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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die Unruhe wühlte weiter.

›Eingeheizt‹? Was bedeutet: ›eingeheizt‹?

Hierhin und dorthin zuckte der Argwohn, aber die Unmöglichkeit blieb, eine Bedeutung herauszuschälen.

Die ganze Woche verging, ohne daß er dem Privatdozenten begegnet wäre.

Er stellte sich vor das schwarze Brett und fand dessen Vorlesungszettel, dem zu entnehmen war, um welche Stunde er im Versammlungszimmer anzutreffen sein mußte. Aber er ließ sich nicht darin blicken.

Endlich sah Sieburth ihn, wie er in einem der Korridore dem Hörsaal, in dem er las, entgegensteuerte.

»Herr Doktor Erl! Herr Doktor Erl!«

Ein scheuer Umblick – ein Erschrecken, wie es schien, und weg war er.

Ein Spiel des Zufalls lag außerhalb des Erwägbaren, auch eilig konnte er es nicht haben – offenbar wünschte er dem Zusammentreffen auszuweichen, weil ein Redestehen ihm fatal war.

Und die Unruhe wuchs.

Im Schaufenster eines Blumenladens sah Sieburth einen Busch jener blassen, zum Aussterben verurteilten La France-Rosen, wie er sie eines Abends vor zwei Jahren Herma mitgebracht hatte.

Ohne sich Rechenschaft abzulegen über das, was er tat, trat er ein, ließ einen üppigen Strauß daraus machen und nannte Hermas Adresse.

»Keine Begleitkarte?« fragte das Fräulein.

»Nicht nötig … Auch bei etwaiger Nachfrage nichts davon sagen, wie der Absender aussah.«

Das Fräulein lächelte verständnisvoll. Dergleichen Wünsche begegneten ihr Tag für Tag und wurden nach zünftiger Regel erfüllt.

Erst als er wieder mit sich allein war, wurde ihm klar, welches Unheil er damit anrichten konnte – von dem Gatten ganz abgesehen, der ein unbestreitbares Recht besaß, nach dem Ursprung der Gabe zu forschen.

So hatte er sie leichtsinnig in den Wirbel seiner Besorgnisse hineingezogen, unfähig, ihr Gemüt zu entlasten oder ihr auch nur nahe zu sein.

Der einzige Trost war: daß sie der Sendung vielleicht eine harmlose Deutung gab, sie etwa auf einen der jetzigen Freunde des Hauses zurückführte.

Und damit schläferte er sein Gewissen ein.

 

Es war am Abend des zweiten Tages nach dem unbedachten Geschenke – die späte Dämmerung ließ die Buchstaben der Schreibseite schon ineinander verfließen – da kam Frau Schimmelpfennig aufgeregt in das Zimmer und meldete, draußen sei eine Dame in Trauer, die ihn dringend zu sprechen wünsche.

Wie sie aussehe?

Das könne man nicht wissen, da sie verschleiert sei.

»Groß, stark – oder wie?«

Nein, ganz zart und ganz schmächtig, umpusten könne man sie.

Sein Herz machte einen Sprung.

»Lassen Sie sie eintreten.«

Wankend legte er den Kopf gegen das Fensterkreuz. Wahrhaftig, schwindlig war ihm geworden.

Und da trat sie ein.

Ein Schatten – ein schmaler, gleitender Schatten, der dann im Dämmer als ein senkrechter Streif vor der noch weiß schimmernden Tür stand.

»Gnädige Frau! – Herm – Liebe gnädige Frau!«

Ihre Hand sank in die seine.

Und das war nun ihre Stimme, bei Gott, das war ihre Stimme! Unverändert fast. Ein wenig zitternd, ein wenig belegt. Das Echo ihres Herzschlags klang darin, wie der seine den Namen »Herma« zum Stocken gebracht hatte.

