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16. Familie: Würger ( Laniidae)

Die Würger ( Laniidae) bilden eine mehr als zweihundert Arten zählende, über die ganze Erde verbreitete Familie, deren Merkmale in dem kräftigen, seitlich zusammengedrückten, deutlich gezahnten und hakig übergebogenen Schnabel, den starken, verhältnismäßig langzehigen, mit scharfen Nägeln bewehrten Füßen, den kurzen, breiten, abgerundeten Flügeln, in denen die dritte oder vierte Schwinge über alle anderen verlängert zu sein pflegt, und dem ziemlich oder sehr langen, abgestuften, aus zwölf Federn bestehenden Schwanze liegen. Das Gefieder ist regelmäßig reich, etwas locker und weich, die Zeichnung eine angenehme und wechselvolle, bei gewissen Arten aber sehr übereinstimmende. Nach den Untersuchungen von Nitzsch weicht der innere Bau der Würger kaum von dem anderer Singvögel ab.

Kleine Waldungen, welche von Feldern und Wiesen umgeben sind, Hecken und Gebüsche in den Feldern, Gärten und einzeln stehende Bäume bilden die Aufenthaltsorte der Würger, die höchsten Zweigspitzen hier ihre gewöhnlichen Ruhe- und Sitzpunkte. Die meisten nordischen Arten sind Sommervögel, welche regelmäßig wandern und ihre Reisen bis Mittelafrika ausdehnen. Lebensweise und Betragen erinnern ebenso sehr an das Treiben der Raubvögel wie an das Gebaren mancher Raben. Sie gehören ungeachtet ihrer geringen Größe zu den muthigsten, raubsüchtigsten und mordlustigsten aller Vögel. Ihre Begabungen sind nicht besonders ausgezeichnet, aber sehr mannigfaltig. Ihr Flug ist schlecht und unregelmäßig, ihr Gang hüpfend, ihre Stimme eintönig und ihr eigentlicher Gesang kaum der Rede werth; gleichwohl überraschen und fangen sie gewandtere Vögel, als sie selbst sind, ebenso wie sie ihren Gesang wesentlich verbessern, indem sie, scheinbar mit größter Mühe und Sorgfalt, anderer Vögel Lieder oder wenigstens einzelne Strophen und Töne derselben ablauschen und das nach und nach erlernte, in sonderbarer Weise vereinigt und verschmolzen, zum besten geben. Einzelne Arten sind, Dank dieser Gewohnheit, wahrhaft beliebte Singvögel, die Freude und der Stolz einzelner Liebhaber.

Auch die Würger sind eigentlich Kerbthierfresser; die meisten Arten aber stellen ebenso dem Kleingeflügel nach und werden um so gefährlicher, als sie von diesem meist nicht gewürdigt und mit ungerechtfertigtem Vertrauen beehrt werden. Ruhig sitzen sie minutenlang unter Sing- und Sperlingsvögeln, singen wohl auch mit diesen und machen sie förmlich sicher: da plötzlich erheben sie sich, packen unversehens einen der nächstsitzenden und würgen ihn ab, als ob sie Raubvögel wären. Sonderbar ist ihre Gewohnheit, gefangene Beute auf spitzige Dornen zu spießen. Da, wo ein Pärchen dieser Vögel haust, wird man selten vergeblich nach derartig aufbewahrten Kerbthieren und selbst kleinen Vögeln oder Kriechthieren und Lurchen suchen. Von dieser Gewohnheit her rührt der Name »Neuntödter«, welchen das Volk gerade diesen Räubern gegeben hat.

Das Nest ist gewöhnlich ein ziemlich kunstreicher Bau, welcher im dichtesten Gestrüppe oder wenigstens im dichtesten Geäste angelegt und meist mit grünen Pflanzentheilen geschmückt ist. Das Gelege besteht aus vier bis sechs Eiern, welche vom Weibchen allein ausgebrütet werden, während das Männchen inzwischen die Ernährung seiner Gattin übernimmt. Die ausgeschlüpften Jungen werden von beiden Eltern geatzt, ungemein geliebt und bei Gefahr auf das muthigste vertheidigt, auch nach dem Ausfliegen noch längere Zeit geführt, geleitet und unterrichtet und erst spät im Herbste, ja wahrscheinlich sogar erst in der Winterherberge der elterlichen Obhut entlassen.

Heckenwürger (Laniinae)

Die Familie ist neuerdings in Abtheilungen zerfällt worden, welche von uns als Unterfamilien aufgefaßt werden mögen. Unter ihnen stellen wir die der Heckenwürger (Laniinae) oben an, weil unsere europäischen Arten ihr angehören. Ihre Merkmale liegen in dem sehr kräftigen, seitlich zusammengedrückten, mit einem Zahne ausgerüsteten Schnabel, den starken, hochläufigen, mittellangzehigen, mit spitzigen Nägeln bewehrten, auf dem Laufe mit großen Platten getäfelten Füßen, den mäßig langen, gerundeten Flügeln und dem ziemlich langen, gesteigerten Schwanze.

Die gleichnamige Sippe (Lanius), welche die Urbilder der Familie umfaßt, kennzeichnet sich durch mittellangen, sehr kräftigen, seitlich zusammengedrückten, auf der Firste fast geraden, vor ihr hakig herab- und übergebogenen, durch einen scharfeckigen Zahn verstärkten Schnabel, mittelhochläufige, freizehige Füße, mäßig lange Flügel, unter deren Schwingen die vierte die Spitze bildet, und langen und breiten, am Ende stark abgerundeten oder keilförmigen Schwanz.

siehe Bildunterschrift

Raubwürger und Neuntödter (Lanius excubitor und collurio). ½ natürl. Größe.

Der würdigste Vertreter dieser Sippe ist der Raubwürger, Würg-, Wehr-, Wahr- und Ottervogel, Würgengel, Wächter, Buschfalk, Waldherr, Wildwald, Metzger und Abdecker, Berg-, Busch-, Kriek-, Kriegel-, Wild-, Kraus- und Straußelster (Lanius excubitor, cinereus und rapax, Collyrio excubitor). Seine Länge beträgt sechsundzwanzig, die Breite sechsunddreißig, die Fittiglänge zehn, die Schwanzlänge zwölf Centimeter. Das Gefieder ist auf der Oberseite, bis auf einen langen, weißen Schulterfleck, gleichmäßig hell aschgrau, auf der Unterseite reinweiß; ein breiter schwarzer, weiß umrandeter Zügelstreif verläuft durch das Auge. Im Flügel sind die großen Handschwingen von der Wurzel bis zur Hälfte, die Armschwingen an der Wurzel, die Oberarmschwingen an der Spitze und inneren Fahne weiß, im übrigen aber wie die Deckfedern der Schwingen schwarz. Im Schwanze sind die beiden mittleren Federn schwarz; bei den übrigen tritt diese Färbung mehr und mehr zurück, und reines Weiß wird dafür vorherrschend; die fünfte Außenfeder ist bis auf einen großen schwarzen Fleck auf der Mitte der inneren Fahne und die äußere bis auf einen schwarzen Schaftstreifen ganz weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß bleigrau. Das Weibchen unterscheidet sich durch unreinere Farben, der junge Vogel durch eine schwach wellenförmige Zeichnung, welche zumal auf der Brust hervortritt.

Neben dem Raubwürger leben in Europa Verwandte, welche, zum Theil wenigstens, als eigene Arten aufgefaßt werden dürfen, von einzelnen Forschern jedoch nur als Abarten angesehen werden.

Der Großwürger ( Lanius major, moliss, septentrionalis und borealis), welcher Sibirien entstammt, wiederholt aber auch in Deutschland erlegt wurde, ähnelt dem Raubwürger, unterscheidet sich von ihm jedoch durch den einfachen, weißen Spiegel auf der zweiten bis zehnten Handschwinge, das Fehlen von Weiß auf den Armschwingen, die breitere weiße Spitzenzeichnung der letzteren und die weiße Außenfahne der äußersten Schwanzfeder, überhaupt größere Ausdehnung des Weiß am Schwanze. Die Länge beträgt zweihundertfünfundvierzig, die Fittiglänge einhundertundfunfzehn, die Schwanzlänge einhundertundsechs Millimeter.

 

Der Spiegelwürger ( Lanius Homeyeri) dagegen, welcher die Gegend um die untere Wolga und die Krim bewohnt, sich jedoch ebenfalls nach Deutschland verflogen hat, unterscheidet sich vom Raubwürger durch die viel größere Ausdehnung der weißen Flügelspiegel, weiße Stirne, Augenbrauenstreif und Bürzel und viel Weiß im Schwanze. Seine Länge beträgt zweihundertdreiundfunfzig, die Fittiglänge einhundertundfunfzehn, die Schwanzlänge einhundertundzehn Millimeter.

