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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Glücklicherweise nahmen die Zeitungen von dem eben geschilderten Vorfall keine Notiz. Offenbar war das Erscheinen des jungen Mannes in dem allgemeinen Wirrwarr ohne ernstlichen Eindruck geblieben. Die Zwischenrufe hatten seine Bezichtigung rasch erstickt oder in das Reich des Lächerlichen verwiesen.

Unberufene Wichtigtuer waren in allen solchen Zusammenkünften zu finden, sobald die Redefreiheit die Schranken des Programms durchbrach. Man duldete sie und ließ sie laufen. Nicht einmal einer Erinnerung waren sie wert.

Aber, ob Sieburth auch versuchte, das Geschehene mit einem Lachen abzutun, die Sorge darüber wollte nicht schweigen.

Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er einen Menschen in das Geheimfach seiner Überzeugungen hineinschauen lassen, und dieser Abfall von sich selber rächte sich nun. Rächte sich umso härter, als dem ehemaligen Schüler jeder Einblick in das zwischendurch Erlebte fehlte und zu einer Urteilsbildung nichts anderes übrig blieb als die Merkmale charakterloser Abtrünnigkeit.

Wie dem auch sein mochte, das Ergebnis mußte verschmerzt werden, und das konnte umso eher geschehen, als Folgen sich nicht zu entwickeln schienen.

Der Wahltag rückte näher.

Reden, Zeitungsartikel, Bierbankgezänke steigerten die Erregung ins Unermeßliche.

Bisher war der Kampf mit leidlich sauberen Mitteln geführt worden, persönliche Verdächtigungen und Verunglimpfungen wagten sich nicht an die Öffentlichkeit, mochten sie auch im stillen schon arg am Werke sein.

Da geschah es, daß aus den Schlünden der Regierungspartei eine Kundmachung in die Welt geworfen wurde, die an Niedertracht nicht viel zu wünschen oder zu fürchten ließ:

 

»Ein Eidbrüchiger!«
»Wer ist ein Eidbrüchiger?«
»Der Kandidat der vereinigten Liberalen ist ein Eidbrüchiger.«

 

So ungefähr begann das Flugblatt, das auf der Straße verteilt wurde, ohne daß die Polizei Veranlassung gefunden hätte, dagegen einzuschreiten.

Und warum war der in Ehren ergraute Mann, der durch die gehässigen Machenschaften der Regierung einstmals sein Lehramt verloren hatte, plötzlich ein Eidbrüchiger?

Weil er durch seine mannhafte Bekämpfung jener berüchtigten Preßordonnanzen, die als verfassungswidrig alsbald wieder beseitigt worden waren, den seinem König geschworenen Treueid verletzt haben sollte.

Das war sein ganzes Verbrechen.

Aber auf den Straßen hallte es wider: »Ein Eidbrüchiger!« »Der liberale Wahlkandidat ist ein Eidbrüchiger!«

Die Führer der Regierungsleute wandten schamrot die Gesichter zur Seite. Ja mehr noch: Sie verleugneten jede Mitwisserschaft. – Nur eine zu ihnen gehörige Zeitung fand in ihrem Übereifer den Mut, die Schmutzerei zu verteidigen.

Im Lager der Liberalen brodelte gerechte Empörung. Aber auch bei ihnen gab es Freibeuter, denen es auf eine kleine Selbstbesudelung nicht ankam.

Ein Gegenflugblatt erschien.

In der richtigen Annahme, daß es prompt der Beschlagnahme verfallen sein würde, hatten seine Urheber sich wohlweislich in Dunkel gehüllt, auch war es gar nicht erst gedruckt, sondern nur vom Lithographensteine abgezogen worden.

Aber seine Verbreitung gelang trotzdem. Vor den Türen der nächsten Wahlversammlung wurde es den Zuströmenden verstohlen in die Hand gedrückt. Auf den Tischen mancher Bierwirtschaft lag es da.

Selbst zu Privathäusern fand es den Weg, in geschlossenem Umschlag von den Briefträgern abgegeben.

Der Wettstreit um die Palme der Gemeinheit war in dem Augenblick, in dem es auftauchte, zu seinen Gunsten entschieden.

Zwar von dem Kandidaten der Regierungsparteien ließ sich viel Übles nicht melden. Weder hatte er Mündelgelder unterschlagen, noch zeigte er den Abgesandten des Prozeßgegners eine trinkgeldnehmende Hand, höchstens ein armseliger Jammermann war er, der in fiskalischen Rechtsfällen gerne mitgetan hätte und dessen Knopfloch nach dem Kronenorden sich sehnte.

