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Neunundzwanzigstes Kapitel

Von nun an wurde wieder fleißig gearbeitet. Augenblicke zärtlichen Sichgehenlassens gab es nicht mehr. Höchstens, daß beim Kommen und Gehen ein Kuß ausgetauscht wurde. Aber der hatte nicht viel zu bedeuten. Vater und Tochter, Bruder und Schwester küssen sich so, und auch sie beide fanden daran ihr Genügen.

Religionsgespräche entwickelten sich noch oft. Nun das Eis gebrochen war, hielt sie mit dem, was zuinnerst in ihr lebte, nicht mehr zurück. Und was sie offenbarte, war von so glückseliger Harmonie, war so kindhaft zuversichtlich, so durchtränkt von Gewissenskraft und ahnender Einsicht, daß es ein Frevel gewesen wäre, sie zu beirren.

Manchmal, wenn sie in erglühender Unschuld mit den von Eifer leuchtenden Augen ihre Überzeugungen zum besten gab, so nah der Verklärung, daß es ein Wunder schien, sie nicht auffliegen zu sehen, dann fragte er sich: ›Würdest du ebenso gerührt und beglückt sein, wenn hier ein spitznasiges, alterndes Scheusal säße, das mit dem gleichen gottseligen Feuer die Lehren ihres Pastors an den Mann zu bringen versuchte?‹

Aber wenn er diesem Zweifel auch lächelnd recht gab, ein leises Versöhnungsgefühl breitete sich doch wie eine Ölschicht über den Aufruhr seiner Seele, und damit zugleich kam eine Bedenklichkeit dem hochmütigen »Nein« gegenüber, mit dem sich dergleichen sonst wie von selbst abtat.

Hier saß keine Schülerin, die Wissen von ihm verlangte, eine Verkünderin saß da, die Glück und Schönheit als Bahnbrecher benutzte, um dem Glück ihres Glaubens, der Schönheit ihrer Phantome den Weg zu bereiten.

Wenn sie gegangen war, saß er oft stundenlang grübelnd da und suchte die Kreuzungspunkte zu finden, auf denen für Denken und Fühlen sich ein Zusammentreffen ermöglichen ließ.

Aber entmutigt ließ er ab. Selbst Duldung war verfänglich; duldeten doch die Gottesstreiter niemand und nichts, das nicht wollte wie sie.

Schon zu lange hatte er auf dem Seil der Kompromisse herumgegaukelt, hatte verschwiegen und Vorbehalte gemacht, hatte eine künstliche Objektivität ins Treffen geführt und dem Gegner eine sogenannte Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo es not tat, ihn zu Boden zu werfen.

Alles nur, um erst sicher auf dem Katheder zu sitzen, von dem ihn keiner mehr vertreiben konnte.

Und war dabei unversehens auf ein Geleise geraten, das geradeswegs von dem Ziele hinwegführte, nach dem er seit Jahren ausgeschaut hatte.

Denn Pfeifferling und Genossen zählten ihn längst zu den Ihren.

Um die Hälfte des Januar hielt vor dem Heimgehen dieser ihn an.

»Also Obacht, Kollege! Was Pikfeines hab' ich Ihnen zu übermitteln. Die Herren Junker in Stadt und Land haben eine Vereinigung gegründet, ›Preußen-Kasino‹ genannt, und feiern am achtzehnten den Krönungstag. Den von 1701 nämlich, denn was am gleichen Tage in Versailles geschah, das geht sie nuscht an. Famose Dickschädel! Und Originale darunter, aus denen eine ganze Literatur fabriziert werden könnte. Da hab' ich uns Einladungen besorgt … Und Sie müssen mitmachen … Nä, nä, Widerspruch jibt's nich. Und warum auch? Ansehen kost't nuscht. Und die Welterfahrung kennt keine geistigen Schlagbäume … Notwendig sind: Frack, weiße Binde und sämtliche Orden. Haben Sie welche?«

Ja, er hatte. Deren zweie waren ihm einst von dem hohen Vater seines Schützlings verliehen worden. Und der zweite hing sogar zum Halse heraus. Nur getragen hatte er sie sonst nie.

»Gut. Um dreiviertel auf sechs holen Sie mich ab. Um sechse geht die Fresserei los. Und um achte sind wir, so Gott will, alle besoffen. Übrigens, die Kerls vertragen was. Unsereins tut besser, sich in acht zu nehmen.«

Zur festgesetzten Stunde trat er bei Pfeifferling an.

Der war behängt von oben bis unten.

