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37. Familie: Tyrannen (Tyrannidae)

Wesen und Eigenart der Würger und Fliegenfänger vereinigen in sich die Tyrannen oder Königswürger (Tyrannidae), eine, so viel bis jetzt bekannt, aus dreihundertunddreißig Arten bestehende, für Amerika bezeichnende, auf beiden Hälften des Festlandes vertretene Familie. Sie sind kräftig gebaute Vögel mit ungefähr kopflangem, starkem, geradem, mehr oder minder kegelförmigem, zuweilen bauchig aufgeblähtem, an der Spitze hakig herabgebogenem, seicht gekerbtem Schnabel, dessen Grund von Borsten umgeben ist, starken, hochläufigen, kurzzehigen Füßen, ziemlich langen und spitzigen Flügeln, unter deren Schwingen die zweite und dritte die längsten zu sein pflegen, mäßig oder sehr langem, gerade abgeschnittenem oder schwach zugerundetem, auch wohl tief ausgeschnittenem Schwanze und reichem, weichem Gefieder, in welchem oberseits Grau, unterseits Gelb oder Weiß vorherrschen.

Die Königswürger gehören zu denjenigen Vögeln, welche jedermann beachten und kennen lernen muß; denn sie zeichnen sich ebensowohl durch ihr Betragen wie durch ihre Stimme aus und machen sich ungescheut in unmittelbarer Nähe des Menschen zu schaffen.

Die nachfolgenden Blätter schildern zwei der bekanntesten Arten der artenreichen Familie, deren eingehende Besprechung Raummangel verbietet.

 

Wilson, Audubon, der Prinz von Wied und andere Forscher haben uns so ausführliche Mittheilungen über eine der berühmtesten Arten dieser Familie gemacht, daß wir uns einer genaueren Lebenskenntnis derselben rühmen dürfen. Der »Königsvogel« oder Tyrann ( Tyrannus Carolinensis, intrepidus, leucogaster und Pipiri, Muscicapa tyrannus, rex und animosa, Lanius tyrannus) zählt zu den mittelgroßen Arten der Sippe: seine Länge beträgt 21, die Breite 36, die Fittiglänge 12, die Schwanzlänge 9 Centimeter. Das weiche und glänzende Gefieder, welches sich auf dem Kopfe zu einer Haube verlängert, ist auf der Oberseite dunkel blaugrau, auf den Kopfseiten am dunkelsten, während die schmalen Haubenfedern prachtvoll feuerfarbig und gelb gerundet sind; die Unterseite ist graulichweiß, auf der Brust aschgrau überflogen, an Hals und Kehle reinweiß; die Schwingen und Steuerfedern sind bräunlichschwarz, letztere dunkler gegen das Ende hin und wie die Flügeldeckfedern an der Spitze weiß. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß graulichblau. Beim Weibchen sind alle Farben unscheinbarer und düsterer.

siehe Bildunterschrift

Königsvogel (Tyrannus carolinensis) und Bentevi (Saurophagus sulfuratus). ½ natürl. Größe.

»Der Königsvogel«, erzählt Audubon, »ist einer von den anziehendsten Sommergästen der Vereinigten Staaten. Er erscheint in Louisiana ungefähr um die Mitte des März. Viele verweilen hier bis zur Mitte des September; aber die größere Anzahl zieht sich allgemach nordwärts und verbreitet sich über jeden Theil des Reiches. Die ersten Tage nach seiner Ankunft scheint der Vogel ermüdet und traurig zu sein; wenigstens verhält er sich vollkommen still. Sobald er aber seine natürliche Lebendigkeit wieder erlangt hat, hört man seinen scharfen, trillernden Schrei über jedem Felde und längs der Säume aller unserer Wälder. Im Inneren der Waldungen findet er sich selten; er bevorzugt vielmehr Baumgärten, Felder, die Ufer der Flüsse und die Gärten, welche das Haus des Pflanzers umgeben. Hier läßt er sich am leichtesten beobachten.«

