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Siebzehntes Kapitel

Fürs erste ereignete sich gar nichts.

Das Semester nahm seinen Anfang, und im Versammlungszimmer fand sich alles zusammen, was nicht in Kliniken und Laboratorien seinen Wirkungskreis hatte.

Die Begrüßungen, die Sieburth zuteil wurden, waren so freundlich wie je. Kaum daß ein kleines Zögern oder Stutzen dem Händedruck voraufging, den man mit ihm austauschte. Und hie und da zeigte sich ein gutmütig verzeihendes Lächeln, das je nach der Gemütsart des Betreffenden einen mehr oder minder bemerkbaren Stich ins Maliziöse erhielt.

Befangen oder ausweichend verhielt sich nur Hildebrand, der nach einem überlauten »Hallo, da sind Sie ja!« sich rasch zur Seite wandte, ohne ein weiteres Freundschaftszeichen an ihn zu verschwenden. Nicht einmal soviel Zeit blieb übrig, um sich nach Hermas Ergehen zu erkundigen.

›So werde ich wohl auf ein Wiedersehen verzichten müssen!‹ dachte er und würgte den Kummer hinunter, der für einen Augenblick in ihm aufquoll.

Höchst anerkennenswert war das Benehmen Hagemanns, seines bevorzugten Rivalen, dem er bisher nicht viel Gutes gegönnt hatte. Er trat mit besonderem Nachdruck auf ihn zu und verwickelte ihn in ein längeres Gespräch über die Verteilung des nächstsemestrigen Stoffes; man müsse beizeiten miteinander zu Rate gehen, um eine unliebsame Koinzidenz zu vermeiden.

Daß dieses Thema nur einen Vorwand abgab, war klar, denn bis es zeitgemäß wurde, konnten noch Wochen, ja Monate vergehen. Doch ließ sich nicht entscheiden, ob ein wirkliches Herzensbedürfnis ihn antrieb oder ob ihm nur daran lag, seine Kollegialität vor den andern im Lichte höchster Vorurteilslosigkeit erstrahlen zu lassen.

Putzig wie immer benahm sich Pfeifferling. Der alte Trompeter war der einzige, der mit einem erkennbaren Hinweis auf das Geschehene Bezug nahm. Er zog die Schweinsäuglein zu zwei listigen Spalten zusammen und sagte mit einem jovialen Schlag auf Sieburths Rücken: »Na, Sie kleiner Schwerenöter Sie!«

Alles in allem: die Pein war zu ertragen und nur darum so fatal, weil er, der trotz aller Feindschaften bisher der Umworbene und Überlegene gewesen war, sich plötzlich in die Rolle des Abwartenden und Zubehandelnden gedrängt sah.

Zudem schien alles auf bestem Wege, daß eine harmlos natürliche Beurteilung sich durchsetzte, die das Vorkommnis als unerheblich allmählicher Verflüchtigung anheimgab.

Eines freilich war nötig: sich nirgends zurückzuziehen und jedem Begegnenden mit dem heitern Lächeln inneren Unberührtseins entgegenzutreten.

Und dieser Obliegenheit unterzog er sich mit einer Hingabe, die keine Lust zum Zurückweichen duldete und die wahrlich einer besseren Sache wert gewesen wäre.

Unschlüssig war er nur in einer Frage: Ob es angezeigt schien, den Familien, in denen er von altersher verkehrt hatte, den herbstlichen Antrittsbesuch zu machen. Da er aber diese gesellschaftliche Pflicht bis jetzt als unnötig betrachtet hatte und dennoch zu allen Zeiten geladen worden war, so beschloß er, hierin keinen Wandel eintreten zu lassen, schon allein, damit ihm kein böses Gewissen nachgesagt würde.

Auch vermied er es, die Damen seiner näheren Bekanntschaft, mit denen er sonst wohl auf der Straße zu einer Plauderminute stehen geblieben war, beim Begegnen anzuhalten, und begnügte sich damit, festzustellen, mit welcher Art von Gruß sie an ihm vorübergingen.

Verlegen die einen, beflissen die andern, voll absichtlicher Ablehnung bisher kaum eine. Viel eher ereignete es sich, daß eine besonders betonte – wenn auch nicht sehr echt wirkende – Wärme ihm entgegenschlug.