Mit derlei Harmlosigkeiten waren keine Geschäfte zu machen; das wußten die Herren Verfasser sehr wohl. Und darum richteten sie ihre Giftspritze vornehmlich gegen die Mitglieder des Wahlkomitees, deren Namen der Aufruf verkündete.

»Schofle Gesellschaft«, hatte Sieburth gesagt. Wie schofel sie war, erfuhr er erst, als ihm dies Blatt in die Hand fiel.

Was Waschküchenklatsch an Unrat nur auftreiben konnte, das zeigte sich hier zusammengetragen.

Der eine war wegen Körperverletzung, der zweite wegen Begünstigung, der dritte wegen Hausfriedensbruch verurteilt gewesen, wie es als unerheblich unter kleinen Leuten wohl vorkommt. Hier aber fand es seine Bedeutung. Sodann war einer als Spieler – den »Falschspieler« konnte man sich dazudenken – und mehrere als unverbesserliche Säufer bekannt.

Doch Sieburth erfuhr noch mehr. Erfuhr, daß er selber die Schmach der Genossen weit übertrumpfte.

»Was nun gar den Herrn Universitätsprofessor Sieburth betrifft, so erleben wir an ihm schaudernd ein Beispiel übelster Fahnenflucht. Vor zwei Jahren nahm er noch an den Sitzungen des liberalen Wahlkomitees teil, vor zwei Jahren war sein demokratischer Eifer so stark, daß er dem Kaiserkommers geflissentlich auswich, und jetzt thront er an der Tafel der Reaktionäre. Sagt das genug? Um aber sein schmähliches Überläufertum auch dem Blindesten zu offenbaren, trat in der letzten Versammlung, die jene Herren vom Stapel ließen, einer seiner früheren Schüler auf, der eidlich zu erhärten bereit war, daß der einstige Lehrer seine Überzeugungen gewechselt habe, wie man sein Hemde wechselt. Wir gratulieren dem Herrn Professor zu der Nachfolge Kants, die er so heiß erstrebt und die als Lohn für seine Gesinnungstüchtigkeit auch gegen den Willen der Fakultät nicht lange mehr ausbleiben dürfte.«

Das war ein Schlag. Härter als irgend einer, der ihm im Leben beschert gewesen.

Und doch nur zum Lachen! Alle Anwürfe mußten verfliegen, sobald die Hitze des Wahlkampfes verflog.

Darum die Stirn noch höher tragen als zuvor. Und lachen – nichts als lachen!

Diesen Vorsatz zu erproben, kam ihm die erste Gelegenheit, als er, wenige Tage später, zu Pfeifferling geladen wurde.

»Na, Sie sind ja gehörig zerzaust«, sagte der alte Geheimrat gleich nach der Begrüßung.

»Man hat mich im Rinnstein gewaschen und im Schornstein getrocknet«, erwiderte er scheinbar in hellem Vergnügen. »Wem ich nicht mehr gefalle, der läßt's eben bleiben.«

»Das ist recht«, lobte der Alte. »So hab' ich's mein Lebtag gehalten, und schließlich – angekrochen kamen sie alle.«

Und dann lachten beide höchst fröhlich. Aber die Geheimrätin hatte Besorgnis in ihren Mienen, und wenn sie ihren Schützling ansah, erglänzte ihr Auge von ängstlichen Fragen.

Zum Schlusse kamen die Männer überein, daß Sieburth der nächsten – letzten – Versammlung ebenso beiwohnen würde wie jener, in der das Malheur geschehen war. Und sollte er irgendwie angezapft werden, so würde er, der um Fechterkunststücke niemals verlegen war, den Händelsucher mit blutigem Kopfe heimzuschicken verstehen.

Doch als die Versammlung ihren Lauf nahm, schien alles vergessen. Kein Angreifer meldete sich, und die Männer des Vorstandes, die gebrandmarkten sowie die verschonten, wußten von gar nichts. Oder sie taten doch so.

Zwei Tage später fand die Wahl statt.

Resultat: Dreizehntausend gegen zweitausend! Die zweihundert der Sozialdemokraten gar nicht erwähnenswert.

Die dreizehntausend aber hatten die Gegner. Eine Niederlage wie diese war noch nicht dagewesen.

Darum Räuber und Mörder! Und männiglich – auch im Lager der Sieger – schämte man sich des Geschehenen.

Nun mochten die Kämpfer in ihren Frieden zurückkehren. Nur einer nicht. Der war zu schwer getroffen.

Der Stirne fehlte der Eisenbeschlag, und auch das Lachen verfing nicht mehr.

