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Achtes Kapitel

Der Hausrat des Professors Hildebrand war endlich angekommen, nachdem das junge Ehepaar so lange in einem Pensionat notdürftige Unterkunft gefunden hatte. Zwei Möbelwagen voll altmodischer und wunderlicher Dinge, die beim Hinauftragen ein Haufe klatschbereiter Weiber gierig umstand.

Sogar eine goldene Harfe sei dabei gewesen, erzählte man sich, die, als sie auf dem Bürgersteig gestanden hatte, größer gewesen sei als ein Mann.

Und noch mehr erzählte man sich von den baulichen Veränderungen, die zum Zwecke unerhörter Pompentfaltung im Innern der Wohnung vorgenommen würden.

In Wahrheit bestand der bewußte Pomp im Wegschlagen einer Zwischenwand und deren Ersatz durch zwei marmorierte Stucksäulen, da die Bibliothek, die der Professor mitbrachte, in dem einen der nun zusammengezogenen Räume keinen Platz gefunden hatte.

Aber diese wahrlich bescheidene Auflehnung gegen das Schicksalsgefüge alten Mauerwerks hinderte nicht, daß selbst in Universitätskreisen ein halb ehrfürchtiges, halb mißbilligendes Flüstern sich erhob, weil man den althergebrachten Geist strenger Genügsamkeit, der nun einmal zum Wesen deutschen Gelehrtentums gehörte, in Gefahr gebracht sah.

Sieburth war der erste, der den vielbesprochenen Aufwand kennenlernte.

Eines Morgens hielt Hildebrand im Versammlungszimmer ihn an und sagte: »Meine Frau wird zuerst erschrocken sein, denn es sieht noch wüst genug bei uns aus, aber ich weiß, sie wünscht es sich, und wenn Sie uns heute zum Tee besuchen wollen, werden wir beide uns freuen.«

Sieburth machte seine Vorbehalte, aber die wurden rasch besiegt, und als er sein Nachmittagskolleg beendet hatte, trat er – blumenlos, denn er mochte nicht als Hofmacher gelten – den Weg zur Hildebrandschen Wohnung an.

Der Bibliothekraum, dessen saalartig erweiterte Maße ein zwischen den firnisglänzenden Säulen aufgehängter, blumenbestickter Vorhang wieder verengte, tat sich vor Sieburths Blicken auf. Ein lieber Muffgeruch von altem Kirschenholz und lavendelhaltigen Truhen schlug ihm entgegen. Bücherfelsen sich türmend, wie bei ihnen allen, nur mehr in die Weite gereckt, da rechts und links von den Säulen ein Gang frei blieb, der zu der fernen Hinterwand führte.

Der Schreibtisch ohne Aufsatz und Rolladen, wie sein eigener, aber witzig geschweift und mit gelb leuchtenden Einlagen, wie man dergleichen in Biedermeierzeiten wohl baute. Alte Stiche, wo irgend ein Platz blieb. Das Ganze in seiner treuherzig steifen Vornehmheit nach Welten hinweisend, die Sieburth aus seinem Einguck in höfisches Leben wohl kannte.

Hildebrand streckte aufstehend die Hand nach ihm aus.

»Sie wundern sich über die Umgebung, in der ich hause«, sagte er, Sieburths Rundblick gewahrend. »Meine Frau hat einen Teil von ihrer Väter Hausrat geerbt. Das Schloß, in dem sie ihre Jugend verlebte, ist zum Teufel gegangen, aber was Generationen darin anhäuften, nahmen die Kinder mit fort. Historie dringt durch die Augen, durch die Nase und selbst durch die Ohren auf mich ein. Denn alles knarrt und klirrt und knistert, sobald man sich in seinem Umkreis bewegt. Wenn ich so etwas wie Stimmung brauchte, hätte ich sie im Überfluß.«

»Was nutzt es viel von Stimmung reden«, erwiderte Sieburth. »Sammlung heißt das große Wort, und die gibt mir mein wachstuchbezogener Küchentisch ebenso gut. Womit ich nicht leugnen will, daß mir Ihr Arbeitsplatz besser gefällt.«

In diesem Augenblick lüftete sich der Mittelvorhang, und die zartschmächtige Gestalt der Hausfrau erschien, an die grüne Säule sich lehnend.

