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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Es war an einem feuchtwarmen Frühherbstabend, als vor den noch geschlossenen Türen der Bürgerressource eine ungebärdige Menge sich staute.

Der Kandidat der Regierungsparteien hatte durch seine Anhänger erklären lassen, daß er heute und an dieser Stätte bereit sei, über seine Ansichten und seine Pläne Rechenschaft abzulegen. Seiner Programmrede sollte eine Diskussion sich anschließen, in der auch den Trägern gegnerischer Meinung das Wort verstattet sein würde.

Neben Kleinbürgern in sorgfältig gebürstetem Bratenrock und Angehörigen der niedrigsten Beamtenklasse, denen mit der Kriegskokarde auch der Zivilversorgungsschein aus dem Knopfloch zu gucken schien, drängten sich Arbeiter, deren Blaublusigkeit eine eilig darüber geworfene Jacke höchst mangelhaft bedeckte.

Nur wenige Mitglieder der höheren Stände hatten sich darein gemischt. Ein paar zerfetzte Jünglingsgesichter blickten hochmütig durch die Luft gewordene Leiblichkeit der Nachbarn hindurch, und etliche Greise mit langzipfligem Kaiser-Wilhelm-Bart und rundgeringelten Spucklöckchen verkörperten die Glorie altpreußischer Manneszucht.

Ein hochgewachsener junger Mann mit ausgeblaßten Schmissen und frühgereiftem Blick in einem gesunden und entschlossenen Angesicht stand, sorgsam Obacht gebend, in dieser bunt zusammengewürfelten Schar.

Niemand war mit ihm gekommen, und an niemanden suchte er Anschluß.

Da machte einer der mit Schmissen verzierten Jünglinge die Gefährten auf ihn aufmerksam.

»Kuckt mal«, sagte er ziemlich laut, »da steht ja der Kühne.«

»So, ist der auch wieder im Lande?« fragte ein anderer.

Und ein dritter gab den Rat, sich nicht weiter mit ihm zu befassen.

Aber jener, der alles gehört hatte, schien nicht willens, sie so leichten Kaufes davonkommen zu lassen.

Mit einem Lächeln, das nicht im mindesten befangen, vielleicht sogar ein wenig herablassend war, lüftete er den Hut und sagte über ein fremdes Schulterpaar hinweg in dem freundlich spottenden Tone, der zwischen alten Kumpanen im Schwange ist: »Na, wie geht's euch denn so immer?«

Da konnten sie nicht anders, als ihn gleichfalls begrüßen, ja, von seiner Überlegenheit im Bann gehalten, streckten sie sogar die Hände nach ihm aus, die er herzhaft ergriff und schüttelte.

»Was machst du wieder hier?« fragte einer von ihnen.

»Ich habe den Referendar hinter mir und will mir in Königsberg auch noch den Doktor zulegen. Daß man sich bei dieser Gelegenheit den Wahlrummel ansieht, werdet ihr nur verständlich finden, denn ihr tut ja dasselbe.«

»Nach deinem ehemaligen Verhalten scheinst du dich aber in der Adresse geirrt zu haben«, sagte einer, mit dem schwachen Versuch, ihn zu hänseln.

Aber er ließ sich nicht herbei, in das gleiche Fahrwasser einzubiegen.

»Durchaus nicht«, erwiderte er. »Mich interessiert hier besonders einer meiner früheren Professoren, dessen Namen ich im Wahlkomitee las und den ich noch weniger in dieser Gesellschaft vorzufinden glaubte als ihr heute mich.«

»Wer ist es?« fragte ein anderer von drüben her.

»Is egal«, schnitt er ab. »Ihr habt wohl doch nie bei ihm gehört.«

Damit war das Gespräch zu seinem Abschluß gelangt, und keiner dachte daran, es wieder in Gang zu bringen.

Bald darauf öffnete der Saal seine Türen. Die Menge stürmte nach vorwärts, und die einstigen Corpsbrüder wurden getrennt, ohne daß es sie gedrängt hätte, noch voneinander Notiz zu nehmen.

Die Bänke füllten sich rasch.