»Aber auch Sie machen gute Figur, Kollege«, billigte er. »Von Ihren höfischen Beziehungen hab' ich noch nie was gehört. Die werden Ihnen heute durchaus nicht zum Schaden geraten.«

Und dann gingen sie los.

Eine eigene Heimstatt besaß die Vereinigung noch nicht. Der Festsaal des »Deutschen Hauses« strahlte in vielhundertflammigem Glanze. Die Tafel in Hufeisenform füllte ihn ganz.

Der Vorsitzende, ein Magnat von historischem Namen, hatte je einen hohen Beamten an seiner Seite.

Viel Uniformen. Auch mancher Frack, der seine Berliner – oder gar Londoner – Herkunft nicht verleugnete. Aber der rustikale Schniepel war in der Überzahl.

Einige schienen schon vorher gefeiert zu haben, denn auf dieser und jener Hemdbrust saß ein verräterischer Rotweinfleck.

Sieburth fand seine Platzkarte auf einem der Seitenflügel, wie es seiner bürgerlichen Unbeachtlichkeit zukam.

Rings um ihn Köpfe wie mit der Axt aus hartem Holze gehauen. Langschädlig, rostbraun, mit gescheitelten, quadratisch gestutzten Bärten. Nur einem wallten die Zipfel in ergrauenden Strähnen weit über die massigen Schultern.

Er stellte sich vor – nach rechts und nach links – und nach denen hin, die die Gegenseite des Tisches erfüllten.

Adelsnamen von gutem Klange knarrten und polterten über ihn her.

Der Kaviar rückte an – grauschwarze Berge, von blinkenden Eiswällen umlagert. Ein rotblonder Südwein suchte die Seelen zu wärmen. Dennoch herrschte Steifheit. Auch wenn man einander zuprostete, hielt man auf Abstand und Würde. Selbst die auf dem Duzfuß Stehenden befleißigten sich eckiger Gesten.

Fürs erste fand Sieburth keinerlei Anschluß. Man wollte ihm wohl, denn auch nach ihm hin hob man das Glas, aber man traute sich nicht recht an ihn heran.

Beobachtend hörte er die Gespräche sich langsam entwickeln.

»Meinen letzten Viererzug? Ja. Den hab' ich nach Sizilien verkauft.«

»Gutes Geschäft?«

»Äh. 's geht mir mehr um die Ehre. Den Waggon, den sie geschickt hatten, mußt' ich neu polstern lassen. Geleitmannschaft mußt' ich auch stellen. Dann die Prozente für den Juden. Da wird die Buttermilch schließlich zu Molken.«

»Na, Kleckschen Butter wird auch dabei sein.«

»Bloß die schmiert sich wer anders.«

›Fremde Welt‹, dachte Sieburth. – –

»Wie is dein Wildstand in diesem Jahr?«

»Nuscht los. Die Rehe hab' ich knapp durchgefuttert. Aber die Kitzen hat der Fuchs gerissen. Haselhühner aus Schweden hab' ich eingesetzt, auch Fasanen lass' ich mir kommen. Wollen mal sehen.«

›Fremde Welt‹, dachte Sieburth.

Der Nachbar zur Rechten – ein vierschrötiger Büffel mit frisch gepuderter Frostnase und wasserhellem Jagdblick – wandte sich endlich an ihn.

»Professor sind Sie. Was sind Sie für'n Professor?«

»Ich lehre Philosophie.«

»Richtigjehende Philosophie? Ich dänke, das jibt's gar nich mehr. Mit unserem Landsmann Immanuel Kant is diese Sorte Mänschheit doch ausjestorben.«

»Sie haben nicht unrecht«, erwiderte Sieburth. »Ich und meinesgleichen sind auch nur die Würmer, die an seinem Leichnam schmarotzen.«

»Sie, Sie!« lachte warnend der Nachbar. »Verpupanzen Sie uns nich. Wir sind schlichte Männer. Was wissen wir von euch Himmelskiekern?«

Der Mann mit dem Wotansbart, der ihm schräg gegenüber saß, beugte sich höflich nach ihm vor: »Sieburth ist Ihr Name, wenn ich recht gehört habe?« fragte er mit einer hellen, frohen Kinderstimme, die zu dem gewaltigen Kadaver schlecht paßte.

Er bejahte.