Ein Beispiel hierfür bot Frau Geheimrätin Kemmerich, die, da sie zu den berühmten drei Schicksalsschwestern gehörte, von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. – – –

Bei derselben Frau Geheimrätin saßen an dem besonders stillen Freitag nachmittag, an dem die Herren Gemahle in Kollegien oder Sitzungen unabkömmlich beschäftigt waren, die beiden andern Teilnehmerinnen des Freundschaftsbundes, Frau Professor Ehmke und Frau Professor Vallentin, wie gewöhnlich zu einem behaglichen Kaffeestündchen beisammen.

Wie gefürchtet diese Kaffeestündchen auch waren, man tat wohl daran, den Geist, der sie regierte, nicht allzu niedrig einzuschätzen.

Die Geheimrätin selber war eine Dame, die, wie sie scherzend von sich sagte, einst bessere Tage gesehen hatte. Sie war in erster Ehe mit einem Kunsthistoriker verheiratet gewesen, dessen Name seinen Tod überdauerte. Sie hatte mit Künstlern und Mäzenaten aller Art in freundschaftlichem Verkehr gestanden und trug als letztes Erinnerungszeichen an jene apollinische Zeit eine üppige, braunrote Perücke, die in phantastischen Wülsten und Ringeln das eigensinnig jungbleibende Gesicht der Matrone allongenhaft umgab. Sie hatte sich aus verklungenen Jugendzeiten auch ein neckisches Lachen herübergerettet, das sich in einem melodischen Schluckton verlor und dessen unverhoffte Ausbrüche das Schicklichkeitsgefühl ihrer strengeren Umgebung nicht selten in Verlegenheit setzte.

Ihre beiden Freundinnen waren erheblich anders geartet. Sie hatten sich mit ihren Männern durch die Langatmigkeit eines kargen Privatdozententums mühselig hindurchgearbeitet und trugen die Mängel und die Tugenden der Froschperspektive noch immer an sich herum.

Die eine, Frau Professor Ehmke, machte in Weltanschauung. Sie hielt die gerade einsetzende Frauenbewegung für eine Versündigung an dem »Geiste der deutschen Familie«, ein Wort, das sie dauernd im Munde führte, und wußte, um der Kontrastwirkung willen, die schlichte Würde altrömischer Weiblichkeit zu rühmen, womit sie augenscheinlich die Zeiten republikanischer Morgenfrische im Auge hatte.

Während Frau Professor Vallentin in bescheidenem Selbstgenügen und ohne Gebrauch wissenschaftlicher Maßstäbe sich mit der aufmerksamen Betrachtung der jeweiligen Vorgänge in den Familien der Albertina zufrieden gab.

Aber auch sie würde sich höchlich empört haben, hätte man die Betätigung einer erstaunlichen Gedächtniskraft, die ihr gestattete, verstaubte Histörchen aus dem Leben jedes und jeder einzelnen der Reihe nach herzuzählen, und die sich, wo es not tat, mit einer stets sprungbereiten Phantasie vereinte, schlichtweg als Klatsch bezeichnet. Sie wußte zu verstehen und zu verzeihen, und sie war stolz darauf; was nicht hinderte, daß ihr Verzeihen, sobald sie mit dem dazugehörigen Tatsachenmaterial aufwartete, im Geiste der Horchenden zu mitleidloser Verdammnis wurde.

Alles in allem waren in den Händen der drei Schicksalsschwestern Name und Los des ihnen Anheimgegebenen nicht gar so übel daran. Ja, man konnte sagen, daß sie in diesem und jenem Falle eitel Segen gestiftet hätten, wenn ihr Bemühen nicht durch Blindheit oder Trotz vereitelt worden wäre.

Sieburth gehörte seit langem zu ihren bevorzugten Sorgenkindern. Und daß sie dem von ihm selbst veranlaßten Plane, sich mit Cilly Wendland fürs Leben zu vereinen, die quasi mütterliche Weihe noch nicht erteilen konnten, bereitete ihnen ernsthaften Kummer.

Immerhin gab das neuerliche Zusammensein der beiden Ursache zur Wiederbelebung alter Hoffnungen. Und schon machten sie sich bereit, der harrenden Welt die Freudenkunde der vollzogenen Verlobung zu übermitteln, da kam das unheilvolle Inserat, das ihr selbstloses Glückstiften zu vernichten drohte.

Denn welcher Mann durfte wagen, sich mit einer solchen Belastung seines Rufes einem Mädchen zu nähern, das reine Hände bot und reine Hände verlangte?

