufsucht, hält er gute Freundschaft. So vereinigt er treffliche Eigenschaften eines Stubenvogels und erwirbt sich bald die Gunst des Liebhabers. Nur seine ewige Unruhe und unersättliche Arbeitslust kann ihn unangenehm werden lassen.

 

Seiner verschiedenen Lebensweise halber verdient der Felsenkleiber ( Sitta Neumayeri, syriaca, rupestris, saxatilis und rufescens) neben der einheimischen Art kurz geschildert zu werden. Die Oberseite ist aschgrau, bräunlich überflogen, der schwarze Zügelstrich bis zur Mantelgegend ausgedehnt, die Unterseite unrein weiß, der Bauch einschließlich der unteren Schwanzdecken rostroth, alles übrige wie bei unserem Kleiber, den jener jedoch an Größe übertrifft.

Durch Ehrenberg, von der Mühle, Lindermayer und Krüper sind wir gegenwärtig über das Leben des Felsenkleibers einigermaßen unterrichtet. Ehrenberg entdeckte ihn in Syrien, Michahelles fand ihn auf den hohen Gebirgen zwischen Bosnien und Dalmatien auf, und.die übrigen der genannten Forscher beobachteten ihn häufig in Griechenland.

Wenn der auf den schlechten Landwegen dieser Länder wandernde Vogelkundige stundenlang keinen Vogel sieht oder hört und dann über die Armuth an gefiederten Geschöpfen nachdenkt, wird er zuweilen plötzlich durch ein gellendes Gelächter aus seiner Träumerei gerissen. Dieses Gelächter geht von einer Felswand oder von einigen Felsblöcken aus, und seine Wiederholung lenkt bald die Blicke nach einer bestimmten Stelle und damit auf eine Spechtmeise hin, welche als die Urheberin desselben erscheint. Ist des Beobachters Ohr an Unterscheidung der Vogelstimmen gewöhnt, so wird er sich sofort sagen müssen, daß der gehörte und gesehene Vogel ohne Zweifel nicht der gewöhnliche Kleiber, sondern ein anderer sein muß. Zwar lebt auch er nach Art seines Verwandten, aber fast ausschließlich an Felsen und besonders gern an den Wänden der alten venetianischen Festungen, in deren Schußlöchern er beständig ein- und ausschlüpft. Er ist ungemein behend und klettert an ganz wagerechten Felsgesimsen mit derselben Sicherheit umher wie an den senkrechten Wänden, den Kopf nach oben oder nach unten gerichtet, wie vom Magnet gehalten. Wenn er zu einem Felsen anfliegt, hängt er sich gern mit dem Kopfe abwärts; auf Felsenplatten und Mauern hüpft er ruckweise. Die Bäume besucht er zwar auch, aber immer höchst selten, und in größeren Waldungen, in denen es keine Felsenwände gibt, findet er sich nie. Sein Geschrei ist ein durchdringendes, hoch tönendes Gelächter, welches wie »Hidde hati tititi« klingt. Die Nahrung besteht aus denselben Stoffen, welche auch unser Kleiber bevorzugt. Diesem ähnelt der Felsenkleiber überhaupt in allen Stücken: er ist ebenso lebhaft, ebenso unruhig und ebenso vorwitzig, fängt sich deshalb auch leicht in Fallen aller Art, wird sehr bald zahm und geht sofort an das ihm vorgeworfene Futter. Er hält sich aber im Käfige immer auf dem Boden und macht von den Sprunghölzern wenig Gebrauch.

Das Nest wird an schroffe Felswände unter dem natürlichen Dache eines Felsenvorsprunges angeklebt, nach von der Mühle's Versicherung gegen die Morgen- oder Mittag-, nie gegen die Westseite. Es ist außen sehr groß, künstlich von Lehm gebaut, mit drei bis fünf Centimeter langem Eingange versehen und im Inneren des Brutraumes mit Ziegen-, Rinder-, Hunde- und Schakalhaaren ausgefüttert, außen mit den Flügeldecken verschiedener Käfer beschält. Nicht allzu selten benutzt der Vogel auch das dem seinigen nicht unähnliche Nest der Röthelschwalbe als Brutstätte. Als bemerkenswerth hebt Krüper die Baulust des Felsenkleibers hervor. Einmal fand er eine natürliche Steinhöhlung zum Neste dieses Vogels hergerichtet, indem dieselbe vorn zugeklebt und mit einem sechs Centimeter langen, künstlichen, aus Dünger und Käferflügeln bestehenden Eingange versehen war. Diesen brach er ab, um ihn aufzubewahren. Drei Wochen später bemerkte er, daß die Höhlung unsichtbar gemacht, das heißt vollständig zugemauert worden war. Um nun die Ursache dieser Arbeit zu sehen, schnitt er auf Wunsch seiner Begleiter die Erdkruste heraus, fand jedoch nichts im Neste und schloß daraus, daß nur die rege Baulust den Vogel zu seiner Arbeit angetrieben hatte. Ein Schwalbennest, dessen Eingangsröhre er mit Gras verstopft, und in dessen Napf er ein großes Loch geschnitten hatte, fand er bei seinem zweiten Besuche ebenfalls wieder ausgebessert; die etwas beschädigte Röhre war wieder hergestellt und das Loch im Napfe ausgefüllt. Bei einem anderen Neste hatte der Felsenkleiber das hineingeschnittene Loch nicht zugeklebt, sondern es für zweckmäßiger erachtet, hier noch eine zolllange Eingangsröhre zu bauen, so daß das Nest zwei Eingänge hatte. Die Legezeit fällt in die letzten Tage des April oder in die ersten des Mai; das Gelege besteht aus acht bis neun Eiern, welche ebenfalls auf weißem Grunde roth gefleckt sind. Das Weibchen brütet so eifrig, daß man es leicht im Neste ergreifen kann.


 << zurück weiter >>