»Von Ihnen weiß ich schon längst. Mein Neffe studiert hier. Wissen Sie, wie man Sie nennt?«

»Nun?«

»Den ›tollen Professor‹ nennt man Sie. Ich hab' mir immer gedacht: ›Was für 'n verrücktes Huhn muß das sein‹ … Und nun huckt da ein nätter, bescheidner junger Mann und triebt kein Wässerchen. Wie sind Sie eigentlich zu dem Renommee gekommen? Saufen Sie wenigstens tüchtig?«

»Ich fürchte, mit Ihnen, meine Herren, werd' ich nicht mitkommen.«

»Wäre sehr schade! Na, das wird sich ja bald entpuppen … Wir sind nämlich Leidensgefährten! Mich haben se mal früher den ›dollen Willy‹ genannt … Is lange her … Jetzt bin ich erschräckend verninftig … Aber so 'nen Beinamen sich zu erwärben, wissen Sie, fällt gar nich so leicht. Da muß man schon manches pekziert haben. Einmal, als die Wartensteiner mich bei ihrem Fastnachtsball übergangen hatten – sie wußten schon, warum – da hab' ich in meiner Wut einen Fleischerladen ausjekauft und sämtliche Hunde der Stadt zum Frühstück jebeten … Elfenbeinerne Karte mit goldenen Lättern … Ein andermal, wie Zijeuner da waren, hab' ich mir von einem der Kerle Kleider gepumpt, hab' mich schwarz angestrichen – den Bart trug ich noch nicht – und bin mit den Weibern zusammen wahrsagen jegangen. Na, wissen Sie, was ich meinen Freunden da alles erzählt hab' – und mancher Freundin in Heimlichkeit auch! – Die Haare haben ihnen zu Bärje jestanden! Und erkannt hat mich keiner. Das Schlimme war bloß: es hat noch lange jejuckt. Die halbe Ap'tek hab' ich leer gemacht. Ich dacht' schon, ich muß nach Pärsien fahren wejen dem ächteren Pulver. Jawoll! … Dann, als ich meine Braut zur Trauung abholte, bin ich auf meinem Rotschimmel die Träppe zu ihrem Jungfernzimmer 'raufjeritten. Die Schwiegereltern schrien: ›Blamage‹ und ›wir treten zurück‹ und dergleichen. Aber das liebe Ding hat sich frischweg in Kranz und Schleier zu mir in 'n Sattel gesetzt. Und so sind wir 'runterjeritten, mitten unter die Mänge … Wenn so was Liebes einem passiert is und die Frau bittet hernach: ›Du, Willy, laß bleiben!‹ na, dann jewöhnt man sich's ab, und dann wird's wie 'ne Mythe aus 'm vor'jen Jahrhundert … Ja, aber ich red' hier egal von mir … Was für Schosen haben Sie denn jemacht, Herr Dollheits-Kollege?«

Fürs erste wurde Sieburth der Antwort enthoben, denn der Vorsitzende schlug ans Glas, um das erste, das Königshoch auszubringen.

»Wir sind hier alles gute Deutsche!« sagte er in dem Gardeton, den er offenbar einst aus seiner Potsdamer Garnison in die Provinz mitgebracht hatte. »Selbstverständlich sind wir das. Aber prüft man uns auf Herz und Nieren, dann sind wir noch bessere Preußen. (Bravo!) Das Deutsche Reich ist ein junges Gebilde, das erst noch fest werden muß. Preußen aber ist der Rocher de bronze, an dem die Völker sich nun schon seit Jahrhunderten die Zähne ausbeißen … Und wenn Deutschland einmal in Stücke gehen sollte, dann würde Preußen noch immer dasein, dann würden wir als Vasallen des preußischen Königs uns um ihn scharen und würden bis zu unserem letzten Blutstropfen für ihn auf dem Blachfeld stehen. (Stürmischer Beifall.) Die feindliche Übermacht möchte ich kennen lernen, die uns widerstände! Sie sollen nur kommen! Alle sollen sie kommen, und wenn ihrer wären wie Sand am Meer! (Bravo!) Einer, der leider kein Preuße war, der aber verdient hätte, es zu sein, wenn er nicht anderthalbtausend Jahre zu früh auf die Welt gekommen wäre – ich meine den Westgoten Alarich, – – als man dem einmal mit dem Verzweiflungskampfe der Römer drohte, da sagte er lachend: ›Je dichter das Gras, desto leichter das Mähen!‹ Und so würden auch wir sprechen, wenn unser König nach uns verlangt, und dieser unser preußischer König – er lebe hoch!«

Unermeßlicher Jubel durchbrauste den Saal. Die Tafelmusik stimmte das Lied an: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben«, und Sieburth, von der Massenwirkung ergriffen, dachte: ›Wenn hier ein gotischer Heerbann becherte, so würden Rede und Antwort nicht viel anders beschaffen sein.‹

Nur, daß jetzt fetter Friede herrschte, daß blumenduftiger Wein in kristallenen Gläsern blinkte und daß behagliche Rundbäuche ihn sich zu Gemüte führten.

