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Vierunddreißigstes Kapitel

Bald nachdem Sieburth aus Berlin zurückgekehrt war, hatte er eines Tages auf seiner Frühstückstablette einen Zettel gefunden, der folgende Zeilen trug:

 

»Da ich für einige Zeit verreisen muß, wird Ihre Bedienung eine Aufwärterin übernehmen. Sie heißt Frau Auschewski und wohnt Leinweberstraße 21a. Sie wird Ihnen den Morgenkaffee bringen und Ihre Zimmer in Ordnung halten. Wünschen Sie zu den andern Mahlzeiten nicht ins Gasthaus zu gehen, so wird sie Ihnen das Essen von dorther holen. Auch zu sonstigen Besorgungen kann sie verwandt werden.

Frau Anna Schimmelpfennig.«

 

Erleichtert atmete er auf. So brauchte er also das feindselige Menschenwesen nicht mehr in seiner Nähe zu dulden.

Die Aufwärterin fand sich ein.

Ein Weib aus dem Volke, mit vorgeschobenem Bauche, slawischem Kopftuch und mürrisch-teilnahmlosem Gesichte.

Wo Frau Schimmelpfennig hingefahren sei.

Das wisse sie nicht.

Ob sie nicht gesagt habe, weswegen.

Ja. Ihre Tochter sei krank.

Seine Brust krampfte sich zusammen.

Was der fehlen möge.

Das habe sie nicht gesagt.

›Nun kommt auch die Sorge noch‹, dachte er, ›und wird mich quälen tags und nachts und immer.‹

Doch hierin täuschte er sich. Allzu stark war er mit sich beschäftigt, und allzu sicher vertraute er auf Helenens unzerbrechliche Jugendkraft, als daß die Botschaft ihn dauernd beunruhigt hätte.

Was ihr auch geschehen war, sie würde es überwinden, während er selber mit stets sich erneuernden Nöten rang.

Von Stund' an war er ganz allein.

Mochte jene Frau noch so verstockt und erbittert um ihn herumgeschlichen sein, sie bot doch immer noch eine Verbindung mit Leben und Welt, und zuweilen strömte etwas wie Ahnung von ihr aus, daß eines Tages sich alles zum Bessern wenden würde.

Nun war auch das vorbei.

Die Tage gingen hin. Ein jeder trug eine Frühlingsgabe frisch herzu und blickte mit helleren Augen hoffnungsträchtig in die weitgeöffneten Seelen.

Nur in die seine nicht.

Ziellos lief er auf den Landstraßen umher mit der halb unbewußten Absicht, einen Hauch des Frühlings einzufangen, aber alles, was der zu geben hatte, strich wie etwas Fremdes und Gehässiges an ihm vorüber.

Immer wieder fand er sich auf dem Wege, der zum Oberteich und zu der Badeanstalt führte, wo er bei Winterausgang mit Helene gesessen hatte. Und seine Sehnsucht schrie nach ihr.

Jetzt hätte er nicht mehr gezögert, seinem Hagestolzentum den Abschied zu geben. Mit brennendem Verlangen malte er sich das Glück, ein in Weichheit hingegebenes Weib zu hegen und zu hüten; aber die, zu der sich seine Träume flüchteten, mußte tot für ihn sein.

Beinahe so tot war sie wie jene andere, mit deren Bilde das des lieben Kindes nur allzu oft zusammenschmolz.

Weg also mit allem, was Weib heißt! Zurück zur Gegenseite der Welt, in der der Gedanke Alleinherrscher ist.

Das Semester hatte seinen Anfang genommen.

An Vorarbeiten blieb nichts mehr zu tun. Außer dem schon manchmal gehaltenen Kantkolleg war die Lektüre des »Phädon« angezeigt. Was ihn gerade dazu getrieben hatte, darüber vermochte er sich heute keine Rechenschaft mehr zu geben. War es am Ende Feigheit gewesen, um sich als wackerer Schulhalter zu empfehlen? Wenn es schon Plato sein mußte, dann hätte man besser den »Staat« oder etwas anderes gewählt, wobei sich Gelegenheit bot, dem herrschenden System in den Rücken zu fallen.

Ekelhaft alles – und umso ekelhafter jetzt, da der Eiertanz nicht mehr nötig war und kein Sykophant ihm etwas anhaben konnte.

Und dennoch! Die Wandlung, die nun kommen mußte, durfte nur langsam und mit äußerster Vorsicht ins Werk gesetzt werden. Jahre konnten vergehen, ehe er in voller Verantwortlichkeit als ein Neuer auf den Plan treten durfte.

Wie lange würden die »drei Stufen der Ethik« und die »Naturgeschichte der Grundprobleme« und mit ihnen die »Heilslehre der Sophistik« zum Gefängnis des Schrankes verurteilt sein, ehe ihnen allen der geistige Hochzeitsflug freistand?

Jede plötzliche Umkehr wäre ihm ja als ein neues Verbrechen zur Last gelegt worden. ›So lange, bis du deine Bestallung in Sicherheit wußtest, hast du geheuchelt und dich geduckt. Hast dich oben Liebkind gemacht und den flauen Bejaher gespielt. Jetzt erst enthüllst du dein wahres Gesicht.‹

Wenn an seinem Charakterbilde noch etwas zu verderben blieb, dann mußte ihn dieses Urteil zugrunde richten.

Und was das Schlimmste war: Die Herren der Rechten hielten ihn an der Leine. Sich ihrem Griffe zu entziehen, erforderte Künste, die nur vorsichtig und bei Zeit und Gelegenheit gewagt werden konnten.

So eingeschnürt war er am ganzen Leibe, er, der endlich Freigewordene, daß ihm kaum zum Atemholen noch Raum blieb.

Inzwischen steigerte sich der Verkehr im Versammlungszimmer zu immer größerer Qual.