Fritz Kühne hatte Glück. Ihm gelang es, sich innerhalb der ersten Reihen einen Platz zu erobern.

Vor ihm, mit bemalten Lappen umhängt, stand die um etliche Stufen erhöhte Tribüne, von der herab die Redner zu sprechen hatten.

Vorläufig war sie noch leer – und leer die lange, grün behängte Tafel, die hinter dem Pulte sich erstreckte und offenbar für die Mitglieder des Wahlvorstandes bestimmt war. Ein kleinerer Tisch, mit einigen Stühlen ringsum, stand an die linke Kulisse gelehnt.

Ringsherum im Saale toste der Kampf um die Plätze.

Mit Springen und Überklettern, mit Stolpern und Drängeln, schimpfend, bittend, witzelnd, drohend, suchte jeder eine Stätte zu ergattern, von der aus er sehen, hören, sich begeistern und sich empören konnte.

Von Fritzens zwei Nebenmännern war jeder eine Studie wert.

Der auf der rechten Seite, ein braver, grauhaariger Handwerksmann mit weltweisem Sinniererblick, suchte alsbald ein politisches Gespräch mit ihm zu beginnen. Er klagte über die bösen Fortschrittler, die Bismarck das Leben sauer machten, denn der Mann, der das Deutsche Reich gegründet habe, der wisse genau, was uns not tue.

Der zur Linken hingegen, eine breitausladende Bierbankfigur, mit Vollmondsbacken und rostrotem Sergeantenschnurrbart, sprach nur zu sich selber. »Ich hab' meinem Kaiser treu gedient«, brummte er ingrimmig vor sich nieder, »und wenn der dem Bismarck das alles anvertraut, dann tu' ich es auch.« Diesen Satz wiederholte er viele Male. Offenbar war mit ihm sein politisches Wissen zu Ende.

Auf der vorderen Bank saß eine Gruppe junger Arbeiter, die sich vorläufig still verhielten und nur durch heimliche Rippenstöße einander zu erkennen gaben, wieviel Spaß dies Getriebe ihnen bereitete. Derweilen brandeten hinter Fritzens Rücken die Wogen der Nachzügler an der Felswand der glücklich Besitzenden. Dort war für vaterländische Ergüsse die Zeit noch nicht reif.

Endlich erschienen auf beiden Seiten der waldigen Hügellandschaft, die von der Bühne her in friedlichem Wohlwollen auf das Getümmel herniederschaute, etliche Männer, die sich ratlos umsahen und so taten, als ob sie das Stehen und Gehen verlernt hätten. Ihre Hosen schienen zu kurz, und krummarmig tasteten sie nach den hochgeschobenen Ärmeln.

Da trat einer, der sich offenbar als Meister der Lage fühlte, helfend vor sie hin, geleitete sie zu dem langen Tische und paßte auf, daß sie sich setzten, was nach vielen Bücklingen wirklich gelang.

Der Lärm im Saale war verstummt. Nur hie und da brach ein rotznasiges Bravo in die erwartungsschwangere Stille.

Auch der kleinere Tisch füllte sich. Straff und klirrend trat ein Polizeioffizier an ihn heran, von zwei Wachtmeistern gefolgt, die, als er Platz genommen hatte, seinen Wink erwartend, sich gleichfalls niederließen.

Neue Männer kamen aus der Kulisse hervor, die nach Kleidung und Haltung zu den höheren Ständen gehörten.

Fritz erkannte den alten Professor Pfeifferling, dessen weiße Maurerfräse ihm oft geleuchtet hatte.

Und plötzlich stand auch Sieburth da.

Ein wenig hagerer von Gestalt, ein wenig schmäler in den Backen, als er ihn in Erinnerung hatte. Das Lächeln um die Mundwinkel schien noch wachsamer, noch verbissener geworden, nur die unwahrscheinlichen Augen flackerten wie je aus den ovalen Schattenhöhlen.

Fritz fühlte sein Herz klopfen – genau so wie damals, als er zum erstenmal vor seiner Tür gestanden hatte.

