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Zwanzigstes Kapitel

Die Zeiger einer Jahresuhr sind, ehe man sich dessen versieht, unhörbar und unbeachtet rund herum geglitten.

Das ewig neue Spiel des Knospens und Ergrünens, das buhlerische Blütengeschaukel des Mai, der schwüle Sommerspuk, die schwermütige Narretei der Herbstglut, das alles geht vorüber wie nicht gewesen, und wieder – als das Hauptsächliche, das scheinbar Bleibende, das was Herz und Hirn für alle Zeit in Dunkel und Erstarrung bannen will – brauen die Frostnebel, sinken die Flocken, funkeln unbarmherzig die Sterne der Winternacht.

Ein Jahr – mehr nicht. Und doch übergenug, um eines Menschen Stimmung neu zu modeln, aus dem Leichtlebigen einen Schwerblüter, aus dem Träumer einen Sachmenschen, aus dem Verhaltenen einen Durchgänger zu machen.

Ein weiterer Wandel schien auch in Sieburth sich zu vollziehen. Wer aber in den Geheimfächern seines Wesens schon vorher herumgestöbert hätte, würde erkannt haben, daß nicht mehr viel Neues in ihm erwuchs, daß als Keim und Neigung schon alles dagewesen war und jetzt nur Platz und Erdreich fand, um sich auszubreiten und dem Sehenden offenbar zu werden.

Freilich, wer sah ihn ganz? Denn sein Leben in zwei Teile zu teilen, es gleichsam oberirdisch und unterirdisch zu führen, blieb sein Prinzip. Und wenn er es auch bei seinen nächtlichen Streifzügen nur selten noch für nötig hielt, sich mit Perücke und Kinnbart zu versehen, wenn er vielmehr als der, der er war, in allerhand Spelunken herumvagierte, wenn er auftrumpfend sogar mit dem und jenem seiner ihm begegnenden Schüler am Kneiptisch saß bis an den Morgen – zu den aufpasserischen Kollegen drang nur selten ein Widerhall seines Treibens. Zudem gab es gerade in jener Zeit etliche unter ihnen, die als Süfflinge einen altbewährten Ruf besaßen und denen zuliebe ihm mancherlei nachgesehen werden mußte.

Das nächtliche Herumtreiben – zwei-, dreimal in der Woche – war ihm nachgerade zur Notwendigkeit geworden, besonders seit der Zufall ein paar Kumpane ihm in den Weg geworfen hatte, bei denen Wurzel zu schlagen in gesellschaftlicher Beziehung wohl ein Mißgriff war, die sich aber empörerisch genug gebärdeten, um ihm Zerstreuung zu bringen.

In einer Budike der Altstadt hatte er sie vorgefunden, als es ihn eines Nachts nach wirrem Hin- und Herziehen haltzumachen verlangte.

Still hatte er sich an einen Nebentisch gesetzt und zugehört, wie sie – ihrer dreie – von Bierdunst und Tabaksqualm umlagert, mit Schreien und Spucken und Faust-auf-den-Tisch-Schlagen über die höchsten Fragen der Menschheit im Streite lagen.

Ihre Argumente waren von drolliger Urwüchsigkeit und nicht selten dem Schweinestall entnommen, aber gleich Pfingstflammen schwebte über ihnen der heilige Geist des Verbummeltseins, der die durch ihn Begnadeten von der flachen Alltagserde zu Höhen emporzieht, wo der verderberische Alkohol Befreier, Erleuchter und Erlöser wird.

Als seine Zeit ihm gekommen schien, hatte er sich erhoben und bescheiden um die Erlaubnis gebeten, sich an der Diskussion zu beteiligen, der er schon längst mit gebührendem Respekt gefolgt sei.

In unwirscher Verwunderung blickten sie zu ihm auf.

»Wir werden ja gleich sehen, mit wem wir es zu tun haben«, sagte der älteste von ihnen, ein ergrauter Hüne mit dichtem, strähnigem Haarbusch und Backenbart, mit bebrillten Augen und knolliger Schnüffelnase. »Und wenn Sie nicht einer vom Weltenbau sind, dann machen Sie sich lieber bald wieder dünne.«

»Beim Bauen ist mir leider schon einer zuvorgekommen«, erwiderte er, »aber Einreißen helfen, das kann ich, und dazu, scheint mir, bin ich bei Ihnen am richtigen Platze.«

Da rückten sie lachend zusammen, und die Kellnerin trug sein Grogglas hinter ihm her.

»Muß ich mich vorstellen?« fragte er.

