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Einunddreißigstes Kapitel

Wenn Sieburth geglaubt hatte, mit diesem Gedanken den Spuk des Wiedersehens zu bannen, so war er im Irrtum gewesen.

Als Helene ihm gegenübersaß, erkannte er sofort, daß etwas Neues, noch schwerer Drückendes über ihn herfallen wollte.

Bisher hatte sie den Mut nicht gefunden, eine Frage an ihn zu richten, heute wagte sie, das Schweigen zu brechen.

»Sie sind so seltsam seit einiger Zeit – so ganz wo anders immer – und heute noch mehr als sonst … Bitte, sagen Sie doch, was Sie haben.«

Ein Lachen der Abweisung war seine Antwort.

Aber sie bestand auf ihrem Verlangen.

»Ich weiß ja, daß ich Ihnen nichts sein kann«, flehte sie, »daß ich ein dummes Ding bin, daß ich – –. Aber vielleicht glückt's mir doch, Ihnen ein bißchen gut zu tun.«

»Mein Herzenskind«, sagte er, »wir sind hier zum Lehren und zum Lernen. Was drüber hinausgeht, ist Schmuggelgut. Halten wir uns an unser Programm. Das wird für uns beide das Richtige sein.«

Da gab sie sich seufzend darein.

Und so eifrig stürzte er sich über ihre Bücher, daß ein Ablenken nicht mehr möglich war.

Aber ihre Sorge hielt ihn wie mit Klammern umfaßt, und ihr beobachtender Blick wich nicht von seinem Angesicht.

Bis er ihn schließlich nicht mehr ertragen wollte.

»Ich sehe, du kümmerst dich viel zu sehr um mich«, sagte er. »Wenn du später im Leben stehen wirst, wird auch an dich mancherlei herantreten, was dir den Kopf heiß macht. Vorläufig laß dir an deinen Examennöten genügen und fordere nicht, daß ich dir noch meinen Verdruß aufpacke. Für heute wollen wir Schluß machen.«

Schweigend stand sie auf und raffte Hefte und Bücher zusammen. Gekränkt schien sie nicht, aber in ihrem Auge saß die Angst.

Beim Abschied küßte er sie auf die Stirn, die sie ihm gehorsam darbot, und damit glaubte er sie abgetan …

Die Nacht, die diesen Abendstunden folgte, gestaltete sich böse. Eine Quälerei gebar die andere. Selbstvorwurf schlug in Trotz, Trotz schlug in Selbstvorwurf um.

Hermas Vermächtnis war verludert, ihr Wille zum Gespött geworden. Mit sicherem Gefühl hatte sie den einzigen Weg erkannt, auf dem er zur Versöhnung mit seiner Umwelt, zum Ausgleich mit sich selbst gelangen konnte.

Nun lag das alles verschüttet da für immer.

Und trotzdem hatte er recht getan. Treu geblieben war er sich und den Gesetzen, die der Witz der Zusammenhänge ihm diktierte. Treu geblieben auch der Untreue, die ihn mit jenen Rückschrittlern und geistig Armen zusammenspannte. In ihr ertrank jede Hoffnung, in ihr – –

Da – was war das?

Langsam, geräuschlos bewegte sich die Flurtür in den Angeln. Und herein trat – Helene.

»Was willst du so spät in der Nacht? Warum kommst du durch den Vordereingang? Wo ist deine Mutter?«

Ihr Gesicht war wie durchsichtig in seiner Weiße, ihr Haar hing halb gelöst, und als er sie bei den Armen packte, fühlte er, daß alles an ihr flatterte.

»Also was ist? Rede doch! Sprich!«

Aber das eben konnte sie nicht. Sie ließ sich von ihm zum Sofa geleiten und duckte sich dort, als ob sie Schläge fürchtete.

Leise schloß er die Tür, die sie in ihrer Verwirrung offen gelassen hatte, dann setzte er sich neben sie und umfing ihren Körper, der sich in weicher Welligkeit unter der schmiegsamen Wolle des Kleides seinen klammernden Händen hingab.

Und dieses Kleid selber, das hemdengleich und rot leuchtend an ihren Gliedern entlang floß, wo hatte er das schon gesehen? Diese großen Blumen des Gewebes, wo hatten sie an ihrem Leibe schon geblüht? Getragen hatte sie es nie, so oft er ihr auch im Hause begegnet sein mochte … Richtig – und ein heißer Springquell schoß ihm in das Hirn – das war das Kleidungsstück gewesen, auf dem er sie nackt liegen gesehen in jener erstickenden Sommernacht, ehe er sich vom Bette der Mutter hinweggestohlen hatte.

