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11. Familie: Waldsänger (Sylvicolidae)

Einer auf Helgoland vorgekommenen Art zu Liebe mögen auch die Waldsänger (Sylvicolidae) erwähnt sein. Man betrachtet diese Vögel gewöhnlich als die amerikanischen Vertreter unserer Sänger, dürfte in ihnen aber eher Verbindungsglieder zwischen den Tangaren und Blumen- oder Zuckervögeln zu erkennen haben. Von einzelnen Sippen der Tangaren unterscheiden sie sich fast nur durch ihren schwächeren Schnabel, ähneln jedoch auch den Finken in nicht geringem Grade. Im Vergleiche mit unseren Sängern zeichnet sie der stets merklich stärkere Schnabel aus. Alle Arten erreichen nur geringe Größe. Der Schnabel ist in der Regel ein sehr schlanker, seitlich etwas zusammen gedrückter Kegel, in selteneren Fällen oben und unten ein wenig gebogen, der Ober- wie der Unterkiefer geradlinig und zahnlos, ersterer höchstens vor der Spitze seicht eingekerbt, das eiförmige Nasenloch seitlich gelegen, der mäßig hochläufige Fuß mit kurzen, kräftigen Zehen ausgerüstet und mit derben Nägeln bewehrt, der Flügel, dessen Handtheil neun Schwingen trägt, höchstens mittellang, der Schwanz länger oder kürzer, in der Regel gerade abgeschnitten, seltener abgerundet, das Gefieder weich und buntfarbig.

Die Waldsänger, von denen gegen einhundertundzwanzig Arten bekannt sind, zählen zu den Amerika eigenen Familien, verbreiten sich über den ganzen Norden des Erdtheils, bewohnen auch Mittelamerika, dehnen ihren Wohnkreis jedoch nicht weit jenseit des Wendekreises aus. Gleichwohl bevölkern sie das südlich und das nördlich neuweltliche Gebiet in annähernd gleicher Artenzahl. Ihre Lebensweise entspricht im wesentlichen dem Thun und Treiben unserer Sänger.

 

Die auf Helgoland beobachtete Art der Familie ist der Grünwaldsänger ( Dendroica virens, Motacilla, Sylvia, Sylvicola, Rhimanphus und Mniotilta virens), Vertreter der Waldsänger im engeren Sinne (Dendroica), welche die artenreichste Sippe der ganzen Familie bilden. Sein Schnabel ist spitz kegelförmig, auf der Firste gerade, an der Spitze scharf gebogen, der hochläufige Fuß kurz, breit und mit stark gekrümmten Nägeln ausgerüstet, der Flügel lang und spitzig, unter seinen neun Handschwingen die zweite die längste, der Schwanz leicht gerundet. Die Oberseite, ein Strich durchs Auge und die Ohrgegend sind olivengelbgrün, welche Färbung auf der Stirne deutlicher ins Gelbe spielt, ein breiter Zügel-, ein Augen- und ein Bartstreifen vom Mundwinkel abwärts nebst den Halsseiten hochgelb, Kinn, Kehle und Kropf, einen breiten Schild bildend, tiefschwarz, die übrigen Untertheile weiß, schwach gelblich angeflogen, die Seiten mit breiten schwarzen Längsstreifen geziert, Unterbauch und Aftergegend gelb, Schwingen und Schwanzfedern braunschwarz mit bleifarbenen, auf den Armschwingen sich verbreiternden Außensäumen, die Armschwingen und großen Oberflügeldecken am Ende weiß, wodurch zwei breite weiße Querbinden entstehen, die beiden äußersten Schwanzfedern weiß, an der Wurzel der Innenfahne und am Ende der Außenfahne schwarzbraun. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß hornbraun. Beim Weibchen und jungen Männchen sind die Federn an Kinn und Kehle am Ende weiß gesäumt, wodurch das Schwarz mehr oder weniger verdeckt wird. Die Länge beträgt dreizehn, die Fittiglänge sieben, die Schwanzlänge sechs Centimeter.

siehe Bildunterschrift

Grünwaldsänger ( Dendroica virens). ⅔ natürl. Größe.