Seit vierzehn Tagen war er nun hier, aber noch hatte er's nicht übers Herz gebracht, dem einstigen Lehrer von neuem näherzutreten. Denn obwohl ihm klar war, daß er ihm Dank schuldete für vieles, das in ihm wuchs und wissend wurde, so grollte er ihm doch in mancher dunklen Stunde, in der die Furcht, einen Fehlweg eingeschlagen zu haben, über ihn herfiel. Selbst das Bild des lieben Mädels, das sich in seinen Erinnerungen allzeit mit jenem vereinte – Weib und Gedanke, nicht wahr? – besaß nicht Kraft genug, um ihm den Besuch in jenem Hause zur Notwendigkeit zu machen.

Nachdem er gar Sieburths Namen unter dem Wahlaufruf der Rechtsparteien gelesen hatte, war er noch mehr an ihm irre geworden.

Hier saß ein Hohn im Hinterhalt, der seine Gläubigkeit demütigte und ihn an dem Bau des Weltgefüges zweifeln ließ. Denn wenn dieser Abfall möglich war, was stand dann noch feste auf Erden, wessen Urteilstreue, wessen Gedankenernst konnte dann noch Vertrauen verlangen?

Was zum Beginn der Versammlung geschah, verlor sich für Fritzens Hirn in Dämmer und kaum verständlichem Wortschwall; so sehr hatte das Wiedersehen des einst vergötterten Mannes ihn bewegt und in Anspruch genommen.

Eine Glocke ertönte.

Vom Giebelende des Tisches her sprach ein Herr einleitende Worte, die das Erscheinen des Kandidaten verkündeten. Ein anderer trat, von Beifall empfangen, hinter das Pult, das den Platz des Souffleurkastens einnahm, und redete mit eindringlichem Tonfall und weit ausholenden Gesten allerhand gleichgültige Dinge. Von Steuern, deren Zahlung nicht weh tue, vom Tabaksmonopol, durch das die vom Glücke Enterbten gespeist werden würden, von Unfallschutz und Kronrechten und der Ausbeutung der Armen und Schwachen, wie sie der Liberalismus verlange.

›Alles Schwindel!‹ dachte Fritz, unverwandt zu Sieburth hinüberschauend, der mit niedergeschlagenen Augen und erstarrtem Lächeln dasaß und sich befleißigte, aus irgend einem Papierfetzen Röllchen zu drehen.

Nur wenn die Gegner des Redners ihr Hallo durch den Saal fegen ließen, blickte er kurz auf und suchte, sich über die Urheber der Zwischenrufe Klarheit zu schaffen. Die »Bravos« beachtete er nicht, aber jeder Widerspruch erschien ihm wesentlich und des Notierens wert. Dann holte er ein Bleistiftende hervor und schrieb Zeichen auf die linke Manschette.

›Er wird hernach das Wort nehmen‹, dachte Fritz und harrte mit Bangen des großen Augenblicks.

Wie lange die Rede des Kandidaten gedauert hatte, darüber gab er sich keine Rechenschaft. Eine Ewigkeit jedenfalls.

Aber endlich trat der vor Eifer Schwitzende vom Pulte zurück und nahm die Händedrücke der politischen Freunde entgegen, während unten im Saale Beifall und Schelten minutenlang miteinander kämpften.

Der am Giebelende des Tisches Stehende rührte die Glocke und erklärte die Diskussion für eröffnet.

»Wer wünscht das Wort?« fragte er in den Saal hinab.

»Ich – ich!« – »Hier – hier!« erschallte es von allen Ecken und Enden.

Arme reckten sich empor, Namen wurden gerufen und von niemand verstanden. In tobendem Wirrwarr drängte alles nach vorne. Für ein paar Augenblicke schien die zusammengelaufene Masse zum Chaos entarten zu wollen.

Fritz sah, daß der Polizeioffizier unruhig wurde, aber inzwischen war es dem Vorsitzenden gelungen, die Führung zurückzuerobern. Er hatte unter denen, die zu reden begehrten, ein bekanntes Gesicht entdeckt und rief unter heftigem Läuten dessen Träger zu sich empor.

Nun verflaute allmählich der Lärm, und der neu Erschienene vermochte sich Gehör zu verschaffen.