Fürs erste galt es, der neuen – verschlimmerten – Lage Rechnung zu tragen.

Daß die Herren Kollegen sich sein jüngstes Hervortreten nicht würden entgehen lassen, war klar. Und wenn sie bisher noch gezögert hatten, ihn bei der Besetzung des erledigten Lehrstuhls endgültig auszuschalten, so bot das Vorgekommene die wirksamste Handhabe dazu. Worte, wie jenes Flugblatt sie frech in die Welt hinausgeschrien hatte, vergißt man nicht, auch wenn man sie zehnmal verurteilt.

Aber sicherlich verurteilte man sie nicht einmal. Sagten sie doch nichts weiter als das, was jeder zu glauben bereit war. Und was als Ergebnis immer zu drohen schien, wenn dort in Berlin ein Mißliebiger hochmögende Fürsprecher hatte. – –

Das Semester nahm seinen Anfang, und das Versammlungszimmer füllte sich wieder.

Hatte Sieburth geglaubt, daß der kühle, kurz abbrechende Verkehr, der seit zwei Jahren unverändert bestand, noch weiter vereisen würde, so war er allerdings im Irrtum gewesen. Hier und da zeigte sich sogar eine verdächtige Beflissenheit, die merken ließ, daß man ihm eine gewisse Bedeutung nicht mehr absprechen konnte.

Jawohl doch! Seit er Anschluß gefunden hatte, war er gefährlich geworden. Gefährlicher jedenfalls als der Einsiedler, dessen Haßgefühl sich im Leeren verlor.

Aber hinter der süß-sauren Freundlichkeit lauerte umso nachhaltiger der Entschluß, ihn nicht mehr hochkommen zu lassen.

Diese Erkenntnis nahm er tagtäglich mit sich hinfort.

Und noch schwerer drückte die andere Erkenntnis: in eine Umgebung geraten zu sein, der er mit höhnischer Fremdheit gegenüberstand.

Bundesgenossenschaften drängten sich an ihn heran, eine grotesker noch als die andere. Kriegervereine begehrten ihn als Redner für ihre Festlichkeiten. Der Provinzialverband für innere Mission wünschte gerade ihn als Nichttheologen für seine nächste Werbeschrift zu gewinnen, und der »Bund königstreuer Staatsbeamten« – ein Name aus dem trüben Fluß des Überflüssigen geschöpft – lud ihn zur Mitgliedschaft ein. Alle möglichen Streber, Mucker und Mantelträger sahen in ihm ihren Helfer und Freund.

Als er sich eines Tages bei Pfeifferling über diese Einschätzung beklagte, erntete er nichts als ein Spottgelächter.

»Ich gebe ja zu, es sind Kerls wie 'n Abführmittel«, sagte der Alte. »Aber glauben Sie, die, die andauernd auf die Barrikade klettern wollen, sind mehr wert? Die Hauptsache ist, daß man irgendwo hingehört. Den Wandersmann, der allein auf der Dorfstraße geht, den verbläffen die Hunde.«

Aber das »Hingehören«, das war gerade das Schlimme. Sich von diesem Gefühl zu befreien und wieder er selber zu sein, wurde nunmehr das dringendste Gebot. Lieber Ruf und Stellung auch nach der andern Seite hin aufs Spiel setzen, als die Ketten weiterschleppen, in die unbedachter Groll ihn eingeschmiedet hatte!

Und wieder begann das Leben der abendlichen Mädchenjagd und der spätnächtigen Gelage, nur unvorsichtiger und blinder dem Augenblicke hingegeben.

An Weiblichkeit fand sich alsbald, was er brauchte, und der Zufall, der Suchenden Herrgott, war so gnädig, ihm noch dazu mit seiner üppigsten Gabe unter die Arme zu greifen.

Zwei Mädel, schwarzäugig, wirrlockig, die richtigen Feuerhexen, schielten nach ihm eines Abends, als er unweit der Bühnentür, die zu den Garderoben der Schauspieler führte, am Stadttheater vorüberging.

Weshalb sie hier stünden? Ob sie ein Abenteuer vorhätten?

Pah! Abenteuer gebe es überhaupt nicht in diesem traurigen Nest.

Ob sie eines erleben wollten?

Höchst gerne, aber gemeinsam. Hassen und Lieben, den ganzen Kitt, betrieben sie immer gemeinsam.