»Jedenfalls müßte eine geraume Zeit vergehen«, meinte Frau Vallentin, »ehe er daran denken könnte, die Beziehungen wieder aufzunehmen. Cilly würde sich in ihrem Werte herabsetzen, wenn sie jetzt zugriffe, während alle Welt sich über ihn den Mund reißt.«

Und Frau Ehmke fügte ein Aperçu über die Heiligkeit des deutschen Familienlebens hinzu, die zwar Verwirrungen, aber nicht deren Kundbarmachung zu dulden imstande sei.

»Ich weiß nicht«, sagte die Geheimrätin, während das glucksende Lachen ihr Lockengebäude erschütterte, »wenn ich Sieburth wäre, ich träte gerade jetzt vor Cilly hin, schenkte ihr reinen Wein ein und verspräche ihr, keine weiteren Dummheiten zu machen.«

»Dummheiten nennen Sie das? Ich nenne es Skandal!«

»Skandal ist nur, was zum Skandal gestempelt wird«, erwiderte die Geheimrätin. »Und wir sind dazu da, eine solche Beurteilung zu verhüten. Schon allein im Interesse der Universität, das uns am Herzen liegt. Wenn wir die Achseln zucken und über die fatale Geschichte zur Tagesordnung übergehen, so tut es alle Welt mit uns, und in ein paar Monaten ist sie vergessen. Oder aber es wird eine harmlose Anekdote daraus, die unsere liebe Freundin« – sie faßte Frau Vallentins Hand – »den Frauen der Neulinge beim Kaffeetisch erzählen kann, wobei wir alle von Herzen lachen werden.«

»Mich bitte auszunehmen«, warf Frau Ehmke ein. »Ich werde immer tief traurig sein, wenn man die Grundlagen der deutschen Familie verleugnet.«

»Aber diese Traurigkeit wird Sie hoffentlich nicht hindern, dem künftigen Ehepaar Sieburth ein freundliches Gesicht zu machen«, entgegnete die Geheimrätin.

»Wenn es ein solches Ehepaar gibt – selbstverständlich nicht«, sagte Frau Ehmke.

»Und wenn es das nicht gibt, ihm selber doch auch?«

Frau Ehmke überlegte: »Ich weiß nicht. Ich bin eine aufrichtige Natur. Es würde mir mindestens schwer fallen.«

»Ich glaube, ich hab's!« sagte die Geheimrätin. »Ich werde mir Sieburth herbestellen und ganz offen und mütterlich mit ihm reden. Werde ihm zu Gemüte führen, in was für eine schwierige Lage er sich gebracht hat, und daß er am besten täte, seiner Junggesellenlibertinage sobald als möglich ein Ende zu machen … Falls er mich beauftragt, würde ich sogar mit Cilly sprechen und seinem Antrag den Boden bereiten … Cilly ist keine Gans. – Im Gegenteil. Sie weiß mehr vom Leben als alle unsere jungen Frauen zusammen … Und wenn sie ihn lieb hat – ich bin sicher, das hat sie – dann wird sie nicht einen Augenblick zögern, für ihn in die Bresche zu steigen. Besonders, wenn diese Bresche mit den Daunen eines Federbettes austapeziert ist.«

Sie lachte ihr glucksendes Lachen, und Frau Professor Ehmke machte ein Gesicht, das bewies, wie wenig dieser allzufreie Scherz ihre Billigung hatte. Aber sie widersprach der Freundin nicht mehr.

Auch Frau Professor Vallentin war bereit, sich von ihr überzeugen zu lassen, wenngleich sie in Cillys Interesse eine gewisse Karenzzeit für nötig hielt, die ja nicht lange zu dauern brauchte, so lange nur, daß ein Spießrutenlaufen des Brautpaares vermieden wurde.

Dies war das einzige, worüber man sich noch nicht einig war, und alles schien zu Sieburths Gunsten geordnet. Selbst wenn er gegen besseres Erwarten der Verlobung mit Cilly Widerstand leisten sollte, boten sich Mittel und Wege, seine Stellung wieder ins richtige Geleise zu bringen.

Da geschah es, daß das bedienende Mädchen einen unerwarteten Besuch anmeldete.

Frau Kommerzienrätin Follenius sei da und bitte, empfangen zu werden.