Ein Advokat, wie jener es war, und darum der freien Rede wohl mächtig.

Freundlich, behaglich und scheinbar sehr wenig zur Revolte geneigt, begann er, seine Gegnerschaft zu begründen.

Von Bismarcks Plänen habe der Herr Kollege unaufhörlich gesprochen, deren Urheber jedoch kaum mit Namen genannt. Das sei verwunderlich und sei es auch nicht. Denn der Mann, der in dem jungen Hohenzollernreiche das Amt eines Hausmeiers versehe – –

»Was für 'n Meier?« schrie einer von unten her, aber der Redner hütete sich, Zeit und Stimmung in historischen Belehrungen zu verzetteln.

– der habe mit seinen Volksbeglückungsideen den Argwohn aller selbständig Denkenden herausgefordert.

»Nanu? Selbständig denken wir auch!« rief eine Stimme, von drohendem Beifall begleitet.

»Das bezweifle ich nicht«, entgegnete er, »aber es fragt sich nur, wie lange die Herren sich dieser Selbständigkeit erfreuen werden, denn was der Herr Reichskanzler plant, heißt Vernichtung der Volksrechte.«

»Oho! Frechheit! 'runter vom Podium!« hallte es in Fritzens Ohren. Der Mann mit dem Sergeantenschnurrbart war aufgesprungen und schrie: »Einsperren muß man den Kerl!«

Aber die jungen Arbeiter drehten sich um und drohten ihm mit den Fäusten.

Die Glocke des Vorsitzenden brachte die Ruhe zurück.

Angesichts der entfachten Empörung hielt der Redner es für richtig, seine Pflöcke zurückzustecken.

»Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen, meine Herren«, fuhr er fort, »ich will damit durchaus nicht sagen, daß ich an dem guten Willen des Herrn Reichskanzlers zweifle.«

»Aha!« – »Na also!« – »Seht mal, wie gnädig!«

»Nur fürchte ich, er hat sich in seinen Mitteln vergriffen. Und zur Bekräftigung meiner Ansicht will ich die Worte eines Mannes zitieren, der klüger ist als ich und dessen Urteil größere Geltung hat als das meine. Vor einigen Tagen sagte in einer Berliner Versammlung der Abgeordnete Lasker: –«

»Auch so 'n Jude!« stieß eine Stimme hervor, aber der Ruf fand nur geringen Widerhall, denn damals lag der Antisemitismus noch in den Windeln.

»So sagte er: ›Wenn ein Mann hinausgewachsen ist über sein Volk, wenn er hinausgewachsen ist über alle Mächte der Kulturentwicklung, so ist sein letzter Ehrgeiz darauf gerichtet, in höchsteigener Person die Not zu überwinden. Alle Cäsaren sind daran gescheitert. Geblieben ist allein die Unterdrückung der Freiheit.‹ … Das sagte er, ich aber rufe: Deutsche Bürger, schützt eure Kultur! Achtet nicht auf jene trügerische Fata Morgana! Nieder mit Bismarcks Cäsarenwahn!«

Ein ungeheurer Tumult brach los. Wie toll geworden tobten Freunde und Feinde gegeneinander.

Der Redner aber, behaglich und freundlich wie je, verneigte sich gegen die Menge, verneigte sich gegen den Vorstandstisch und kletterte vorsichtig die lehnenlose Treppe hinab. Als gutem Advokaten kam es ihm auf ein paar Flammenworte nicht an. Sie waren nicht böse gemeint. Er diente nur redlich der Sache, für die er plädierte.

In Fritzens Seele aber herrschte himmelansteigender Jubel. Das war es, was er selber fühlte, das war es, was Professor Sieburth ihn fühlen gelehrt hatte.

Und in demselben Augenblicke erschallte durch das Läuten der Glocke hindurch die Ankündigung, die der Versammlungsleiter herunterrief: »Das Wort hat Professor Sieburth!«

Hinter Fritz wurden Stimmen laut: »Sitzen! Sitzen bleiben!« Wirr schaute er um sich, und da gewahrte er erst, daß die Rufe ihm selber galten.

