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22. Familie: Raupenfresser ( Campephagidae)

Die etwa hundert Arten zählende, über Australien, die malaiischen Inseln, Südasien und Afrika verbreitete Familie der Raupenfresser ( Campephagidae) begreift in sich mittelgroße oder kleine Vögel mit mäßig langem oder kurzem, am Grunde verbreitertem, auf der Firste gewölbtem oder gebogenem, schwachhakigem und zahnlosem Schnabel, kurzläufigen, schwachen Füßen, mittellangen Flügeln, in denen die dritte und vierte oder die vierte und fünfte Schwinge die längsten sind, und ziemlich langem, rundem oder abgestuftem Schwanze. Das Gefieder des Rückens pflegt in eigenthümlicher Weise steif zu sein; die Federn um den Schnabel sind in schwache Borsten umgewandelt. Die Färbung ist bei den meisten ein mannigfach schattirtes Grau, bei einigen aber ein sehr lebhaftes Roth oder Gelb.

Ueber die Lebensweise mangeln noch ausführlichere Berichte. Wir wissen, daß die Raupenfresser sich in Wäldern und Gärten aufhalten, gewöhnlich zu kleinen Gesellschaften vereinigt sind, fast ausschließlich auf Bäumen und hier von Kerbthieren mancherlei Art leben, welche sie entweder von den Zweigen der Bäume ablesen oder im Fluge fangen. Einige sollen auch Beeren verzehren, wie die eigentlichen Fliegenfänger unter Umständen ebenfalls thun.

siehe Bildunterschrift

Mennigvogel ( Pericrocotus speciosus). 2/3 natürl. Größe.

Als Vertreter der Familie mag der Mennigvogel ( Pericrocotus speciosus und princeps, Turdus speciosus, Muscipeta und Phoenicornis princeps) erwählt sein. Die Kennzeichen der Sippe, welche er vertritt, liegen in dem ziemlich kurzen Schnabel, welcher breit am Grunde, aber nicht gerade niedrig und auf der Firste leicht gebogen ist, in den kurzläufigen, schwachen Füßen, deren mittellange Zehen mit stark gebogenen Krallen bewehrt, in den mittellangen Flügeln, in denen die vierte und fünfte Schwinge die längsten, und in dem mittellangen Schwanze, dessen mittlere Federn gerade abgeschnitten sind, wogegen die drei seitlichen sich verkürzen. Die Länge des männlichen Vogels beträgt dreiundzwanzig, die Breite zweiunddreißig, die Fittig- und Schwanzlänge je elf Centimeter. Beim Männchen sind die Oberseite, die Schwingen und die beiden mittleren Schwanzfedern glänzend blauschwarz, der Unterrücken, ein breites Band über die Flügel, welches durch einen Fleck an der Außenfahne der Schwingen und einige Deckfedern gebildet wird, die seitlichen Schwanzfedern und die ganze Unterseite von der Brust an prächtig scharlachroth. Beim Weibchen sind alle Farben mehr graulich, der Vorderkopf, der Rücken und die Oberschwanzdecken grünlichgelb, die Schwingen düster schwarz, gelb gefleckt, die mittleren Schwanzfedern dunkelgelb gespitzt, die übrigen Federn hochgelb, mit dunklerer Querzeichnung. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz.

Ein großer Theil Indiens, vom Himalaya an bis Kalkutta, Assam, Burmah, Malakka und Südchina, sind die Heimat dieses prachtvollen Vogels, Waldungen in einer Höhe von ungefähr eintausend Meter über dem Meere sein Hauptaufenthalt. Wie andere Arten der Familie vereinigt er sich zu kleinen Gesellschaften, welche sich den Tag über in dem Gezweige umhertreiben und von den Blättern und Blüten Kerbthiere aufnehmen oder sie nach Art der Meisen von den unteren Theilen der Zweige ablesen, zuweilen, wenn auch selten, emporsteigen, aber auch zum Boden herabkommen. Sein oft wiederholter Ruf ist lebhaft, aber ansprechend. Jerdon, welchem ich das vorstehende entnommen habe, berichtet über andere Arten, deren Lebensweise mit der des beschriebenen Vogels ebenso übereinstimmt wie Gestalt und Färbung. Aus diesen Berichten erfahren wir, daß die Mennigvögel sich gewöhnlich auf lichtkronigen Bäumen aufhalten, meist in Flügen von fünf oder sechs Stück, die Geschlechter oft getrennt, daß sie munter umherhüpfen und Kerbthiere aufnehmen oder sie nach echter Fliegenfängerart in der Luft verfolgen. Für einzelne Arten scheinen Schmetterlinge das hauptsächlichste, wenn auch nicht ausschließliche Futter zu bilden. Ein Nest, welches man Jerdon brachte, war ziemlich sorgfältig aus Wurzeln, Fasern und Moos zusammengebaut und enthielt drei Eier, welche auf weißem Grunde spärlich mit ziegelrothen Punkten gezeichnet waren. Die Gefangenschaft scheinen die Mennigvögel nicht zu vertragen; Hamilton versichert wenigstens, daß sie im Käfige bald dahinwelken und sterben.

Ueber die Lebensweise eines anderen Mennigvogels, welcher auf den Philippinen, in China und Ostsibirien lebt und ein sehr bescheidenes graues Kleid trägt, theilt Radde noch einiges mit. Er traf den Vogel in den Wäldern des Burejagebirges in Schwärmen von funfzehn bis zwanzig Stück und glaubt, daß diese Gesellschaften sich zur Brutzeit in Paare auflösen, die Gegend nicht verlassen und auf dem Bureja brüten. Die Flüge hausten besonders gern in einem lichten, von Eichen und Rüstern gebildeten Hochwalde und trieben sich hier lärmend in den Kronen der höchsten Bäume umher, verriethen sich daher in den sonst so stillen Wäldern schon auf sehr bedeutende Entfernungen. Sie waren, obgleich sehr häufig, so scheu und wachsam, daß Radde nur zwei von ihnen erlegen konnte. Einmal aufgescheucht, schwärmten sie in beträchtlicher Höhe, suchten sodann die obersten Spitzen zu gemeinsamer Ruhe und ließen nunmehr wiederum geschwätzig ihre kurz abgebrochenen Töne vernehmen.

Von Indiern und Chinesen werden auch Mennigvögel gefangen gehalten, überleben aber selten den Verlust ihrer Freiheit oder erweisen sich überhaupt als sehr hinfällig, gelangen daher nicht in unsere Käfige.


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