Derweilen kam eine Kette von Kellnern eilfertig daher und servierte auf silberblinkenden Platten Salmi von Truthahn.

Sieburth schaute nach Pfeifferling aus, denn ihn verlangte in diesem Meer der Fremdheit nach einem vertrauten Gesicht. Aber der war nicht zu erblicken.

Da wandte sich sein linker Nachbar an ihn, zu dem ihm bisher noch jede Beziehung gefehlt hatte.

»Bitte, reichen Sie mir jefälligst die Menasche herüber. Ich muß ein bißchen Salz läcken. Ich hab' gar keinen Durst.«

Sieburth tat ihm den Gefallen und betrachtete ihn.

Ein herrlicher Greisenkopf. Weite, mandelförmige Augen, die schräg zur schmalsattligen Nase standen. Ein grüngrauer Schnurrbart, der in S-förmiger Kurve auf das hakige Kinn herniederfiel. Die Halshaut noch straff, aber die Stirn in drohende Rillen gefaltet.

Einem germanischen Sagenhelden ähnlich, gleichwie der drüben das Bild Wotans verkörperte.

›Gesegnetes Land‹, dachte Sieburth, ›wo solch ein Schlag wild wächst.‹

»Was sehen Sie mich an, Herr Philosoph?« fragte der Nachbar. »Wollen Sie mich als Studienobjekt verwenden?«

»Ich freute mich nur an Ihrem Kopfe«, gestand Sieburth.

»Ja, Kopf, Kopf! Was nutzt einem der Kopf, wenn nuscht drin ist? Und die Taschen erst recht, wenn nuscht drin is? … Mir jeht es, lieber Herr, wie dem König Lear von dem Dichter Shakespeare … Zwei schöne Jüter … Zwei schöne Töchter … und zwei noble Schwiegersöhne dazu … Man denkt: Wohnst nich bei der einen, wohnst bei der andern, und deinen Rat brauchen sie beide. Na, und was ist das Ende? … Daß ich bei keiner mehr wohnen kann … Nu beiß' ich mich durch als alter Schwerenöter von einem Verwandten zum andern – und mach' mich beliebt mit Armkneifen und Kartenkunststücken. Bloß um mein ehemaliges Eigen jeh' ich im Bogen herum. Aber den alten Baron prästieren wir darum noch immer, selbst wenn wir mal auf der Landstraß' verräcken.«

Staunend maß Sieburth den Sprecher. Von Trunkenheit keine Spur. Aus bloßer Freude am Ehrlichsein gab er dem Fremden die Scham seines Alters preis, die er vor Freunden wohl ängstlich verbarg.

›Unter solchen Menschen leb' ich seit Jahren‹, dachte Sieburth, ›und hab's nicht gewußt.‹

Um ihn herum begann der Wein seine Wohltaten zu ergießen. Das Geäder der Backen erglühte, in den Augen fanden sich stechende Lichter, und über das brodelnde Stimmengewirr erhob sich hie und da schon ein Schreien.

Zwei Toastredner wußten sich noch leidliche Ruhe zu schaffen.

Der eine begrüßte die Gäste, der andere dankte in deren Namen. Dieser, ein Vertreter des Oberpräsidiums, entschuldigte zugleich seinen Chef, der unversehens nach Berlin gerufen sei und zu seinem unerschöpflichen Bedauern dem heutigen Feste fernbleiben müsse.

»Der hohe Herr fährt sich 'n neuen Piepmatz holen«, so lautete das lachende Urteil, denn das Ordensfest war ja mit dem Krönungstage verbunden.

Auch zu dem redenden Geheimrat war der Sinn des allgemeinen Ergötzens gedrungen. Er lächelte das grämlichtrockene Lächeln, mit dem Untergebene ihre Schadenfreude über das kleine Malheur eines Oberen Ausdruck verleihen, und gab sich im übrigen den Anschein, nichts verstanden zu haben.

Das Hoch auf die Gastgeber verklang in dünnlichen Rufen.

Und dann begann die Fidelitas.

Zwar war das vielgängige Menü noch längst nicht heruntergegessen, aber viele der angeheizten Festgenossen duldete es nicht mehr auf ihren Plätzen. Ein allgemeines Wandern, Begrüßen und Anstoßen nahm seinen Anfang.