Beschämt setzte er sich wieder und sah gerade noch mit halbem Auge, daß am Vorstandstische etwas wie ein Zwist ausgebrochen war und daß sich Sieburth – noch auf seinem Platze – gegen andrängende Hände zur Wehr setzte.

Das dauerte vier, fünf Sekunden lang. Dann gab er achselzuckend nach und trat mit eingebissener Unterlippe den Weg zum Rednerpulte an.

Und dann klang die Stimme wieder, die belegte, wenig tragende Stimme mit dem quellenden Glockenlaut, die Fritz zwei Jahre lang nicht aus den Sinnen verloren hatte.

»Lauter, lauter!« kamen Rufe aus der Nähe der Hinterwand.

Da verlor sich die Heiserkeit, und ein hoher, gequetschter, aber weithin vernehmlicher Ton entsprang der sich anstrengenden Kehle.

›Was wird er, was kann er zu sagen haben? Er, der in Bismarck sonst den großen Verderber sah?‹

Und er sprach etwa Folgendes: »Was Sie, meine Herren, zu so zornigen Gegnerschaften treibt, wie wir sie eben hier sich auswirken sahen, das ist nicht der Mann, dessen Riesengestalt der Streit umtobt, das ist auch nicht die durch ihn geschaffene innere Lage, das ist vielmehr das Gespenst eines vergangenen Zeitalters, das immer noch zwischen uns umherstreicht.«

Kirchenstille entstand. Ein jeder mochte fühlen, daß mit diesem Manne ein neuer Gedanke auf den Plan getreten war, in dem es sich zurechtzufinden galt.

»Ich möchte Sie fragen«, fuhr er fort, »gärt Ihnen das Jahr 48 und die spätere Konfliktszeit nicht immer noch in den Gliedern? Als Regierungsmann oder als Revolutionär – irgendwie hat jeder dran teilgenommen. Und wer noch zu jung war, der hat jene Stimmungen mit der Muttermilch in sich aufgesogen. Nun kommt aber einer und sagt: ›Das gilt alles nicht mehr. Jetzt stehen andere Fragen vor uns. Jetzt heißt es Neues aufbauen.‹ Im Prinzip wären wir wohl alle damit einverstanden. Aber der eine will es als Demokrat, der andere als Konservativer, und keiner weiß, daß es das beides gar nicht mehr gibt … Daß es zusammengeschmolzen ist in eine große Einheit … Und der Träger dieser Einheit heißt Bismarck.«

Bis hierher hatte Ruhe geherrscht. Jetzt wagte der erste Widerspruch sich hervor.

»Und der Kulturkampf?« rief einer.

»Und das Sozialistengesetz?«

Die erste Frage ließ kühl, denn man war ja in einem protestantischen Lande. Die andere rief umso lauteren Beifall hervor.

Sieburth ließ sich durch keine von beiden beirren.

»Tja, meine Herren«, sagte er ruhevoll und machte Miene, die durchsichtige Hand gegen das Licht zu erheben, wie er es im Kolleg immer getan hatte. »Ihre Kämpfe hat jede Zeit und muß sie haben. Denn sonst stagniert sie. Aber sehen Sie sich doch die Wahlprogramme an – bei uns wie bei denen von drüben! – Von was für Jämmerlichkeiten sind sie beherrscht!«

Am Vorstandstische wurde man unruhig.

»Steuern und nochmals Steuern. Tabaksmonopol und sonstiger Kleinkram. Allenfalls, was vom Arbeiterschutz darin dämmert, schaut höheren Zielen entgegen. Was will das sagen? Daß es, aller künstlichen Erhitzung zum Trotz, ernsthafte Streitpunkte zwischen Bürger und Bürger im Augenblicke nicht gibt. Und warum gibt es die nicht? Weil bei weitem das meiste von allem, was die Demokratie einst wollte, von dem reaktionären Bismarck erfüllt ist.«