Das war der Beginn, aus dem manch tolle Stunde hervorwuchs. Choristinnen waren sie, aus dem Reiche hierher verschlagen, halb slavischen Bluts und von einer Unbändigkeit, der jede Rücksicht ein Greuel war. Sie tobten in seiner Wohnung herum wie zwei frisch gefangene Wildkatzen, und nur, wenn er sie knuffte und würgte, gaben sie Frieden. Ein Spaß, wie er ihn ähnlich noch niemals erlebt hatte, und dem zuliebe er bis auf weiteres jedem Wechsel entsagte.

Aber allabendlich wäre dies Treiben vom Übel gewesen. Ein-, zweimal die Woche genügte.

So kam auch das, was schönfärberisch »Symposion« genannt werden konnte, zu seinem Rechte.

Die drei Kumpane frohlockten. Lange Zeit hindurch hatte er sich nur selten und flüchtig vor ihnen sehen lassen, jetzt zeigte er sich wieder seßhaft und trinkfest bis an den Morgen.

Aber sein Denken – so schien es – hatte ein anderes Gesicht bekommen.

Er, der bisher im Verneinen seine Lust gesucht hatte, war zum Lobredner des Lebens geworden.

Er führte Gründe ins Feld, die dem Einzeldasein sowohl wie der jeweiligen Gesellschaftsform Berechtigung, ja Notwendigkeit zusprachen. Das Historische erwies sich als das Organische, und wo es das nicht war, da hatte der Witz der Zusammenhänge es verfälscht.

Der »Witz der Zusammenhänge« wurde ein Schlagwort in seinem Munde. Was er damit bezeichnete, war nicht klar. Die andern nahmen es als eine Formel für Dunkles und schwer zu Fassendes, dessen Aufhellung vorläufig ausblieb.

Und immer wieder pries er das Gnadengeschenk, das dem Menschen mit seinem In-die-Welt-gesetzt-werden beschert war. Glück und Leiden, Fülle und Kargheit, grelles Persönlichkeitsfieber und schleichende Opferung des Ich, alles gab den gleichen Wohlklang und schuf die gleiche Erhöhung des Lebensgefühls.

Eine Weile ließen die Freunde sich diesen Wandel gefallen, den sie als ein halb närrisches Spiel ansahen, das er mit ihnen zu treiben für gut fand.

Eines Abends aber, als sie am umqualmten Platze, kampflustiger denn sonst, ihm gegenüber saßen, muckten sie auf.

»Du scheinst ja unter die allerzuckrigsten Optimisten gegangen«, höhnte der Schulmann, der heute schon ziemlich im Tran war.

Und der freigeistige Pfarrer fügte hinzu: »Mich würde es nicht wundern, wenn du die Frommen im Lande demnächst mit einer neuen Theodizee beglücken solltest.«

»Jedenfalls: Vor Tisch las man's anders«, unterstützte sie der Rechtskandidat. »Es sieht überhaupt so aus, als ob du für deine Überzeugungen immer gleich ein Retourbillett nimmst.«

Sieburth zuckte zusammen. Ob Anspielung oder nicht, er fühlte sich schmerzhaft getroffen. Bisher war von den Ärgernissen, die ihm der Wahlkampf gebracht hatte, noch nicht die Rede gewesen. Da sich kaum erwarten ließ, daß sie nichts davon wußten, so schien es, daß sie aus Rücksicht schwiegen, obwohl Rücksicht sonst ihre Sache nicht war. Er selbst aber hatte die geistige Freiheit noch nicht gefunden, den Finger auf seine Wunde zu legen.

Darum antwortete er auch jetzt nur scheinbar leichthin: »Ich hab' euch doch gesagt, mein großer Optimismus sei noch nicht fertig. Vielleicht ist er's jetzt. Erkenntnisse sind dazu da, daß man über sie hinauswächst. Zudem lebt jeder Gedanke nur von der Gnade unserer Gedankenlosigkeit, sonst würde er alsbald an seinem Gegensinn zerschellen. Drum laßt mir doch mein Vergnügen.«

»Das Vergnügen ist ganz auf unserer Seite«, erwiderte Pfarrer Möwes. »Wenn wir nur wüßten, wie du Gegenwart und Vergangenheit unter einen Hut bringen willst. Denn Übergänge müssen sein, sonst wird man von den eigenen Widersprüchen zu Mus gequetscht. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.«

»Angst vor Widersprüchen jagt nur Schwachköpfen eine Gänsehaut über den Leib«, entgegnete Sieburth lachend. »Im übrigen gibt's eine Philosophie, die beiden Parteien gerecht wird: die Philosophie des › Und doch‹ möcht' ich sie nennen. Von Rechts wegen müßten wir an der allgemeinen Trostlosigkeit längst schon verreckt sein. Aber ihr seht: der Natur zum Trotz, der Wissenschaft zum Trotz, der großen Sinnlosigkeit zum Trotz, dem eigenen und dem Alltode zum Trotz schaffen, handeln und sind wir. Ist das nicht genug, um einen robusten Optimismus auf die Beine zu stellen?«