Hinter Sieburths König Lear erschien ein junger, breitschultriger Hüne mit Augen von treuherzigstem Himmelblau und streckte beide Arme einladend gegen ihn aus.

»Was, Vaterchen? Du bist auch hier?«

»Mein Kerlchen! Mein Jungchen!«

Und sich gegenseitig den Rücken beklopfend lagen sie Brust an Brust.

Aber was sie einander zu sagen hatten, währte nicht lange, und als der Nachbar sich wieder gesetzt hatte, raunte er Sieburth zu: »Das war einer der beiden Schufte. Den andern werd' ich wohl auch bald ans Herz drücken. Was tut man nicht für seine Familie!«

Derweilen war einer der Gegenübersitzenden, ein kurzer, stämmiger, krausbärtiger Farmer, der bisher nur geschwiegen und gefuttert hatte, zum Leben erwacht und hatte mit schleudernden Bewegungen und stampfender Rede die Aufmerksamkeit der Gruppe an sich gerissen.

»Ich sag' eich bloß eins«, rief er über den Tisch weg. »Wir Landwirte sind viel zu bescheiden. Artig Kind fordert nichts, artig Kind kriegt auch nichts. Darum schreien, schreien und dreimal schreien! – – Was die andern treiben, jeht uns nuscht an. Laß jeder auf Erden sich wissen! Dieses neumodische Jeseires von Eländen und Entärbten – und die Kärls mit den scheenen Redensarten – wenn die schon loslegen – mit ihrem – mit ihrem – – wie soll ich das – –?«

»Versteh' ich Sie recht«, warf Sieburth trocken dazwischen, »so wollen Sie sagen: ›Es gibt nichts Gemeineres als den Gemeinsinn.‹«

Eine kleine Peinlichkeit malte sich auf den Gesichtern ringsum, und der Redende überlegte: »Wenn auch nicht chanz so scharf«, erwiderte er, »aber was Wahres is dran. Und dann: Sorg' ich für mich, so sorg' ich ja auch für die andern. Meine Leit' haben's gut bei mir. Das ganze Weibervolk hab' ich mir zujeritten. Komm' ich auf 'n Hof, dann bin ich sozusagen mitten in meiner Familie … Seht mich mal an! … Kräftige Zucht, was? … Und drum werd' ich auch immer kräftige Instleite haben.«

Alle lachten, und einer fragte: »Was sagt denn Ihr Pfarrer zu dieser Kleinkinderfabrik?«

»Den werd' ich viel um Erlaubnis bitten – was? Iberhaupt Pfarrer! … Nu ja! Religion muß sein. Selbstverständlich! Aber vor dem lieben Gott katzenbuckeln – das tun wir darum noch lange nich … Wir spülen uns auch den Mund nich mit Altarwein aus … Zu Karfreitag – nu ja … Um den Leuten ein Beispiel zu geben … Aber dann hat's jeschnappt … In meiner Kirch' hab' ich 'n Herrschaftschor … Fünf Minuten halt' ich das Jesabber schon aus. Aber dann jet es: ›Schnurr!‹ Und denn wird jepennt bis zum Amen … Wenn mir aber einer sagen sollt', ich sei kein jläubiger Christ – langen tu' ich dem eine – da dreht er sich erst wie'n Brummkreisel um seine Achs', dann jibt's einen firchterlichen Jestank – und denn is die Sache erst richtig.«

Wieder ertönte ringsum ein fröhliches Lachen, nur der unbehauste Baron schien sich etwas zu schämen.

»Hören Sie dem Schwabbler lieber nich zu, Herr Professor«, sagte er.

»Warum soll er nich zuhören?« rief der Gescholtene. »Der jehört doch zu uns. Säß' er denn sonst hier? Und unterm Wahlaufruf der blamierten Königsbärger hat auch sein Name gestanden. Drum jehört er doppelt zu uns … Obgleich – Politik! … Da sag' ich höchstens: Pfui Deiwel! Etwa sich wählen lassen und nach Berlin jehn? Nei, Kinder, da riecht es nach Juden ja schon auf 'm Bahnsteig.«