Ein langfließendes weißes Gewand, in der Zeit der Panzerkorsetts und der Trikottaillen eine Ungeheuerlichkeit, bot die Vision eines byzantinischen Cherubs, und das Faltengewebe des Vorhangs malte hochragende Flügel dazu.

Aber Sieburth, anstatt sich von dem Bilde hinreißen zu lassen, fragte sich argwöhnisch: ›Warum kommt sie nicht auf einem der freien Wege rechts oder links? Warum zwischen Säule und Vorhang? Nur weil es so effektvoller wirkt?‹

Und nun trat sie auf ihn zu und bot ihm beim Sonnenaufgang ihres Augenpaares eine vertrauend zugreifende Hand.

›Sie hat unseren Bund im Gedächtnis behalten‹, dachte er weiter, und ein schmeichelndes Glücksgefühl stieg in ihm hoch.

Als sie hierauf zum Tee einlud, fand sich auch die Aufklärung für die Art ihres Erscheinens: Dicht hinter dem Vorhang stand ein Sofa und weiter dahinter der hergerichtete Teetisch. Wahrscheinlich hatte sie als Hausfrau an ihm gewaltet und war dann auf dem kürzesten Wege zur andern Seite hinübergetreten.

Und während er ihr den Verdacht abbat, stieg ein Bedauern in ihm hoch, daß ihm gefallen zu wollen ihr fern lag.

Man setzte sich, und sie ging mit lächelndem Eifer ans Werk, den Tee zu bereiten.

»Wissen Sie, Kollege«, begann Hildebrand, »daß ich Ihrem Kommen mit einiger Beklommenheit entgegengesehen habe?«

Sieburth fragte nach dem Grunde.

»Nicht allein, weil ich dummer Schwartenschnüffler vor euch Männern der Fachphilosophie schon sowieso einen Heidenrespekt habe, sondern weil ich herausfühle, daß Sie hierorts als eine Art von geistigem Gottseibeiuns gelten.«

»Wie sollte das wohl zugehen?« fragte Sieburth. »Ich interpretiere brav meinen Kant, halte mich von jeder Eigenmeinung fern und bin so unbedeutend wie möglich.«

»Das eben scheint es zu sein«, sagte Hildebrand. »Man vermutet hinter Ihnen allerhand, was man nicht fassen kann, und glaubt sich von Ihnen an der Nase gezogen.«

»Und doch bin ich nichts wie ein armseliger Streber«, spottete Sieburth. »Wenn ich Sie zum Beispiel hier vor mir sitzen sehe, fühle ich mich von heftigster Devotion durchdrungen, denn auch Sie gehören ja zu denen, die einmal über mein Schicksal abstimmen werden.«

Hildebrand lachte sein bajuwarisch kräftiges Lachen, und aus den Augen seiner Frau zuckte ein Blick des Stolzes und der Scham zu Sieburth hinüber – des Stolzes auf ihn, der Scham über die andern, deren Willkür er verfallen war.

Hildebrand, dessen quirlender Geist sich auf jede Möglichkeit des Diskutierens stürzte, beeilte sich, auf ein wissenschaftliches Thema zu kommen.

»Was mir am meisten bei euch Philosophen imponiert, ist, daß ihr alles wißt, was auf Erden jemals gedacht wurde«, sagte er.

»Und das noch nicht einmal allein«, erwiderte Sieburth. »Wir müssen auch wissen, was überhaupt gedacht werden kann.«

»Wie ist das möglich?« fragte die Hausfrau, die sich inzwischen mit ihrer Tasse in die Sofaecke geschmiegt hatte.

»So möglich«, erwiderte Sieburth, »wie daß der Kaufmann Inventur aufnimmt, wenn Neujahr herankommt. Er weiß genau, mehr als soundsoviel Stücke kann sein Lager nicht fassen. Was man darüber errechnet, ist Schwindel. Freilich bei uns ist das meiste Schwindel – auch von dem, was da ist. Jeder Hosenhändler ist moralisch ein Gott gegen uns.«

Die Hausfrau machte erschrockene Augen, und Hildebrand lachte.

»Das ist natürlich auf alles gemünzt, was Metaphysik heißt«, sagte er.