Bis zum Generalkonzil war er ihm fern geblieben. Für die Dauer ging das nicht an. Und was sich damals abgespielt hatte, wiederholte sich täglich in allen Schattierungen.

Höfliche Kühle wandelte sich zu eisiger Ablehnung. Für mehrere wurde er Luft. Andere ließen es bei einem kaum merklichen Neigen des Kopfes bewenden. Die Hand bot ihm keiner. Und keiner hielt es für nötig, seines Besuchs zu gedenken, dessen Erwiderung, wie zu erwarten war, ausblieb.

Auch Pfeifferling schien endgültig von ihm abrücken zu wollen. Nach jenem Wiederbegegnen war das kein Wunder. Wenn er nicht seinerseits eine Annäherung suchte, so hatte die Freundschaft ein Ende.

Und nun die Kollegien selber!

Der Hörsaal war zwar gefüllt, aber von bekannten Gesichtern erblickte er wenige. Das brauchte an sich nichts zu bedeuten. Für den Sommer gingen viele ins Reich; zudem kannten von seinen älteren Schülern die Kantvorlesung fast alle.

Die »Übungen« wurden naturgemäß von einem kleineren Häuflein besucht. Zu ihnen trieb Neugier kaum einen. Aber auch hier saßen fast lauter Anfänger, die der Zauber des Namens »Plato« angelockt haben mochte.

Freude bot keines von beiden. Ermüdende Sachlichkeit dort, philologisches Haarspalten hier.

Es lohnte sich nicht, um ihretwillen Morgenschlaf und Nachmittagsspaziergang schießen zu lassen.

Nein, nichts lohnte sich mehr.

Das Ziel war erreicht, und – nun und?

Die Welt blieb die gleiche, die Einsamkeit blieb die gleiche.

Ein Achselzucken – damit war die Schose erledigt.

›Eine neue Wohnung muß ich mir suchen‹, das sagte er sich einen Tag wie den andern, ›damit das Gesicht jener Frau für immer aus meinem Leben verschwinde.‹

Aber die altgewohnten Räume aufzugeben, fiel schwer. Er fühlte sich mit ihnen verwachsen durch tausendfaches Erleben. Hier war alles entstanden, was in seinem Denken Anspruch auf Wert erhob. An diesem heiligen Platze hatte Herma gesessen. Hier war mit Helenens Lichtgestalt das Glück bei ihm zu Gaste gewesen.

Nein, nicht ausziehen. Wohnen bleiben, solange es ging. Und sich dann meinethalben an die Luft setzen lassen.

Müde! Müde!

In welchem Augenblick, aus welchem Anlaß der Gedanke an ein freiwilliges Sterben zum ersten Mal in ihm aufgetaucht war, das wußte er nicht. Vielleicht jüngst, als im Senate die Erinnerung an das Abschiedswort seines Vorgängers die aufgepeitschte Bitterkeit zum Schweigen gebracht hatte!

Doch schien es beinahe, als sei er immer schon in ihm gewesen.

Vom Baume des Lebens fiel er herab wie eine überreife Frucht.

Wahnsinn natürlich! Spleen! Leichtfertiges Tändeln mit einem allzu gütigen Schicksal.

Wie viele waren im fünfunddreißigsten Jahre schon Inhaber einer Ordentlichen Professur?

Wie viele fanden sich im Besitze eines, wenn auch nicht großen, so doch ausreichenden Vermögens, das ihnen erlaubte, denen, die sich etwa als Richter aufspielen durften, achselzuckend den Rücken zu kehren?

Wie viele hatten zum Überfluß dort oben einen mächtigen Freund, der, wenn das Leben hier sich nicht mehr ertragen ließ, ohne Zweifel bereit sein würde, für einen genehmeren Lehrstuhl zu sorgen?

Wie viele – immer noch weiter ließen diese Fragen sich ausdehnen, und die Antwort hieß stets: »Kaum einer ist vom Glücke verhätschelt wie du.«

Trotz alledem: die Müdigkeit war da und ließ sich nicht aus den Gliedern schütteln.

Sinnlos das Leben – sinnlos der Weltenlauf – sinnlos die Arbeit vor allem.

Darum, wenn er von hinnen ging, mußte sein Werk ihn begleiten. »Gelöscht von den Tafeln der Menschheit«, hatte er selbst einst gesagt.

Wäre nur die Einsamkeit nicht gewesen – die grausame, kehlezuschnürende Einsamkeit!

Früher einmal hatte er sie als eine Freundin betrachtet – liebreich, vorstellungsreich, gedankenschwer. Jetzt wurde sie eine allzeit lauernde Würgerin.

Wo zum Schutze vor ihr einen Menschen hernehmen? Einen, der bei ihm saß, der zu ihm redete, der ihm das Grauen aus der Seele lachte?

Ja, einen gab es: jenen einzigen, von dem ihm ein Glückwunsch zugeflogen war.

Wenn man ihm schrieb, ihn zum Herkommen einlud und dann als eine Art von Adlatus neben sich herlaufen ließ?

Nein doch.

Unzerreißbar verknüpft war mit ihm das Bild jener Stunde, da man untreu seinem Denken, untreu seinem Stolze, untreu allem Vergangenen mit Gevatter Schuster und Schneider am Tische der Unfreien gesessen hatte und erst durch den jungen Schwärmer von einst daran hatte gemahnt werden müssen, was man vordem gewesen war.

Das Bewußtsein jener Schwenkung nagte an ihm wie ein fressendes Geschwür.

Mochten tausendmal Haß und Trotz gegenüber der Partei, von deren Schildhaltern er sich verworfen fühlte, ihn denen zugetrieben haben, die ihn jetzt am Wickel hielten – prüfte er sich auf Herz und Nieren, so mußte er sich bekennen, daß ein schielender Blick nach dem zu erwartenden Vorteil auch seinen Anteil hatte.