»Die kommt uns geschlichen«, sagte die Geheimrätin. »Sie ist von altersher mit Sieburth befreundet und wird uns für die Ausführung unsres Planes von hohem Nutzen sein. Sie hat schon immer auf die Vereinigung der beiden hingearbeitet. Bei ihrem Frühlingsdiner zum Beispiel – besinnen Sie sich? – da hatte sie sie mit ausgesprochener Absicht zueinander gesetzt.«

Marion Follenius trat ein. In schwarze Seide gekleidet. Leuchtend in blondlicher Güte.

Sie empfing voll Bescheidenheit die Glückwünsche wegen der Segnungen, die der Kaiserbesuch ihr und ihrem Gatten gebracht hatte. Was einer armen Kaufmannsfrau allenfalls blühe, könne natürlich mit der Glorie, die die Gattinnen von berühmten Gelehrten allzeit umgebe, nicht in Vergleich gestellt werden.

Und die drei Damen nickten zufrieden.

Wie Geschäftsleute, die, zu einer wichtigen Besprechung zusammengekommen, erst noch ein wenig vom Wetter, vom nächsten Klubdiner oder einer guten Zigarrenmarke zu reden pflegen, die Angelegenheit, die sie hergeführt hat, nie aus den Augen verlierend, so behandelten sie mit scheinbar höchstem Interesse die kaiserlichen Gnaden, die auch andere eingeheimst hatten, doch jede blieb sprungbereit, das Thema Sieburth ins Treffen zu führen.

Die Geheimrätin fand als erste den Mut, den Bann des Drumherumtastens zu brechen.

»Wir waren eben dabei«, sagte sie, »in Erwägung zu ziehen, wie wir uns unserem jungen Freunde gegenüber verhalten sollen, um die üblen Folgen jener perfiden Annonce nach Kräften zu beseitigen.«

Marion Follenius seufzte erleichtert.

»Auch ich mühe mich mit diesem Gedanken ab«, sagte sie, »und würde glücklich sein, von Frauen, die ich so verehre, einen Fingerzeig zu bekommen; denn ich muß gestehen, ich sehe keine Möglichkeit, den Verkehr in den bisherigen Formen aufrecht zu halten.«

Die drei Damen stutzten. Wenn eine Frau, so weitläufig und so vorurteilslos, wie die Kommerzienrätin es war, sich von ihm abwenden wollte, so waren sie in der Beurteilung des Falles vielleicht zu lasch gewesen, und jede weichherzige Äußerung konnte als Makel auf sie zurückfallen.

Die Geheimrätin ließ sich am wenigsten beirren.

»Nun, nun«, sagte sie beruhigend, »das Kind mit dem Bade ausschütten wollen wir nicht. Wenn wir alle die Männer, die uns die Hand zu küssen pflegen, wegen gelegentlicher Seitensprünge aus unserer Nähe verbannen wollen, dann würde uns schließlich zum Verkehr nur der eigene übrigbleiben. Und selbst bei dem sind wir unserer Sache erst sicher, wenn – nun, wenn wir einer andern Sache sicher sind, die uns sehr wenig Vergnügen bereitet.«

Mit diesem Argument hatte sie leider vorbeigegriffen. Frau Professor Ehmke machte eine tadelnde Bemerkung, in der die Worte »Heiligtum« und »Schleier lüften« vernehmbar waren, und Frau Professor Vallentin erstarrte in schweigender Ablehnung.

Marion Follenius hingegen lächelte wissend.

»Nun, nun«, begann sie auch ihrerseits, »ich kann mich natürlich an Erfahrung mit Ihnen, meine Damen, nicht messen, aber ich glaube, wir werden in dieser Angelegenheit die Männer, zumal die eigenen, am besten ganz ausschalten müssen. Denn sie sind alle Junggesellen gewesen und benehmen sich zum Teil als solche auch jetzt. Womit ich natürlich die unsrigen nicht meine. Aber unter einer Decke stecken sie alle, und wenn man auf sie hören wollte, müßte man auch diesen Skandal ungerügt hingehen lassen.«

»Sehen Sie!« rief triumphierend Frau Ehmke. »Auch die Kommerzienrätin nennt es Skandal.«

Und Frau Vallentin, die jetzt erst ihre Sprache wiederfand, fügte mit Strenge hinzu: » Mein Mann denkt in allen solchen Fällen wie ich!«

Aber die Geheimrätin gab sich so leicht nicht gefangen.