»Und auf manches noch sonst«, erwiderte Sieburth.

»Sie scheinen ein arger Skeptiker«, sagte Hildebrand mit einem ernsten Ausweichen des Blickes.

»Wär' ich's nur!« lachte Sieburth. »Dann hätte ich wie jeder brave Hund meinen berechtigten Stammplatz, von dem man mich wie ihn nicht vertreiben darf. Berechtigt nicht bloß durch Vorgängerschaft, wie Pyrrho und Änesidem und Hume, sondern vor allem durch den menschlichen Spieltrieb. Denn nirgends hat dieser menschliche Spieltrieb so souverän gewaltet und so verblüffende Resultate gezeitigt wie gerade im Skeptizismus. Nur muß auch er mit Skepsis betrachtet werden, sonst wächst selbst er sich sofort zum Dogma heraus.«

»Stoppen Sie mal«, sagte Hildebrand. »Ich muß erst verdauen.« Und er wischte den blonden Puschel aus der verfinsterten Stirn, die er mit seinen gekrümmten Fingern kratzte.

Sie aber faltete die Hände und sah Sieburth an, halb Bewunderung und halb Bestürztsein in ihren weitgeöffneten Augen.

Da kam das Dienstmädchen herein und zischelte Hildebrand so leise ins Ohr, daß es von den Wänden widerhallte, eine Deputation von Studenten sei da und bitte, den Herrn Professor sprechen zu dürfen.

Er lächelte ein verlegenes und jungenhaftes Lächeln. »Sie müssen schon verzeihen«, sagte er. »Ich hab' mir die wirklich nicht herbestellt, um vor Ihnen Popularität zu markieren. Aber die Jugend spielt nun einmal Schicksal in unserem Leben. Abweisen werde ich sie kaum können.«

»Und sollen auch nicht«, erwiderte Sieburth, sich erhebend.

Aber Hildebrand drückte ihn mit seinen unwiderstehlichen Fäusten rasch auf den Sitz zurück.

»Bleiben Sie ruhig bei meiner Frau«, sagte er, »und horchen Sie so wenig als möglich hinüber, denn meine Art, mit den jungen Herrschaften zu verkehren, wird von der Ihrigen sehr verschieden sein.« Damit ging er am Vorhang vorbei nach dem andern Teil des Raumes hinüber.

Gleichzeitig klappte drüben eine Tür – dieselbe, durch die Sieburth eingetreten war – Füße scharrten, Kehlen räusperten sich, und eine Ansprache, augenscheinlich auswendig gelernt, haspelte sich ab. Vom neuen Stern am akademischen Himmel, vom Erwecker schöpferischer Begeisterung, vom Frühlingssturm auf deutscher Erde und dessen anfachendem Genius war polternd und rasselnd darin die Rede.

Die Frau des also Gefeierten fühlte sich wenig behaglich. Sie biß ungeduldig in die Seitenfläche ihres Zeigefingers und warf scheue, Vergebung fordernde Blicke zu Sieburth hinüber. Aber eine ablenkende Unterhaltung zu beginnen, hatte sie nicht den Mut.

Sieburth fühlte ein menschliches Rühren. »Lassen Sie sie schwefeln, gnädige Frau«, sagte er. »Ich habe Grund, ihnen dankbar zu sein, denn sonst würde ich keine Gelegenheit gefunden haben, unsere Unterhaltung von damals fortzusetzen.«

Sie antwortete nicht, sondern lauschte hoch auf, denn eben begann Hildebrand seine Erwiderung. Und es mochte beschämend sein, es sich zu gestehen: Was er zu sagen wußte, war nach Ton und Inhalt von dem, was der Sprecher der Studenten von sich gegeben hatte, nicht sehr verschieden. Selbstverständlich lehnte er jeden der ihm gespendeten Lobsprüche ab, aber auch in seiner Rede lenzte und stürmte es und wimmelte von Sternen und Genien.