Die Gegnerschaft im Saale wunderte sich murrend, und Sieburth fuhr fort: »Nun, meine Herren, haben wir nicht das, was Sie dazumal so heiß erstrebten, das wieder eins gewordene Deutsche Reich? Haben wir nicht in ihm alle die Freiheiten, die dem tätigen Bürger wohltun? Freiheit des Besitzes – Freiheit des Erwerbs – Freiheit der Berufswahl – Freiheit, selig zu werden, ein jeder nach seiner Fasson … Und selbst der Herr Polizeileutnant dort –«

Unter allgemeiner Heiterkeit wies er nach dem Tische des Wachthabenden hin: »– was will er Schlimmeres von uns, als daß wir in leidlichen Formen miteinander ins Reine kommen?«

In Fritzens Hirn brodelte Zustimmung und Widerspruch wild durcheinander.

Viel fehlte nicht, und er hätte sich von der selbstsicheren Überlegenheit des einstigen Lehrers einfangen lassen. Aber immer wieder mußte er sich fragen: ›Und darum die Wende in meinem Leben? Darum die Entfremdung von frohen Genossen? Darum die dunkle Einsamkeit inmitten strahlender Jugendlust? Und vor allem: Darum die marternde Not, ausgeschlossen zu sein von der Gemeinschaft der Glücklichen, die im Glanze des Vaterlandes sich sonnten?‹

Noch immer hatte er den Umschwung in Sieburths Überzeugung nicht begriffen. Von alters her wußte er ja, in welchen Irrgängen sein Geist sich umherzutreiben gewohnt war, und wartete immer noch, daß eine plötzliche Volte ihn zum Ausgangspunkte von einst zurückschnellen würde.

Sieburth fuhr fort: »Was nun aber die neuen sozialpolitischen Pläne des Kanzlers anlangt, so verstehe ich den Widerspruch der Herren Liberalen sehr wohl … Die Freiheit, die sie meinen, ist eine kitzlige Sache – ›Rühr mich nicht an, auch wenn es mir wohltut!‹ – Und das Verkommen in Jammer und Elend – notabene, wenn der andere dran leidet – erscheint immer noch als ein Glück gegenüber dem Glück, das aus der Hand eines Verhaßten von oben her über mich herfällt

Ein Lachen der Zustimmung antwortete ihm. Den Spott, der die Widersacher des Kanzlers an ihrer schwächsten Stelle traf, hatten auch naivere Gemüter begriffen.

Und Sieburth fuhr fort: »Niemand als Bismarck hat den Herren der Linken das Bett bereitet, von dem sie jetzt ihre Matratzenweisheit in die Welt hinausschicken. Mögen sie ruhig ihre hölzernen Kanonen auffahren (Bravo!), sie schrecken weder ihn noch diejenigen, die seine Gedanken zu verstehen bemüht sind. Ob sie sich noch so kriegerisch gebärden, ihnen ist verteufelt bange vor dem eigenen Mute. Und die Schläge, die sie auszuteilen vermögen, sind nicht die eines Helden, sondern höchstens die eines Zitteraals. (Große Heiterkeit.) Aber wenn wir dem Fürsten Bismarck auch anhangen, Hymnensänger werden wir darum noch nicht. Wir bauen den Darbenden auch keine Reisbreimauern, und eine Stiftsherrnstelle für jeden alternden Arbeitsmann haben wir nicht zu vergeben … Der ewige Sonnenstillstand jedoch, den die Herren von drüben gerne zum Weltgesetz erheben möchten – Fortschrittsmänner nennen sie sich darum (Große Heiterkeit) –, erscheint uns sehr wenig begehrenswert … Und als Gespenster herumzulaufen wie sie, ebenso wenig! (Sehr richtig!) Darum ist es die Pflicht aller, die den wahrhaften Fortschritt wollen, dem Manne, der uns einem neuen Gemeingefühl entgegenführt, die Heeresfolge nicht zu verweigern. (Bravo!) So scheint es mir wenigstens, und so wird es vielleicht allen erscheinen, denen die Sorge fürs Vaterland höher steht als der stumpfsinnige Götzendienst mit der eigenen werten Person.«

Hatte bisher die Schärfe der mit gellender Stimme hinausgeschleuderten Sätze die Gegner zum Erstarren gebracht, so brach jetzt, da er geendet hatte, zugleich mit tobendem Beifall ein erbitterter Widerspruch los.