Die Gegner schwiegen. Damit hatte er den Sieg wieder einmal auf seine Seite gebracht. Und er fuhr fort: »Die alten Skeptiker haben das alles schon durchgedacht. Und waren zu dem einzigen Resultate gekommen, das für die Lebensführung von Wert ist: Wurschtigkeit, meine Freunde … Apatheia, Leidlosigkeit nannten sie das. Oder besser noch: Psychçs galenótçs. Windstille der Seele. Und die Windstille meiner Seele sagt ›Prost!‹ zu eurem Sturme im Bierglas.« Damit sog er den dunklen Rotwein auf, der in seinem Kelche vor ihm stand.

Verwacht und überwach sah er aus, und seine waagrechten Stirnfalten zogen sich hoch zur kahlgeschorenen Schädeldecke empor.

»Und wie steht's mit deiner Theodizee?« fragte hartnäckig Möwes, der sich immer noch nicht ganz geschlagen gab. »Du wolltest großmütig beiden Parteien gerecht werden. Drum muß auch Gott entsprechend von dir gerechtfertigt sein.«

»Die einzige Entschuldigung Gottes«, erwiderte Sieburth, »für das, was er da angerichtet hat, bestünde darin, daß er nicht da ist.«

»Gut, sagen wir statt seiner: Religion«, verbesserte jener.

»Religion! Was ist Religion? Die Christenreligion, wenn sie ihr Edelstes hergibt? Strapazierung des Mitleids. Nun übt mal euer Mitleid, wenn sich der Hai im seichten Wasser zu Tode plätschert! Und von solchen verehrlichen Mit-Haifischen, denen es zufällig schlecht geht, wimmelt's nur so unter uns … Nee, meine Lieben, da weiß ich was Besseres! Die Religion der geballten Faust – die ist das Wahre … › Securi adversus homines, securi adversus deos‹, wie Tacitus von den Germanen sagt … Das kommt ihr schon ziemlich nahe. Und das wird wiederkehren. Und darin wird dann ein jeder geborgen sein.«

»Geborgen – im Chaos«, sagte Chmelnitzky.

»Geborgen – im Tode!« fügte als Antwort der Pfarrer hinzu.

»Nun gut denn – im Tode!« rief Sieburth. »Was ist viel dabei? Wer kein Rezept zum Leben mehr weiß, soll sich ruhig empfehlen. Ohne Rückblick und ohne Hoffnung … Verscharrt und vergessen sein. Gelöscht von den Tafeln der Menschheit. Denn ›der toteste Tod ist der heilsamste‹ hat ein großer Lebenskünstler gesagt. Und diesen Tod der Tode, meine Freunde, will ich mal sterben.«

In schweigender Bestürzung sahen die Kneipgenossen ihn an. Eine zu grausame Wendung hatte der Spott genommen, mit dem sie ihn zu treffen gedachten, als daß er sich noch weiter hervorgewagt hätte.

»Vom Leben wollten wir reden und sind glücklich wieder einmal beim Tode angelangt«, sagte Chmelnitzky.

»Das scheint nun einmal so Schicksal bei uns«, bekräftigte der Pfarrer, »und deshalb glaub' ich, deine neue Lebensbejahung wird auch nicht weit her sein.«

»Ich muß dabei immer an das junge Mädchen denken«, lachte der Kandidat, »das keine Hosen anhatte und dem der Wind die Röcke hochhob. ›Ich seh' gar nich hin‹, sagte der schamhafte Liebhaber und sah gar nich wech.«

»Richtig«, lobte ihn Sieburth. »Solche schamhaften Liebhaber des Todes sind wir alle. Daher die Lebensverneinung, die am üppigsten blüht, wenn sie sich als Lebensbejahung frisiert. Also, ganz unverschämt: Es lebe der Tod, meine Freunde!«

Damit erhob er sein Weinglas, aber noch ehe er erproben konnte, wie seine Kumpane den Trinkspruch aufnehmen würden, geschah es, daß ein hochgewachsener junger Mensch mit heißen, dunklen Augen und ein paar halbverblaßten Tiefquarten auf straffer Backe an den Tisch herantrat und sich vor Sieburth hinpflanzte.

Unwirsch blickte er auf und erkannte – Fritz Kühne.