Erschauernd löste er den Arm von der sich ihm anschmiegenden Hüfte.

Das Spiel ging zu Ende. Blutsgefahr wollte sich an seine Stelle drängen.

Nein doch. Das nicht. Noch nicht. Noch meisterte er sich selbst und meisterte auch sie.

»Also redest du jetzt endlich?«

Da kam es zum Vorschein, stockend, stammelnd, wie eine schmerzende Bürde, die man kaum noch die Kraft hat von sich zu tun.

Weil ihr Schlafgemach ungeheizt sei, arbeite sie jetzt immer bis spät am warmen Ofen hier vorne. Und nie gehe sie schlafen, ehe er schlafen gehe. Nacht für Nacht höre sie ihn durch die Wand sprechen und schelten und stöhnen und weinen.

»Weinen – ich?« Um Gottes willen, so sehr ließ er sich gehen und wußte es nicht einmal!

»Ja, auch weinen«, bekräftigte sie. Und heute nacht sei es besonders schlimm gewesen. Und da habe sie sich nicht länger halten können. Habe ihm nahe sein wollen. Habe ihn trösten wollen. Und jetzt sei sie da und gehe nicht wieder fort, ehe er ihr gesagt habe, was ihn so quäle.

»Und deine Mutter? Wenn sie aufwacht und dich nicht findet?«

»Die Tür zum Kabinett ist zu. Und die Tür von dort zu meinem Zimmer auch. Und die Lampe habe ich gelöscht. Und selbst wenn sie 'reinkommt, so wird sie denken, ich sei schon zur Ruhe gegangen. Ich gehe ja immer an ihrem Bett vorbei, und aufgewacht ist sie nie.«

Er sah nach der Uhr. Sie zeigte auf drei.

»Arbeitest du oft so spät?«

»Ich sagte doch schon: So lange ich weiß, daß Sie noch auf sind, bleibe ich auch auf. Ich glaube, ich könnt' gar nicht einschlafen vorher. Und erst, wenn ich keinen Laut mehr höre, dann packe ich meine Bücher zusammen.«

»So wirst du dich aber zuschanden machen, mein Kind, und wenn das Examen kommt, wirst du so müde sein, daß du durchfällst.«

»Ich werde nie müde, solange Sie nicht müde sind.«

»Dann werde ich von nun an schon vor zwölf in meine Klappe gehen.«

»Das wird Ihnen sehr gesund sein und – mir auch.«

Und dabei lachte sie gar.

»Hat das lange Aufsitzen nun einen Sinn?« fragte er. »Was zum Beispiel hast du heute getan?«

»Heute hab' ich nicht viel getan. Hab' bloß immer nach der Wand hin gehorcht. Aber jetzt fühle ich, daß ich ganz ruhig werd', denn ich sehe, daß auch Sie ruhiger sind.«

»Jawohl«, sagte er. »Wir wollen gar nicht mehr daran denken. Sonst wacht's wieder auf.«

»Aber bei Ihnen bleiben darf ich noch ein bißchen – ja?«

»Wenn es mit Mutter wirklich keine Gefahr hat?«

»Nein, nein, wirklich nicht! Sonst hätt' ich – ach, heute wär' mir schon alles egal gewesen. Aber Mutter erwacht nicht. Wahrhaftig nicht.«

Dabei lehnte sie sich zurück und blinzelte unter sinkenden Augenlidern zu ihm her.

»Du wirst schläfrig, Kind«, mahnte er. »Geh lieber heim.«

»Nein, nicht heimgehen«, flehte sie.

»Dann streck dich wenigstens aus.«

»Ja, wenn ich das darf!«

Und sie hob den Unterkörper zum Sofasitze hinauf. Da aber der rote Schlafrock sich emporgeschoben hatte und Füße und Knöchel bis zur Schwellung der Wade freilegte, so mühte sie sich mit schamhaftem Nesteln und Zerren, seinen Saum herunterzuziehen. Das wollte durchaus nicht gelingen, und darum bereitete sie sich, noch einmal aufzustehen und die ineinander geratenen Falten zu glätten.