Die Fäuste vieler Aufspringenden erhoben sich gegen die Bühne, und nach dem Hintergrunde zu ballten sich Gruppen, in denen Prügel ihre Beweiskraft zu erproben begehrten.

Auch Fritz war in die Höhe gefahren. Saal und Bühne, Menschen und Lichter – alles drehte sich im Kreise vor seinen Augen, nur ein Gedanke beherrschte ihn:

›Zum Narren halten lass' ich mich nicht.‹

Mit den Händen fuchtelnd schrie er seinen Namen zum Podium empor. Gleichzeitig entdeckte er vor sich leer gewordene Plätze. Über zwei, drei, vier Bankreihen setzte er im Sprunge hinweg und stand plötzlich dicht vor den Stufen, die zur Bühne hinan führten.

Der Polizeileutnant war aufgestanden und hielt den Helm schon in der Hand. Bedeckte er sich, so war die Versammlung der Auflösung verfallen.

Der Vorsitzende, der krampfhaft die Glocke schwang, sah sich hilfesuchend nach einem Redner um, dessen Erscheinen dem Tumulte wie vorhin Einhalt zu bieten vermöchte, und da er am Fuße der Treppe Fritzens Hochstämmigkeit gewahrte, die ihm zum Beschwichtigen nicht unpassend schien, so winkte er ihn schleunigst herauf.

Somit geschah es, daß der ehemalige Cherusker Fritz Kühne sich plötzlich auf demselben Platze wiederfand, auf dem sein Lehrer noch eben gestanden hatte.

Da erst fragte er sich: ›Was will ich eigentlich?‹

Aber schon legte sich der Lärm, denn der große junge Mann dort oben versprach neue Erregungen.

Ein Vorstandsmitglied war hinter ihn getreten und verlangte seinen Namen.

Und gleich darauf hallte es vom Platze des Vorsitzenden her: »Herr Referendar Kühne hat das Wort.«

Nun wurde es still.

Ein Zurück gab es nicht mehr.

Und schon hörte er die eigene Stimme: »Wenn ich mir trotz meiner Jugend erlaube, hier ein paar Worte zu sprechen, so geschieht es, weil ich ein Schüler des Herrn Vorredners bin und seine ursprünglichen Ansichten genau zu kennen glaube.«

Bisher war alles noch gut. Aber was nun?

»Weiter, weiter!« hallte es aus dem Saale empor.

Also weiter, in Gottes Namen!

»Und darum, meine Herren, muß ich sagen, daß das alles, was wir eben hörten, nicht sehr ernst gemeint sein kann … Denn – denn – denn – –«

»Was denn?« »Los denn!« erscholl es von unten.

»– denn das, was ich zu jener Zeit durch ihn – erfahren habe – ist – – eigentlich – das Gegenteil von dem – gewesen, was er – soeben – vor uns – erklärt hat.«

»Oho!« »Sehr interessant!« »Mehr, mehr!«

»Ich will damit – durchaus – keinen Vorwurf – gegen ihn ausgesprochen haben.«

»Nanu?« »Das soll kein Vorwurf sein?« »So 'ne Blamage soll kein Vorwurf sein?«

Die Glocke des Vorsitzenden bändigte noch einmal den wachsenden Unwillen.

»Ich – glaube – vielmehr –, daß – daß – – –«

Pause.

»Na, was denn?« »'raus damit!«

»– daß die Stimmung – des Augenblicks – oder vielleicht – –«

»Ach was!« … »Blech!« »'runter vom Podium!« »Schluß!«

Ein allseitiger Aufschrei schnitt ihm das Wort ab.

Wie er hinunterkam – auf welchem Wege er den Saal verließ, ist ihm immer unklar geblieben.

Als er mit hochgeschlagenem Rockkragen unerkannt in der Menge der Heimströmenden dahinschritt, rief aus seiner Brust eine Stimme ihm zu: ›Du elender Denunziant!‹

Und eine andere Stimme antwortete: ›Renegatentum verdient nichts Besseres. Du mußtest es tun!‹


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