 

Der Hesperidenwürger ( Lanius meridionaIis, Collyrio meridionaIis), aus Südeuropa, ist oberseits tief aschgrau, unterseits hell weinröthlich, an den Kopfseiten, Kinn und Kehle sowie den Unterschwanzdecken weiß, der schwarze Zügel oberseits schmal weiß gesäumt; die Schwingen sind schwarz, die dritte bis fünfte Handschwinge an der Wurzel, die hinteren Armschwingen am Ende, die längsten Schulterfedern ganz weiß, die Schwanzfedern schwarz, die äußerste bis über die Hälfte, die zweite weniger, die dritte und vierte nur noch am Ende weiß. Die Länge beträgt vierundzwanzig, die Breite zweiunddreißig, die Fittig- und Schwanzlänge elf Centimeter.

Unser Raubwürger lebt, vielleicht mit Ausnahme des äußersten Südens, in allen Ländern Europas und in einem großen Theile Asiens als Stand- oder Strichvogel, in Nordafrika und Südasien als Zugvogel. In den Monaten September bis November und Februar bis April sieht man ihn am häufigsten, weil er dann streicht. Im Winter kommt er gern bis in die Nähe der Ortschaften; im Sommer hält er sich paarweise an Waldrändern oder auf einzeln stehenden Bäumen des freien Feldes auf. Feldhölzer oder Waldränder, welche an Wiesen oder Viehweiden grenzen, sind seine Lieblingsplätze; hier pflegt er auch sein Nest anzulegen. Er ist, wie es scheint, im Gebirge ebenso häufig wie in der Ebene und fehlt nur den Hochalpen oder sumpfigen Gegenden. Wer ihn einmal kennen gelernt hat, wird ihn mit keinem seiner deutschen Verwandten verwechseln; denn er zeichnet sich vor allen ebenso durch sein Wesen wie durch seine Größe aus. Gewöhnlich sieht man ihn auf der höchsten Spitze eines Baumes oder Strauches, welcher weite Umschau gestattet, bald aufgerichtet mit gerade herabhängendem Schwanze, bald mit wagerecht getragenem Körper ziemlich regungslos sitzen. Sein Blick schweift rastlos umher, und seiner Aufmerksamkeit entgeht ein vorüberfliegender Raubvogel ebensowenig wie ein am Boden sich bewegendes Kerbthier, Vögelchen oder Mäuschen. Jeder größere Vogel und namentlich jeder falkenartige wird mit Geschrei begrüßt, muthig angegriffen und neckend verfolgt. Nicht mit Unrecht trägt er den Namen des Wächters; denn sein Warnungsruf zeigt allen übrigen Vögeln die nahende Gefahr an. Erblickt er ein kleines Geschöpf, so stürzt er sich von oben herunter und versucht es aufzunehmen, rennt auch wohl einem dahinlaufenden Mäuschen eine Strecke weit auf dem Boden nach. Nicht selten sieht man ihn rüttelnd längere Zeit auf einer und derselben Stelle verweilen und dann wie ein Falk zum Boden stürzen, um erspähte Beute aufzunehmen. Im Winter sitzt er oft mitten unter den Sperlingen, sonnt sich mit ihnen, ersieht sich einen von ihnen zum Mahle, fällt plötzlich mit jäher Schwenkung über ihn her, packt ihn von der Seite und tödtet ihn durch Schnabelhiebe und Würgen mit den Klauen, schleppt das Opfer, indem er es bald mit dem Schnabel, bald mit den Füßen trägt, einem sicheren Orte zu und spießt es hier, wenn der Hunger nicht allzu groß ist, zunächst auf Dornen oder spitze Aeste, auch wohl auf das Ende eines dünnen Stockes. Hierauf zerfleischt er es nach und nach vollständig, reißt sich mundrechte Bissen ab und verschlingt diese, einen nach dem anderen. Seine Kühnheit ist ebenso groß wie seine Dreistigkeit. Vom Hunger gequält, ergreift er, so vorsichtig er sonst zu sein pflegt, angesichts des Menschen seine Beute und setzt dabei zuweilen seine Sicherheit so rücksichtslos auf das Spiel, daß er mit der Hand gefangen werden kann. Mein Vater sah ihn eine Amsel angreifen, Naumann beobachtete, daß er die Krammetsvögel verfolgte, ja sogar, daß er die in Schneehauben gefangenen Rebhühner überfiel. Junge Vögel, welche eben ausgeflogen sind, haben viel von ihm zu leiden. Besäße er ebensoviel Gewandtheit wie Muth und Kühnheit: er würde der furchtbarste Räuber sein. Zum Glück für das kleine, schwache Geflügel mißlingt ihm sein beabsichtigter Fang sehr häufig; immerhin aber bleibt er in seinem Gebiete ein höchst gefährlicher Gegner aller schwächeren Mitglieder seiner Klasse.

Der Flug des Raubwürgers ist nicht besonders gewandt. »Wenn er von einem Baume zum anderen fliegt«, sagt mein Vater, »stürzt er sich schief herab, flattert gewöhnlich nur wenige Meter über dem Boden dahin und schwingt sich dann wieder auf die Spitze eines Baumes oder Busches empor. Sein Flug zeichnet sich sehr vor dem anderer Vögel aus. Er bildet bemerkbare Wellenlinien, wird durch schnellen Flügelschlag und weites Ausbreiten der Schwungfedern beschleunigt und ist ziemlich rasch, geht aber nur kleine Strecken in einem fort. Weiter als einen halben Kilometer fliegt er selten, und weiter als einen ganzen nie. Eine solche Strecke legt er auch nur dann in einem Zuge zurück, wenn er von einem Berge zum anderen fliegt und also unterwegs keinen bequemen Ruhepunkt findet.« Die Sinne sind scharf. Namentlich das Gesicht scheint in hohem Grade ausgebildet zu sein; aber auch das Gehör ist vortrefflich: jedes leise Geräusch erregt die Aufmerksamkeit des wachsamen Vogels. Daß er klug ist, unterliegt keinem Zweifel; in noch höherem Grade aber zeichnet er sich durch Leidenschaftlichkeit aus. Er ist ungemein zänkisch, beißt sich gern mit anderen Vögeln herum, sucht jeden, welcher sich naht, aus seinem Gebiete zu vertreiben und zeigt sich gegen Raubvögel sehr feindselig, gegen den Uhu überaus gehässig. Mit seinesgleichen lebt er ebensowenig in Frieden als mit anderen Geschöpfen. Nur so lange die Brutzeit währt, herrscht Einigkeit unter den Gatten eines Paares und später innerhalb des Familienkreises; im Winter lebt der Würger für sich und fängt mit jedem anderen, welchen er zu sehen bekommt, Streit an. Das gewöhnliche Geschrei, Erregung jeder Art, freudige wie unangenehme, bezeichnend, ist ein oft wiederholtes »Gäh, gäh, gäh, gäh«. Außerdem vernimmt man ein sanftes »Truü, truü« als Lockton, an schönen Wintertagen, namentlich gegen den Frühling hin aber einen förmlichen Gesang, welcher aus mehreren Tönen besteht, bei verschiedenen Vögeln verschieden und oft höchst sonderbar, weil er, wie es scheint, nichts anderes ist, als eine Wiedergabe einzelner Stimmen und Töne der in einem gewissen Gebiete wohnenden kleineren Singvögel. Dieser zusammengesetzte Gesang wird nicht bloß vom Männchen, sondern auch vom Weibchen vorgetragen. Zuweilen vernimmt man eine hell quiekende Stimme, wie sie von kleinen Vögeln zu hören ist, wenn sie in großer Gefahr sind. Der Würger sitzt dabei ganz ruhig, und es scheint fast, als wollte er durch sein Klagegeschrei neugierige Vögel herbeirufen, möglicherweise, um sich aus ihrer Schar Beute zu gewinnen.

Im April schreitet das Paar zur Fortpflanzung. Es erwählt sich in Vor- oder Feldhölzern, in einem Garten oder Gebüsche einen geeigneten Baum, am liebsten einen Weißdornbusch oder einen wilden Obstbaum, und trägt sich hier trockene Halmstengel, Reiserchen, Erd- und Baummoos zu einem ziemlich kunstreichen, verhältnismäßig großen Neste zusammen, dessen halbkugelige Mulde mit Stroh und Grashalmen, Wolle und Haaren dicht ausgefüttert ist. Das Gelege besteht aus vier bis sieben, achtundzwanzig Millimeter langen, zwanzig Millimeter dicken, auf grünlichgrauem Grunde ölbraun und aschgrau gefleckten Eiern, welche fünfzehn Tage lang bebrütet werden. Zu Anfange des Mai schlüpfen die Jungen aus, und beide Eltern schleppen ihnen nun Käfer, Heuschrecken und andere Kerbthiere, später kleine Vögel und Mäuse in Menge herbei, vertheidigen sie mit Gefahr ihres Lebens, legen, wenn sie bedroht werden, alle Furcht ab, füttern sie auch nach dem Ausfliegen noch lange Zeit und leiten sie noch im Spätherbste. Mein Vater hat beobachtet, wie vorsichtig und klug sich alte Würger benehmen, wenn sie ihre noch unerfahrenen Jungen bedroht sehen. »In einem Laubholze«, erzählt er, »verfolgte ich eine Familie dieser Vögel, um einige zu schießen. Dies glückte aber durchaus nicht; denn die Alten warnten die Jungen durch heftiges Geschrei jedesmal, wenn ich mich ihnen näherte. Endlich gelang es mir, mich an ein Junges anzuschleichen; als ich aber das Gewehr anlegte, schrie das Weibchen laut auf, und weil das Junge nicht folgte, stieß es dasselbe, noch ehe ich schießen konnte, im Fluge mit Gewalt vom Aste herab.« Dieselbe Beobachtung ist viele Jahre später noch einmal von meinem Vater, inzwischen aber auch von anderen Forschern gemacht worden.