Und mochte dieser Anteil noch so gering sein, drüben wurde er als einziges Motiv, wurde als Verbrechen gewertet. Keine Möglichkeit gab's, sich davon reinzuwaschen! – Ein Streber war er, ein Streber blieb er. Die Hände ihm zu reichen, schauerte es den Reinen. Mochte er zum größten Denker aller Zeiten werden, sein Menschentum blieb besudelt bis in graue Zukunft hinein.

Und dieses Sakrifizium des Charakters war noch dazu umsonst gewesen. Der Wink eines hohen Herrn hatte genügt, ihm alles in den Schoß zu werfen, wonach er gierig rang. Nur ein wenig Geduld, und die Berufung wäre von selber gekommen.

Diese Günstlingswirtschaft freilich war, genau besehen, beschämender als alles andere. Nirgendwo eine Spur von eigenem Verdienst. Die Pflege seines Wissens, die Geschmeidigkeit seines Denkens, die wachsende Schar seiner Schüler, das alles galt nichts. Begönnert, geschoben, aufgedrängt und ein Stein des Anstoßes selbst denen, die ihn in das Gefüge der Lehrenden hineinzustopfen beauftragt waren.

Ein Fürst und ein Königssohn, von denen der eine vertraulich seinen Namen genannt, der andere als Notiz ins Merkbuch geschrieben hatte, die waren die Träger seines Schicksals, die Schöpfer seines Wertes geworden. Nach Tisch, beim schwarzen Kaffee mochte es geschehen sein, und zwei Sekunden später war man zu wichtigeren Dingen übergegangen.

Lohnte es sich, sein Leben von derlei Segnungen abhängig zu machen?

War es nicht menschenwürdiger, nicht mehr Mensch zu sein?

So marterte er sein Hirn stundenlang, tage- und nächtelang.

Was anfangs Spiel gewesen war, wurde allmählich Gefahr.

Und dieser Gefahr zu entrinnen, galt es Schutzmittel zu schaffen, gleichgültig, woher sie kamen.

Was blieb? Saufen und Huren. Denn alles andere versagte.

Aber zu beidem lag sein Wollen nicht niedrig genug. Im Gegenteil, je mehr jener Gedanke wuchs, desto mehr hob er ihn über die Erde hinaus.

Alles wurde klein, alles wurde nichtig. Tausendjährige Probleme lösten sich von selber. Dasein – Nichtsein; Kraft – Materie; Geist – Natur; Ichheit – Ding-an-sich; niemals hätte man sich vorstellen können, wie spaßig das war. Kinderspiele mit Weihnachtsäpfeln und bunten Lichtern.

Gefahr! Gefahr! Todesgefahr! – – –

Auf Königsgarten gab es ein Lilienbeet. Frühlingslilien. Iris hießen sie wohl. Hellblau, dunkelblau durcheinander gemischt.

Davor stand eine Bank. Auf ihr saß es sich gut. Besonders nach dem Kolleg, wenn die Sonne schon prall auf den Scheitel brannte.

›Ich habe jetzt den Lehrstuhl Kants! Ich bin Nachfolger Kants. Fein – was?‹

Die Welt machte nicht viel davon her. Die meisten wußten es nicht. Selbst in Kollegenkreisen war die Tradition beinahe verklungen. Der große Hegelianer hatte sie noch manchmal betont. Ob Überweg auch? Oder hatte Überweg auf dem andern Stuhle gesessen? Selbstverständlich. Denn er war ja von jenem ein Zeitgenosse gewesen.

Das ging alles so wirr durcheinander.

Müde! Müde!

Und die Lilien leuchteten unentwegt aus ihren lichteren Tiefen. Wenn ein Windhauch über sie hinstrich, neigten sie sich, wie es sich vor dem Nachfolger Kants nicht anders gehörte.

Solange man mit wachem Auge solche Lilien sah, lohnte sich das Leben noch immer – nicht wahr?

Man mußte nur Menschen haben. Wo Menschen hernehmen?

Weiß Gott, die Dreie saßen gewiß noch immer, bierehrlich süffelnd, an ihrem verräucherten Stammtisch.

Nach seiner Rückkehr aus Berlin war er nicht mehr bei ihnen gewesen.

Weshalb nicht? Daß sie ihm keinen Glückwunsch geschickt hatten, wurmte wohl noch ein wenig, aber der Grund war ein anderer: Seit ihm mit dem Ministerialdirektor jener Gedankenaustausch beschert worden war, hatte ihm die geistige Höhenlage, auf der sie herumturnten, nicht so viel Achtung mehr eingeflößt, um einer Fortführung jener Symposien Geschmack abzugewinnen.

Aber jetzt war Not an Mann. Jetzt hieß es vorliebnehmen.

Und eines Spätabends – um die Mitte des Mai –, als in der nordischen Nachthelle der Sprossergesang Schluchzen und Jauchzen verwob, schlug er, von Angst getrieben, von Widerwillen gehemmt, den Weg zu jenem Gasthause ein, in dem er allzuoft bis in die Frühe gezecht hatte.

Hallo empfing ihn am Eingang. Die fremden Stammgäste riefen ihm ein Willkommen entgegen.

Aber die Dreie schienen verärgert.

»Du bist jetzt wohl zu vornehm geworden«, sagte der Pfarrer Möwes, »um dich mit uns Kropzeug zu befassen.«

Und der Kandidat, der noch breiter, noch schwammiger dasaß, fügte hinzu:

»Der läuft jetzt bloß im Quadrillenschwenker herum, um Antrittsvisiten zu machen. Und seine zwölf Brauten weinen, denn die Frau Professorin is unterwegs.«

Der alte Schulmann war schon betrunken, und seine Augen wässerten, während er ihm mit zitterndem Handschlag entgegendröselte: »Kriech unter, Mensch. Die Welt is dir gram.«

Sieburth zuckte zusammen.