»Mach nicht so viel Umstände, Kind«, sagte er. »Ich kenne ja doch alles an dir.«

Mit einmal war sie wieder ganz wach. »Sie kennen doch alles an – –? Was meinen Sie damit?« Steil hochgerichtet saß sie da, aus ängstlichen Augen zu ihm herüberstarrend.

»Jawohl, du brauchst gar nicht so prüde zu sein.«

Und dann erzählte er ihr, wie er sie in jener heißen Sommernacht, in der er gekommen wäre, die Mutter um ein zeitiges Wecken zu bitten – diesen Vorwand ersann er sich rasch –, auf demselben Schlafrock ausgestreckt hemdlos am Boden erblickt hatte.

»Und ich freute mich an dir, weil du so schön bist.«

›Wie wird sie's aufnehmen?‹ dachte er in wühlender Neugier.

Sie erschrak nicht, sie schämte sich auch nicht. Reglos saß sie da, nur ihr Blick veränderte sich. Aus Angst wurde Entsetzen, aus Entsetzen wurde ein Flehen, dem Flehen aber entwuchs eine Flamme, so zärtlich wild, so ganz ihre Liebe, ihre Hingabe aufschmelzend zu wissendem Verlangen, daß jetzt ihm angst wurde um sie.

›Das hättest du nicht tun dürfen‹, sagte er zu sich. ›Damit kannst du dem Mädel den Frieden verderben.‹

Aber nun war es getan. Widerrufen, verreden ließ es sich nicht. Nichts weiter blieb übrig, als den Harmlosen zu spielen, den Ästheten vielleicht, dem Weib und Statue eins sind.

Aber sie fühlte ehrlicher als er.

Von ihrem Sofaplatze her ließ sie sich langsam nach vorne gleiten, bis ihr Körper kniend zur Erde sank. Und dann warf sie mit einem Laut, der Schluchzen und Jauchzen zugleich war, den Kopf in seinen Schoß.

Er streichelte die nun ganz gelösten Strähnen ihres Haares und dachte dabei: ›So hat schon einmal eine vor mir gekniet.‹

Nur daß jene um Schonung bat und diese genommen sein wollte.

Aber diese mußte genau so geschont werden wie die geliebte Tote dereinst. Sonst wurde ihr Leben zunichte, und er allein trug die Schuld.

»Du mußt fort, Liebling«, mahnte er.

Doch sie rührte sich nicht.

Erst als er den Kopf mit Gewalt von seinen Knien gelöst hatte, half sie ihm selber dabei, sich auf ihre zwei Beine zu stellen.

Und noch immer flammte aus ihren Augen der fremde, geisternde Blick, mit dem ihr Weibtum zum Leben erwacht war.

Die Hand um ihre Schulter legend führte er sie zur Tür. Sie schleppte sich wie eine Todwunde. Dann schlug sie plötzlich mit klirrenden Zähnen ihre Lippen in seine und stürzte hinaus.

›Da habe ich was Schönes angerichtet!‹ dachte er hinter ihr her. Sie und Herma und Cilly drehten sich in wildem Wirbel durch sein Hirn.

In jener Septembernacht waren es ihrer dreie gewesen, genau so wie heute. Nur daß Helene an Marions Stelle getreten war.

›Diese wenigstens wird nicht versuchen, mich zugrunde zu richten‹, verglich er, ›dafür richte ich sie zugrunde.‹

Nein doch, das durfte nicht sein!

»Eher noch heirat' ich sie.«

Und mit diesem Opfergedanken ging er zur Ruhe.

Die folgenden Abende verhielt er sich mäuschenstill und ging auch früher zu Bett, um ihr ein völliges Ausruhen zu sichern.

Mit Ungeduld erwartete er den Tag, an dem sie nach festgelegtem Herkommen bei ihm zu erscheinen pflegte.

Aber sie blieb aus.

Und so auch das nächste Mal.

Nach seinen Berechnungen mußten die Prüfungen inzwischen begonnen haben. Umso dringenderen Grund hatte sie, ihn aufzusuchen, denn das Geschehene und das Zu-Erhoffende wollten besprochen sein.

Ab und zu drückte er das Ohr an die Wand, um ein Lebenszeichen von ihr zu erraffen. Ein Räuspern, ein Rascheln war alles, was gelegentlich zu ihm drang.