»Unseretwegen können Sie auch anonym selig werden«, erwiderte sein Nachbar zur Rechten, ein aufgeschwemmter Bierbruder am Rande der Dreißig, mit ausgefranster Wäsche, das feiste, bartlose Gesicht von Schmissen zerfetzt. »Mich nennen die Meechens den Rotschimmel. Schimmel kommt diesmal von ›schimmlig‹ her, und schimmlig ist das ganze Subjekt, das demnächst von Suff und Syphilis wird aufgefressen sein. Sie sehn, damit is auch nich viel Staat zu machen.«

Und der dritte im Bunde, ein dünnlicher Fünfziger, mit bärtigem Hakenprofil und flackrig leuchtenden Augen, fügte durch die Zähne lachend hinzu: »In der Hölle muß Jahrmarkt sein. Wer mittun kann, ist legitimiert.«

Damit wurde er in die Tafelrunde aufgenommen.

Nicht lange dauerte es, da war er über Namen und Charakter der neuen Genossen im klaren.

Jener alternde Kraftmensch, der mit massigem Oberbau und verwildertem Kopfe ihm gegenüber den Tisch belagerte, erwies sich als Träger eines weitverbreiteten Rufes. Bis vor kurzem war er an einer angesehenen Lehranstalt Oberlehrer gewesen, von seinen Schülern fanatisch geliebt, von seinen Kollegen mühsam gehalten, bis der Trunk schließlich doch zu seiner Pensionierung geführt hatte. Chmelnitzky hieß er, und die Geschichten, die über ihn umherliefen, zählten nach Dutzenden.

Der zweite, Totenhöfer mit seinem wirklichen Namen, hatte sich, nachdem er zweimal durch den Referendar gesaust war, als ewiger Student etabliert, wozu ein ererbtes Bauerngut ihm die Mittel lieferte. Bei den Burschenschaften war er 'rausgeschmissen, und deshalb verfolgte er sie mit blutigem Hasse. Das fahlrote Haar, das ihm tief in die Stirn gewachsen war, hatte ihm seinen Spitznamen eingebracht. Wenn seine kleinen, klugen Knopfaugen blitzten, wenn seine schräg durchhauenen Lippen sich ulkig rundeten, war es ein Vergnügen, ihm zuzuhören, vorausgesetzt, daß sich die Zote als witzig erwies, die damit ihr Erscheinen anmeldete.

Das wandelreichste Schicksal hatte der dritte von ihnen gehabt. Er war Theologe, hieß Möwes und hatte im östlichen Grenzlande eine schöne Pfarrstelle sein eigen genannt, von der er fataler Geschichten wegen – sinnenfrohes litauisches Mädchenvolk war daran nicht unbeteiligt gewesen – in aller Stille hatte Abschied nehmen müssen. Nunmehr lebte er als Versicherungsagent, machte Geschäfte in Stadt und Provinz und legte wenig Wert darauf, an den heiligen Stand von einstmals erinnert zu werden.

Mit diesen dreien brachte Sieburth fortan manche Spätabend- und Nachtstunde zu und hatte kaum jemals einen Verlust an Zeit und Kraft zu beklagen. Die Scheu, die sie anwandelte, als sie in Erfahrung brachten, mit wem sie es zu tun hatten, überwanden sie bald und fielen in ostpreußisch biederer Art vertraulich schimpfend über ihn her. Selbst in die Duzgenossenschaft, die trotz der Altersunterschiede zwischen ihnen sich eingebürgert hatte, zogen sie ihn hinein, und er ließ es sich gerne gefallen.

Obwohl sie philosophischem Denken als Laien gegenüberstanden, so versuchte doch jeder auf seine Weise, sich darin bewandert zu zeigen. Sieburth hatte in ihnen ein Publikum, vor dem er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte, und was rebellisch in ihm gärte, was, in der Wildnis seiner Einsamkeit geboren, vergebens nach Ausgleich und Entladung strebte, fand vor diesen Gescheiterten, die sich trotz geistigem Fernsein ihm doch verwandt und schattenähnlich zeigten, erlösende Gestaltung.

In seinen Vorlesungen mußte er sich an das schulgerechte Verfahren halten und wohlweislich herunterschlucken, was ihm den vorgezeichneten Weg verderben konnte – kaum daß er sich ab und zu eine kleine Herzenserleichterung gönnte; hier war das Ketzerhafteste gerade recht, hier wurde das Paradoxeste beifällig empfangen, und oft, wenn ihm ein Wort gelang, dessen Formung er vor sich selber bis dahin niemals gewagt hatte, fragte er sich: ›Bin ich das, der da redet, oder einer, der sich daran vergnügt, sein eigenes Zerrbild darzustellen?‹

Aber gesprochen war gesprochen, und was im Augenblick des Werdens als Ulk oder Mißgeburt erschien, behielt sein Daseinsrecht.