Habicht und Sperber, grausam wie der Würger selbst, sind die schlimmsten Feinde unseres Vogels. Er kennt sie wohl und nimmt sich möglichst vor ihnen in Acht, kann es aber doch nicht immer unterlassen, seinen Muthwillen an ihnen auszuüben, und wird bei dieser Gelegenheit die Beute der stärkeren Räuber. Außerdem plagen ihn Schmarotzer verschiedener Art. Der Mensch bemächtigt sich seiner mit Leichtigkeit nur vor der Krähenhütte und auf dem Vogelherde. Da, wo es auf weithin keine Bäume gibt, kann man ihn leicht fangen, wenn man auf eine mittelhohe Stange einen mit Leimruthen bespickten Busch pflanzt, und ebenso bekommt man ihn in seine Gewalt, wenn man seine beliebtesten Sitzplätze erkundet und hier Leimruthen geschickt anbringt.

In der Gefangenschaft wird der Raubwürger bald zahm, lernt seinen Gebieter genau kennen, begrüßt ihn mit freudigem Rufe, trägt seine drolligen Lieder mit ziemlicher Ausdauer vor, dauert aber nicht so gut aus wie seine Verwandten. Früher soll er zur Baize abgerichtet worden sein; häufiger aber noch wurde er beim Fange der Falken gebraucht.

 

Alle ebenen Gegenden unseres Vaterlandes, in denen der Laubwald vorherrscht, beherbergen den Grauwürger, Rosen- und Schwarzstirnwürger, Schäferdickkopf, Sommerkriek- und Drillelster ( Lanius minor, italicus, longipennis, vigil, roseus, nigrifrons, eximius und graecus, Enneoctonus minor), eine der schönsten Arten der Familie. Das Gefieder ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf der Unterseite weiß, an der Brust wie mit Rosenroth überhaucht; Stirn und Zügel sowie der Flügel, bis auf einen weißen Fleck, welcher sich über die Wurzelhälfte der neun ersten Handschwingen verbreitet, und einen schmalen weißen Endsaum der Armschwingen, schwarz; die vier mittelsten Steuerfedern haben dieselbe Färbung, die darauf folgenden sind fast zur Hälfte weiß, die übrigen zeigen nur noch neben dem dunklen Schafte einen schwarzen Fleck auf der inneren Fahne, die äußersten sind reinweiß. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß graulich. Die Jungen sind an der Stirn schmutzigweiß, auf der Unterseite gelblichweiß, grau in die Quere gestreift. Die Länge beträgt dreiundzwanzig, die Breite sechsunddreißig, die Fittiglänge zwölf, die Schwanzlänge neun Centimeter.

Unter den im Frühlinge zurückkehrenden Sommervögeln ist der Grauwürger einer der letzten. Er erscheint erst zu Anfange des Mai, und ebenso tritt er mit am frühesten, gewöhnlich schon im Spätsommer, zu Ende des August, seine Reise wieder an. Bereits im September begegnet man ihm in den Waldungen der oberen Nilländer und ebenso wahrscheinlich in ganz Mittelafrika; denn hier erst verbringt er den Winter. So häufig er in gewissen Gegenden ist, so selten zeigt er sich in anderen. In Anhalt, Brandenburg, Franken, Bayern, Südfrankreich, Italien, Ungarn und der Türkei, im südlichen Rußland ist er gemein; die übrigen Länder Europas berührt er entweder gar nicht oder nur auf dem Zuge; den Norden Europas meidet er gänzlich. Zu seinem Aufenthalte wählt er mit Vorliebe Baumpflanzungen an Straßen und Obstgärten, ebenso kleine Feldgehölze, Hecken und zusammenhängende Gebüsche, fehlt aber oft in Gegenden, welche anscheinend allen Lebensbedingungen entsprechen, gänzlich, verschwindet wohl auch allmählich aus solchen, welche ihn vormals in Menge beherbergten, ohne daß man stichhaltige Gründe dafür aufzufinden wüßte.

siehe Bildunterschrift

Grauwürger ( Lanius minor). 3/8 natürl. Größe.

Alle Beobachter stimmen mit mir darin überein, daß der Grauwürger zu den anmuthigsten und harmlosesten Arten seiner Familie gehört. Er belebt das von ihm bewohnte Gebiet in höchst ansprechender Weise; denn er ist beweglicher, munterer und unruhiger als jeder andere Würger, hieran und an seiner schlanken Gestalt sowie den spitzigeren Schwingen auch im Sitzen wie im Fliegen leicht vom Raubwürger zu unterscheiden. Vortheilhaft zeichnet ihn vor diesem ferner seine geringe Raubsucht aus. Naumann versichert, daß er ihn niemals als Vogelräuber, sondern immer nur als Kerbthierjäger kennen gelernt habe. Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, deren Larven und Puppen bilden seine Beute. Lauernd sitzt er auf der Spitze eines Baumes, Busches, auf einzelnen Stangen, Steinen und anderen erhabenen Gegenständen; rüttelnd erhält er sich in der Luft, wenn ihm derartige Warten fehlen, stürzt sich, sobald er eine Beute gewahrt, plötzlich auf den Boden herab, ergreift das Kerbthier, tödtet es und fliegt mit ihm auf die nächste Baumspitze zurück, um es daselbst zu verzehren. Dies geschieht gewöhnlich ohne alle Vorbereitung; denn seltener als seine Verwandten spießt er die gefangenen Thiere vor dem Zerstückeln auf Dornen und Astspitzen. »Durch Färbung und Gestalt«, sagt Naumann, »ist der schwarzstirnige Würger gleich schön im Sitzen wie im Fluge, und da er immer herumflattert und seine Stimme hören läßt, so macht er sich auch sehr bemerklich und trägt zu den lebendigen Reizen einer Gegend nicht wenig bei. Sein Flug ist leicht und sanft, und er schwimmt öfters eine Strecke ohne Bewegung der Flügel durch die Luft dahin wie ein Raubvogel. Hat er aber weit zu fliegen, so setzt er öfters ab und beschreibt so viele, sehr flache Bogenlinien. Seine gewöhnliche Stimme klingt ›Kjäck, kjäck‹ oder ›Schäck‹, seine Lockstimme ›Kwiä-kwi-ell-kwiell‹ und ›Perletsch-hrolletsch‹, auch ›Scharreck, scharreck‹. Von seiner bewunderungswürdigen Gelehrsamkeit, vermöge welcher er den Gesang vieler kleinen Singvögel ganz ohne Anstoß nachsingen soll, habe ich mich nie ganz überzeugen können, ungeachtet er sich in meiner Gegend so häufig aufhält und ich ihn im Sommer täglich beobachten kann. Ich habe ihn die Lockstimme des Grünlings, des Sperlings, der Schwalben, des Stieglitzes und mehrerer anderen kleinen Vögel und mitunter auch Strophen aus ihren Gesängen unter einander mengen, darunter dann auch seine Locktöne öfters mit einmischen und auf diese Art einen nicht unangenehmen Gesang hervorbringen hören; allein ein langes Lied irgend eines kleinen Sängers, im ordentlichen Zusammenhange, hörte ich nie von ihm. Immer waren Töne und kurze Strophen aus eigenen Mitteln mit eingewebt, und wenn er auch auf Augenblicke täuschte, so schwand der Wahn bald durch diese Einmischungen. Strophen aus dem Gesange der Feldlerchen hört man oft von ihm; auch ahmt er den Wachtelschlag leise, aber ziemlich täuschend nach. Die fremden Töne ahmt er sogleich, als er sie hört, nach und ist übrigens ein sehr fleißiger Sänger. Daß er den Gesang der Nachtigall auch nachsinge, habe ich noch nicht gehört, obgleich in meinem eigenen Wäldchen Nachtigallen und graue Würger in Menge neben einander wohnen.«