Der hatte im Hellsehertum seines Suffs wieder einmal das Richtige getroffen.

›Also kriech unter!‹ dachte er und setzte sich auf den alten Platz, der für ihn leer stand.

»Warum habt ihr mir nicht gratuliert?« fragte er.

»Warum hast du dir unseren Glückwunsch nicht abgeholt?« fragte der Pfarrer Möwes zurück.

»Er kiekt wie die Uhl aus dem Schmalztopf«, lachte der Kandidat. »Es jeht ihm zu gut für uns.«

»Ohne dich war nuscht los«, sabberte der Angetrunkene drüben. »Nu schmeiß mal wieder – deine Weisheiten – mit der Maurerkelle – an die Wand. Solange sie feucht sind, kann man se abschelbern.«

»Er läßt sie jetzt bloß noch drucken«, hohnlachte der Pfarrer. »Papier ist geduldiger als wir.«

›Auch die zu Feinden geworden‹, dachte Sieburth, ›weil mein Hochkommen sie erbost.‹

»Du Schriftgelehrter da drüben«, sagte er zu dem Alten, »kennst du den griechischen Sinnspruch von dem Neidhammel Diaphon, der wegen irgendwas zum Tode verurteilt war und, als er einen andern neben sich an einem längeren Kreuz hängen sah als dem seinen, schon aus Ärger darüber verstarb?«

Der Angeredete sagte bloß »Prost«, aber die andern zwei bissen die Zähne zusammen.

»Was wirst du nu bloß machen?« fragte der Pfarrer, der von den Dreien der giftigste schien. »Mit der neuen wichtigen Staatsanstellung verträgt sich dein Hottentottentum schlecht. Wirst fromm werden müssen, wie ich einmal war.«

»Und wie du noch bist«, erwiderte Sieburth, »denn deine Freigeisterei ist nichts wie untergeschluckte Wut.«

»Was alles – in unserem Denken – u – u – untergeschluckte Wut is«, meldete sich drüben der Alte, »das weißt du wohl am besten.«

Und schon wieder traf er ins Schwarze.

»Ich meine«, erwiderte Sieburth, der sich immer mehr in Abwehrstellung gedrängt sah, »ihr habt die Kühle meines Urteilens kennengelernt.«

»Ja, ja«, sagte der Pfarrer, »er faßt sich wohl eiskalt an, aber eine Hitze vertreibt bei ihm immer die andere.«

Auch darauf war nichts zu erwidern. Zu tief hatte er diese Fremden in seine Kämpfe hineinschauen lassen.

»Und was die Freigeisterei anbelangt«, fuhr der Pfarrer fort, »so gibt es davon die verschiedensten Sorten. Mit der deinen hast du uns oft genug in die Fichten geführt. Zum Straßenräuber des Glücks braucht sie sich nicht gerade zu machen. Und die Leute, die geistig mit dem offenen Kälberstall 'rumlaufen, wirken bloß unmoralisch auf Mann wie auf Weib.«

»Laßt man die Weiber in Ruh!« knurrte der Kandidat. »Das einzig Unmoralische am Weibe ist die Hängebrust. Alles andere bei ihnen fass' ich als Tugend auf und an.«

›Wo bin ich?‹ dachte Sieburth. ›In dieser Gesellschaft hab' ich meine Nächte vergeudet!‹

Fast wäre er aufgesprungen, aber noch war das Stichwort nicht gefallen, dessen er zum Fortgehen bedurfte.

Da korkste der alte Schulmann, in seinen Stumpfsinn zurückfallend: »Also – da er – nu wieder da is – es lebe die Freundschaft, meine Härren!«

Und er streckte mit mühsamem Griffe das schwappende Bierglas gegen ihn aus.

»Jawohl«, sagte Sieburth, »die Freundschaft, die sich im Miste findet … Die Freundschaft, die nach heimlichen Wunden spürt und drin 'rumwühlt … Die Freundschaft, die nur leben kann, wenn sie an unsrer Seele herumschmarotzt … Die Freundschaft, die bloß durch Verachten gedeiht … Die Freundschaft, die sich mit einem anderen Worte Verzweiflung nennt. Es lebe die Freundschaft, meine Freunde!«

Damit warf er ein Geldstück auf den Tisch, und ehe einer der Dreie sich von seiner Verblüffung erholt hatte, stand er schon draußen.

Das war ein Abschied nach seinem Herzen gewesen.

Wer kam jetzt an die Reihe? War irgend einer noch da?

Denn Pfeifferling zählte kaum mehr.

Nein, es war keiner mehr da.

Als die Nachtluft ihn ruhiger gestimmt hatte, kam das Gefühl des Undanks über ihn.

Vergeudet waren jene Nächte nicht gewesen. Im Gegenteil, sie hatten geholfen, die Einsamkeit zu der Freundin zu machen, als die sie ihm – unter böserem Zeichen – unlängst erschienen war. Und manchen Gedanken hatten sie hervorgelockt oder ihm mindestens brauchbare Form gegeben.

Wie dem auch sein mochte, die Dreie waren erledigt, und die Abfuhr verdienten sie auch.

Wo nun aber Menschen hernehmen? Menschen, Menschen!

Doch die waren in seinem Dasein ein rarer Artikel geworden.

Blieben nur die Zufallsweiber, die sich im Dunkel ansprechen ließen und die man heimlich mit auf die Bude nahm – wie dazumal, ehe das geliebte Kind sein Leben von diesem Volke befreit hatte.