»Ich danke Ihnen für die Rosen … Ich habe den Geber gleich erkannt … Ohne sie wäre ich nicht gekommen … Ich habe oftmals kommen wollen … Aber man ist ja so feige.«

›Oh, wärst du gekommen, wärst du gekommen!‹ schrie es in ihm, aber über seine Lippen wagte es sich nicht.

Sie schlug den Schleier zurück und schaute um sich.

Derweilen forschte er gierig in ihrem Angesicht. Die beiden Sonnen – da gingen sie auf. Größer noch, noch leuchtender – gar nicht von dieser Welt … Auf den Backenknochen ein Rot wie gemalt … Schattenhöhlen darunter … Und um die Mundwinkel herum ein messerscharfes Gefältel.

›Krank bist du!‹ schrie es in ihm.

»Setzen Sie sich, Liebe! Bitte, bitte, setzen Sie sich!«

»Nein, nein, noch nicht … Erst sehen. Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt … Freilich, viel kann man nicht mehr – –«

Er griff nach der Lampenglocke.

»Nicht doch, kein Licht! Bitte, nein … Also das ist der Schreibtisch!« Sie streichelte die Wachstuchplatte. »Und was für ein Stich ist das dort an der Wand?«

»Guido Renis Aurora.«

»Ah ja … Und die Marmorbüste zwischen den Bücherschränken?«

»Bis zu Marmor hat's noch nicht gelangt … Es ist nur ein Plato in Gips. Ich muß ihn ehren, weil er mein Feind ist.«

»Ehren Sie alle Ihre Feinde so sehr?«

»Da müßte ich ein großes Museum aufmachen … Aber was schwatz' ich? … Herma! Herma!«

Er fiel in den Schreibstuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Hinter ihm setzte auch sie sich, und als er sich nach ihr umdrehte, fand er sie gerade so in die Sofaecke gedrückt wie damals zur Nachtzeit in Rauschen, mit dem rechten Arm die Lehne umklammernd. Und die Augen flammten ins Leere.

»Mein Mann ist nach Heidelberg gefahren«, begann sie, »um wegen seiner Berufung zu verhandeln.«

»Es ist also die Wahrheit? Ihr wollt wirklich fort?«

»Wir müssen. Aus mancherlei Gründen. Und als Ihr Rosenstrauß kam, sagte ich zu mir: Wenn du es nicht gleich tust, dann siehst du ihn nie mehr. Nie mehr, wissen Sie … Denn ich werde den nächsten Frühling nicht mehr erleben.«

»Um Gottes willen, was sind das für …?«

»Nein, nein, das muß so sein, das ist Schicksal … Schwach waren meine Lungen schon immer … Und da kam dann dieses mörderische Klima. Und noch allerhand sonstiges Mörderische kam dazu. Und da muß ich halt daran glauben … Nun soll ich ins Hochgebirge, wollen die Ärzte. Aber ich möchte gern den letzten Winter bei meinem Manne verleben. Er braucht mich so nötig. Und ich habe ihm auch so viel Kummer bereitet … Das möchte ich gerne gutmachen … Soviel ich wenigstens kann. Bevor ich von ihm gehe.«

Ihm war bei ihren Worten, als würde ihm das Herz im Leibe zerstückelt. Und wie ein Dämon auf der Lauer saß in irgend einem Seelenwinkel das Gefühl: Mea culpa! Mea maxima culpa!

Und sie fuhr fort: »Es ist Ihnen und mir nicht gut gegangen inzwischen. Die Frauen der Kollegen haben nicht versäumt, mir alles Schlimme, das von Ihnen im Munde der Leute war, auf dem Präsentierteller entgegenzutragen, denn sie glaubten mich so am giftigsten zu verletzen.«

Er fuhr in die Höhe.