Heitere Zustimmung antwortete ihm, und er fuhr fort: »Aber wir haben nu mal so 'ne Leut, die täglich bei Dressel ässen wollen, und die nennen das dann: ›Politik‹. Und andere jibt es, die können die Tinte nich halten … Und noch andere – wo die 'ne Fußbank sehn, da missen se 'raufklettern, und denn wird losgekralt, bis ihr Mundwerk Fransen kriegt und sie sich verschlucken am eijenen Speichel … Wenn ich schon hör': ›Politik!‹ … Laßt doch den Bismarck sorgen! … Der Mann versteht doch sein Handwerk … Und kriegt dafür auch bezahlt … Sehr anständig, wie ich gelesen hab! Ich wünscht', ich hätt' so viel.«

»Ich würde an Ihrer Stelle Bismarck nicht ganz so viel Vertrauen schenken«, sagte der Mann mit dem Wotansbart, »der hat uns schon manchmal über die Ohren gehauen.«

»Hat er! Hat er! Ich weiß! Aber das war man Spaß, und inzwischen hat er sich zehnmal geheitet … Nei, ärnsthaft mit uns anbinden – das soll sich selbst Bismarck nich geraten sein lassen … Uns kann überhaupt keiner. Was wäre der König – oder sagen wir meinswejen auch ›Kaiser‹ – wohl ohne uns? … Wir schlagen ihm seine Schlachten. Wir verwalten ihm seine Ämter. Wir fingern ihm seine Wahlen. Wir beölen ihm seine Juden. Wir legen seinem Volk die Kandare an … Und wenn die Demokraten noch mal aufmucken sollten – –«

»Sie werden nich!« rief man im Kreise.

Nur der Mann im Wotansbart hegte auch diesmal etlichen Argwohn. »Ihr unterschätzt die jeistigen Kräfte des Bürgertums«, sagte er. »Seht euch die Wahlen der Städte an! Hätte einer von uns im Herbste gedacht, daß wir da solche Prügel besehen würden? Unser Herr Professor weiß ein Liedchen davon zu singen. Und überhaupt Sie, Freundchen, haben gekakelt wie 'n Endchen Talglicht. Jetzt wollen wir zur Abwächslung was Gediegenes hören. Herr Professor, bitte, sagen Sie uns mal Ihre Meinung.«

Alle andern stimmten ihm zu, und Sieburth mußte sich wohl oder übel zum Reden bequemen.

›Wie ärgere ich sie am besten?‹ dachte er.

Und er begann:

»In einem Punkte muß ich Ihnen recht geben, meine Herren. Vor der Demokratie brauchen Sie keine Sorge zu haben. Soviel wir auch in der Geschichte von ihrer Herrschaft lesen, in Wahrheit hat sie nie existiert und wird auch nie existieren. Ihre Vorbedingung ist die Angleichung des Lebensgefühls, und die kann sie niemals erreichen. Wo wir sie am Ruder sehen, da war sie immer nur eine Übergangserscheinung oder – genauer – eine Vorstufe zur Bildung einer neuen Aristokratie.«

»Wo soll die herkommen?« »Wie soll die aussehen?« »Sollen wir etwa abgeschafft werden?«

So drangen die Fragen rings auf ihn ein.

»Darauf ist nicht leicht zu antworten«, fuhr er fort. »Denn was uns – historisch geworden – als notwendig erscheint, entwickelt sich, von nahe besehen, aus der Buntheit des Zufalls. Meistens hat ja der Krieg die Aristokratien geschaffen. Ein Beispiel: Der Einbruch der Normannen in England, von dem wir aus der Schule ja wissen … Eine gewonnene Schlacht, und die heutigen Lordschaften waren geboren. Ebenso kann's aber auch friedliche Eroberungen geben. Denken Sie sich ein Volk, das – obwohl im Vergleiche degeneriert, doch reicher an Intelligenz, reicher an Sinn für das Kommende, reicher an Anpassungskraft – sich in Deutschland zwischen uns ansiedelt.«

»Nanu! Das sollten wir zulassen?« rief einer.

»Das flöge doch im Bogen wieder hinaus«, ergänzte ein anderer.