Das Nest legt der schwarzstirnige Würger gewöhnlich in ziemlicher Höhe in dichtem Gezweige seiner Lieblingsbäume an. Es ist groß, wie alle Würgernester aus trockenen Wurzeln, Quecken, Reisern, Heu und Stroh aufgebaut und inwendig mit Wolle, Haaren und Federn weich ausgefüttert. Zu Ende des Mai findet man in ihm sechs bis sieben, vierundzwanzig Millimeter lange, achtzehn Millimeter dicke, auf grünlichweißem Grunde mit bräunlichen und violettgrauen Flecken und Punkten gezeichnete Eier, welche von beiden Gatten wechselweise innerhalb fünfzehn Tagen ausgebrütet werden. Die Jungen erhalten nur Kerbthiere zur Nahrung. »Wenn sich eine Krähe, Elster oder ein Raubvogel ihrem Neste oder auch nur einem gewissen Bezirke um dasselbe nähert«, sagt Naumann, »so verfolgen ihn beide Gatten beherzt, zwicken und schreien auf ihn los, bis er sich entfernt hat. Nähert sich ein Mensch dem Neste, so schlagen sie mit dem Schwanze beständig auf und nieder und schreien dazu ängstlich ›Kjäck, kjäck, kjäck‹, und nicht selten fliegen dem, welcher die Jungen aus dem Neste nehmen will, die Alten, besonders die Weibchen, keine Gefahr scheuend, ins Gesicht. Die Jungen wachsen zwar schnell heran, werden aber, nachdem sie bereits ausgeflogen, lange noch von den Eltern gefüttert. Sie sitzen oft alle auf einem Zweige, dicht neben einander und empfangen ihr Futter unter vielem Schreien; durch ihr klägliches ›Giäh, giäck, gäkgäckgäck‹ verrathen sie ihren Aufenthalt sehr bald. In jedem Gehecke ist eins der Jungen besonders klein und schwächlich. Da sie sehr viel fressen, so haben die Alten mit dem Fangen und Herbeischleppen der Nahrungsmittel ihre volle Arbeit und sind dann außerordentlich geschäftig. Bei trüber oder regnerischer Witterung, wenn sich wenige Kerfe sehen lassen, fangen sie dann auch manchmal junge Vögel und füttern die Jungen damit.«

Habicht und Sperber stellen den alten schwarzstirnigen Würgern nach, Raben, Krähen und Elstern zerstören trotz des Muthes, welchen die Alten an den Tag legen, die Brut. Der Mensch, welcher diesen Würger kennen gelernt hat, verfolgt ihn nicht oder fängt ihn höchstens für das Gebauer, und zwar in derselben Weise, wie ich schon weiter oben mitgetheilt habe. Die gefangenen Grauwürger erfreuen durch ihre Schönheit und Nachahmungsgabe.

 

Der bekannteste unter unseren deutschen Würgern ist der Dorndreher oder Neuntödter, Neunmörder, Dorntreter, Dorndrechsler, Dornheher, Dorngreuel, Todtengreuel, Dornreich, Dickkopf, Quarkringel, Warkvogel, Spießer, Mill- und Singwürger etc.( Lanius collurio, spinitorquus, colluris und dumetorum, Enneoctonus collurio, Bild S. 481). Kopf, Hinterhals, Bürzel und Schwanzdecken sind hell aschgrau, die übrigen Obertheile schön braunroth, ein schmaler Stirnrand und ein oben und unten weiß begrenzter Zügelstreifen schwarz, Backen, Kinn, Kehle und die unteren Schwanzdecken weiß, die übrigen Unterteile blaß rosenroth, die Hand- und Armschwingen bräunlich grauschwarz, schmal hellbraun gekantet, die Oberarmschwingen fast ganz rostbraun; an der Wurzel jeder Armschwinge steht ein kleines, lichtes Fleckchen, welches, wenn der Flügel ausgebreitet ist, eine sichtbare Binde bildet; die Mittelfedern des Schwanzes sind braunschwarz, die folgenden an der Wurzel, die äußersten bis zu Dreiviertel weiß und nur an der Spitze schwarz. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß grauschwarz. Das Weibchen ist oben rostgrau, auf der Unterseite auf weißlichem Grunde braun gewellt. Die Jungen ähneln ihm, zeigen aber auch auf der Oberseite lichte Fleckenzeichnung. Die Länge beträgt achtzehn, die Breite achtundzwanzig, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge sieben Centimeter.

Unter allen deutschen Würgern ist der Dorndreher der verbreitetste. Er bewohnt fast ganz Europa von Finnland und Rußland an bis Südfrankreich und Griechenland und ebenso das gemäßigte Sibirien. In Spanien gehört er zu den Seltenheiten; doch soll er hier in den nordwestlichen Provinzen als Brutvogel gefunden werden; in Griechenland brütet er nur in den höheren Gebirgen. Gelegentlich seiner Winterreise durchstreift er ganz Afrika, ist während unserer Wintermonate in allen Waldungen des Inneren wie der Küstenländer Südafrikas und selbst der dem Festlande benachbarten Inseln eine sehr häufige Erscheinung, wartet dort bei sehr reichlichem Futter seine Mauser ab, welche in die Monate December und Januar fällt, und kehrt sodann allmählich heimwärts. Bei uns zu Lande erscheint er selten vor dem Anfange des Mai und verweilt in der Regel nur bis um die Mitte des August.

Gebüsche aller Art, welche an Wiesen und Weideplätze grenzen, Gärten und Baumpflanzungen sind seine Aufenthaltsorte. Dichte Hecken scheinen ihm unumgänglich nothwendiges Erfordernis zum Wohlbefinden zu sein. Rottet man solche Hecken aus, so verläßt dieser Würger, selbst wenn er früher häufig war, die Gegend. Aber er ist genügsam; denn schon ein einziger dichter Busch im Felde befriedigt ihn vollständig. Er baut dann viele Jahre nach einander sein Nest immer an eine und dieselbe Stelle und behauptet den einmal gewählten Wohnplatz mit Hartnäckigkeit gegen jeden anderen Vogel, namentlich gegen ein zweites Paar seiner Art. Da er nun außerdem den Verhältnissen sich anbequemt, nötigenfalls in die Obstgärten der Ortschaften wie in das Innere des Waldes übersiedelt, nimmt er von Jahr zu Jahr an Menge zu und zählt schon jetzt, sehr zuungunsten der kleinen Sänger, zu den gemeinsten Vögeln vieler Gegenden unseres Vaterlandes.

Auch der Dorndreher ist ein dreister, muthiger, munterer, unruhiger Vogel. Selbst wenn er sitzt, dreht er den Kopf beständig nach allen Seiten und wippt dabei mit dem Schwanze auf und nieder. Die höchsten Spitzen der Büsche und Bäume bilden für ihn Warten, von denen aus er sein Jagdgebiet überschaut, und zu denen er nach jedem Ausfluge zurückkehrt. Aufgejagt stürzt er sich von der Höhe bis gegen den Boden herab, streicht tief über denselben dahin und schwingt sich erst dann wieder empor, wenn er von neuem sich setzen will. Auch er fliegt ungern weit in einem Zuge, ruht vielmehr auf jedem geeigneten Sitzplatze ein wenig aus und setzt erst hierauf seinen Weg fort. Die Lockstimme ist ein ziemlich deutlich hervorgestoßenes »Gäck gäck gäck« oder ein schwer zu beschreibendes »Seh« oder »Grä«. Beide Laute werden verschieden betont und drücken bald freudige, bald ängstliche Gefühle aus. Aehnliche Töne dienen zur Warnung der unerfahrenen Jungen. Von einzelnen Männchen vernimmt man kaum andere Laute, während andere zu den ausgezeichnetsten Sängern zählen. Auch der Dorndreher besitzt eine wahrhaft überraschende Fähigkeit, anderer Vögel Stimmen nachzuahmen. »Ich habe einmal«, sagt mein Vater, »diesen Vogel wundervoll singen hören. Ein Männchen, welches kein Weibchen bei sich hatte, saß auf der Spitze eines Busches und sang lange Zeit ziemlich laut und äußerst angenehm. Es trug Strophen von der Feld- und Baumlerche, von der Grasmücke und anderen Sängern vor. Die Töne der drei erstgenannten Arten kehrten oft wieder und waren so voll und untereinander gemischt, daß sie äußerst lieblich klangen.« Je älter ein Männchen wird, um so mehr steigert sich seine Begabung. »Wenn ein Sänger«, berichtet Graf Gourcy meinem Vater, »den Namen Spottvogel verdient, so ist es unbestreitbar dieser. Nach meiner Meinung hat er, außer einigen rauhen Strophen, keinen eigenen Gesang, und deswegen singen auch die aufgezogenen, wenn sie nicht unter anderen gut singenden Vögeln aufwachsen, ziemlich schlecht. Die Wildfänge werden nicht leicht zahm; sind sie es aber einmal und an einem Standorte gefangen, wo sie von lauter gut singenden Vögeln umgeben waren, dann kann man keinen angenehmeren Sänger in der Stube besitzen als diesen Würger; denn mit immer erneuerter Lust hört man ihn seine vielfach abwechselnden, zum Täuschen ähnlichen Gesänge vortragen. Nur schade, daß beinahe ein jeder seinen schönen Liedern einige schlechte Töne beimischt! Besonders ist es der Unkenruf, den sich fast alle zu eigen machen. Der, welchen ich jetzt besitze, ist ein vorzüglicher Vogel, welcher auf eine täuschende und entzückend schöne Art die Gesänge der Nachtigall, der Feldlerche, Rauchschwalbe, Sperbergrasmücke, des Mönchs, Goldammers, den Ruf der Amsel und des Rebhuhnes nachahmt und auf eine so feine Art ineinander verschmilzt, daß man durchaus keinen Uebergang bemerkt. Außerdem bellt er noch wie ein Hund. Er sang zuweilen noch im September und begann schon am sechzehnten November wieder.«