Jetzt war niemand mehr da, der durch die Wand nach ihm hinlauschen konnte. Warum also nicht? – – –

Als er eines Abends – kurz nach Theaterschluß – den Hinter-Tragheim hinunterschritt, sah er eine zart gerundete Hochgestalt ein wenig langsamer, als nötig war, vor sich daherwandeln.

An ihre Seite tretend zog er den Hut, und als sie das Gesicht nach ihm hinwandte, siehe, da war's eine alte Bekannte; nur wo er sie unterzubringen hatte, fiel ihm im Augenblicke nicht ein.

Sie selber war's, die ihm hilfreich unter die Arme griff.

»Ach nein, wie nett! Warum haben Sie mir nicht mehr geschrieben? Sie wollten mir doch nach dem Geschäft hin schreiben. Und nun haben Sie's doch nicht getan.«

Ja richtig, eine der vielen und eine Bevorzugte gar! Denn sie hatte einen der schönsten Körper gehabt, bei denen sein Auge jemals auf die Weide gegangen war. Aber dann hatten die beiden Choristinnen seine Abende ausgefüllt, und darüber war sie vergessen worden. Direktrice in einem Putzgeschäft. Gegen Ende der Zwanzig. Bei den Eltern wohnend – und darum von strengster Tugend. Aber zu kleinen Schadloshaltungen manchmal erbötig.

Mitkommen? Gewiß doch. Sie habe noch Zeit und tue es gerne.

So gerne tat sie's, daß sie, als sie das Arbeitszimmer betrat, ein richtiges Wiedersehen feierte. Sie liebkoste die Büste Platos und fand, er sei ein schöner Mann gewesen. Aber ihr wiedergefundener Freund sei auch ein schöner Mann – schönere Augen habe er jedenfalls.

»Zieh dich aus«, sagte Sieburth.

Sie folgte so willig, wie Frauen tun, die keine Gründe haben, mit der Bloßstellung ihres Leibes zu geizen.

Als sie die goldene Spange losnestelte, die ihren Kragen zusammenhielt, sagte sie mit der Genugtuung der nach ihrem Werte Beschenkten: »Die hab' ich von Ihnen. Wissen Sie noch?«

Er wußte kaum mehr. Das Armband fiel ihm ein, das die Schlosserstochter von ihm erhalten hatte und das der Ursprung alles Unheils gewesen war.

›Welch eine Farce – dies Leben!‹ dachte er.

Sie zog sich weiter aus. Als nur das Hemd noch übrig war, schielte sie nach der Schlafzimmertür und fand, er sei sehr im Rückstand.

»Ich will dich hier nackt sehen«, sagte er.

Das schien ihr komisch und beinahe verletzend, doch als er auf seinem Wunsche beharrte, ließ sie, in der Sofaecke zusammengekauert, auch die letzte der Hüllen sinken.

›Dort hat einmal Herma gesessen‹, dachte er, ›und Helene so oft.‹

Herma – Helene! Herma – Helene!

Aber schön war sie! Schöner vielleicht als alles, was ein reifender Frauenleib zu bieten vermag.

›Ein würdiger Abschied‹, dachte er, ›dieser letzte Anblick des Weibes.‹

Da war der Abschiedsgedanke schon wieder, der ihn verfolgte gleich einem Fatum bei Tag und bei Nacht.

Sie wollte etwas sagen, aber er schloß ihr mit einem Winke den Mund.

»Sprich nichts«, forderte er. »Siehst du nicht, daß ich Andacht halte?«

Das schmeichelte ihr. Sie preßte ein wenig die Brüste heraus, um sich noch schöner zu machen.

Das Lilienbeet fiel ihm ein. ›Solang' es dergleichen gibt auf der Welt – –‹

Nein doch! Auch das verfing nun nicht mehr.

»Zieh dich an, Kind!« sagte er. »Ich bin nicht sehr froh und würde dich auch traurig machen, hielte ich dich länger bei mir.«

Er hatte geglaubt, sie würde sich gekränkt fühlen ob ihres Verschmähtseins, aber ohne eine Miene zu verziehen, streifte sie das Hemd über den Kopf; dann stand sie auf, trat zu ihm heran und streichelte ihn.

Offenbar – sie wollte ihn trösten.

Er, der auf seinem Drehstuhl saß, blickte verwundert und dankbar zu ihr empor.

Das Gutsein des Weibes, das angeborene, Glück um sich streuende, auch hier offenbarte es sich.

Nur – daß es ihm kein Glück mehr zu streuen hatte.

›Was schenk' ich ihr?‹ dachte er, in seiner Schublade stöbernd, aber all der Kram, der von altersher dort lagerte, schien ihm in diesem Falle nicht gut genug.

Er holte die bronzene Venus vom Schrank, die er sich einmal aus Italien mitgebracht und als einziges Altertumsstück stets in Ehren gehalten hatte.

»Hier – deine Schwester«, sagte er, ihr das Figürchen hinreichend. »Pfleg sie und hab sie lieb.«

Sie war ganz erschrocken.

»Ist das echtes cuivre poli?« fragte sie.

» Noch echter«, erwiderte er. »So echt wie deine Schönheit und deine Güte.«

Damit entließ er sie.

Achtung! Gefahr! Todesgefahr!

Wie ihr entrinnen?

Zwei Wege gab's!

Entweder sich Helenens bemächtigen, gleichgültig, was daraus entstand, oder nach Berlin zu seinem neuen Freund fahren und ihm sagen: »Hilf mir! Ich halt's nicht mehr aus.«

Den zweiten verwarf er sofort. Der Mann hatte anderes zu tun, als sich von ihm anbetteln zu lassen. Das einzige, was er ihm antworten konnte, war: »Gedulden Sie sich, bis ich irgendwo einen Platz für Sie frei habe.« Und bis dahin mochten Jahre vergehen.

Blieb also der erste. Der freilich hieß Lebensbankrott. Denn einen solchen Skandal überlebte kein Amt. Aber Lebensbankrott war auch das freiwillige Ende.