»Was weiß man denn von Ihnen und mir?«

»Man weiß alles. Man weiß immer alles … Wie? Woher? In unserem Falle kann ich mir nur denken, daß Sie, mein armer Freund, in der Bedrückung Ihres Herzens irgend jemanden zum Vertrauten des Geschehenen gemacht haben. Und dieser jemand hat uns dann verraten.«

»Herma! Liebe, Liebe! Wie dürfen Sie? Wie können Sie? Solch eine Schurkerei sollte ich – –?«

»Durch Sie also nicht? Oh, das freut mich! Wenn's im Effekt auch das Gleiche ist. Freut mich, weil – weil – ob man will oder nicht, etwas wie ein Vorwurf mischt sich ja doch darein.«

»Und diesen Argwohn haben Sie zwei Jahre lang mit sich herumgetragen?«

»Anderthalb. Ja, ungefähr. Seit mein Mann die anonymen Briefe bekam.«

»Anonyme? Worüber?«

»Nun, über meinen Besuch in jener Nacht … Bis gegen Morgen sei ich bei Ihnen geblieben, und wassernaß sei ich heimgekommen … Und wenn ich jetzt huste, so rühre das sicher daher … Und so dergleichen …«

Er ließ die Bilder jener Nacht an sich vorüberziehen. »Nirgends war eine Menschenseele. Die ganze Gegend habe ich abgestreift. Kein Fenster hell. Kein Schatten am Wege. Alles ausgestorben und leer.«

Sie lachte leise. »Ob etwas mehr oder weniger rätselhaft, das bleibt sich nun schon egal.«

»Und Ihr Mann?«

»Mein armer Mann. Da hab' ich ihm eben alles gesagt.«

»Sie haben – –?«

»Ich durfte ihn doch nicht länger so leiden lassen … Und gelitten hat er auch dann noch genug … Und nun begann das Katz-und-Maus-Spiel mit uns … Sie wissen doch, wie man uns anfangs verwöhnt hat. Wie ein Königspaar wurden wir aufgenommen … Aber nun kamen die kleinen gesellschaftlichen Zurücksetzungen … Und die Nadelstiche in jedem Gespräch … Anspielungen auf dieses und jenes! Ach, was soll ich viel klagen! Sie kennen das ja.«

›Eingeheizt‹, dachte er. Also das war es!

Und laut sagte er: »Von mir her kenne ich es eigentlich nicht. Mich hat man so sehr distanziert, daß ich in derselben Zeit – gesellschaftlich wenigstens – mit niemand gesprochen habe.«

Eine Weile saß sie reglos.

»Geschah das meinetwegen?« stammelte sie dann.

»Oh, nicht doch«, beruhigte er rasch. »So dreist hat sich jenes Gerücht niemals hervorgewagt … Es gab da noch anderes, was der landläufigen Moral die nötige Handhabe bot. Eine Albernheit – mehr nicht.«

»Wohl das bewußte Inserat?« staunte sie lachend.

»Sie haben davon erfahren?«

»Oh, man hat es mir wohl zehnfach zugeschickt.«

»Und Ihnen wurde zehnfach klar, daß Sie Ihre Neigung an einen Unwürdigen verschwendet hatten?«

Sie sah vor sich nieder. »Lieber Gott«, sagte sie, »was wissen wir Frauen vom Leben und von euch Männern? Wir machen uns euer Bild nach irgend einem Ideal zurecht, das aus Büchern stammt, und wundern uns, wenn ihr ihm dann nicht gleicht.«

»Und wenn ich Sie bei unserem einzigen Begegnen – an jenem Dezembermorgen – wissen Sie noch?« – Sie nickte.

»Wenn ich Sie damals angeredet hätte, so hätten Sie mich stehen lassen. Ist es nicht so?«

Auch diesmal hob sie die Augen nicht. »Es kam so viel zusammen damals«, erwiderte sie leise, »die Briefe und – –. Ach, es tat sehr weh! Und jenes Begegnen tat am wehesten … Erst allmählich, als ich Sie nie mehr sah – –. Aber genug davon! Ich bin bei Ihnen und kann bleiben, so lange ich will – oder besser, so lange der Geist dieser Stunde es will … Ich muß sie auskosten, denn es kommt keine mehr wie sie.«

»So wäre dies wirklich ein Abschied?« fragte er.