Im übrigen steckte doch meistens irgendeine Wahrheit dahinter, etwas, das zu Ende gedacht mit Überliefertem aufräumte und der zünftigen »Staats- und Spaßphilosophie« die Stirne bot.

Dies Schopenhauersche Wort führte er gern im Munde, und obwohl er den Metaphysiker in ihm ebenso durchhechelte, wie er es mit all den andern tat, die dem Weltwalten hinter die Kulissen geschaut haben wollten, der Mann, der den Aufsatz über die »Universitätsphilosophie« ausgedacht und ausgespieen hatte, erschien ihm schon um dessentwillen als ein Bruder im Hasse, auf den sich zu verlassen keine Schande war.

Um so mehr aber Vorsicht in allem, was an offizieller Stelle aus Mund und Feder kam! Nichts publizieren! Alles im Schranke verschließen, was mittlerweile zu Bergen sich häufte! Und auf dem Katheder lächelnde Öligkeit! Verbeugungen vor den Größen des Tages! Lieber die Zähne zerbeißen, als Schindluder spielen mit ihrem Schindluderspiel! Die Zeit würde schon kommen, da mit der Ordentlichen Professur die Freiheit des Lehrens ihm nicht mehr beengt werden konnte. Sie mußte kommen, wenn man keinerlei Angriffsflächen bot oder sie mindestens auf den Umfang eines Kneipraumes beschränkte.

Was man hier von sich gab, dafür konnte einen keiner zur Rechenschaft ziehen, selbst wenn sich Späher fanden, die es weiter erzählten. Die Lust an Unsinnigkeiten, der Übermut der Spätnacht, die Umnebelung des Hirns – das alles bot Sicherungen genug; von dem üblen Geruch, der durch die Auswirkung heimlichen Denunzierens entstehen mußte, gar nicht zu reden.

Darum hatte es auch nichts zu bedeuten, wenn an den rings stehenden Tischen ungebetene Zuhörer Ohren und Mäuler aufsperrten und, sei's verstehend oder halb verstehend oder mißverstehend, den plänkelnden Gedankenspielen folgten, die zwischen den Kneipgenossen im Schwange waren.

Daß Sieburth sich als Herr und Meister darin erwies, das hatten auch sie bald herausgebracht. Und wenn er sich in Glut geredet hatte und – immer noch bleich, immer noch mit dem geisternden Lächeln um die schiefgezogenen Mundwinkel – seine Reden hervorstieß, während aus ihren dunklen Höhlen heraus die Augen sich brennend in das Gesicht des Gegners hineinfraßen, dann ging wohl durch den oder jenen der Horchenden ein unwillkürlicher Schauer, auch wenn er nicht viel davon begriff, was dort zutage gefördert wurde.

Und fragte einer den andern: »Wer ist das?«, dann wurde ihm die aus Respekt und Mißachtung zusammengebackene Antwort: »Ach, das ist der tolle Professor.«

Dieser Name blieb an ihm hängen, überall dort, wo in nächtigen Rumtreibereien animalischer Überschwang sich auszutoben bestrebt war, wo geistiges Wirrsal Asyl und Betäubung suchte.

Auch die Studiosen griffen ihn auf, aber wer von diesen ihn in den Mund nahm, der tat es mit Scheu und Bewunderung, als hätte in dem, der ihn trug, der Geist der Tiefe sich offenbart.

Er selber achtete dessen nicht, was rings um ihn horchte und staunte, und war nur froh, ausströmen zu können, was quälend seit langem sich in ihm staute.

Nächte gab es, die das Silberlicht neuer Erkenntnis beglückend erhellte, und andere, in denen die dunkle Lohe des Aberwitzes ihn und die andern versengte.

Hinter beiden aber stand als Wahrzeichen aufgerichtet die große Unvernunft, die Weltall und Menschheit regiert.

Wenn der ehemalige Pfarrer die Überbleibsel des Stromes religiöser Inbrunst, der ihn dereinst durchrauscht hatte, in hohlen Händen sammelte und als sogenannten »Sinn des Daseins« den andern entgegenhielt, dann gab es Spott und Gelächter, sobald Sieburth sie ihm mit einer spielenden Wendung zu Boden goß.