Leider macht sich dieser so muntere und singfähige Vogel in anderer Hinsicht im höchsten Grade unbeliebt. Er ist einer der abscheulichsten Feinde der kleinen Singvögel. Kerbthiere bilden allerdings seine Hauptnahrung, und namentlich Käfer, Heuschrecken, Schmetterlinge, auch wohl Raupen werden eifrig von ihm verfolgt und selbst dann noch getödtet, wenn er bereits gesättigt ist; er stellt jedoch auch allen kleinen Wirbelthieren nach, welche er irgendwie bezwingen kann, fängt Mäuse, Vögel, Eidechsen und Frösche, haust namentlich unter der gefiederten Sängerschaft unserer Gärten und Gebüsche in verderblichster Weise. Da, wo ein Dorndreherpaar sich ansässig gemacht hat, verschwinden nach und nach alle kleinen Grasmücken, Laub- und Gartensänger, ja sogar die Höhlenbrüter. Sie verlassen infolge der ewigen Bedrohung die Gegend oder werden von dem Dorndreher ergriffen und aufgefressen. Die Nester weiß er sehr geschickt auszuspüren, und hat er eins gefunden, so holt er sich gewiß ein Junges nach dem anderen weg. Naumann hat beobachtet, daß er junge Dorngrasmücken, gelbe Bachstelzen, Krautvögelchen und Spießlerchen erwürgte und fortschleppte, daß er die in Sprenkeln gefangenen Vögel anging, daß er Finken aus den Gebauern herauszuziehen versuchte. Andere Beobachter erfuhren dasselbe. »Ich habe«, sagt Lenz, »schon einige Male folgende Versuche gemacht: 1) In einem großen, mit starkem Dornzaune umgebenen Garten schoß ich in einigen Jahren jeden Würger, sowie er sich ansiedelte, todt. So konnten die nützlichen Vögelchen ruhig in den von mir angeschlagenen Kästchen und in selbstgebauten Nestern brüten, wurden über das Ungeziefer ganz Herr, und ich bekam Massen trefflichen Obstes. 2) In einem ebenso beschaffenen Garten ließ ich die Würger nach ihrem Belieben hausen. Dabei verließen aber alle anderen Vögelchen den Garten, selbst diejenigen, welche daselbst in den Brutkästchen zu nisten pflegten; meine Bäume wurden von den Raupen erbärmlich kahl gefressen, und ich bekam gar kein Obst. 3) In dem noch größeren Garten eines meiner Nachbarn hegte ich die Würger in einer Ecke, welche ein großes Dorngebüsche bildete. Dagegen zerstörte ich jedes andere Würgernest in diesem Garten, sowie es gebaut war, erschoß auch die Alten. So zeigte sichs denn bald, daß rings um die bewußte Ecke alle Obstbäume entblättert wurden und keine Frucht trugen, während sie an anderen Stellen gut gediehen.«

Mehr noch als andere Arten seiner Familie hat der Dorndreher die Gewohnheit, alle gefangene Beute vor dem Verzehren erst auf einen Dorn oder sonstigen spitzigen Zweig zu spießen. »Er sammelt«, sagt Naumann, »sogar hier, wenn er gerade gesättigt ist, ganze Mahlzeiten und verzehrt diese Vorräthe, sobald ihn der Hunger wieder angreift, mit einem Male. So findet man bei schönem Wetter fast nur Käfer, Kerbthiere und kleine Frösche, bei kalter, stürmischer Witterung hingegen oft ganze Gehecke junger Vögel an die Dornen gespießt, und ich habe manchmal darunter sogar schon flügge ausgeflogene Grasmücken und Schwalben gefunden. Das Gehirn der Vögel scheint einer seiner Leckerbissen zu sein; denn den meisten Vögeln, welche ich aufgespießt fand, hatte er zuerst nur das Gehirn aus den Schädeln geholt. Stört man ihn bei seiner Mahlzeit, so läßt er alles stecken und verdorren. Die kleinen Frösche, welche man sehr oft darunter findet, sind auf eine sonderbare Weise allemal ins Maul gespießt.«

Ungestört brütet das Dorndreherpaar nur einmal im Jahre. Das Nest steht immer in einem dichten Busche, am liebsten in Dornsträuchen und zwar niedrig über dem Boden. Es ist groß, dicht, dick und gut gebaut, äußerlich aus starken Grasstöcken und Grashalmen, Quecken, Moos und dergleichen zusammengesetzt, nach innen zu mit feineren Stoffen derselben Art, welche sorgfältig zusammengelegt und durcheinander geflochten werden, ausgebaut und in der Mulde mit zarten Grashalmen und feinen Wurzeln ausgefüttert. Das Gelege enthält fünf bis sechs Eier von verschiedener Größe und Färbung. Sie sind entweder länglich oder etwas bauchig oder selbst rundlich, durchschnittlich einundzwanzig Millimeter lang, funfzehn Millimeter dick und auf gelblichem, grünlich graugelbem, blaßgelbem und fleischrothgelbem Grunde spärlicher oder dichter mit aschgrauen, ölbraunen, blutrothen und rothbraunen Flecken gezeichnet. Das Weibchen brütet allein und sitzt so fest auf den Eiern, daß man ihm Leimruthen auf den Rücken legen und es so fangen kann. Die Jungen werden von beiden Alten groß gefüttert, außerordentlich geliebt und muthig vertheidigt.

In der Gefangenschaft hält der Dorndreher nur bei guter Pflege mehrere Jahre aus. Mit anderen Vögeln verträgt sich dieser Mörder ebensowenig wie irgend ein anderes Mitglied seiner Familie, überfällt im Gesellschaftsbauer selbst Vögel, welche noch einmal so groß sind als er, quält nach und nach Drosseln und Staare zu Tode, obgleich diese sich nach besten Kräften zu wehren versuchen. Naumanns Vater hielt zuweilen mehrere Dorndreher in einem kleinem Gartenhäuschen, in welchem er einen kleinen Galgen, das heißt ein mit spitzigen Nadeln und Nägeln bespicktes Querholz angebracht hatte. Sperlinge und andere kleine Vögel, welche der genannte den Würgern gesellte, wurden von diesen sehr bald gefangen, dann immer auf die Nägel gesteckt und entfleischt. Schließlich hing der ganze Galgen voller Gerippe.

 

Die vierte Würgerart, welche in Deutschland vorkommt, ist der Rothkopfwürger, Rothkopf, Rostnackenwürger, Pomeraner, Waldkater oder Waldkatze ( Lanius senator, auricularis, pomeranus, rutilus, ruficeps, ruficollis, rutilans, badius und melanotus, Phoneus und Enneoctonus rufus). Seine Länge beträgt neunzehn, die Breite neunundzwanzig, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge acht Centimeter. Stirn und Vorderkopf, ein breiter Zügelstreifen, welcher sich als Seitenhalsstreifen fortsetzt, Mantel, Flügel und Schwanz sind schwarz, Oberkopf und Nacken rostrothbraun, ein Fleck an der Stirnseite, ein kleiner hinter dem Auge, die Schultern, der Bürzel und die oberen Schwanzdecken, alle Untertheile, die Handschwingen an der Wurzel, die Armschwingen und Handdecken am Ende, die äußeren vier Schwanzfederpaare im Wurzeldrittel und am Ende weiß. Beim Weibchen sind Kopf und Hinterhals matter rostbraun, Unterrücken und Bürzel grau, die Untertheile gilblich, schwach dunkler quer gewellt. Der junge Vogel zeigt auf braungrauem Grunde schwärzliche Mondfleckchen; die Flügel und der Schwanz sind braun. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel blauschwarz, der Fuß dunkelgrau.

In Deutschland kommt der Rothkopf in einigen Gegenden, so in Thüringen, dem Rheinthale, der Mark, in Mecklenburg, Holstein einzeln, in Südwestdeutschland häufiger vor, fehlt dagegen in anderen Ländern und Provinzen gänzlich. Nach Osten hin erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet kaum über Deutschland hinaus, und auch im Südosten des österreichisch-ungarischen Kaiserstaates ist er selten, in Südeuropa, namentlich in Spanien und Griechenland, ebenso in Kleinasien, Syrien und Palästina dagegen der gemeinste aller Würger. Hinsichtlich seines Aufenthaltes scheint er weniger wählerisch zu sein als andere Arten der Familie, siedelt sich daher aller Orten an, mitten im Walde ebensowohl als unmittelbar hinter den Häusern eines Dorfes, in Gärten etc. Er kommt bei uns kaum vor der Mitte des Mai an und verläßt uns in der ersten Hälfte des September wieder; in Spanien wie in Griechenland trifft er fast einen Monat früher ein, verweilt auch einige Tage länger. Seine Winterreise dehnt er bis in die großen Waldungen Mittelafrikas aus; hier ist er während und kurz nach der Regenzeit außerordentlich häufig.

siehe Bildunterschrift

Rothkopfwürger, Maskenwürger ( Lanius Senator und nubicus) und Tschagra ( Telephonus erythropterus). 1/2 natürl. Größe.