»Warum Abschied? Solange man lebt, kann man sich ja immer eins fühlen, gleichgültig, wo der andere ist … Ich war fromm, solange ich leben wollte … Nun ich sterben will – –«

»Das wollen Sie?« fragte er in schmerzlichem Aufbegehren.

»Ich will, was ich muß«, sagte sie. »Und es ist gut so. Denn anders komm' ich zu keiner Lösung … Seit ich mir hierüber so klar bin, gibt mir meine Religion keinen Trost mehr. Ich fand ihn wo anders. ›Das Nicht-Sein tut nicht weh‹, sag' ich mir immer. Das ist Trost … Finden Sie nicht auch?«

Hierüber wäre manches zu sagen gewesen, aber es schien ihm gewagt, selbst mit einer Bejahung in den Frieden dieser Seele einzubrechen.

Draußen wurden die Gaslaternen angezündet, deren Widerschein auf den Bücherreihen geisterte. Auch über ihre Gestalt glitt ein Lichtstreif, färbte die Wange golden und holte ein seraphisches Leuchten aus der toten Schattenmasse des Auges.

Und da er nicht antwortete, fuhr sie fort: »Ich wünschte nur, ich hätte nicht so große Sorgen um euch … Mein Mann wird vielleicht lernen, ohne mich auszukommen. Er wurde sonst immer vom Glück getragen, und das wird ihm wiederkehren, sobald ich erst weg bin. Aber was mache ich mit Ihnen?«

»Um meine Zukunft kümmern Sie sich, Liebe?« fragte er, kaum imstande, seine Bewegung zu meistern.

»Wie könnte ich anders?« fragte sie zurück. »Ich hab' doch nur euch beide auf der Welt.«

Da sank er vor ihr nieder und barg den Kopf auf ihren Knien.

Sie streichelte sein Bürstenhaar, und er hörte das Knistern, wenn unter der Berührung ihrer Fingerspitzen die Funken sprühten.

Ab und zu kam ein Hüsteln aus ihrer Kehle, ganz fein und klingend wie der Laut eines schlafenden Vogels.

›So meldet sich einer, der als dritter bei uns ist‹, dachte er erschauernd und grub das Gesicht tiefer in die sich spannenden Falten des Kleides. »Stehen Sie auf«, hörte er ihr Flüstern dicht über seinem Ohr, »damit ich Ihre Hände halten kann. So viel Wärme geht von ihnen aus, und mich friert immerzu.«

Darum setzte er sich von neuem ihr gegenüber und ergriff ihre Hände, die sich dürr und heiß in die seinen legten.

»Sie wundern sich, daß sie nicht kühl sind«, sagte sie. »Das kommt vom Fieber. Und das Fieber ist das Schönste. Da hat man immer das Gefühl, man könne auffliegen von dieser Erde … Vor meinem Mann muß ich das alles geheim halten. Sonst ängstigt er sich. Auch die Ärzte sagen ihm nichts. So gut habe ich mir die gezogen.«

Er suchte nach einem Worte, das ihr Mut machen könnte. ›So vielen habe ich wohlgetan‹, dachte er, ›die es nicht wert waren. Und ihr gegenüber bin ich stocksteif und dumm.‹

Um wenigstens etwas zu sagen, pries er die Segnungen der Höhe, die Wunderdinge vollbringe. »Dort wird sich alles verlieren«, fuhr er fort, »vor allem auch das Gefühl, daß Sie nicht mehr von dieser Erde sind.«

»O nein«, triumphierte sie, »das geb' ich nicht wieder her. Davon zehre ich ja immerzu. Glauben Sie, ohne das hätte ich hierher kommen können? Ich bin gleichsam durchs Fenster hereingeflogen … Wie ein abgeschiedener Geist wollte ich Sie heimsuchen. Wollte Ihnen etwas wie Heiligung bringen. Und nun nehme ich Heiligung mit mir fort.«

»Sie – von hier?« rief er, den Hohn herunterwürgend, der in ihm hochstieg.