Aber immer wieder erneuten sich heiße Debatten über »Weltzweck« und »kosmische Ordnung«, aus denen die allgemeine Sinnlosigkeit, in der das Geschaffene wüst träumend dahintrieb, als Siegerin triumphierend hervorging. Alle Heroen des Geistes wurden als Zeugen herangeschleift, und Plato und Aristoteles, die großen Verderber des menschlichen Denkens, sanken dahin, genauso wie Leibniz und Kant, während die Reihe der bisher zu Irrlehrern Gestempelten, die mit Demokrit und Protagoras ihren Anfang genommen hatte und sich durch die moderne Naturwissenschaft zu neuer Geltung gekommen sah, glorreich über sie hinschritt.

Und auch, was das »Sein« und das »Nichtsein« ist, wurde wissensgierig betastet.

An einem Spätabend des ausgehenden Winters geschah's, daß Sieburth, der harter Arbeit zuliebe die Tafelrunde für etliche Wochen gemieden hatte, von neuem zu ihr stieß.

Die Dreie saßen in Rauchschwaden eingewickelt, wie immer von Alkohol und Gasglut angeheizt, und empfingen ihn mit Hallo.

Weshalb er so lange weggeblieben sei. Ob er seinem Liebchen die Flöhe weggefangen habe. Oder ob er sich egal mit seinen Denkgespenstern herumschlage.

Sieburth lachte vergnüglich auf. Da gab es endlich wieder die lieben Klänge, die Erleichterung und Erquickung brachten.

Und als er sich mit seinen Schreibereien entschuldigte, wollten sie durchaus wissen, welches Thema ihn im Augenblick beschäftigte.

Er, der es nicht liebte, über Werdendes Rede zu stehen, erwiderte in ausweichendem Scherze: »Ich strapaziere gerade mein bißchen Hirn, um zu beweisen, daß das Nichts das einzige ist, das Existenz hat.«

Sie nahmen die Auskunft für bare Münze und bestanden darauf, mehr zu erfahren.

So fand er sich alsbald und halb wider Willen in eine Auseinandersetzung verwickelt, die ernster aussah, als sie beabsichtigt war.

»Ihr seid bloß so neugierig«, sagte er, »weil ihr vor dem nackten, frierenden Nichts Manschetten habt, wie alles, was krampfhaft leben will. Und doch ist es Weltprinzip und das Sein nur seine Entartung.«

Das hielten sie natürlich für Widersinn und wollten den Ausspruch erklärt und begründet sehen.

»Wenn ihr Bescheid wüßtet«, erwiderte er, »würdet ihr nicht von Widersinn schwatzen. Der große Hegel hat bekanntlich das Sein und das Nichts für identisch erklärt, und anderthalb Jahrtausende früher tat Augustin schon das Gleiche. In diesen luftdünnen Regionen gibt es überhaupt keinen Widersinn. Wollt ihr aber noch viel was Haarigeres kennenlernen, dann paßt mal auf!«

Er zog einen Zettel aus seiner Brieftasche, den er für eine gelegentliche Verwendung im Kolleg darin bereit hielt, und fuhr fort: »Ein Schüler des großen Meisters, der Werder heißt und Professor an der Berliner Universität war oder noch ist, hat folgendes verzapft: ›Das Nichts ist mehr als das Sein. Nämlich das Wissen des Seins um sich – um seine Fülle – um seine Erfüllung aus sich – um sein freies Tun – um sein Sich-selber-Schaffen.‹ Nun seid ihr hoffentlich im klaren, was für 'ne kolossale Sache das Nichts ist.«

Darüber gab es unbändiges Gelächter, das erst schwieg, als Sieburth seine Theorie zu entwickeln begann, über das, was er den »Unfug des Seins« zu nennen beliebte.

»Wenn es nämlich ein Sein wirklich gibt«, so dozierte er, »dann ist es zuerst einmal nichts als Bewußt-Sein. Alles übrige entpuppte sich dem streng Denkenden schon längst als Schein und als Schwindel … Aber vor dem Bewußtsein hat jeder bisher ehrfurchtsvoll haltgemacht und es als gegebene Größe genommen … ›Cogito, ergo sum‹, nicht wahr? … Nun steht es aber psychologisch oder biologisch fest, daß das Bewußtsein nichts als eine Oberflächenerscheinung ist – ein zufälliger Abglanz des großen Unbewußten, das seinen Unter- und Urgrund bildet … Das Unbewußte ist aber nicht-seiend, wie wir gesehen und vorausgesetzt haben … Somit ist das Bewußtsein erst recht existenzlos … Und für das Sein bleibt gar keine Heimstatt – weder im Ich noch im Nicht-Ich … Der alte Sophist Gorgias hat also recht mit seinem Satze: ›Es existiert nichts, und wenn etwas wäre, so könnte es nicht erkannt werden, und gäbe es Erkenntnis, so könnte diese nicht mitgeteilt werden.‹ Und darum verzichte auch ich auf weitere Mitteilung, meine Herren.«