»Das ist ja spaßig«, sagte er, sich in seinem lautlosen Lachen schüttelnd. »Sie möchten wohl mittrinken, junger Mann?«

Und erst, als keine Antwort erfolgte, gewahrte er, daß das Gesicht seines ehemaligen Schülers schlohweiß war und daß seine zitternden Lippen mit unausgesprochenen Worten rangen.

Ernst werdend stand er auf. »Was ist's? Was wünschen Sie?«

»Ich muß um Entschuldigung bitten«, stammelte jener, »daß ich Sie hier behellige. Man hatte mir – erzählt, – daß Sie – in diesem Lokal – öfters zu finden sind – –«

»Na, und?«

»Weil ich das Gefühl nicht loswerden kann, daß ich – Ihnen – eine schwere Kränkung – zugefügt habe – –«

»Daß ich nicht wüßte, Herr!«

»Ich habe – in jener Wahlversammlung – habe ich – –«

»Aha! Na, wie malt sich Ihnen das? Sehr interessant!«

»Herr Professor, hätte ich nur vorher bedacht, daß Ihnen Ungelegenheiten – daraus – erwachsen würden – undankbar bin ich nicht – und auch ein Denunziant bin ich nicht – wirklich nicht, wenn ich's mir anfangs auch vorwarf. Ich habe nur – habe nur – –«

»Na, was haben Sie nur?«

»Weil ich Sie nicht mehr verstand – weil ich – weil ich – ganz ratlos war – –«

»Da hätten Sie ja zu mir kommen können! Haben Sie nicht auch sonst den Weg zu meinem Hause gefunden?«

»Ja wahrhaftig, das hätt' ich können. Und das sag' ich mir seither alle Tage. Und da das Geschehene mir aufrichtig leid tut – und ich dies Gefühl nicht mehr mit mir 'rumtragen wollte – drum habe ich Sie hier aufgesucht und – und – –«

»Aber zu mir haben Sie sich dann erst recht nicht mehr hingetraut?«

»Nein«, knirschte Fritz Kühne.

»Diese Aufrichtigkeit macht Ihnen Ehre. Na, setzen Sie sich mal da! Ja, ja! Setzen sollen Sie sich. Wir fallen hier auf. Volksbelustigungen haben wir beide schon genug geliefert.«

Er winkte der Kellnerin, die rasch einen Stuhl herbeiholte.

Derweilen machte er den Ankömmling mit seinen Kumpanen bekannt, die erstaunt dem halblaut geführten Gespräche zugehört hatten.

»Mich freut's, daß Sie gekommen sind … Um unser aller willen freut es mich. Denn die Schose, die mir in dem Wahlrummel passiert ist, die hat bisher als ein Skelett im Hause mit uns zu Tische gesessen. Keiner hat dran zu rühren gewagt. Aber nu werden wir es wohl ausfegen können.«

Und dann erklärte er den Dreien, daß das der ehemalige Schüler war, auf dessen Eingreifen das bewußte Flugblatt – sie nickten nur, sie wußten alle darum – perfider Weise Bezug genommen hatte.

»Ja, meine Lieben, habe ich mich vor euch viel zu entschuldigen? Sache eines ganzen Mannes ist es, sein Unrecht zu seinem Rechte zu machen … Vorausgesetzt, daß ich im Unrecht war, und das wird wohl immer eine dubiöse Sache bleiben … Apropos! Da wir bei dem Thema ›Recht‹ angelangt sind … Der Kerl, der uns äußerlich alle – und viele auch innerlich – beherrscht, der hat diesem Begriff einen Dreh gegeben, wie ihn bisher nur einer – Hobbes – mit seinem › Might is right‹ vorgeahnt hatte. Recht wird zu Gewalt, und Gewalt wird zu Recht. So haust er nun schon über zwanzig Jahre. Und wir kucken zu und wundern und empören uns. Die einen schreien ›Halleluja‹, die andern schreien ›Kreuzige!‹, und manche schreien beides! Was meinen Sie dazu, verehrter junger Mann?«

»Ich habe auch beides geschrien – nur nicht zu gleicher Zeit«, erwiderte Fritz Kühne.

»Dann ist es kein Kunststück, mein Lieber«, lachte Sieburth, und die andern lachten mit ihm.

Fritz Kühne wurde rot, denn er fühlte, eine Dummheit gesagt zu haben.