Wenn die Brutzeit herannaht, nimmt der Flug dieser Vögel ein anderes Gepräge an. Man sieht die Gatten eines Paares in einer Höhe von zwanzig oder dreißig Meter über dem Grunde unter fortwährenden flatternden Bewegungen der Flügel dahinstreichen und vernimmt dabei fast ohne Aufhören seinen lauten Schrei. Das Weibchen folgt der Spur des Männchens, und beide scheinen sich nach einem geeigneten Platze für ihr Nest umzusehen. Währenddem haben sie aber auch auf verschiedene Kerbthiere wohl Acht, lassen sich durch sie ab und zu aus ihrem Wege lenken und nehmen die erspähten mit einer geschickten Schwenkung auf. Dieses Spiel wird dadurch unterbrochen, daß beide sich dicht neben einander auf einen Baumzweig setzen, um auszuruhen. Die Wahl des Nistplatzes wird beendet, und nunmehr sucht sich das glückliche Pärchen trockene Zweige vom Boden auf, erhebt sich mit ihnen zu einem wagerechten Aste und legt hier den Grund zur Wiege seiner Kinder. Flocken von Baumwolle, Wolle oder Werch und ähnliche Stoffe, welche dem Neste eine bedeutende Größe, aber auch ziemliche Festigkeit verleihen, werden auf diesem Grunde aufgebaut, die Innenränder mit feinen Würzelchen und Roßhaaren ziemlich dick ausgepolstert. Nun legt das Weibchen seine vier bis sechs fünfundzwanzig Millimeter langen, neunzehn Millimeter dicken, auf röthlichweißem Grunde unregelmäßig braun getüpfelten Eier und beginnt zu brüten. Jetzt zeigt sich das Männchen voller Muth und Eifer. In der Nähe der geliebten Gattin sitzt es auf einem Zweige und scheint keinen anderen Gedanken zu hegen, als sie vor jeder Gefahr zu schützen und zu vertheidigen. Die erhobenen und ausgebreiteten Federn des Hauptes glänzen im Strahle der Sonne; die weiße Brust leuchtet auf weithin. So sitzt es auf seinem Stande und läßt sein wachsames Auge rundum schweifen. Sollte es eine Krähe, einen Geier, einen Adler erspähen, gleichviel ob in der Nähe oder in der Ferne, so erhebt es sich jählings, wirft sich auf den gefährlichen Gegner, nähert sich ihm und beginnt nun, ihn mit Wuth anzugreifen. Es stürzt sich auf seinen Feind hernieder, läßt seinen Schlachtruf ertönen, fällt wiederholt auf den Rücken des Gewaltigen herab und versucht, sich hier festzusetzen. In dieser Weise, den minder gewandten Gegner fortwährend durch wiederholte Schnabelstöße behelligend, folgt es ihm vielleicht eine (englische) Meile weit, bis es seine Pflicht gethan zu haben glaubt. Dann verläßt es ihn und eilt, wie gewöhnlich mit den Flügeln zitternd und beständig trillernd, zu dem Neste zurück. Es gibt wenige Falken, welche sich dem Nistplatze des Königsvogels nähern; selbst die Katze hält sich so viel wie möglich zu Hause, und wenn sie wirklich erscheinen sollte, stürzt sich der kleine Krieger, welcher ebenso furchtlos ist wie der kühnste Adler, mit so schneller und kräftiger Bewegung auf sie und bringt sie durch wiederholte Angriffe von allen Seiten derartig außer Fassung, daß Hinz, in die Flucht geschlagen und beschämt, nach Hause zieht.

Der Tyrann fürchtet keinen seiner luftbeherrschenden Gegner, mit Ausnahme der Purpurschwalbe. Obwohl ihn diese oft im Beschützen des Nestes und Gehöftes unterstützt, greift sie ihn doch zuweilen mit solchem Nachdrucke an, daß sie ihn zum Rückzuge zwingt. Freilich übertrifft auch der Flug der Schwalbe den des Königsvogels so sehr an Schnelligkeit und Kraft, daß er sie befähigt, dem Stoße des kräftigeren Tyrannen, welcher ihr gefährlich werden könnte, ohne Mühe auszuweichen. Audubon führt ein Beispiel an, daß einige Purpurschwalben, welche bis dahin mehrere Jahre lang die alleinigen Eigenthümer eines Gehöftes gewesen waren, den tiefsten Haß gegen ein Paar Königsvögel an den Tag legten, die sich erdreistet hatten, ihr Nest auf einem dem Hause nahen Baume zu erbauen. Als das Weibchen des Paares zu brüten anfing, griffen die Schwalben das wachehaltende Männchen einige Tage unablässig an, stießen es trotz seines Muthes und seiner überlegenen Stärke wiederholt auf den Grund und quälten es so lange, bis es vor Ermattung starb. Dann wurde das verzweifelte Weibchen gezwungen, sich einen neuen Beschützer zu suchen.