»Oder sich schon angesiedelt hat«, verbesserte Sieburth, »so daß man es nicht mehr ausschalten kann. Anfangs als harmlos und nützlich geduldet, dann, sobald es sich kräftiger regte, geschmäht und scheinbar verachtet, versteht es, sich allmählich unentbehrlich zu machen. Mit sicherem Instinkt stützt es sich auf jeden Machtfaktor, der der bisherigen Aristokratie feindlich oder mindestens abgünstig ist. Es prägt die Schlagworte ihrer Gegner zu gangbarer Münze um und schafft der Menge damit ein neues Gewissen. – Es gewinnt die Zentren des geistigen Lebens … In der Kunst, in der Literatur, in der Philosophie, in allen den Geistesgebieten, die zu beherrschen die alte Aristokratie unfähig war, über die sie in ihrer Unwissenheit sogar geringschätzig die Achseln zuckte, da macht es sich heimisch. Was den Adligen bisher als destruktiv galt, dient in seinen Händen als Mittel zum Aufbau. Es stempelt zur Lächerlichkeit, was zu seiner Geistesverfassung nicht paßt, und spricht heilig, was ihm verwandt ist. Genau wie Sie es sonst machten … So beherrscht es allmählich Werkstatt und Wirtschaft, beherrscht die öffentliche Meinung, beherrscht mit ihr auch die Gesetzgebungsmaschine, ja, weiß sogar die Religion zu beherrschen, indem es ihr unter dem Namen ›Toleranz‹ das Gnadenbrot gibt. Und während die alte Aristokratie es lustig weiter beschimpfen wird, setzt es sich unmerklich an ihre Stelle … Die Menge knurrt zwar – empört sich vielleicht auch, denn es ist ja ein Fremdkörper, der sich in ihr und über ihr breitmacht – aber schließlich läßt sie sich die neue Herrschaft genau so gefallen wie vorher die alte, ja vielleicht sogar lieber, denn sie beansprucht keine gottgewollte Extrawurst, sie sondert sich nicht in Hochmut von ihr ab, ja sie steht sogar mit einem Bein immer im Volkstum … Scheinbar geht der Kampf um die Demokratie, in Wahrheit aber ist es ein Wettstreit zwischen zwei Aristokratien, der angestammten und der, die sich neu bilden will. Noch ist der Sieg nicht entschieden. Aber dessen seien Sie sicher: Mit Monokel und Duellpistole ist er nicht zu gewinnen. Auf alle Fälle: Nehmen Sie die Konkurrenz nicht leicht, meine Herren, so komisch auch der Gedanke daran Ihnen heut noch erscheinen mag.«

Er schwieg, und seine Zuhörer taten das Gleiche. Mit langgewordenen Gesichtern sahen sie einander an. Keiner wagte den Namen, den gehaßten, verachteten und plötzlich auch gefürchteten Namen, in seinen Mund zu nehmen. Wie ein gespenstischer Schauer ging es über sie alle dahin.

Der wackere Junkersmann zu Sieburths Rechten war der erste, der den Bann zu brechen versuchte. Er hob sein Glas und deklamierte:

»Die Welt wird immer bunter,
Ich heb' das Zudeck auf und kriech' runter.«

Und als er trank, tranken stumm auch die andern. Aber niemand prostete Sieburth zu. Es schien, als sei er ihnen zu einer Art von Gottseibeiuns geworden.

Die Weiterentwicklung der schwierig gewordenen Lage wurde durch das Auftauchen Pfeifferlings abgeschnitten, der seine knollige Faust auf Sieburths Schulter legte und zu ihm sagte: »Stehen Sie mal 'n bißchen auf, Kollege. Die Atzung war famos, und jetzt ist der Kaffee da. Den können Sie besser mit mir und einem Herrn, der Sie kennen lernen will, wo anders genehmigen.«

Sieburth verbeugte sich Abschied nehmend, und während er seinem Gönner folgte, vermied er, sich umzuwenden, denn er konnte sich vorstellen, mit welchen Gefühlen man hinter ihm her sah.

Die Tafel hatte sich halb geleert. Der süßlich beißende Duft frischer Havannas umwirbelte blauwolkig die Sitzengebliebenen, die allenthalben in heißen Debatten gegeneinander anrannten.

Sie traten in einen halbdunklen Nebenraum, wo auf runden Tischen Liköre bereitstanden. Kellner boten geheimnisvoll den Kaffee an, dessen giftige Stärke sich säuerlich offenbarte.

»Da haben wir ihn, lieber Geheimrat«, sagte Pfeifferling, indem er den Herrn, der vorhin das Nichterscheinen des Oberpräsidenten entschuldigt hatte, aus einer Gruppe loseiste, die ihn wild durcheinanderredend umstand.

Ein schmaler, steifer Büromann, dem die allgemeine Weinseligkeit nichts anzuhaben vermochte.