Nein, das war es nicht. Viel eher konnte Erfüllung, Erhöhung, Erlösung draus werden. Man hatte nur nötig, ihm diese Maske zu geben. Denn Maske war schließlich ja alles.

Trotzdem wäre es bangherzige Schlaffheit gewesen, sich aus dem Leben zu schleichen, ohne mit dem lieben Geschöpf eine Verständigung gesucht zu haben.

Am nächsten Tage ging er aufs Postamt, um den Aufenthalt der Mutter in Erfahrung zu bringen. Wo sie war, war auch die Tochter, gleichgültig, aus welchen Gründen sie Haus und Stadt verlassen hatte.

Aber man zuckte die Achseln. Frau Anna Schimmelpfennig, wohnhaft da und da, habe einen Zettel hinterlegt, sie verreise unbestimmt wohin; man möge die ankommenden Briefschaften dabehalten, bis sie zurückkehre.

Sodann aufs Polizeibüro. Dort wußte man gar nichts. Abgemeldet sei sie nicht, wahrscheinlich auch nirgends angemeldet, denn sonst wäre amtliche Rückfrage da. Wenn er keine weiteren Anhaltspunkte habe, sei ein Forschen vergeblich.

Da ließ er auch diesen Gedanken fallen.

Wenn er dem Leben wirklich den Abschied geben wollte, dann lauerten Gründe dahinter, die keine zärtliche Frauenhand wegwischen konnte, wie sie etwa den Staub von den Möbeln wischte.

Abschied, Abschied! Immer wieder kroch das Wort aus seinem Hinterhalt.

Abschied von wem noch? Es war ja keiner mehr da.

Ja, einer war noch da. Der liebe Gott war noch da. Der liebe Gott seiner Knabenzeit. Der liebe Gott, den Herma einst so fleißig besuchen ging.

Schon darum verdiente er eine Abschiedsvisite.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Bis zur Stunde des Hochamts wollte er warten und setzte sich an den Schreibtisch.

Auf ihm lagen Zettel umhergestreut, mit Bemerkungen vollgeschrieben, Fremdes und Eignes bunt durcheinander, zusammenhanglos und widerspruchsvoll.

Das war es, was er jetzt arbeiten nannte.

Da fand sich Senecas Spruch: »Qui potest mori, non potest cogi.«

Und des Septimius Severus trübes Bekenntnis: »Omnia fui, et nihil expedit.«

Dann aus Iherings jüngst erschienenem »Zweck im Recht«: »Wo das Leben an der Finsternis hängt, ist Hineinbringen des Lichts Todesverbrechen.«

Gleich einem Peitschenhieb saß dieser letzte unbarmherzige Satz! Und in fast alle Gebiete menschlichen Handelns schlug er hinein.

Aber die Protagoräische Weisheit: »Über jede Sache gibt es zwei Reden, die sich einander gegenüberstehen«, machte ihn stutzig. Ihr war er in seiner Denkart allzu willig gefolgt und hatte darüber den Wert des Überzeugungsgemäßen außer acht gelassen. So war er an dem Sinn des Lebens, dem aus Willkür stammenden – denn einen andern gab es nicht – blindlings vorbeispaziert.

Mit um so hellerer Freude begrüßte er Pascals ketzerisches Wort: »Sich über die Philosophie lustig machen – c'est vraiment philosopher.«

Oft genug hatte er sich mit Ähnlichem vergnügt, und in dem, was aus eigener Küche sich vorfand, lag mancherlei als Zeugnis davon, wie sehr er mit seinem Handwerk zerfallen war:

»Je strenger die philosophische Forschung, desto mehr verdient sie den Fußtritt, den das naive Denken ihr gibt.«

Und: »Schauend erbaut sich der Mensch die Welt, handelnd sucht er in ihr seine Heimstatt, und denkend schlägt er sie wieder in Trümmer.«

Und dergleichen noch vieles.

Sodann ein Ausfall gegen den größten der Meister, auf dessen Stuhl er saß: »Etwas Jämmerlicheres als das Kantsche Wort von den zwei Dingen, die das Gemüt mit immer neuer Ehrfurcht erfüllen, dem bestirnten Himmel über uns und dem moralischen Gesetz in uns, wird sich in der Geschichte des Denkens kaum entdecken lassen. Daß das moralische Gesetz nichts ist wie der zufällige Niederschlag wechselnder Zweckmäßigkeiten, wissen die meisten, wollen's aber nicht wissen. Und der ehrfürchtige Schauer vor dem Sternenzelt ist nur ein verkappter horror vacui. ›Horror nihili‹ müßte es heißen, doch dieses auszudenken hat niemand den Mut.«

Um den Satz war es schade, weil er scheinheiliger Nachbeterei einen Sauhieb versetzte. Gleichviel. Weg damit!

Die Stunde des Ganges war da. Er legte die übrigen Zettel beiseite und zog sich ein hochzeitlich Kleid an. Das war er dem lieben Gott heute schuldig.

Dann ging er nach dem Sackheim, dorthin, wo die katholische Kirche stand, vor der er Herma so oft hatte auflauern wollen.

Die alten lieben Weihrauchdünste! Kindheit. Andacht. Märchenglanz. Die Altarkerzen trugen Strahlenkränze. Vor dem Marienbilde schichteten sich Blumen.

Ja richtig: Maimonat – Marienmonat.

Der Priester stand vor dem Hochaltar und knickste.

Und dann sang er dies und das, und die Gemeinde respondierte, und die Orgel brauste in kurzen Stößen darein.

All das gab es! Das machte den Leuten Spaß.