Die drei schwiegen verblüfft, bis der Rotschimmel sich zu der Frage ermannte: »Dieser schäbige Rest in meinem Bierglase ist also nichts?«

»Selbstverständlich.«

»Ebensowenig wie du selber?«

»Habe ich euch das nicht soeben bewiesen?«

»Ich tränke also das Nichts mit dem Nichts, indem ich ihn über dir ausschütte.« Und er tat es.

Die andern empörten sich, aber ohne dieser hanebüchenen Argumentation irgendwelche Beachtung zu schenken, zog Sieburth sein Taschentuch, und während er Kopf und Nacken abtrocknete, fuhr er fort: »Nehmen wir mal an, Sein und Nichtsein gäbe es wirklich. Dann liegt für den Menschen zwischen Unendlichkeiten des Nichtseins eine einzige Sekunde des Seins. Und die ist ihm zu wenig. Darum glaubt er sie verlängern zu können und schluckt zu diesem Behufe den schwersten Unsinn herunter, als da sind: Gottheiten, Traditionen, Himmelreiche und Auferstehungen. Ballt sich mit seinesgleichen zusammen zu staatlichen Klumpen, die ihm oder doch seinem Geblüt Dauer zu verbürgen scheinen, obwohl sie einander aufzufressen bestimmt sind. Und etabliert über allem als höchste, als ewige Göttin – die Dummheit.«

»Stopp, stopp«, rief der einstige Pfarrer, »du wolltest vom Sein sprechen und sprichst von der Menschheit. Bist du da nicht zu sehr in die Enge gegangen?«

»Ich spreche von dem Sein«, erwiderte Sieburth, »dessen ich mir für mich und meinesgleichen bewußt bin. Damit begründet sich diese Grenzsetzung von selber.«

»Und mit dem, was du Dummheit nennst«, warf der alte Schulmann ein, der heute noch leidlich nüchtern war, »scheinst du die ererbte Weisheit zu meinen, an der das Menschengeschlecht jahrtausendelang mühsam gezimmert hat. Durch sie leben wir. Warum also beschimpfst du sie?«

»Wenn Sein und Nichtsein identisch sein können«, erwiderte Sieburth, »warum nicht tausendmal eher Weisheit und Dummheit? Aber ich will deutlicher reden … Faust sagt: ›Im Anfang war die Tat.‹ Das ist ganz falsch. Im Anfang war die Not. Ihr zu begegnen, schuf man allerhand Bindungen, die sich als zweckmäßig ergaben, um die jeweilige Gemeinschaft zusammenzuhalten, und diese Bindungen versteinerten sich zu Gesetzen. Aus dem Zweckmäßigen wurde das Gottgewollte. Und was Gott will, duldet keinen Widerspruch … So was geht jahrhunderte-, jahrtausendelang. Daß Vernunft Unsinn wird und Wohltat Plage, das schert die Hochmögenden nicht. Die Erbweisheit – oder Erbdummheit, gleichviel! – sitzt auf dem Thron, und die Gesellschaft lebt durch sie … Aber allmählich bildet sich etwas heraus, das sich ›Persönlichkeit‹ nennt. Das fängt nach der Berechtigung der herrschenden Autoritäten zu fragen an. Und nun kommt der Umschwung. In dem Augenblick, in dem das Individuum sich auf sich selbst besinnt und das von Gott gebotene Gesetzmäßige als das Nur-Zweckmäßige erkennt, ist die Zersetzung schon da.«

Das leuchtete den andern nicht ein.

»Nanu, warum das?« – »Beginnt da nicht erst die eigentliche Kultur?« – »Ist für vernünftige Einsicht kein Platz in der Menschennatur?«

So gingen die Fragen wirr durcheinander.