»Ich meine nur«, versuchte er zu erklären, »man kann von einem Menschen nichts weiter verlangen, als daß er vor sich selber ehrlich ist.«

»Was ist ehrlich?« rief Sieburth. »Der brave Jonathan Swift hat gesagt: ›Die Ehrlichkeit ist ein Paar Schuhe, die im Kote abgetreten werden.‹ Und der noch bravere Immanuel Kant entrüstet sich darüber. Es steht den Herren frei, das Gleiche zu tun.«

Aber niemand widersprach ihm, und er fuhr fort: »Junger Freund, besinnen Sie sich auf jene Nacht, in der wir uns mit den sechs Matrosen einen sanften Punsch aus Arrak und Portwein brauen ließen? Das wollen wir zur Feier des Wiederbegegnens auch heute tun. Ich bin so fröhlich, ich spendier' alles.«

Und er rief die Kellnerin, die seine Bestellung verständnisvoll entgegennahm.

»Das war dieselbe Nacht, als ich euch im Bordell die Madonna zu gefälligem Mißbrauch offerierte … Aber der Teufel hätt' euch geholt, hättet ihr sie anzurühren gewagt … Ach, das war eine schöne Zeit! Da war ich noch ein freier Mann, der mit den Tages- und Nachtansichten jonglierte, ohne daß ihm irgend ein Spießer auf die Finger sah … Der Volksbeglücker mit dem treuherzigen Brustton und dem besabberten Zigarrenstummel stand damals noch nicht als Tugendwache in meinem Leben … Für mich galten nur die Jagdgesetze des Wilderers … Ach, war das schön! War das schön! … Heut leb' ich in Seelenverwandtschaft mit allen Schubjacken … Ich muß Blutgeld zahlen für jeden freien Gedanken und kann noch dazu am Pranger ausgepeitscht werden … Aber nur ruhig! Nur ruhig! Die Glocken sind noch nicht gegossen, mit denen man meiner Denkkraft zu Grabe läutet … Bin ich auch vor den Kippkarren gespannt, heißt's auch vor meiner Tür: ›Hier kann Schutt abgeladen werden – –‹«

»Nimm dich zusammen!« mahnte der Pfarrer Möwes. »Du stehst hier im Mittelpunkt.«

Mit wirrem Blick schaute er um sich. In der Tat: an den umliegenden Tischen war jedes Gespräch verstummt, und viele Augenpaare glotzten nach seinem Munde.

»Also werden wir wieder sachlich«, sagte er, scheinbar zur Ruhe zurückkehrend. »Von wem sprachen wir doch? Natürlich von Bismarck. Von wem spricht man sonst als von Bismarck? … Der Mann ist gar nicht so schlimm. Der pflegt keine kleinen Kinder in der Pfanne zu braten … Ah, wenn ich Bismarck wäre! … Wann kommt der große Zuchtmeister, der den Plattheiten der Bourgeoisie, als da sind: ›Gleiches Recht für alle‹, ›Assekuranz des Lebensanspruchs‹, ›Einer für alle, alle für eine‹, und wie sie sonst wohl so heißen mögen, den Hals umdreht? Der Mann könnte es, aber ihm fehlt der Mut zu sich selbst.«

Mit seinem lautlosen Lachen schielte er vor sich nieder. Abwartenden Blickes sahen die Kumpane ihm zu. Betrunken war er nicht. Aber er, der sonst immer der Nüchternste blieb, schien heute vom Geiste des Alkohols überfallen. Oder wie hieß der Dämon, der in ihm rumorte?

Und da kam zum Überfluß die Terrine mit dem rauchenden Gebräu, dem nur selten ein Aufrechter widerstand.

Mit sicheren Händen schenkte er ein, leidlich wieder zum Herrn seiner selbst geworden.

Trotzdem sah Fritz Kühne mit Bangen der kommenden Stunde entgegen.

Wie anders war es damals gewesen, als er mit geschmeidiger Überlegenheit die verfahrene Lage gemeistert hatte! Und auch später noch – mitten in aller Wüstheit – wie hatte er lächelnd das Szepter geführt!

Und heute statt dessen!

