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18. Familie: Schwalbenwürger ( Artamidae)

Neuholland, Indien und die malaiischen Länder sind die Heimat einer Familie eigenthümlich gestalteter Vögel, welche man als Mittelglieder zwischen den Würgern und Schwalben betrachten darf und deshalb treffend Schwalbenwürger ( Artamidae) genannt hat. Ihre Merkmale liegen in dem kräftigen Leibe, dem kurzen, fast kegelförmigen, an der Wurzel breiten, auf der Firste und seitlich abgerundeten Schnabel ohne scharfkantige Firste, welcher an der feinen Spitze kurz übergebogen und seitlich leicht eingeschnitten ist, den kurzläufigen und kurzzehigen, aber kräftigen Füßen, welche mit wohl ausgebildeten, gebogenen und spitzigen Krallen bewehrt sind, den langen Flügeln, in denen die zweite Schwinge die Spitze bildet, und dem kurzen oder mittellangen, geraden oder leicht ausgeschnittenen Schwanze sowie dem ziemlich dicht anliegenden, düsterfarbigen Gefieder.

 

Der Schwalbenwürger ( Artamus fuscus, Ocypterus rufiventer und leucorhynchus) ist auf Kopf, Kinn, Kehle und Bürzel düster aschbraungrau, auf Mantel und Schultern dunkler, am Zügel schwarz, auf der Unterseite isabellröthlichbraun; die schieferschwarzen Schwingen sind außen schiefergrau verwaschen, die schieferschwarzen Steuerfedern am Ende weiß gerandet. Das Auge ist braun, der Schnabel bleiblau, an der Spitze schwarz, der Fuß bleiblau. Die Länge beträgt siebzehn, die Breite achtunddreißig, die Fittiglänge dreizehn, die Schwanzlänge fünf Centimeter.

Das Vaterland ist ganz Indien, einschließlich Ceylons.

Die Schwalbenwürger, siebzehn Arten an der Zahl, bevorzugen waldige Gegenden bis zu zwölfhundert Meter unbedingter Höhe und in solchen gewisse Lieblingsbäume. So findet sich die beschriebene Art hauptsächlich da, wo die Palmyrapalme auftritt, und hat deshalb von den Eingeborenen den Namen Palmyraschwalbe erhalten. Eine auf Java lebende Art wählt solche Gegenden, wo ausgedehnte, mit kurzem Grase bestandene Triften oder Felder mit kleinen Gehölzen und Gärten abwechseln oder wenigstens durch einzeln stehende Bäume die zur Annehmlichkeit des Lebens erforderlichen Bedingungen enthalten. Die Bäume dienen zu Sammel- und Ruheplätzen, werden daher auch zum Mittelpunkte des Jagdgebietes. Bernstein berichtet, daß die javanische Art sich auf ihrem Lieblingsbaume mit Leichtigkeit beobachten, ja von ihm kaum vertreiben läßt, vielmehr auch dann immer und immer wieder zu demselben zurückkehrt, wenn sie Verfolgung erleidet. Nach der Brutzeit trifft man gewöhnlich die ganze Familie auf demselben Baume an, und wenn man dann eines der Mitglieder wegschießt, fliegen die anderen zwar augenblicklich fort, lassen sich auch wohl kurze Zeit anderswo nieder, kehren jedoch immer bald wieder zurück, so daß man noch einen zweiten und selbst einen dritten aus demselben Schwarme wegschießen kann. Nach vollendeter Brutzeit vereinigen sich in geeigneten Gegenden zuweilen zahlreiche Gesellschaften, und dann gewährt der Lieblingsbaum ein sehr anziehendes Schauspiel. Unter dem Schwarme herrscht vollste Freiheit. Jeder einzelne Vogel scheint unabhängig von den anderen zu handeln, jeder das zu thun, was gerade sein Bedürfnis erheischt. Einer oder der andere verläßt den Zweig, auf welchem er dicht gedrängt unter seinen Gefährten saß, hüpft auf und nieder, jagt einem Kerbthiere nach und kehrt dann auf den alten Sitz zurück. Der Schwarm besteht nicht immer aus Mitgliedern einer und derselben Art; denn die Schwalbenwürger vereinigen sich sehr häufig mit anderen Vögeln, namentlich mit Familienverwandten oder mit Schwalben; ja, verschiedene Arten der Familie brüten auf einem und demselben Baume einträchtiglich zusammen.