Da, wo es Kleefelder gibt, sieht man den Königsvogel oft über denselben schweben, plötzlich sich zwischen die Blüten stürzen, von dort aus sich wieder erheben und ein aufgescheuchtes Kerbthier wegschnappen. Dann und wann verändert er auch diese Jagd, indem er in sonderbaren Zickzacklinien hin- und herfliegt, nach unten und oben sich wendet, als ob die ins Auge gefaßte Beute alle Künste des Fluges anwende, um ihm zu entkommen. Gegen den Monat August hin wird der Vogel verhältnismäßig stumm. Gleichzeitig stellt er sich auf den brachliegenden Feldern und Wiesen ein und lauert hier, auf irgend einem erhabenen Gegenstande sitzend, auf Kerbthiere, denen er jetzt ohne alle Umschweife nachfliegt, sobald er sie erspähte. Mit der gefangenen Beute kehrt er zu derselben oder einer ähnlichen Warte zurück, tödtet sie hier und verschluckt sie dann. Sehr häufig fliegt er jetzt auch über große Ströme oder Seen hin und her, nach Art der Schwalben Kerfe verfolgend. In derselben Weise, wie dieser Vogel, gleitet er auch über dem Wasser dahin, um zu trinken; wenn das Wetter sehr heiß ist, taucht er, um sich zu baden, in die Wellen, erhebt sich aber nach jedem Eintauchen auf einen niederen Baumzweig am Ufer und schüttelt das Wasser von seinem Gefieder ab.

Der Königsvogel verläßt die mittleren Staaten früher als andere Sommergäste. Auf seinem Zuge fliegt er rasch dahin, indem er sechs- oder siebenmal seine Flügel schnell zusammenschlägt und dann auf einige Meter hin ohne Bewegung fortstreicht. In den ersten Tagen des September hat Audubon Flüge von zwanzig und dreißig in dieser Weise dahinfliegen sehen. Sie waren vollkommen lautlos und erinnerten durch ihren Flug lebhaft an die Wanderdrosseln. Auch während der Nacht setzen sie ihren Zug fort, und gegen den ersten Oktober hin findet man nicht einen einzigen mehr in den Vereinigten Staaten.

Der Königsvogel verdient die vollste Freundschaft und Begünstigung des Menschen. Die vielen Eier des Hühnerhofes, welche er vor der plündernden Krähe beschützt, die große Kükenzahl, welche, dank seiner Fürsorge, vor der räuberischen Klaue des Falken gesichert ist, die Menge von Kerbthieren, welche er vernichtet, wiegen reichlich die wenigen Beeren und Feigen auf, welche er frißt. Sein Fleisch ist zart und wohlschmeckend; es werden deshalb auch viele der nützlichen Thiere erlegt – nicht deshalb, weil sie Bienen fressen, sondern weil die Louisianer sehr gern die »Bienenfresser« verzehren.


Einer der bekanntesten Tyrannen Brasiliens ist der Bentevi ( Saurophagus sulfuratus, Tyrannus sulfuratus, leucogaster und magnanimus, Megarhynchus sulfuratus und flavus, Lanius und Pitangus sulfuratus , Bild S. 591), so genannt von seinem deutsamen Geschrei. Die Sippe der Häscher ( Saurophagus), welche er vertritt, kennzeichnet sich durch kopflangen Schnabel, welcher entschieden höher als breit, fast kegelförmig gestaltet, auf der Firste angerundet, an der Spitze mit kräftigem Haken und daneben mit einer feinen, aber scharfen Kerbe versehen ist, kräftige Beine mit starken und hohen Läufen, verhältnismäßig lange Flügel und leicht ausgeschnittenen Schwanz, langen Zehen und sichelförmigen Krallen. Der Mundrand ist von Borsten umgeben, welche sich am ganzen Schnabelgrunde hinziehen und besonders am Zügelrande sehr stark sind. Das Gefieder ist derb und kleinfederig. Die Länge des Bentevi beträgt sechsundzwanzig, die Fittiglänge dreizehn, die Schwanzlänge acht Centimeter. Das Gefieder der Oberseite ist grünlich ölbraun, das hollenartige der Scheitelmitte wie das der Unterseite schwefelgelb; die Stirn und ein Augenbrauenstreif, Kehle und Vorderhals sind weiß, der übrige Scheitel, der Zügel und die Backen schwarz, die Flügeldeckfedern, die Schwingen und die Schwanzfedern rostroth gerandet, die Schwingen auch auf der Innenseite breit rostgelb gesäumt. Beim jungen Vogel sind die Farben des Gefieders unscheinbarer; der Scheitel ist ganz schwarz, das Flügel- und Schwanzgefieder breit rostroth gesäumt.