»Laßt mich nur weiterreden«, schnitt Sieburth sie ab. »Was zweckmäßig ist, mag wunderschön sein, aber es kann keine Ehrfurcht verlangen … Und ist auch mit irgendeinem andern Zweckmäßigen leicht zu vertauschen … Wenn man nicht gar das Unzweckmäßige vorzieht, weil es doch so bequem und genußreich ist … Beispiele wollt ihr, wie? Also: Gottesfurcht? Sancta simplicitas … Elternsegen? Kitsch … Liebe? Kleinmädchenschwatz … Freundestreue? Faule Romantik … Ehe? Freiheitsberaubung … Ehe bruch? Rückeroberung des Ich … Kinderkriegen? Malheur … Geschäftsehre? Irrenhaus … Geschäfts betrug? Sportlicher Vorteil … Ja, was noch? … Vaterlandsliebe! Im Frieden Belästigung des Geldbeutels, im Kriege noch einiges Fatale mehr … Das alles, meine Lieben, ist vielleicht sehr klug und sehr richtig gedacht, und zu dem meisten davon werden auch wir uns bekennen, aber – –«

Stürmischer Widerspruch unterbrach ihn, und selbst der verbummelte Kandidat erklärte, mit derlei seelischer Verdreckung wünsche er nichts zu tun zu haben.

Sieburth ließ das Johlen und Fauchen ruhevoll an sich abgleiten, dann fuhr er fort: »Ich an eurer Stelle würde mich nicht so entrüsten. Unter anderem Namen und weniger zugespitzt klingt das alles ganz harmlos und ist euch auch längst vertraut. Zum Beispiel: Brauchen wir über unsere Stellung zur Gottheit überhaupt noch zu reden? … Sodann: Hat die ältere Generation ihre Rolle etwa nicht ausgespielt, sobald die nächste sich flügge fühlt? … Und weiter: Ist für den polygamen Mann – und als solcher bekennt sich wohl jeder von uns – die Liebe, die große, die schicksalhafte, nicht gründlich abgetan? … Daß die Ehe die freie Entwicklung der Persönlichkeit schädigt, wenn nicht zunichte macht, ist längst ein elender Gemeinplatz geworden, und daß der Ehebruch in der unentrinnbaren Öde der mittleren Jahre die besten, manchmal die einzigen Impulse liefert, das wissen wir auch … Freundschaft wird, sobald die Jugendeseleien vorüber sind, von selbst zur Interessengemeinschaft, bestenfalls zur Kneiptischverbrüderung … Was war noch? Richtig! Der brave, ehrbare Kaufmann kommt sicherlich auch euch höchst altmodisch vor, und den Vertragsgegner 'reinzulegen nennen wir mit einem von drüben gekommenen Worte beifällig ›smart‹ … Am längsten mögen sich wohl die Instinkte der Vaterlandsliebe erhalten, aber auch sie gehen in die Brüche, wenn durch Internationalität oder durch Korruption oder auch nur durch Parteihaß der Glaube an den Wert des heimischen Staatsgebäudes erschüttert wird … Wir haben den gleichen Prozeß in der menschlichen Geschichte schon manches Mal erlebt. Das sinkende Hellenentum, die römische Spätzeit, das ancien régime und was weiß ich … Mir scheint, jetzt kommen wir an die Reihe. Die große Göttin, die ich vorhin mit Ehrfurcht nannte, hat ihr Antlitz von uns abgewandt. Wir sind zu klug geworden, meine Freunde.«

Ein Schweigen entstand. Jeder der Dreie mochte fühlen, daß hinter den Übertreibungen eine Wahrheit steckte, der nicht zu entrinnen war.

»Verstehen wir dich recht«, sagte der alte Schulmann, »so kann der Weg, den die Kultur einschlägt, die Menschheit nur ins Verderben führen.«

»Kultur, Kultur!« spottete Sieburth. »Jede Schmeißfliege behauptet, sie habe Kultur … Fragt sich nur, was wir darunter verstehen … Solange sie nur der Vergesellschaftung dient, ist sie nichts anderes als eine Form der Tierheit. Ob Ameisenhaufen oder Gazellenrudel oder Tyrannis – alles Jacke wie Hose. Erst mit dem Mündigwerden des Individuums beginnt der Weg bergauf, der unweigerlich mit dem Sturz in den Abgrund endet.«

»Ach was, wir sind keine Kinder, die man graulich macht«, wehrte sich Chmelnitzky, »Behauptungen muß man beweisen.«

»Tatsachen beweisen«, erwiderte Sieburth. »Daß das Freiwerden von der Geißel der Kirche einen Fortschritt bedeutet, wird niemand von euch bestreiten – am wenigsten unser ehemaliger Gottesmann. Aber ohne sie hat noch kein Volk auf die Dauer zu leben vermocht … Und ferner werdet ihr mir gewiß zugeben, daß die Schaffung gleicher Lebensbedingungen zu einem menschenwürdigen Dasein gehört … Was aber wurde bis jetzt aus jeder Demokratie? Futter für die Schweine, die von ihr zu leben verstanden … Und wenn ihr immer noch an den Aufstieg der Menschheit glaubt, so frage ich euch: Was soll man von einer Institution viel halten, die gerade daran zuschanden geht, was sie als höchste Erkenntnis und als höchste Daseinsform hervorzubringen imstande ist? Will sie sich am Leben erhalten, so kann sie es nur durch Elend und Dummheit.«

Im ersten Augenblicke vermochte keiner der Kumpane sich zu einer Erwiderung zusammenzuraffen.