»Also, meine Freunde!« – Er hob das dampfende Wasserglas, aus dem man sonst den Grog zu sich nahm. – »Unser neuer Ordensbruder da – der ist mal aus seinem Corps ausgesprungen, weil er zu freiheitsliebend war, auf Bismarck einen Salamander zu reiben … Höchst deplaciert, junger Mann! … Wenn die Freiheit sich die Freiheit nimmt, sich in den Dreck fallen zu lassen, warum soll der ehrliche Finder mit ihr nicht machen, wozu er Lust hat? … Das Deutsche Reich hat er uns geschenkt! Und das deutsche Parlament hat er uns geschenkt! … Parlament! Hähähähä! Parlament! Wißt ihr? In Schottland – bei den Bauern – die sind schlaue Hunde –! Wenn nämlich eine Kuh, die nach dem weggenommenen Kalbe schreit, obstinat ist und sich nicht melken läßt, dann wird ein ausgestopftes vor sie hingestellt, und dann hält sie ganz stille … So läßt sich das deutsche Rindvieh von ihm melken und merkt gar nicht, daß sein Jüngstgeborenes eine Attrappe ist … Und der Kerl, der so'n Kunststück zuwege bringt, den soll'n wir nicht hochleben lassen? … Nu grade, was? Und durch dieses Joch mußt du jetzt kriechen, junger Bruder! Das soll deine Strafe sein, junger Bruder! Oder willst du jetzt auch aus diesem Corps der Rache ausspringen? Na, dann spring! Dann spring …«

»Ich bitte ums Wort«, sagte Fritz Kühne.

»Du hast das Wort, junger Bruder.«

»Herr Professor Sieburth hat sich geirrt, wenn er meinte, daß mir dieses Mittrinken eine Strafe sein würde. Ich bin inzwischen um zwei Jahre älter und dank ihm – vornehmlich dank ihm – auch entsprechend reifer geworden. Ich habe gelernt, in dem Manne, als dessen Gegner ich mich fühle, den Menschen zu werten, und darum kann ich ruhig auf ihn anstoßen.«

Die Gläser schlugen zusammen – so blechern hart, wie dicke Wassergläser nun einmal tun – und der bedrohliche Trank strömte die Kehlen hinunter.

 

Es war gegen vier Uhr morgens, da landete ein seltsames Paar vor dem Hause, in dem Professor Sieburth wohnte und das den vornehmsten seiner Insassen in einem ähnlichen Zustande noch niemals erblickt hatte.

Taumelnd, stammelnd, lallend und von Fritz Kühne sorglich geführt, schien er willens, sich auf der Türschwelle niederzulassen.

Kaum verständliche Worte waren's, die er von sich gab: » Psychçs galenótçs – Windstille der Seele! Jetzt hab' ich sie! Und die Apatheia. Das ist die große Leidlosigkeit, mußt du wissen … Psychçs galenótçs! Weißt du, was das heißt? Die – Windstille – der – Seele – heißt das.«

Und sich längs der Tür niederschiebend, machte er Miene, einzuschlafen.

Aber Fritz Kühne ließ ihn nicht dazu kommen.

»Wo ist der Hausschlüssel?« forschte er.

Der Professor blieb bei seiner Windstille der Seele.

Und als Fritz Kühne seine Taschen durchmusterte, da fand er wohl einen Schlüssel, aber der paßte nicht. Er mochte bohren, soviel er wollte, er paßte nicht. Und konnte auch nicht passen, denn er gehörte zur Hintertür, von deren Vorhandensein Fritz Kühne keine Ahnung mehr hatte.

So entschloß er sich endlich, an dem Knopf zu ziehen, den er zum erstenmal in Bewegung gesetzt hatte, als das Wort von der Welt als Weib und Gedanke ihm wie der heiße Wein dieser Nacht in Leib und Seele gedrungen war.

Es dauerte lange, ehe aus dem Innern und von oben herab eine Frauenstimme sich meldete, ängstlich fragend, wer da sei.

»Bitte, aufmachen! Hier ist Professor Sieburth mit seinem Begleiter!«

Ein kleiner Aufschrei erklang – und dann noch einer. Die zweite Stimme erkannte er gleich, obwohl er sie seit zwei Jahren nicht mehr gehört hatte.

Und wieder verging eine Weile, bis leise Schritte die Stufen hinuntertappten und der Schlüssel im Schlosse sich drehte.

»Um Gottes willen!«

»Nur ruhig, Frau Schimmelpfennig, ich bin's, Fritz Kühne, der ehemalige Cherusker, auf den Sie sich wohl noch besinnen … Fassen Sie links unter, so bringen wir ihn schon die Treppe hoch.«

Und so brachten sie ihn die Treppe hoch.

Im Vorbeischleifen ein entsetzter und, als sie ihn erkannte, beruhigt aufleuchtender Blick, – das war alles, was ihm von Helenens Bilde sich darbot. Dann hielt die Sorge um den Professor ihn wieder gefangen.

Mühsam brachte er ihn zu Bett, während sein trunkenes Stammeln weiterging: » Psychçs galenótçs – Windstille der Seele – Windstille der – –«

Dabei beharrte er.

Und so wühlte in ihm das Gift jener Waffen.


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