»Es freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte er, eine dünne und müde Hand an Sieburths Fingern vorüberführend. »Ich bin eigentlich nur durch Zufall hier, denn mein Dezernat bringt mich mit diesen ländlichen Herren nur selten zusammen. Vielleicht setzen wir uns!«

Man nahm an einem der Rundtische Platz, und der Geheimrat fuhr in kühl abwägendem Tone fort: »Sie wissen, wir haben im Oberpräsidium so eine Art Vermittlerstelle zwischen dem Universitätskörper und dem Ministerium. Wir nennen uns ja Kuratorium, nicht wahr? Und den Vermittler zu bilden ist auch in diesem Falle mein, mein – Amt zwar nicht, diese Bezeichnung müßte ich ablehnen – aber umso mehr meine persönliche Absicht … Und da möchte ich Sie fragen: Haben Sie sich schon einmal bei Gelegenheit im Ministerium vorgestellt?«

»Das habe ich im Gegenteil immer vermieden«, entgegnete Sieburth.

»Ja, ja. Nu ja. Ich kann Ihre Gründe wohl verstehen und – e bin weit entfernt, sie nicht zu billigen … Eine Mißbilligung käme mir auch gar nicht zu.«

›Was will der von mir?‹ fragte sich Sieburth.

»Aber da ein günstiger Zufall uns gesellschaftlich einander genähert hat, möchte ich mir doch den – natürlich ganz privaten – Rat erlauben: Wenn Sie mal wieder in Berlin sind und die Linden entlang spazieren, gehen Sie lieber nicht an dem Portal vorüber, hinter dem die maßgebenden Instanzen zu Hause sind … Es ist da insbesondere der Ministerialdirektor Kürschner, der eine sehr bemerkenswerte Personalkenntnis hat und sich gewiß auch für Sie interessieren würde, wenn Sie ihm Gelegenheit gäben, Sie kennen zu lernen. Ja, ich kann Ihnen sogar verraten, daß er dies wünscht. Übrigens: es gefällt Ihnen gut hier bei uns zu Lande?«

»Gewiß, Herr Geheimrat.«

»Nun sehen Sie, es gibt da Herren, die wollen immerzu wo anders hin. Und kann man sie nicht entbehren, so müssen dann Plätze freigemacht werden, und – e das macht Umstände – nicht wahr? Und – e – wie gesagt – es freut mich, daß es Ihnen hier gefällt – und – e – noch einmal – es hat mich ausnehmend gefreut, Sie kennen zu lernen.«

Damit erhob er sich, markierte nochmals ein Händereichen und wandte sich dann einem Herrn zu, der in seiner Nähe schon auf der Lauer lag.

Pfeifferling, der, an seiner Zigarre kauend, still zugehört hatte, bohrte Sieburth einen Ellenbogen in die Beugung der Hüfte und raunte ihm zu: »Sie sehen, Kollege, die Schose läuft. Wenn Sie sie nicht stoppen, dann kann die Fakultät sich auf den Kopf stellen – es geht doch alles, wie wir wollen. Guten Abend, Kollege!«

Sieburth sah sich allein.

Da er sich in diesem Umkreis fremder fühlte denn je, wußte er nichts Besseres, als den Weg zum Ausgang zu suchen.

Da kam ihm mit weltheiterm Lächeln der Mann im Wotansbarte entgegen. Und jetzt erst, da er in seiner eleganten Massigkeit hochragend dastand, erkannte Sieburth, daß er einen wahrhaftigen Grand Seigneur vor sich hatte.

»Das ist nett, Herr Professor, daß ich Sie noch einmal träffe. Sie haben vorhin einen Feuerbrand in unsere Scheunen geworfen. Die Benautheit hätten Sie sehen sollen, als Sie gegangen waren … Es lag ja leider allerhand Wahres in dem, was Sie sagten, aber – – Schindluder haben Sie doch mit uns gespielt. Und mir schwant: Man kann ein doller Heiland sein, auch ohne daß man den Hunden Diners jibt und zur Hochzeit Treppen hochreitet und sich von Zijeunern verlausen läßt. Und Ihre Art von Dollheit ist sogar noch etliches mehr wert … Wenn Sie mich mal auf meiner Klitsche besuchen wollen, so würden Sie mir und meiner kleinen Frau eine Wohltat erweisen. Wir haben durchaus nicht bloß ein Achselzucken für die höheren Dinge, wie Sie vorhin bemärkten, aber ich glaube, wir lassen uns hungern und wissen es nicht.«

Sein Händedruck tat weh; und das Wehtun tat wohl.

›Sie ist reich und wunderbar, diese Welt der Ursprünglichkeit‹, dachte Sieburth, auf die Straße hinaustretend, ›aber was hab' ich in ihr zu schaffen?‹

Und sollte zu ihr gebannt sein ein Leben lang?


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