Sieburth bemühte sich, der Feierlichkeit dieser Rhetorik durch ein ergriffenes Vorsichhinstieren Rechnung zu tragen. Sorglich vermied er, den schuldbewußten Blick zur Hausfrau zu erheben. – Wie leicht hätte ein peinliches Sichverstehen die gebotenen Schranken durchbrechen können! Doch als er sie endlich ansehen mußte, da fand er zu seiner Verwunderung so viel zärtliche Rührung in ihren Zügen, daß ihm ob so großer und kritikloser Liebe wohl und wehe ums Herz ward.

Dann stand sie auf und sagte mit halber Stimme: »Kommen Sie ins Nebenzimmer und verzeihen Sie den Wirrwarr, der dort noch herrscht. Sie hörten, daß es ihm lieber ist, wenn wir ihn mit der Jugend allein lassen.«

Und sie öffnete die Tür zu einem Zimmer, in dem alte, schöne Empiremöbel sich zu goldglitzernden Bergen türmten, während an den Wänden, aus denen die Nässe des Tapetenleims hie und da noch herausschwitzte, eine Galerie dunkeltoniger Familienbilder sich ausbreitete: Frauen mit Lockengebäuden und Spitzenhauben drum herum. Männer mit Alfred de Mussetfrisuren und schwarzseidenen Schlingtüchern, in denen der Hals wie in einer Panzerung erstickte. – Selbst ein paar Puderzöpfe fanden sich vor und eine Allongeperücke.

Die ganze Vorwelt, deren Blut in ihren Adern rollte, schien für das, was sie sprach und tat, zur Zeugenschaft geladen.

Rasch hatte Sieburth zwei edelgeschwungene Sessel einander gegenübergestellt, deren Lehnen auf kreuzbeinige Greife sich stützten.

»Wissen Sie, daß ich eben eine große Angst ausgestanden habe?« fragte sie platzanweisend.

»Um was denn?«

»Um das Lächeln, das ich auf Ihrem Gesicht erwartete. Daß ich es nicht gefunden habe, dafür weiß ich Ihnen Dank.«

»Man kennt ja dergleichen Überfälle«, gab er achselzuckend zur Antwort. »Zwar bei mir kenne ich sie nicht, denn Begeisterung zu erwecken ist mir nicht gegeben. Um so mehr freue ich mich, wenn sie einem andern entgegenschlägt. Mag sie sich noch so dumm gebärden, ohne sie ist jede Zeit zum Kältetod verurteilt.«

»Ich dachte auch nicht an die jungen Leute«, erwiderte sie. »Ich dachte eher an Ihn. Sie glauben gar nicht, wie töricht bescheiden er ist, wie er jede Anerkennung von sich abwehrt und wie er bloß als Knecht seiner Ideen betrachtet sein möchte.«

»Das möchten wir wohl alle«, sagte er. »Aber leider sind die meisten Ideen nicht so strahlend fertig, daß man sie auf einen Thron setzen könnte und sich selbst als Diener ihnen zu Füßen. Um so glücklicher der, der es darf.«

»Wenn ich Sie reden höre, weiß ich nie, ob Sie es ernst nehmen«, sagte sie bedenklich vor sich hin.

»Meine Freundschaft zu Ihnen nehme ich ernst.«

»Und die müssen Sie auch auf meinen Mann ausdehnen«, rief sie lebhaft. »Ja, wollen Sie? … Sehen Sie, er kann Sie so nötig brauchen. Gerade weil Sie das gegebene Widerspiel seines Lebens sind. Was er zu viel hat an Phantasie und an Impuls und an Feuer – – –«

»Hab' ich zu wenig«, warf er trocken dazwischen.

»Nein, nein, das wollte ich nicht sagen. Verstehen Sie mich um Gottes willen nicht falsch! Ich meine: das könnten Sie dämpfen und klären und auf das Niveau der wirklichen Tatsachen zurückführen.«

»Noch wichtiger wäre es mir, daß Sie mich brauchen könnten«, sagte er, ihr voll ins Auge schauend.

»Liegt das nicht schon darin? Manchmal ist mir, als war' er ein Kind, mein Kind … und ich hätte die Verantwortung für ihn. Aber immer fliegt er mir davon. In Höhen, zu denen ich ihm nicht folgen kann … Und dann stehe ich da als Entenmutter, die ihrem jungen Schwan nachblickt.«

»Als eine Art Entenmutter habe ich Sie mir immer vorgestellt«, bestätigte er.