Endlich sagte der ehemalige Pfarrer: »In den Sprüchen Salomonis steht geschrieben: ›Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern.‹ Wenn ich mich in der Welt umsehe, so scheint mir, das Blühen der Kulturvölker straft dich ausreichend Lügen.«

Aber der verbummelte Kandidat war diesmal ganz auf seiner Seite.

»So ist's recht«, schrie er und machte mit dem Deckel seines Glases die Musik dazu. »Alle Kultur kann mir gestohlen bleiben. Jean Jacques und Urzustand sind meine Parole. Ha, ich wittre schon die Luft der Paradiese, in denen die Tauben gebraten herumfliegen und die Evas ohne Schlangen zu haben sind. Die offnen Städte sind mir piepe. Hier heißt es: Offnes Maul und offner Hosenlatz! Bereit sein ist alles.«

»Du täuschest dich, mein edler Freund«, sagte Sieburth, »wenn du glaubst, einen Naturapostel in mir zu finden. Die allgütige Mutter Natur ist in Wahrheit eine Kanaille – blutdürstig, vampirhaft … Mörderin aus Geiz und Mörderin aus Verschwendung … Verführerin zu jeder Untat und heuchlerisch sich drückend, wenn es was gutzumachen gibt … Schmeichelnd dem, der ihr trotzt, und auf den Augenblick lauernd, da sie ihn packen und zerfleischen kann … Buhlend mit allem Mittelmäßigen und schmarotzend an dem, der darüber hinausstrebt … Betrügerin schon, indem sie uns erzeugt – Betrügerin durch Fürchten und durch Hoffen – Betrügerin mit jeder Gelegenheit, die sie uns schenkt – Betrügerin noch im Tode, indem sie uns aus scheinbarer Verklärung zu einem giftigen Aas macht. Betrügerin, soweit unser Denken reicht … Und darum ist es uns heilige Pflicht, sie wieder zu betrügen. Sela.«

Er hatte sich so in Zorn geredet, daß er am ganzen Leibe zitterte. Seine Stimme überschlug sich, und der Glockenton darin wurde zu heiserem Pfeifen.

»Na, na, beruhige dich nur«, sagte Chmelnitzky, über den Tisch weg die fleckige Klaue auf die weißen Frauenhände legend, die sich ineinander verklammert hatten. »Du bist ja selbst nuscht wie ein Stück Natur. Weißt du nicht, was Goethe in seinem Hymnus sagt: ›Wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus ihr herauszutreten‹?«

»Er sagt sogar weiter: ›Auch das Unnatürlichste ist Natur‹«, rief Sieburth, ihn anfunkelnd, »und die exakte Wissenschaft hält ihm die Stange. Aber das hindert mich nicht, daß ich mich mit geballten Fäusten gegen sie stelle und mich lossage von ihr, wie der Sohn, der sich von Vater und Mutter lossagt, obwohl er genau weiß, daß ihr Blut in ihm fließt und immer fließen wird, mag er sie noch so sehr hassen.«

Die drei Kumpane, die ihn selbst in seinen Paroxysmen immer kühl und beherrscht gefunden hatten, glaubten, daß dieser Aufruhr seiner Nerven ihnen etliche Trümpfe in die Hand gegeben habe.

»Warum hassest du eigentlich soviel?« fragte mit überheblichem Schmunzeln der ehemalige Pfarrer. »Du hassest die Natur. Du hassest Gott. Die menschliche Kultur hassest du auch. Das ganze Sein scheint deinem Haß verfallen. Und dabei bist du alert und fidel. Liebst die Weiber, liebst das Kneipen. Wenn du auch leider kein Bier trinkst, Grog und Rotwein tun dieselben Dienste. Dein Auditorium ist stoppevoll. Nachfolger Kants sollst du auch einmal werden. Ich glaube übrigens kaum, daß dieses viele Hassen sehr philosophisch ist.«

Sieburth stutzte. Der Hieb hatte gesessen. Aber dann zuckte er lachend die Achseln.