In seinem Betragen und Wesen hat er die größte Aehnlichkeit mit dem Dorndreher, scheint aber minder räuberisch zu sein, obgleich er ebensowenig als jener kleine Wirbelthiere verschmäht oder unbehelligt läßt. Kerbthiere bilden seine Hauptnahrung, Wirbelthiere verschont er jedoch, wenn sich ihm eine passende Gelegenheit zum Fange bietet, keineswegs, und Nester plündert er nicht minder grausam wie sein Verwandter. Auch er zählt zu den Spottvögeln, welcher die Stimmen der um ihn wohnenden Vögel auf das täuschendste nachahmt, in der sonderbarsten Weise vermischt und so ein Tonstück zusammendichtet, welches einzelne Liebhaber entzückt. Deshalb wird auch er ziemlich häufig im Käfige gehalten und je nach seiner größeren oder geringeren Nachahmungsgabe mehr oder minder geschätzt.

Das Nest steht auf mittelhohen Bäumen, ist äußerlich aus dürren Stengeln und grünen Pflanzentheilen, zarten Wurzeln, Baummoosen und Flechten zusammengebaut, inwendig mit einzelnen Federn, Borsten, Wolle und anderen Thierhaaren ausgefüttert und enthält im Mai fünf bis sechs, etwa dreiundzwanzig Millimeter lange, siebzehn Millimeter dicke Eier, welche auf grünlichweißem Grunde mit aschgrauen oder bräunlichen, am stumpfen Ende auch wohl ölbraunen Punkten und Flecken gezeichnet sind.

 

In Griechenland, viel häufiger aber noch in Egypten und Nubien, lebt neben dem genannten noch eine Art der Familie, der Maskenwürger ( Lanius nubicus, personatus und leucometopon, Enneoctonus nubicus und personatus, Leucometopon nubicus). Oberseite, Zügel, Flügel und Schwanz sind bläulichschwarz, die Untertheile rostgelblich, die Seiten roströthlich, Stirn und Brauen, Schultern, Kehle und Bürzel, die Handschwingen an der Wurzel, die Armschwingen und kleinen Handdecken schmal am Ende weiß, die mittelsten sechs Schwanzfedern ganz schwarz, die äußersten reinweiß mit schwarzem Schaft, die übrigen weiß und schwarz. Das Auge ist braun, Schnabel und Fuß sind schwarz. Die Länge beträgt sechzehn, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge acht Centimeter.

Der Maskenwürger gehört zu den seltensten Vögeln Griechenlands, ist aber in Kleinasien und Palästina ebenso häufig wie in Südegypten und Mittelnubien. Hier verweilt er nach meinen Beobachtungen jahraus, jahrein; in den übrigen Ländern, welche als seine Heimat bezeichnet werden müssen, erscheint er früher oder später im Jahre, so in Palästina bereits im März, in der Umgegend von Smyrna zu Anfange des April, in Griechenland »mit dem Rosenstaare als letzter Zugvogel«. Auf seiner Wanderung besucht er Habesch und die oberen Nilländer, streift auch wohl bis jenseit des Gleichers hinüber. In Griechenland bewohnt er während des Sommers heideartige, mit einzelnen Oelbäumen bestandene Strecken, in Kleinasien die Oelbaumpflanzungen der Ebene wie die Kieferwaldungen der Gebirge, in Egypten und Nubien die kleinen Mimosengehölze zwischen Feldern und Weiden des Nilthales oder aber reine Dattelpalmenwälder.

Mehr als jeder andere europäische Würger bevorzugt er hohe Bäume zu seinen Warten. Hier sitzt er, und von hier aus fliegt er, ganz nach Art der Verwandten, auf Beute aus; von den Spitzen solcher Bäume herab trägt er auch sein ansprechendes Liedchen vor. Letzteres ist, ebenso wie der Gesang seiner Verwandten, größtentheils erborgtes Eigenthum anderer Sänger, daher reichhaltiger oder eintöniger, je nachdem das von ihm bewohnte Gebiet mehr oder weniger verschiedenartige Singvögel beherbergt. Nach meinen und anderer Beobachtungen ist er minder raubgierig als die Verwandten und läßt sich für gewöhnlich an allerlei Kerbthieren genügen; doch dürfte auch er ein Nest oder ein kleines unbehülfliches Vögelchen ebensowenig verschonen wie ein anderer seines Geschlechtes. Tristram fand ihn scheu; ich und alle übrigen Beobachter lernten ihn im Gegentheile als auffallend vertrauensseligen Vogel kennen.

Das Nest steht, nach Lindermeyer, auf der Spitze des höchsten Oelbaumes seines Brutgebietes, nach Krüper und Tristram dagegen entweder in einer Astgabel oder auf der Mitte eines wagerechten, halbtrockenen Astes, so, daß es von oben durch einen aufsteigenden Ast oder herabhängende Blätter gedeckt ist, oft so weit vom Stamme entfernt, daß man es mit der Hand nicht erreichen kann. Es besteht ebenfalls zumeist aus frischen Pflanzenstengeln, ist aber, weil in der äußeren Umwandung des zierlichen Napfes aufgesammelte Faden und Lumpen verwebt werden, so fest gebaut, daß es ein oder zwei Jahre im Freien aushält. Sechs bis sieben Eier bilden das Gelege der ersten, drei bis vier das der zweiten Brut; erstere findet im Mai, letztere zu Ende des Juni statt. Die Eier sind merklich kleiner als die des Rothkopfwürgers, manchmal auch ebenso groß und auf lehmfarbenem, ins Weißliche ziehendem Grunde mit größeren oder kleineren, nahe dem stumpfen Ende zu einem Kranze zusammenfließenden, ölbraunen Tupfen und Brandflecken gezeichnet. Nachdem auch die Jungen der zweiten Brut erwerbs- und wanderfähig geworden sind, verläßt der Maskenwürger seine nördlichen Brutgebiete, Griechenland bereits im August, Kleinasien erst im September, wandert wahrscheinlich über die in Südegypten und Nubien weilenden Artgenossen hinweg und gelangt so allmählich in die angegebene Winterherberge.

Ein jung eingefangener Maskenwürger, welchen Krüper pflegte, ließ sich ebenso leicht an Gebauer und Futter gewöhnen wie andere Sippschaftsverwandte.

 

Der Vollständigkeit halber mag erwähnt sein, daß noch eine Art der Sippe, der Rothschwanzwürger ( Lanius phoenicurus, cristatus, fulvus, bengalensis, melanotis, superciliosus ferrugiceps, rutilans und ruficaudus, Enneoctonus phoenicurus, Otomela phoenicura und cristata), auf Helgoland erbeutet worden ist, also unter den europäischen und sogar deutschen Vögeln Aufnahme gefunden hat. Dieser in Turkestan und Südsibirien, vom Alakul bis in die Amurländer als Brutvogel lebende, außerdem in China, Japan, Indien und auf Ceylon und den Sundainseln vorkommende Würger ist auf der Oberseite dunkel zimmetrostroth, in der Zügelgegend schwarz; Stirne, Vorderkopf und ein breiter Augenbrauenstreifen sind weiß, die Unterteile ebenso, seitlich roströthlich verwaschen, die Schwingen und Deckfedern schwarzbraun, die Armschwingen außen rostbraun gerandet, die Steuerfedern matt rostbraun, die mittleren beiden braun, die seitlichen am Ende schmal fahlweiß gesäumt. Das Auge hat braune, der Schnabel schwarze, der Fuß hornschwarze Färbung. Das Weibchen ist düsterer gefärbt und auf Brust und Seiten mit schmalen, verwaschenen, dunklen Querlinien schwach gesperbert. Die Länge beträgt etwa zweihundert, die Fittiglänge neunzig, die Schwanzlänge fünfundachtzig Millimeter.