Nun lachte sie herzlich, aber sie ließ sich nicht beirren.

»Spotten Sie nicht immerzu und versprechen Sie mir lieber, daß Sie meinen Wunsch erfüllen werden … Und wenn Sie es durchaus wissen wollen: ja, auch für mich brauch' ich Sie. – Das habe ich schon damals gefühlt, als wir bei Follenius beisammensaßen. Es war mir so, als wären Sie etwas, das mir so lange gefehlt hat … als gehörten Sie zur Vollkommenheit meines Lebens. Ich weiß, Sie legen keinen unlauteren Nebensinn in mein Geständnis, sonst hätte ich es Ihnen wahrhaftig nicht gemacht.«

Die hageren Hände im Schoße gefaltet, die großen, runden Sonnenaugen vertrauend zu ihm aufgeschlagen, so saß sie in ihrem Cherubskittel da. Ein Bild erhabener Wehrlosigkeit.

Er fühlte sein Herz schlagen und seinen Atem kürzer gehen.

›Mein Gott, was kommt da auf mich zu?‹ dachte er. ›Kann das beim Spielen bleiben wie mit der Follenius? Sieht das nicht gerade so aus, als ob Leidenschaft, als ob Schicksal draus werden will?‹

Was bei jener Tischgesellschaft ihn wie ein linder Anhauch spielend umweht hatte, fiel jetzt als Sturmwind über ihn her.

»Es wird mir nicht leicht, gnädige Frau«, erwiderte er, »Ihnen die gewünschte Antwort zu geben und dabei ein ehrlicher Mensch zu bleiben. Wenn ein Mann und ein Weib zu einem solchen Einvernehmen die Hände ineinanderlegen, so wissen sie nie, was daraus werden kann.«

»Ich liebe meinen Mann«, entgegnete sie und wuchs zurechtweisend empor.

»Und ich liebe meine Arbeit. Ich liebe sie so sehr, daß ihr bisher noch jedes Wollen untertan gewesen ist … Wie kann ich mir dafür bürgen, daß eine Freundschaft mit Ihnen mich nicht aus dem Gleise wirft?«

»Das fragen Sie heute«, erwiderte sie, »und haben Sie doch selber von mir verlangt … Ist das alles nur ein Spiegelfechten gewesen?«

»Ehe ich diesen Verdacht zu entkräften suche, gnädige Frau, muß ich mich zurückfühlen in den, der ich damals war. Und ich antworte beides: ja und nein … Ja – weil Sie liebenswert sind … Nein – weil Sie über der Liebe stehen. Das habe ich wohl damals schon geahnt und habe von Ihnen nehmen wollen, was ich erraffen konnte. Wenn es auch nur ein Seelenbund war.«

»Nur?« fragte sie lächelnd.

» Damals nur. Heute erscheint es mir mehr, als ich jemals zu hoffen vermochte.«

»Und woher diese Wandlung?«

»Fragen Sie mich nicht. Nichts macht den Mann so waffenlos, als wenn das Weib seine Waffen fortwirft. Wenn Sie mir sagen: ›Du fehlst mir‹, was kann ich anders, als mich Ihnen zu Füßen zu legen und zu sagen: Hier bin ich?«

Ein Schweigen entstand. Sie schaute zu einem der kahlen Fenster hinaus und kaute die Lippen. Offenbar fühlte sie, daß sie zu weit gegangen war, daß Folgen sich entwickelten, die sie niemals vorausgesehen hatte.

Nun wandte sie sich zu ihm zurück und sagte: »Es scheint, die Dinge malen sich uns so verschieden, daß es kaum eine Verständigung gibt. Was ich von Ihnen will, ist ganz etwas anderes, als was Sie darin zu erblicken scheinen … Bin ich zu anspruchsvoll? Bin ich zu naiv? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das eine: Ich möchte Sie an uns fesseln. Ohne Herrschsucht. Ohne Koketterie. Nur weil wir doch einmal hier zusammengeschneit sind und auf Kameradschaft angewiesen … Um das ins Werk zu setzen, brauchen wir ja gar keine großen Worte und noch viel weniger große Gefühle.«

›Sie greift also die Waffen wieder auf‹, dachte er, und was sich zu weher Seligkeit in ihm gelöst hatte, verhärtete sich von neuem.