»Der Gedanke führt eben sein eigenes Leben«, sagte er, »gerade so wie das Kind im Mutterleibe, dessen Zappeln die Schwangere auch nur beobachten, aber nicht beeinflussen kann. Im übrigen hat an dem Ganzen nur euer verfluchter Biernebel Schuld. Vom Katheder aus würde ich dieselben Dinge ganz anders fassen. Die Natur betreffend, würde ich zum Beispiel sagen: Meine Herren, würde ich sagen, nach unserem großen Lehrmeister Kant steht der Mensch außerhalb der Natur, ja über der Natur. Denn so hat er geschrieben: ›Was den Menschen über sich selbst erhebt, das ist seine Persönlichkeit und seine Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur.‹ Dabei würde keiner was finden. Na, und kommt das nicht auf dasselbe hinaus?«

Mit dieser Wendung hatte er die Situation gerettet und das geistige Übergewicht wiedergewonnen.

Aber die zugleich mit ihm in Hitze geratenen Kumpane dachten nicht daran, ihm Ruhe zu gönnen.

»Wie stellst du dir das übrigens vor, die Natur zu betrügen?« fragte Chmelnitzky. »Die ist klüger und mächtiger als du. Und wer da meint, er habe sie untergekriegt, indem er durch diesen Berg einen Tunnel legt und jenen Urwald in ein Reisfeld verwandelt, der findet alsbald, daß er ihr noch nicht einmal die Haut geritzt hat. Und nun gar betrügen! Sollte dir schwer werden, Freundchen!«

Sieburth maß ihn, zum Schlage ausholend.

»Wenn's dir nicht schwer wird«, sagte er, »und euch allen dreien nicht, warum mir?«

Das war nun ein neues Rätsel, das sie ärgerte und verblüffte.

»Er denkt gewiß an Konzeptionsverhinderung und ähnlichen Quark«, höhnte der Kandidat.

»Woran ich denke, das will ich euch sagen«, erwiderte er, einen nach dem andern verbissen ins Auge fassend. »An Selbstzerstörung denke ich.«

Da wurden sie still, während ihre Gesichter in Nachdenklichkeit erstarrten.

»Wenn wir so mythologisch vorgehen wollen«, fuhr er fort, »der Natur ein zweckhaftes Walten unterzuschieben, dann können wir auch annehmen, daß sie mit jedem ihrer Geschöpfe bestimmte Pläne verfolgt, ihm einen gewissen Lebensablauf zubilligt und dergleichen. Hierin gegen sie anzuulken, das eben nenne ich sie betrügen. Und das tut ihr dreie ja reichlich – genauso wie ich. Seht euch mal um! Der Tod steht hinter euch allen! Prost!«

Und während er trank, gewahrte er mit Genugtuung, daß bei ihrem unwillkürlichen Sichumwenden ein Schauder ihnen über den Rücken lief. Der versoffene Schulmann zog in schmerzhaftem Schlürfen die Luft hoch, der ehemalige Pfarrer schnitt ein Gesicht, als täte ihm mancherlei leid, was er bisher vielleicht als Gewinst gebucht hatte, und der verkrachte Jurist ballte hinter dem Bierglas die Fäuste. »Grämt euch nicht«, lachte Sieburth, »es läuft alles auf eins hinaus. Und wenn ihr mir vorhin mit dem Goetheschen Naturhymnus kamt, dann kann ich euch mit einem andern Hymnus aufwarten, der von einem Größeren stammt als er.«

»Gibt es das überhaupt?« fragte der Schulmann beinahe erschrocken.

»Ja, das gibt es, und das nennt sich Buddha, von dessen Hymnus geschrieben steht: ›Er widerhallt in den Himmeln, wenn die leuchtenden Strahlen seines Lächelns die Wolken durchdringen.‹ Der Text ist ganz kurz und lautet so: ›Alles ist hinfällig, alles ist elend, alles ist stofflos, alles ist leer.‹ … Hiervon durchdrungen sein, dann erledigt sich zugleich mit uns selber die sogenannte Natur, und unsere Rache an ihr wird vollkommen.«

Triumphierend brannten seine Augen in die von neuem erstarrten Gesichter.

Der Pfarrer murmelte etwas von unfruchtbarer Schwarzmalerei und der Pflicht, sie zu bekämpfen.

Lachend stand Sieburth auf.

»Mein großer Optimismus ist noch nicht fertig«, sagte er, den Gefährten zum Abschiede die Hand reichend, »und bis dahin dilettier' ich als Jämmerling.«

Damit wandte er sich zur Tür.

Und während er die Tische des Nebenraums entlangschritt, gab es ein Flüstern hinter ihm her:

»Kuckt, kuckt! Dort geht der tolle Professor.«


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