»Nun, ist das nicht alles heilig?« fragte sie, in die Runde schauend. »Da, wo Sie sinnen? Da, wo Sie schreiben? Wo lauter ewige Gedanken um Sie sind?«

Jetzt hielt er sich nicht länger. Er sprang in die Höhe, und mit einem Gelächter um sich weisend schrie er sie an: »Wissen Sie, wo Sie hingeraten sind? In einen Sumpf. In eine Spelunke … Hier geht nichts wie Gesindel aus und ein … Jeder Fleck ist verpestet … Da, wo Sie sitzen, ist gehurt worden. Und daneben. Und überall … Stehen Sie auf, damit Sie sich nicht anstecken … Wischen Sie sich ab, damit die Luft der Geilheit an Ihrer Haut nicht hängen bleibt … Und Sie wollen sich heiligen? Sie – an mir? Hahahahaha …«

Er rannte im Zimmer umher. Er stieß mit den Füßen gegen die Möbelstücke, als wolle er sie zertrümmern. Und die Wut in ihm stieg immer noch.

Vor ihr stehen bleibend fuhr er fort: »Aber glauben Sie nicht etwa, daß ich bereue! Glauben Sie ja nicht, ich klage mich an! Ich lache nur – weiter nichts … lache über die Weltenfarce, aus der Sie herausgewachsen sind und ich … Zwei Menschen, so unähnlich wie von zwei Sternen … Und die sollen sich lieben, die müssen sich lieben? Kann es einen schlechteren Scherz des Schicksals geben, Sie Arme? … Ehe Sie eintraten, schien alles in Ordnung, so wie es war. Und jetzt – –! Herma, was ist Ihnen? Herma, um Gottes willen, Herma!«

Sie lag mit geschlossenen Augen in die Sofaecke zurückgeworfen. Es war, als wandle eine Ohnmacht sie an.

Doch als er in Angst sich um sie mühte, richtete sie sich auf und sah groß und weltfern zu ihm empor.

»Warum bin ich nicht früher gekommen?« flüsterte sie.

»Ja, warum bist du nicht früher gekommen«, stieß er knirschend hervor.

»Wäre ich gesund und würde es deiner Zukunft nicht schaden, so käm' ich ganz zu dir, denn du kannst mich jetzt nötiger brauchen als er.«

»Herma!« Ein Schluchzen des Erlöstseins, des Entsühntseins brach aus diesem Wort.

»Aber wie die Dinge nun einmal liegen, muß ich dich allein lassen. Zuerst in dieser feindlichen Stadt, und dann auch bald allein in dieser feindlichen Welt … Das wird mir noch eine rechte Sorge sein …«

»Vergib, Liebe! Vergib meinen Ausbruch vorhin! Vergib!«

»Im Gegenteil, es ist gut so! So kann ich dir doch wenigstens etwas sein. Und warum lehnst du dich so gegen dich auf? Wenn es wahr ist, daß wir alle nach ewigen Gesetzen unser Dasein vollenden müssen, dann kann es kein Frevel sein, sich diesen Gesetzen zu fügen. Was geschehen ist, gehört wohl alles zu dir. Und vielleicht hast du gerade aus dem Schlimmen immer neue Kräfte gezogen.«

›Wo nimmt sie dies Hellsehertum her?‹ dachte er staunend. Und jenes Gefühl naturgewollter Zusammengehörigkeit, das ihn einst bei ihrem ersten Sehen übermannt hatte, wurde von neuem groß in ihm.

Sie stand auf.

»Glauben Sie nicht, daß es Zeit wird für mich?« fragte sie.