O nicht doch. Heiliger Ernst war es. Weltanschauung war es. Offenbarung war es. Denen, die hier knieten, galt alle Philosophie als ein überflüssiges Ding. Die waren weit klüger als er. Die hatten ihren Frieden, die hatten ihr Glück. Von ihnen dachte keiner an einen freiwilligen Tod. Freilich, sie durften auch nicht.

Hier hing schon wieder das Richtschwert des Pflichtbegriffs. Und das Gerassel der Postulate übertönte den jauchzenden Orgelschwall. »Du mußt leben. Jedes Hundeleben mußt du leben. Du mußt leben, selbst wenn du in Ekel erstickst.«

Nicht weit vor ihm blähte sich eine Fahne. Gelblich zerknitterte Seide. Drei süßliche Frauengestalten blaßlila und rötlich hineingestickt. »Glaube, Liebe, Hoffnung« stand als Erklärung darunter. O nein, die Devise lautete anders: »Glaube nichts, hoffe nichts und liebe niemand!«

Das war die Devise der Starken.

›Du bist mir ein rechter Held‹, dachte er. ›Willst niemand lieben und seufzest gar hinter zweien her.‹

Alsdann betete er. Betete folgendermaßen: »Du lieber Gott, du Armutszeugnis des Menschenhirns! Du bist ihm notwendig, und darum bist du. Mir freilich bist du nicht notwendig, aber du wirst recht behalten, denn ich werde zur Strafe bald nicht mehr sein. Daß du allmächtig seiest, behaupten die Priester. Und darum hat in einem lichteren Augenblick ein Herbartianer von dir gesagt: – wie hat er doch gesagt? ›Daß Gott zu gehorchen Pflicht ist, heißt nichts anderes als: der Macht sich zu fügen ist das Klügste.‹ Ich bin aber nicht klug. Dazu fehlt mir der nötige Knechtsinn. Im übrigen lasse ich mich nicht lumpen und büße alles. Unbezahlte Schulden liebe ich nicht.

War ich eigensüchtig? Ich büße.

War ich übermütig? Ich büße.

War ich leichtfertig? Ich büße.

War ich entsittlicht? Ich büße.

War ich mir untreu? Ich büße.

Oder war ich von dem allen zu wenig? Ich büße auch das.

Nun kannst du doch zufrieden sein, lieber Gott.«

Damit verließ er auflachend die Kirche. Scheu sahen die am Tore Knienden sich nach ihm um. – – –

Dieser Abschied war mißglückt. Zweifellos. Und dessen schämte er sich.

Wie sehr hatte es ihm an Überlegenheit gefehlt! Gerührt hätte er sein müssen. Fromm hätte er sein müssen. Damit wäre sein Genießertum auf die Kosten gekommen. Und Hermas Seelenheimat einen letzten Gruß zu bringen, hatte er auch versäumt.

Dann ging er Mittag essen. Ins Hotel de Russie. Fein. Aß jungen Spargel und einen Rehrücken mit Sahnensalat. Hinterher frische Erdbeeren. Fein.

›Wenn das Glück gut ist, so ist dies meine Henkersmahlzeit gewesen‹, dachte er aufstehend.

Und mußte sich auslachen. So absurd war das alles.

Warum sollte er aus dem Leben gehen? Es zwang ihn ja niemand. Morgen um neun war Kantkolleg. Da konnte er doch nicht fehlen! Halb zehn – dreiviertel auf zehn – und er noch immer nicht da! Was sollten die armen Jungens dann machen?

Es war ja alles Blödsinn! Spleen war's. Folge des vielen Alleinseins.

Etwa Pfeifferling aufsuchen?

Kaffee trinken und Buße tun?

Bei diesem Gedanken war es schon keine Gefahr mehr – jetzt war es schon Obhut und Rettung.

Rettung vor Pfeifferlings Kaffee zum Beispiel. – –

Der Nachmittag des letzten Maiensonntags, der die Welt in weichen Armen hielt, breitete seine Segnungen auch über sein in Stille vergrabenes Heim.

Kein dröhnendes Fuhrwerk weit und breit. Sah man zum Fenster hinaus, so fiel der Blick auf geputzte Kinder, die sich feierlich bei den Händen hielten.

›Nun kann ich in Ruhe meinen letzten Kampf auskämpfen‹, dachte er.

Aber es gab nichts mehr zu kämpfen. Die Not des Lebens lag schon hinter ihm.

Um durch die Aufwartefrau nicht gestört zu werden, schrieb er auf einen Bogen die Worte: »Muß verreisen, Wohnung bleibt so lange verschlossen!« und heftete ihn im Hausflur an seine Zimmertür.

Hierauf begann er, Ordnung zu schaffen. Leerte die Kästen und stopfte alles, was sich an Briefschaften fand, in das Ofenloch. Nur Hermas Abschiedsgruß behielt er zurück. Der sollte bei ihm bleiben, bis – – –.

Und dann machte er sich über den Wirrwarr der Zettel her, der noch immer auf der Schreibtischplatte herumlag.

Alles, was mit Tod und Sterben Zusammenhang hatte, legte er vor sich hin, das andere verwarf er.

»Die Bejahung des Lebens ist nur eine Flucht und eine Ausflucht, um sich dem Griff des Todes nicht beugen zu müssen.«

Das mochte hingehen. Nur: je intensiver wir leben, desto weniger bleibt uns selbt zum Bejahen die Zeit.

Und ein anderes:

»Die Lehre von einem jenseitigen Leben ist ein Unfug, dessen die Menschen, feige wie sie sind, sich nicht zu erwehren vermögen. Sie verfälscht den Blick für das Diesseits, dessen wahrhafte Werte nur aus dem Grundgefühl seiner Wertlosigkeit zu erfassen sind.«

In dem letzten Nebensatze lag eine Wahrheit, die sich wohl hätte ausbauen lassen. Eine ganze Ethik lag eingewickelt darin.