»Heißen Dank für das kalte Bad, das Sie mir gastlich gerüstet haben«, sagte er. »Ich werde nicht verfehlen, so abgekühlt, wie Sie es wünschen, daraus emporzusteigen.«

»Nicht immer diesen Ton! Nicht doch! Nicht doch!«

Da war sie wieder, die bittende Wehrlosigkeit, die ihn vorhin ganz aus der Fassung gebracht hatte.

›Spielt sie mit mir?‹ fragte er sich.

Nein, das tat sie nicht. In ihr war alles echt, alles wahrhaftig. Nur sein krauses und verdächtigendes Denken verzerrte es ihm.

Eine ehrerbietige Ahnung entschleierte ihm für einen Augenblick das Wesen derer, die dort wie aus einer fremden Welt in starrer Anmut, in weicher Gläubigkeit zu ihm herüberblickte.

Und ebenso ehrerbietig, wie er es fühlte, ergriff er ihre Hand und drückte einen leisen und langen Kuß darauf.

»Ihr Gatte kommt nicht«, sagte er, »und für mich wird es Zeit.«

Doch da kam er.

Mit leuchtenden Augen und heißgeredeten Backen trat er durch die aufschnellende Tür.

»Verzeiht! Verzeiht! Verzeihen vor allem Sie, Herr Kollege! Ich hätte ja die Buben schon früher heimschicken können, aber es ist ein solches Glück, sich an diesen feurigen Seelen zu wärmen.«

›Als hättest du das noch nötig‹, dachte Sieburth.

»Ist ihre Befangenheit einmal gebrochen, dann sprudeln sie tausend göttliche Torheiten hervor, und man fühlt mit Entzücken: das ist Geist von deinem Geist. Denn so warst auch du einmal.«

›Als hättest du das noch nötig‹, dachte Sieburth.

Doch kein Hohn und keine Herablassung mischte sich darein. Höchstens ein kleiner Neid, daß er nicht fühlen konnte wie jener, daß er so herb und so hart und so bitter war.

»Aber nun kommen Sie«, fuhr Hildebrand fort, »wir setzen uns auf unsere alten Plätze und schwätzen weiter … Wo waren wir doch stehen geblieben? Ja, richtig! Vom menschlichen Spieltrieb sprachen Sie, und ich hab' immer gedacht, es sei der Erkenntnistrieb, der auch die Skepsis beflügelt.«

»Die Skepsis hat keine Flügel«, erwiderte Sieburth. »Seien Sie froh, daß Sie welche haben.«

Damit drückte er ihm abschiednehmend die Hand.

Hildebrand wehrte ihm verzweifelt, aber aus dem Munde der Hausfrau kam kein Laut, der ihn zum Bleiben genötigt hätte. Und als sie ihm die Hand gab, erinnerte kein Druck, kein Zucken der lasch auf den seinen liegenden Finger an alle die segnenden Verheißungen, durch die sie ihn zu sich emporgehoben hatte.

Mit heißem Schädel, mit zitternden Gliedern rannte er an den Wällen entlang, deren junges Grün der Löwenzahn in goldenem Wirrwarr durchsprenkelte.

›Was wird mit dir? Was ist mit dir?‹ schrie es in ihm. ›Wie kannst du Arbeit, wie kannst du Weiber genießen, wenn solch ein Gift in dir steckt?‹

Und dann plötzlich war der Neid da. Nicht jener lächelnde, harmlose Neid auf ihres Mannes Seelenkraft und Seelenwärme, nein, ein ganz gemeiner, finsterer, bissiger Proletenneid – so nannte er selber ihn – auf die Erfolge, mit denen der andere die Studentenschaft zu sich heranzog. Zu jenem kamen sie in Scharen, und zu ihm war seit langem keiner gekommen.

Nein, einer doch! Der lange Cherusker, der mit den heißen, braunen Augen, der auch in diesem Semester nicht eine Stunde versäumte. – Wie hieß er doch?

Seine Wirtin mußte es wissen.

Und er nahm sich vor, ihn im nächsten Kolleg zu sich heranzurufen.

›Mein Einziger‹, dachte er und hatte ihn lieb.


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