Der Bentevi, einer der bekanntesten Vögel Südamerikas, bewohnt Nordbrasilien, Guayana und Trinidad und tritt fast aller Orten, namentlich aber da, wo offene Triften mit Gebüschen abwechseln, sehr zahlreich auf. Man sieht ihn sozusagen auf jedem Baume und hört seine laute, durchdringende Stimme überall. Er scheut die Nähe der Wohnungen nicht, findet sich deshalb auch in den Pflanzungen, am Rande der Gebüsche und Waldungen und ebenso zwischen dem grasenden Rindviehe auf den Tristen. Ein einzeln stehender Baum oder Strauch, ein erhabener Stein, eine Erdscholle, selbst der flache Boden oder das dichteste Geäste einer Baumkrone bilden seine Warte, von welcher er sich nach Beute umschaut. Er ist ein unruhiger, lebhafter, neugieriger und zänkischer Vogel, welcher unter lautem Rufen eifersüchtig sein Weibchen verfolgt und sich der Gattin halber auch oft mit seinesgleichen streitet: Schomburgk behauptet sogar, daß er mit seinen Artgenossen in ununterbrochenem Streite liege. Sein immerwährendes Geschrei, welches von dem Männchen und dem Weibchen um die Wette ausgestoßen wird, erregt die Aufmerksamkeit jedes Ankömmlings und ist von den Ansiedlern schon längst in verschiedene Sprachen übersetzt worden. In Brasilien hat man es durch » ben-te-vii«, in Montevideo und Buenos Ayres durch » bien-te-veo« (ich sehe dich wohl), in Guayana durch » qu'est-ce-qu'il-dit?« übertragen, und der Vogel ist wegen dieser Aeußerungen sehr volksthümlich geworden. Aber er zieht noch in anderer Weise die Beachtung des Menschen auf sich; denn auch er ist ein echter Tyrann, welcher keinen Raubvogel ungeschoren vorüberziehen läßt. »Niemals wird er fehlen«, versichert der Prinz, »wenn es darauf ankommt, einen Raubvogel zu necken oder zu verfolgen.« Es bleibt aber nicht beim bloßen Necken und Anschreien, sondern der Bentevi geht auch zu Thätlichkeiten über, indem er von oben herab auf die Räuber stößt oder sie überhaupt zu behelligen sucht, so gut er eben kann.

Man sagt dem Bentevi nach, daß er sich nicht mit Kerbthieren begnüge, sondern auch kleine Vögel aus dem Neste hole, und diese Behauptung wird bestätigt durch eine Beobachtung Schomburgks, welcher bemerkte, daß dieser Tyrann von kleineren Vögeln mit wildem Geschrei verfolgt wurde. Daß er wirklich Fleisch frißt, unterliegt nach Azara's und Orbigny's Versicherungen keinem Zweifel; denn er kommt sehr oft zu den Wohnungen heran und nascht von dem zum Trocknen aufgehängten Fleische, findet sich auch ein, wenn die Geier einen Schmaus halten, und ist flink bei der Hand, wenn von diesen beim gierigen Losreißen der Muskeln ein Brocken seitwärts geschleudert wird. Seine Hauptnahrung bilden aber doch die Kerbthiere: der Prinz fand nur Ueberreste von Käfern und Heuschrecken in seinem Magen. Die Jagd auf diese Beute betreibt der Bentevi ganz nach Art seiner Verwandten. Er schaut von seiner Warte aus ringsum, folgt dem erspähten Kerbthiere fliegend nach, fängt auch das schnellste mit bewunderungswürdiger Sicherheit, kehrt zu seinem Sitze zurück und verzehrt es hier. Mit größeren Kerbthieren spielt er oft mehrere Minuten lang, wie die Katze mit der Maus, bevor er sie verzehrt. Wie andere Kerbthierjäger frißt auch er zeitweilig Beeren.

Gegen die Paarungszeit hin fliegt das Männchen dem erwählten oder zu kürenden Weibchen beständig nach, bietet alle Künste des Fluges auf, spielt mit der Holle, ruft fortwährend und sucht sich in anderer Weise liebenswürdig zu machen. Nachdem sich die Gatten geeinigt, schreiten sie zum Baue des Nestes, welches ziemlich künstlich gefertigt ist. Der Prinz fand es im Frühjahre, das heißt zu Ende des August oder zu Anfange des September, in der Gabel eines dichten Strauches oder mäßig hohen Baumes. Es besteht aus einem dicken, großen, runden Ballen von Moos, Blättern, Halmen und Federn, an welchem sich vorn ein kleiner, runder Eingang befindet. Das Gelege enthält drei bis vier Eier, welche auf blaßgrünlichem Grunde, besonders gegen das stumpfe Ende hin, mit zerstreuten schwarzen und blaugrünen Flecken gezeichnet sind. Daß der Bentevi während der Brutzeit streitsüchtiger und muthiger ist als je, braucht nicht erwähnt zu werden: angesichts seines Nestes ist er ein wahrer Tyrann.

Gefangene Häscher gelangen neuerdings nicht allzu selten auch in unsere Käfige und erwerben sich infolge ihres stolzen Selbstbewußtseins, ihrer fabelhaften Fluggewandtheit, welche durch ein wunderbar scharfsichtiges Auge unterstützt, geleitet und geregelt wird, und ihrer Ausdauer die Zuneigung jedes Pflegers.


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