Umso törichter, was voranging! Warum sollte der Glaube an jenes Märchenleben ein Unfug sein und der an dieses, das wirkliche, nicht? Das uns von Lüge zu Lüge hetzt, um uns schließlich auf den Trümmern unseres Wesens verenden zu lassen?

»Der Unfug des Daseins!« Wie oft hatte er mit diesem Worte jongliert!

Oder mußte es vielleicht heißen: »Der Unfug meines Daseins?«

Achtung! Hier saß ein Reuegedanke, der nicht minder ein Unfug war.

Aber gleichviel, woran die Kraft sich zerrieben hatte, zerrieben war sie. Und die Jungfräulichkeit der Seele, die der Urgrund alles Schöpferischen ist, die war vertan.

Ein Anderer, Größerer, mußte kommen, das Schwert aufzuheben, das seiner Hand entsank. Einer, der es in funkenschlagendem Spiele auf die Häupter der Gegner herabsausen ließ, während er selbst nur mühselige Lufthiebe führte. Einer, dem göttliche Lust war, was er als feige Dämonie im Hirn und im Schranke versteckt hielt.

Wenn er unterging, mußte auch dies untergehen. Wenn der Purpur fällt, muß auch der Herzog nach. Oder umgekehrt. Gleichviel!

Das war ein Faustschlag gegen das Leben geführt, der dessen Werte ganz anders zermalmte, als leeres Sterben es konnte.

Gelöscht von den Tafeln der Menschheit!

So war es recht. So war es seiner würdig.

Festlegen. Sofort!

Einen reinen Bogen. Darauf der letzte Wille: Das kleine Vermögen, die Bibliothek, der Hausrat fiel an Helene. Die Bibliothek konnte sie verkaufen, in den Möbeln konnte sie wohnen, das Vermögen war ihr ein Heiratsgut.

Die Mutter freilich! Aber die würde kaum Einspruch erheben. Armut besiegt auch den Haß.

Und dann kam die Hauptsache: die Zerstörung seines Lebenswerks.

Gelöscht von den Tafeln der Menschheit. Nicht wahr?

Man hätte die Manuskripte ja gleich mit den Briefen zusammen vernichten können, aber die Herrschaften sollten noch wissen, daß er kein Faulenzer gewesen war.

»Ich bestimme, daß meine Leiche nicht aus der Wohnung fortgeschafft werden darf, ehe die sämtlichen Papiere, die sich zur Zeit in den beiden obersten Fächern meines Schrankes befinden, im Ofen verbrannt worden sind. Zum Vollstrecker dieser Willensäußerung ernenne ich – –«

Ja, wen? Es war nur einer da. Jener eine, der ihn beglückwünscht hatte.

Aber der Brief, der dessen Adresse enthielt, stak schon im Ofenloch.

Er kniete auf dem Schutzblech nieder, kratzte die zusammengeballten Blätter aus der Winterasche hervor und suchte so lange, bis er gefunden war.

Dann stopfte er alles zurück, tat den Haufen der Zettel hinzu und zündete an.

Während die Flammen an den Kacheln emporleckten, schrieb er weiter: »– – den Referendar Dr. jur. Fritz Kühne, wohnhaft Ober-Laak 23. Ich verpflichte ihn, jedem Versuch, die Ausführung zu hintertreiben, mit allen rechtlich zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten.«

Was sonst noch?

Drei Abschiedsbriefe.

Der erste an Pfeifferling. Wie das sterbende Wild sich im Dickicht verkriecht, so mußte die Fährte seines Handelns verwischt werden. Er brachte dem sogenannten Freunde einen artigen Scheidegruß dar und gab als Motiv des freiwilligen Todes eine ihn quälende Hypochondrie an, deren zunehmenden Wirkungen er sich nicht mehr gewachsen fühle.

Der zweite an Fritz Kühne, um ihm mitzuteilen, zu welchem Amte er ausersehen war und wieviel Vertrauen man in ihn setzte.

Der dritte endlich galt Helenen. Wenige Worte nur: Dank. Liebe. Gedenken bis zum letzten Atemzug.

Und auch das war noch Lüge. Der letzte Atemzug gehörte nicht ihr.

›Wie rasch man mit dem Leben fertig wird‹, dachte er.

Er trat ans Fenster. Die untergehende Sonne ließ die Dächer erglühen. Wie Blumengehänge lagen sie da.

Das Lilienbeet fiel ihm ein. ›Von dem hab' ich keinen Abschied genommen‹, dachte er und fragte sich, ob er noch einmal hingehen solle.

Aber achselzuckend wies er den weichlichen Einfall zurück.

Dann zog er Hermas Brief aus der Tasche, las ihn noch einmal aufmerksam durch, streichelte ihn und warf ihn den andern nach, deren Reste noch glimmten.

Wo lag der Revolver? Seitdem durch ihn die arme Krähe ihr junges Leben verloren hatte, war er nicht mehr in Gebrauch gewesen.

In der Schreibtischschublade fand er sich vor, versteckt hinter den übriggebliebenen Geschenken. Da waren Broschen, Spangen, Ketten; auch noch ein Armband war da. Alles für die »zwölf Brauten«, von denen ihn keine in das allbettende Brautgemach geleitete.

Er raffte den Kram zusammen, barg ihn in der hohlen Hand und ging damit hinunter auf den menschenleeren Hof. Und sich vergewissernd, daß von den Fenstern her niemand auf ihn herniedersah, schüttete er mit raschem Wurfe alles zusammen in die Müllgrube. Da gehörte es hin.

Zurückkehrend untersuchte er die Trommel des Schießzeugs. Drei Kugeln steckten noch drin. Die würden genügen.

»Komm, süßer Tod!« Gar nicht so dumm – das dumme Kirchenlied!

›Ach, ich tu' es ja doch nicht‹, dachte er.


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