Erst die neuzeitlichen Forschungen haben einigermaßen Aufschluß über Verbreitungskreis und Lebensweise des Grünwaldsängers gegeben. Der zierliche Vogel bewohnt den größten Theil der östlichen Vereinigten Staaten und wandert im Winter bis Mittelamerika und Westindien hinab. Seine Aufenthaltsorte sind ungefähr die unserer Grasmücken oder Laubsänger. Wie einzelne Arten jener und die meisten dieser Sippe siedelt er sich, aus seiner Winterherberge kommend, mit Vorliebe in höheren Baumkronen an, den stillen Wald wie den Garten oder die Pflanzungen in unmittelbarer Nähe bewohnter Gebäude bevölkernd. Erst spät im Jahre, kaum vor Beginn der Mitte des Mai, erscheint er in seinem Brutgebiete, verweilt dafür ziemlich lange im Lande, und unternimmt, wenigstens im Norden seines Wohnkreises, mit Eintritt des Herbstes mehr oder minder ausgedehnte Wanderungen. Gelegentlich dieser letzteren, und zwar am neunzehnten Oktober 1858, war es, daß er auf Helgoland erlegt wurde. Während seines Zuges gesellt er sich zu anderen seiner Art oder Verwandten; am Brutplatze dagegen lebt er streng paarweise und vertreibt andere seinesgleichen eifersüchtig aus seiner Nähe. In seinem Wesen und Gebaren ähnelt er unseren Laubsängern. Unruhig, beweglich und gewandt schlüpft und hüpft er durch das Gezweige; nach Meisenart turnt und klettert er, und wie ein Laubsänger folgt er vorübersummenden Kerbthieren nach. Trotz alledem findet er noch immer Zeit, sein kleines Liedchen zum besten zu geben. Die amerikanischen Forscher bezeichnen ihn als einen guten Sänger und erwähnen, daß man ihn nicht allein zu jeder Tageszeit, sondern fast während des ganzen Sommers vernimmt. Seine Nahrung besteht aus allerlei Kerbthieren und deren Larven, während des Herbstes auch aus verschiedenen Beeren.

Ein Nest, welches Nuttall am achten Juni untersuchte, war auffallenderweise in einem niedrigen, verkrüppelten Wacholderbusche aus zarten Baststreifen des Busches und anderen Pflanzenfasern erbaut und mit weichen Federn ausgelegt; in der Regel aber findet man die Nester nur auf hohen Bäumen und dann auch meist aus anderen Stoffen zusammengesetzt. Verschiedene, welche der Sammler Welch untersuchte, standen auf Hochbäumen eines geschlossenen Forstes, waren klein, dicht und fest zusammengefügt und bestanden aus feinen Rindenstreifen, Blatttheilen und Pflanzenstengeln, welche, gut zusammen- und mit wenigen feinen Grashalmen verflochten, die Außenwandung bildeten, während die innere Mulde weich und warm mit seidiger Pflanzenwolle ausgekleidet zu sein pflegte. Die vier Eier, deren Längsdurchmesser etwa zwanzig und deren Querdurchmesser etwa vierzehn Millimeter beträgt, sind auf weißem oder röthlichweißem Grunde mit bräunlichen und purpurbraunen Flecken und Tüpfeln ziemlich gleichmäßig, wie üblich aber am dickeren Ende am dichtesten gezeichnet. Als Nuttall dem von ihm gefundenen Neste sich näherte, blieb das brütende Weibchen bewegungslos in einer Stellung sitzen, daß man es für einen jungen Vogel hätte ansehen können, stürzte sich aber später auf den Boden herab und verschwand im Gebüsche. Das Männchen befand sich nicht in der Nähe des Nestes, trieb sich vielmehr in einer Entfernung von ungefähr einer englischen Viertelmeile von letzterem im Walde umher und ließ dabei seinen einfachen, gedehnten, etwas kläglichen Gesang ertönen, dessen Hauptstrophen von Nuttall mit »Di, di, teritsidé« wiedergegeben wird.


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