»Kinder«, sagte sie, »nehmt doch Vernunft an! Was sollen solche armen Junggesellen machen?«

»Heiraten sollen sie«, rief Frau Ehmke, »sollen die Pflichten kennenlernen, die das deutsche Familienleben dem gesitteten Manne auferlegt.«

»Das tun sie ja auch meistens«, erwiderte die Geheimrätin, »aber bis dahin müssen sie auch leben. Und wie sie das tun, ist ihre Sache. Wenn sie nicht wie die Wölfe in die Hürden einbrechen, die wir um unsere und die Häuser unserer Freunde gezogen haben.«

Marion Follenius lächelte wieder – jetzt nicht nur wissend, sondern geheimnisvoll.

»Es fragt sich, wie Sie den Begriff ›Freunde‹ auffassen wollen«, sagte sie. »Dehnen Sie ihn auf alle aus, die in Ihrem Hause verkehren?«

»Selbstverständlich!« rief die Geheimrätin. »Und weiter noch. So weit der Bezirk reicht, in dem wir mit unseresgleichen zusammenkommen, muß Gottesfriede herrschen. Sonst wären wir ja der Frauen nicht sicher, mit denen wir freundschaftlich zu Tische sitzen, und der Mädchen, denen wir mütterlich das Haar streichen.«

»In diesem Falle kommt es wohl mehr auf die Frauen an«, sagte Marion Follenius, ihre Kaffeetasse ins Auge fassend, und wischte sich mit der Zunge die Lippen.

Frau Vallentin richtete sich spitz auf. Sie witterte eine neue Geschichte, in der es allerhand zu verzeihen gab.

»Wollen Sie sich nicht deutlicher erklären?« fragte die Geheimrätin.

»Das eben kann ich nicht«, sagte Frau Marion bekümmert. »Denn damit würde ich das Gastrecht verletzen, das ich meinen Freundinnen gewährt habe und gerne immer wieder gewähre.«

Die drei Damen versanken in Nachdenken.

Wer war doch gleich im Folleniusschen Hause zu Besuch gewesen?

Aber dieses Haus war so gastfrei und beherbergte der Kommenden und Gehenden so viele, daß jede Schlußfolgerung vorschnell und willkürlich gewesen wäre.

»Ein wenig weiter kann ich allenfalls gehen«, sagte Frau Marion, die wohl einsah, daß sie hier nicht abbrechen durfte, wollte sie zu dem gewünschten Ziele kommen. »Aber ich setze voraus, daß ich, falls Sie irgend einen Namen erraten, auf ewige Verschwiegenheit rechnen kann.«

»Selbstverständlich, selbstverständlich!« rief Frau Professor Vallentin, deren Augen hinter den Brillengläsern in einem Feuerwerk der Neugier erstrahlten. Ihr Glücksschiff, beladen mit edelstem Wissensgut, näherte sich dem Hafen.

»Sie haben vielleicht beobachtet«, fuhr Marion Follenius fort, »daß ich Professor Sieburth stets gerne in meine nähere Umgebung gezogen habe.«

Die Damen nickten bejahend und voll Respekt. Der Ruf Marions stand über jeden Zweifel erhaben, und was sie tat, war wohlgetan.

»Nun aber habe ich die Erfahrung machen müssen, daß er dieses Vertrauens gar nicht – aber auch gar nicht – würdig war. Er hat sich einer Dame unserer Kreise in einer Weise genähert – Sie kennen diese Dame, wenngleich ich sie natürlich nicht nennen darf –, die für sie und auch für mich, da sie mein Gast war, die schwersten Gefahren mit sich brachte … Ich will nicht sagen, daß es zum Äußersten gekommen ist, aber wenn es das nicht ist, dann verdankt sie das nur der angestrengtesten Wachsamkeit, mit der ich sie behütet habe. Ich bin so weit gegangen – –«

Sie zögerte einen Augenblick – was nun kam, war dazu angetan, den untadelhaften Namen einer Frau unrettbar zu zerstören, aber die Sache wollte es, und darum fuhr sie fort: »– bei einem mehrtägigen Ausflug, den wir zusammen machten –«

Frau Professor Vallentin seufzte befriedigt. Sie hatte von jener Strandfahrt gehört. Nun war sie im Bilde.