Wiederholt ist behauptet worden, daß der auf Seite 490 bildlich dargestellte Tschagra ( Telephonus erythropterus, Lanius erythropterus, senegalus, cucullatus und Tschagra, Tamnophilus und Pomatorhyncus erythropterus, Tschagra erythropterus und orientalis), Vertreter der Sippe der Erdwürger ( Telephonus), auch in Spanien vorgekommen wäre; alle Nachforschungen aber, welche ich angestellt, haben mir die Unrichtigkeit jener Angabe bewiesen. Der Tschagra ist gestreckt gebaut, sein Schnabel schlank und schwachhakig, der Fuß hochläufig und schwächlich, der Flügel kurz und sehr abgerundet, da die fünfte und sechste Schwinge die Spitze bilden, der Schwanz lang und stark abgestuft. Das Gefieder ist auf dem Oberrücken bräunlichgrau, auf der Unterseite licht aschgrau; ein breiter Streifen, welcher sich über den ganzen Kopf erstreckt, und ein zweiter schmaler, welcher durch das Auge verläuft, sind schwarz; zwischen beiden zieht sich, der Augenbraue vergleichbar, eine vorn weiße, nach hinten mehr lichtgelbe Binde dahin; die Schwingen sind grau auf der Außenfahne, aber breit rostbraun gesäumt, so daß diese Färbung, wenn der Vogel den Flügel anlegt, zur vorherrschenden wird, die Oberarmschwingen lichtfahl gesäumt, die beiden mittleren Schwanzfedern grau, dunkler gebändert, alle übrigen schwarz, breit weiß zugespitzt, die äußersten auch auf der Außenfahne licht gesäumt. Das Auge ist rothbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß bleigrau mit grünlichem Schimmer. Die Länge beträgt einundzwanzig, die Breite sechsundzwanzig, die Fittiglänge acht, die Schwanzlänge neun Centimeter.

Das Verbreitungsgebiet des Tschagra umfaßt ganz Afrika mit alleiniger Ausnahme des äußersten Nordostens. Hier begegnet man dem sehr auffallenden Vogel diesseit des achtzehnten Grades nördlicher Breite nicht, wogegen er in den Atlasländern vorkommt. Im Gebirge von Habesch steigt er, laut Heuglin, bis zu etwa zweitausend Meter unbedingter Höhe empor. Sein Betragen weicht von dem der Verwandten wesentlich ab. Er lebt nur im dichtesten Gebüsche und unmittelbar über der Erde, nicht aber in der Höhe der Baumkronen, obwohl er, hart verfolgt, zu solchen aufsteigt. Sein Raubgebiet ist der flache Boden. Auf ihm läuft er mit einer Gewandtheit umher, wie kein zweiter Würger sie besitzt. Wenn man seiner zum ersten Male ansichtig wird, glaubt man eine Drossel, nicht aber einen Würger zu erkennen. So lange als möglich versteckt er sich zwischen Gras und Gestrüppe, bringt man ihn endlich zum Auffliegen, so streicht er mit rasch schwirrenden Flügelschlägen, auf welche dann ein kurzes Schweben folgt, dicht über dem Boden dahin, einem zweiten Busche zu. Auch er lebt paarweise oder einzeln, nur nach der Brutzeit in kleineren Gesellschaften, wahrscheinlich in Familien. Heuglin bezeichnet den Lockton als hell, voll und wohlklingend, den Silben »Dui, dui, dut, dut« etwa vergleichbar und teilt als besondere Eigentümlichkeit des Vogels mit, daß derselbe, dessen wenig fettiges Gefieder Wasser begierig aufsaugt, nach heftigen Gewitterregen hoch in die Luft steigt und durch rasche, zitternde Bewegung der Schwingen ein eigentümliches, dem Schnurren der Spechte ähnliches Geräusch hervorbringt. Eier, welche der genannte im September erhielt, waren dreiundzwanzig Millimeter lang, siebzehn Millimeter dick, feinschalig und auf weißem, rostbräunlich überflogenem Grunde, nach dem stumpfen Ende zu dichter, mit graulichen und lebhaft rothbrauuen Strichelchen gezeichnet.

Buschwürger ( Malaconotinae)

In Afrika und Indien lebt die artenreiche Unterfamilie der Buschwürger ( Malaconotinae). Ihre Merkmale liegen in dem gestreckten, kurzhakigen, undeutlich gezahnten Schnabel, den schwächlichen Füßen, den ziemlich langen Flügeln, dem kurzen, kaum gesteigerten Schwanze und dem sehr reichen, namentlich auf dem Bürzel entwickelten, oft prachtvollen Gefieder.

Hinsichtlich ihrer Lebensweise scheinen die meisten Buschwürger sich sehr zu ähneln. Sie bewohnen paarweise oder in kleinen Trupps die Waldungen, halten sich in den dichtesten Kronen der Bäume oder in Gebüschen auf, lassen sich wenig sehen, um so öfter aber hören, und tragen deshalb zur Belebung der Wälder nicht wenig bei. Kerbthiere dürften die ausschließliche Nahrung aller hierher gehörigen Arten bilden; wenigstens liegt noch keine Beobachtung vor, daß sie sich auch an größeren Wirbelthieren vergreifen. Ueber die Fortpflanzung wissen wir so gut wie nichts, weil überhaupt das Leben dieser Vögel noch sehr der Erforschung bedarf.

 

Die Flötenwürger ( Laniarius) haben hinsichtlich ihres Leibesbaues fast mehr Aehnlichkeit mit den Drosseln als mit den Würgern und erinnern auch hinsichtlich ihres Betragens an jene mehr als an diese. Ihr Leib ist gestreckt, der Hals kurz, der Kopf mittelgroß, der Schnabel gestreckt, wenig gebogen, mit deutlichem Haken, aber schwachem Zahne, der Fuß hoch, jedoch nicht schwach, mit starken Nägeln bewehrt, der Flügel ziemlich lang, in ihm die vierte und fünfte Schwinge die längste, der Schwanz mehr als mittellang, etwas abgerundet.

 

Bei dem mir hinsichtlich seines Freilebens durch eigene Anschauung bekannt gewordenen Scharlachwürger ( Laniarius erythrogaster, Lanius und Dryoscopus erythrogaster, Malaconotus Wernei) ist die Oberseite glänzend schwarz, die Unterseite bis auf den ledergelblichen Steiß prachtvoll scharlachroth, das Auge gelb, der Schnabel schwarz, der Fuß bleifarbig. Die Länge beträgt ungefähr dreiundzwanzig, die Breite vierunddreißig, die Fittig- und Schwanzlänge je zehn Centimeter.

 

Der Flötenwürger ( Laniarius aethiopicus, Turdus, Lanius, Telephonus, Dryoscopus und Malaconotus aethiopicus) ist auf der ganzen Oberseite, mit Ausnahme einer weißen Flügelbinde schwarz, auf der Unterseite reinweiß mit rosenrothem Anfluge, das Auge rothbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß blaugrau. Seine Länge beträgt fünfunddreißig, die Breite dreiunddreißig, die Fittiglänge zehn, die Schwanzlänge neun Centimeter.

Der Scharlachwürger findet sich im ganzen östlichen Mittelafrika, jedoch mehr in den Urwaldungen der Ebenen als im Gebirge. Er ist ein wahrer Schmuck der Wälder. Seine hochrothe Brust schimmert schon von weitem durch das dichteste Geäst der üppig grünenden Bäume, und der Vogel muß selbst dem ungeübten Beobachter auffallen, da er nicht blos schön, sondern auch beweglich, und nicht nur beweglich, sondern auch redselig ist. Im Gebirge scheint ihn der Flötenwürger, welcher hier noch in einem zwischen zwei- bis dreitausend Meter unbedingter Höhe gelegenen Gürtel vorkommt, zu vertreten, ersetzt ihn wenigstens, so weit es sich um die Stimme handelt. Beide Arten leben immer paarweise. An geeigneten Orten sind sie sehr häufig: es wohnt Paar bei Paar, und die hellen Flötentöne, welche im Anfange entzückten, vernimmt man hier so oft, daß sie fast zur Plage werden. Das Paar behauptet ein kleines Gebiet, dessen Durchmesser hundertundfunfzig Schritte betragen mag, mit Hartnäckigkeit und vertheidigt es gegen jeden Eindringling. Dazu ist es gezwungen, denn bei der Häufigkeit dieser Vögel ist jeder zusagende Ort besetzt, und das einzelne Paar muß sich begnügen. In der Regel vernimmt man die Flötenwürger viel eher, als man sie sieht; denn das dichteste Gebüsch ist ihr bevorzugter Aufenthalt, und von ihm aus fliegen sie nur dann auf Hochbäume empor, wenn diese geschlossene Kronen besitzen, welche sie möglichst verdecken. Sie halten sich im laubigen Geäste auf, freilich ohne sich thatsächlich zu verbergen; denn ihre lebhaften Farben schimmern eben doch auch durch das dichteste Grün hindurch, und wenn sie wirklich dem Auge entrückt sind, dann findet der Beobachter sie bald durch das Gehör auf.

siehe Bildunterschrift

Flötenwürger ( Laniarius aethiopicus). 2/5 natürl. Größe.