Von seiner vortheilhaftesten Seite zeigt sich der Schwalbenwürger nur im Fluge. Auf den Boden herab kommt er selten, beweist auch durch sein ungeschicktes Betragen, daß er hier nicht zu Hause ist. Der Flug wird von Bernstein mit dem eines Raubvogels verglichen, weil der Schwalbenwürger fast ohne Flügelschlag mit ausgebreiteten Fittigen dahinschwebt und durch einfaches Heben oder Senken des einen und anderen Flügels die Richtung bestimmt. Die Bewegung ist jedoch verhältnismäßig langsam und hat nichts mit der reißenden Schnelligkeit der kleinen Edelfalken oder der Schwalben gemein. Jerdon hingegen sagt, daß der Flug der beschriebenen Art zierlich und schwalbenähnlich ist und in ihm rasche Flügelschläge mit sanftem Gleiten bei ausgebreiteten Schwingen abwechseln, daß der Vogel sehr oft sich in Kreisen dreht, bei Verfolgung eines Kerbthieres aber auch reißend und geradeaus dahinfliegt. Wenn schönes Wetter die Kerbthiere in höhere Luftschichten gelockt hat, sieht man die Schwalbenwürger in den zierlichsten und gefälligsten Schwenkungen in der Höhe kreisen. Unter solchen Umständen verweilt der Schwarm oft lange Zeit fliegend in hoher Luft, und dann erinnern die Vögel durchaus an die Schwalben. Dasselbe ist der Fall, wenn sie hart über der Oberfläche eines Gewässers auf- und niederstreichen, hier und da ein Kerbthier von den Wellen wegnehmen, Augenblicke lang auf passenden Zweigen des Ufergebüsches ausruhen und dann von neuem ihre Jagd beginnen. Hierbei vereinigen sie sich zuweilen zu so zahlreichen Gesellschaften, daß das Wasser, wie Gould sagt, von ihrem Gegenbilde verdunkelt wird. Auch die Stimmlaute, welche man vernimmt, ähneln dem Lockrufe der Schwalbe, sind jedoch rauher und eintöniger. Einen eigentlichen Gesang scheinen die Schwalbenwürger nicht zu haben. Höchst sonderbar ist die Gewohnheit einer australischen Art, sich nach Art eines Bienenschwarmes in Klumpen aufzuhängen. Gould hat dies zwar nicht selbst beobachtet, aber von Gilbert und anderen erfahren. Einige Schwalbenwürger klammern sich an die Unterseite eines dürren Zweiges, andere an diese fest, und so geschieht es, daß sich zuweilen eine so große Menge aneinander hängt, daß der ganze Klumpen den Raum eines Scheffelmaßes einnimmt.

Bernstein berichtet, daß die Nester der von ihm beobachteten javanischen Art zwischen den Schmarotzern, welche die Palmenstengel bedecken, oder in den Blattwinkeln der Palmenbäume angelegt und aus trockenen, groben Halmen, Wurzeln, Blättern, Flechten und Moosstücken roh und unordentlich zusammengebaut sind, deshalb ein liederliches, zerzaustes Aeußere haben, während das Innere eine regelmäßige, abgeflacht halbkugelige Vertiefung bildet und mit feinen Stoffen, namentlich mit den biegsamen Fasern der Arengpalme und zarten Halmen, zierlich ausgelegt ist. Das Nest der indischen Art wird, nach Jerdon, noch außerdem reichlich mit Federn ausgepolstert. Ob auch das Männchen brütet, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen; die Jungen aber werden von beiden Eltern aufgefüttert und auch lange nach dem Ausfliegen noch geführt und ernährt. Man sieht dann die Kinderschar auf einem und demselben Aste dicht neben einander gedrängt sitzen, während die Alten die Bäume jagend umschweben und zu den Jungen zurückkehren, sobald sie im Fange glücklich waren. Soviel bekannt, werden die Jungen ausschließlich mit Kerbthieren groß gefüttert, und diese bilden auch das bevorzugte Futter der Alten.

Gefangene Schwalbenwürger gewöhnen leicht ein, dauern trefflich im Käfige aus und gelangen daher zuweilen lebend nach Europa.


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