»– soweit gegangen, wie gesagt, ein nächtliches Zusammenkommen meiner Freundin mit ihm beinahe gewaltsam zu verhindern … Aber leider habe ich Anzeichen, daß es trotzdem stattgefunden hat – Anzeichen – ich kann das wirklich nicht näher – aber Sie müssen mir schon glauben – denn ich beobachte ziemlich scharf … Und da frage ich Sie: Kann man einen Menschen länger um sich dulden, von dem man die Überzeugung gewonnen hat, daß er – daß er – ich muß das häßliche Wort schon gebrauchen – daß er nicht – stubenrein ist?«

Die drei Professorenfrauen schwiegen. Selbst die lebenskundige und lebensfrohe Geheimrätin fand kein Wort der Erwiderung.

Marion Follenius sandte einen Blick schüchternen Triumphes um den Kaffeetisch herum. Und als sie den niederschlagenden Eindruck festgestellt hatte, den ihre Aussage hervorrief, fuhr sie kühner werdend fort: »Dazu ist nun die unsaubere Affäre gekommen, die seit acht Tagen die Stadt in Atem hält. Man kann das eine verzeihen, oder vielleicht auch das andere – obwohl Geschmack dazu gehört –, beides zusammen aber liefert das Bild eines Menschen, so depraviert und so – ich weiß nicht, ich möchte diesem Menschen die Hand nicht mehr reichen. Möchten Sie es, ja?«

Wiederum herrschte Schweigen. Eine der Damen schaute die andere an, um von ihr einen Wink zu erhalten, der für ihre Entschlüsse richtunggebend sein konnte. Handelte es sich doch um ihren Günstling, den Mann, dem sie mehr Wohlwollen geschenkt hatten als allen andern der jungen Generation.

Die Geheimrätin war es auch diesmal, die sich zu einer letzten Verteidigung ermannte.

»Ich gebe zu, liebe Frau Follenius«, sagte sie, »daß die Dinge schlimm für ihn liegen, und ich verstehe auch Ihre Erbitterung. Aber sollten wir nicht noch einen Versuch machen, diese Seele für eine bessere Zukunft zu retten? Ich möchte jedenfalls nicht, daß ein Verdammungsurteil gerade aus unserem Kreise käme. Man hat uns ohnehin schon den abscheulichen Namen ›die Schicksalsschwestern‹ angehängt … Ich möchte nicht, daß er dadurch eine Bestätigung erhielte. Und wenn, dann höchstens im Guten. Sieburth fehlt nichts wie eine kluge Frau. Und diese Frau, glaub' ich, ist längst gefunden. Ehe Sie kamen, sprachen wir eben davon und wollten Ihnen vorschlagen, in diesem Sinne tätig zu sein.«

Marion Follenius lächelte noch gütiger als sonst. Es schien, als habe der Widerschein von soviel fremder Güte sie verklärt.

»Ich weiß, wen Sie meinen«, erwiderte sie, »und diese Verbindung ist immer eine meiner Lieblingsideen gewesen. Aber ich verstehe wirklich nicht, warum gerade Sie drei sich so fanatisch für Sieburth einsetzen, denn sein Spott hat Sie immer verfolgt. Den Namen ›Schicksalsschwestern‹ hat niemand anders geprägt als er. Und darüber hinaus – Gott! wir alle haben ja unsere kleinen Schwächen und Eitelkeiten. Aber die meisten haben auch ihre guten und verehrungswürdigen Seiten. Für seine scharfe Zunge war das ganz egal. Ob nun ›die Heiligkeit des deutschen Kaninchenstalls‹ oder ›tout comprendre c'est tout corrompre‹ oder ›die nicht ganz festgewachsene Haartour‹ herhalten mußte – ich bitte Sie, ich selbst trage falsche Flechten – kurzum, er hechelte alles durch. Ohne Unterschied. Ohne Erbarmen. Und zum Danke dafür wollen Sie die gute Cilly dazu bewegen, ihr Leben in eine – Kloake zu werfen?«

Das war der Hauptschlag.

Dies grausame Wort ließ sich weder verwischen noch überbieten. Und die düster zustimmenden Mienen der drei sagten der, die es gesprochen hatte, daß es weiterwirken würde – unablässig, unabwendbar, unwiderlegbar selbst. Denn Urteile gibt es, die eine so groteske Vergewaltigung ausüben, das trotz aller inneren Auflehnung ihnen niemand entgegenzutreten wagt.

Der Name ›Schicksalsschwestern‹ war keine Übertreibung.

Was hier geschah, kam einem Schicksalsspruche gleich.


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