Hinsichtlich ihres Betragens haben sie unzweifelhaft größere Aehnlichkeit mit den Drosseln als mit den Würgern. Ich erinnere mich nicht, sie jemals auf der Spitze eines hervorragenden Zweiges, nach Würgerart auf Kerbthiere lauernd, gesehen zu haben; sie bewegten sich stets im Inneren der Gebüsche und Baumkronen und liefen hier mit sängerartiger Gelenkigkeit längs der Zweige dahin, diese und die Blätter gründlich nach Nahrung absuchend. Auf dem Boden sieht man sie seltener; doch geschieht es wohl bisweilen, daß sie hier umherhüpfen; bei der geringsten Störung aber fliegen sie augenblicklich wieder in ihre dichten Wipfel empor. Ihr Flug ist schlecht und von dem der Würger durchaus verschieden. Er besteht fast ausschließlich aus schnell wiederholten Flügelschlägen, welche kaum durch gleitendes Schweben unterbrochen werden. Das bemerkenswertheste im Betragen dieser Vögel ist aber unbedingt die Art und Weise, wie sie ihren Gesang zum besten geben. Es handelt sich hier nicht um ein Lied, sondern nur um einzelne Töne, klangvoll wie wenig andere, welche sehr häufig wiederholt, aber von beiden Geschlechtern gemeinschaftlich hervorgebracht werden. Der Ruf des Scharlachwürgers ähnelt dem verschlungenen Pfiffe unseres Pirols; der Ruf des Flötenwürgers besteht aus drei, seltener zwei glockenreinen Lauten, welche sich etwa im Umfange einer Oktave bewegen. Er beginnt mit einem mittelhohen Tone, auf welchen erst ein tieferer und dann ein bedeutend höherer folgt. Die ersten beiden liegen im Umfange einer Terz, die letzten beiden im Umfange einer Oktave auseinander. Diese drei Glockentöne werden ebenso, wie der Pfiff des Scharlachwürgers, nur vom Männchen vorgetragen; unmittelbar auf sie aber folgt die Antwort des Weibchens, ein unangenehmes Kreischen oder Krächzen, welches sich schwer nachahmen und noch viel schwerer beschreiben läßt. Das Weibchen des Scharlachwürgers schließt sein Kreischen erst nach Schluß des ganzen Tonsatzes seines Gatten an, das des Flötenwürgers fällt gewöhnlich schon beim zweiten Tone ein; die eine wie die andere Art aber beweist einen Taktsinn, welcher in Erstaunen setzen muß: es läßt nie auf sich warten. Zuweilen kommt es auch vor, daß das Weibchen anfängt; dann kreischt es gewöhnlich drei-, vier-, sechsmal nach einander, ehe das Männchen einfällt. Geschieht es endlich, so beginnt das Pfeifen von neuem und geht mit gewohnter Regelmäßigkeit weiter. Ich habe mich durch die verschiedensten Versuche überzeugt, daß beide Geschlechter zusammenwirken; ich habe bald das Männchen, bald das Weibchen erlegt, um mich der Sache zu vergewissern. Schießt man das Weibchen vom Baume herab, so verstummt natürlich sofort das Kreischen, und das Männchen wiederholt ängstlich seinen Pfiff mehrmals nach einander. Erlegt man das Männchen, so kreischt oder knarrt das Weibchen. Die Beobachtung und Belauschung dieser Vögel gewährt im Anfange viel Vergnügen; das fortwährend wiederholte Tonstück aber wird zuletzt doch unerträglich: die Regelmäßigkeit, die ewige Gleichförmigkeit ermüdet. So entzückt man anfangs ist von der Reinheit der Flötentöne, so verwundert über das Kreischen, so erstaunt über die Art und Weise des Vortrags, schließlich bekommt man das ganze so satt, daß man es verwünscht, wenn man es hört.

Leider bin ich nicht im Stande, mit Sicherheit anzugeben, welche Kerbthiere die Flötenwürger bevorzugen. Daß sie sich zu gewissen Zeiten vorzugsweise von Ameisen nähren, hat schon Rüppell beobachtet; nebenbei stellen sie aber auch den verschiedensten anderen Käfern nach und namentlich den Raupen und Larven derselben. Ob sie auch Nester plündern, muß dahin gestellt bleiben; mir scheint es nicht wahrscheinlich. Das Fortpflanzungsgeschäft ist zur Zeit noch gänzlich unbekannt.

Dickkopfwürger ( Pachycephalinae)

Dickkopfwürger ( Pachycephalinae) nennt Cabanis etwa sechzig Arten in Australien und den großen Eilanden des Stillen Meeres heimischer Würger, welche so erheblich von ihren Verwandten sich unterscheiden, daß man sie in einer besonderen Unterfamilie oder, nach Auffassung der neueren Thierkundigen, sogar einer eigenen Familie ( Pachycephalidae) vereinigt. Sie kennzeichnen sich durch gedrungenen Leibesbau, verhältnismäßig starken Kopf mit sehr kräftigem Schnabel, kurze, kräftige Füße, ziemlich kurze Flügel und kurzen, meist gerade abgeschnittenen Schwanz. Die hierher zu zählenden Arten bewohnen Bäume aller Art und halten sich meist in den höchsten Kronen derselben auf, nach Art der Meisen durch die Bäume schlüpfend. Kerbthiere im weitesten Umfange bilden ihre Nahrung; sie ziehen aber, wie es scheint, Raupen und weiche Maden den Kerfen im Fliegenzustande vor. Ihre Bewegungen sind verhältnismäßig langsam, und namentlich ihr Flug ist schwerfällig und wenig ausgedehnt. Einige haben einen lauten, ziemlich angenehmen Gesang, andere stoßen lang pfeifende Töne aus, welche sie oft wiederholen und in eigentümlicher Weise anschwellen und verklingen lassen. Das Nest ist ein sehr zierlicher runder Bau, welcher entweder zwischen dem Gezweige oder in einer Baumhöhle steht und in der Regel vier Eier enthält.

siehe Bildunterschrift

Falkenwürger (Falcunculus frontatus). 5/6 natürl. Größe.

Der Falkenwürger (Falcunculus frontatus, Lanius frontatus) gehört mit seinen wenigen Verwandten dieser Würgergruppe an. Er ist ein kräftig gestalteter, angenehm gezeichneter Vogel von sechzehn Centimeter Länge, welcher viele Aehnlichkeit mit unserer Finkmeise hat, sich aber durch den sehr kräftigen Schnabel sofort unterscheidet. Dieser ist in der That falkenartig, obgleich der Haken des Oberschnabels und der Zahn nicht besonders ausgebildet sind. Die Färbung des Gefieders ist in beiden Geschlechtern eine sehr ähnliche. Die Obertheile sind olivenfarbig, die Untertheile hochgelb, eine Binde über die Stirne und die Kopfseiten, mit Ausnahme eines vom Auge aus nach dem Nacken verlaufenden schwarzen Bandes, weiß, die Haube, die Kehle und ein Theil des Vorderarmes schwarz, die Vorder- und Armschwingen schwarzbraun, breit grau gesäumt, die Steuerfedern, bis auf die äußersten und die Spitzen der übrigen reinweißen, wie die Schwingen gefärbt. Das Auge ist röthlichbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß bläulichgrau. Das Weibchen unterscheidet sich durch geringere Größe und grünlichere Kehlfärbung vom Männchen.

Nach Gould sind die Falkenwürger auf den Süden Australiens beschränkt. Die eben beschriebene Art bewohnt Neusüdwales, eine ihr nahestehende zweite Westaustralien. Wo sie vorkommen, finden sie sich überall, ebensowohl im dichten Gestrüppe, als auch auf Bäumen der offenen Ebene. Sie sind munter und lebhaft wie die ihnen so ähnlichen Meisen, klettern auch wie diese längs der Aeste dahin, um nach Nahrung zu suchen, nehmen ähnliche Stellungen an und spielen oft mit ihrer Haube. Ihre Hauptnahrung besteht in Kerbthieren und Beeren, welch erstere sie von den Blättern ablesen oder unter der Rinde der dickeren Aeste hervorziehen. Sie beweisen sehr große Geschicklichkeit, sich ihre Nahrung zu verschaffen und wissen namentlich ihren scharfen Schnabel vielfach zu verwenden, indem sie mit ihm die Rinde abbrechen und das morsche Holz zerstören. Kein Vogel derselben Größe besitzt, nach Goulds Behauptung, eine ähnliche Kraft im Schnabel wie dieser Würger, welcher denselben auch mit Erfolg zu seiner Vertheidigung gebraucht.

Hinsichtlich der Fortpflanzung gilt wahrscheinlich dasselbe, was bei dem Verwandten beobachtet wurde. Von ihm fand Gould ein Nest im Oktober auf den höchsten und schwächsten Zweigen eines Gummibaumes in einer Höhe von etwa sechzehn Meter über dem Boden. Es ähnelte einer tiefen Mulde und war aus zaseriger Gummibaumrinde zusammengebaut, mit Spinnweben überzogen und innen mit feinen Gräsern gefüttert. Die Eier waren auf glänzend weißem Grunde, namentlich gegen das stumpfe Ende hin, mit dunkel ölfarbigen Flecken gezeichnet.


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