Nun war die Seelentür wieder verriegelt … Nein doch, sie war es nicht. Nur der Augenblick verlangte sein Recht.

»Wenn du hier hinausgegangen bist –« sagte er stockend.

»Was dann?«

Er schwieg. ›Genug der Geständnisse‹, dachte er. Ihm war angst vor dem, was seine Zukunft in sich barg, so weich hatte sie ihn gemacht.

»Wenn ich hier hinausgegangen bin«, sagte sie sorgend statt seiner, »was dann? O Gott, was dann?«

»Wirst du mir niemals schreiben?« fragte er.

»Ja, einmal werde ich dir schreiben.«

»Wann?«

»Wenn es Zeit ist.«

Er forschte nicht weiter.

Sie warf den Schleier wieder über das Gesicht. »Ich habe Trauer angezogen«, sagte sie, »damit es weniger auffällt … Dieser Besuch, glaub' ich, wird keinem Klatsche Nahrung geben.«

»Wann kommt dein Mann zurück?«

»Morgen.«

Nun war der Abschied da. Sie standen einander gegenüber, aber keiner von ihnen brachte es über sich, dem andern die Hand entgegenzustrecken.

Noch war viel zu sagen. Ein ganzes Leben wollte sich erfüllen, ehe es zu Ende ging.

»Weißt du, wie mir zumut ist?« fragte sie. »Als kniete ich auf Gethsemane.«

»Weshalb, Liebe?«

Und plötzlich schlug sie die Arme um seinen Leib und drückte sich an ihn. »Du – du – du –« flehte sie, »du hast über alles nachgedacht. Gibt es keine Möglichkeit, daß wir uns drüben wiedersehen?«

Ein wilder Zorn über den Jahrtausende alten Unfug der Priester, der das Menschengeschlecht zur Schwachseligkeit erzogen hatte und dieser Todgeweihten jetzt die schwer errungene Tröstung aus dem Herzen riß, stieg in ihm hoch, aber er erstickte ihn rasch.

›Hier kann nur Mystik helfen«, dachte er. Und leise sprach er zu ihr nieder: »Hast du vorhin nicht selbst gesagt, Liebe: Das Nicht-Sein tut nicht weh?«

»Aber das Sein tut umso weher«, klagte sie. »Das fühle ich erst ganz in diesem Augenblick.«

Er nahm sie in seinen Arm, so daß sie im Stehen fest umschlungen an ihm ruhte, und sagte weiter: »Sieh, Liebe, wir wissen vom Diesseits wenig, wieviel weniger können wir vom Jenseits wissen! Aber eines können wir uns vorstellen: Was war, ist ewig, weil es war, gleichviel, ob wir dessen wissend sind oder nicht … Vergänglichkeit gibt es darum nicht für den, der das Gefühl ewigen Seins in seiner Seele trägt. Und sagtest du vorhin, solange man lebe, könne man sich mit dem andern eins fühlen, gleichviel, wo dieser andere ist, so sage ich dir, daß man erst recht eins wird, wenn man nicht mehr lebt, wenn man heimkehrt in die eine große Sonne, in der alles Leben seinen Ursprung und sein Ziel hat.«

»Aber wird man wissen können um dies Einssein?« fragte sie zitternd an seinem Leibe.

»Ist es nicht genug, daß man darum weiß, solange man um sich selber weiß?«

»Ja«, hauchte sie und schaute mit großer Gläubigkeit zu ihm empor.

Dann löste sie sich von ihm.

Er küßte sie durch den Schleier auf Stirn und Wangen, holte ein Licht und geleitete sie in den finsteren Hausflur und die steile Treppe hinab.

Nachdem er das Licht gelöscht und auf eine Stufe gesetzt hatte, ließ er sie und sich selber im Einssein schweigender Umarmung noch einmal Ruhe finden. Und dieses Einssein war nicht Täuschung und nicht Selbstbetrug.

Dann klappte die Haustür, und alles war gewesen.


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