Eines Abends entschloß er sich, ihr ein dreimaliges Klopfzeichen zu geben.

Aber es erfolgte keine Antwort.

Am nächsten Abend war es das gleiche.

Da wagte er ein Gewaltmittel, ging auf den Treppenflur hinaus und belagerte die Tür, die zu dem jenseitigen Wohnzimmer führte.

Das Schlüsselloch schimmerte hell, aber wie sehr er auch guckte, von ihr war nichts zu entdecken.

›Ich muß es riskieren«, dachte er und drückte leis auf die Klinke.

Die Tür gab nach – ein Poltern des Stuhls – ein matter Aufschrei, und dann stand sie vor ihm, die Wangen verfärbt und mit keuchendem Atem.

»Komm«, sagte er, nach seiner Tür zurückweichend.

Und sie kam. Jedes Willens beraubt, einer Nachtwandlerin gleich, ging sie hinter ihm her. Sogar ihre Tür zu schließen vergaß sie. Er tat es vorspringend statt ihrer und schloß auch die eigene.

Da stand sie nun, hoch, höher als er, und reglos in Schreck und Ergebung.

Der rotblumige Schlafrock fiel senkrecht an ihr herab, das Kinn saß fest in einem weißwollenen Schal, und die Haare flossen strahlig über die Brust.

»Warum kommst du nicht mehr?«

»Ich kann nicht.«

»Warum kannst du nicht?«

Da war die Flamme wieder in ihrem Auge, die ihn damals beglückt und geängstigt hatte, aber über ihre Lippen kam kein Wort.

»Sprechen muß ich dich – muß wissen, wie es um dich steht. Kannst du morgen nachmittag um fünf am Königstor sein?«

»Ja.«

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Er zog ihre Stirn zu seinem Munde hernieder, und dann war sie draußen.

Kaum hörbar ging drüben die Tür, dann wurde es still.

Die Mutter war also auch heut nicht erwacht. – – –

Am nächsten Nachmittag fand er sie wartend vor der finsteren Höhlung des Tores.

Ihr Alltagskleid war ihr zu kurz geworden, und die Hände steckten zu weit aus den engen Ärmeln des Mantels. Das Pelzbarett verdeckte das blonde Gekräusel des Stirnhaares, und wie gestern barg sich das Kinn in dem rührenden Wollenschal.

Mit einem schwachen Lächeln begrüßte sie ihn. Wund und wehe schien alles in ihr und des Zuspruchs dringend bedürftig.

»Wie lange hast du Zeit, mein Liebling?«

»Solang' ich will. Mutter glaubt, ich bin bei Irmela.«

Das war die Freundin, in deren Wohnung der Zirkel zu tagen pflegte.

»Dann wollen wir einen tüchtigen Spaziergang machen.«

»Wenn Sie mögen.«

Damit schritten sie an den Wällen vorbei, dem Erlengebüsch entgegen, das seine mattlila Kätzchen im Frostwinde schaukeln ließ.

Aber viel hatte der Frost nicht mehr zu bedeuten. Er liebkoste die Backen, als freute er sich darüber, bald Abschied nehmen zu müssen.

Die blauen Schneeflächen schimmerten frühlingshaft, und die schlüpfenden Meisen wisperten dem Frühling entgegen.

In Blau getaucht waren Nähen und Fernen, und wo ein Baumstamm oder eine Mauerwand schwarzen Hintergrund schuf, da webte die Luft ein flimmerndes Milchlicht, das sich als zärtliche Decke über alles hinbreitete, was dunkel war und dunklen Gedanken Anhalt und Herberge bot.

Sieburth faßte nach Helenens Hand und bettete sie in seinem Arm.

»Hier sieht uns keiner«, sagte er. »Hier können wir gehen wie Verlobte.«

Und dabei erschrak er. Das war schon beinahe zu viel gewesen.

»Warum du nicht mehr kommst«, fuhr er fort, »danach will ich dich nicht erst fragen. Das wirst du mir freiwillig sagen.«

»Nein, nie! Niemals!« stieß sie hervor.

»Du wirst es mir sagen. Verlaß dich darauf. Aber vor allem: Wie steht's mit der Prüfung?«

»Wir sind ja mitten darin«, erwiderte sie, und ein Stolz der Bewährung leuchtete aus ihren bekümmerten Zügen.

»Es geht also gut?«

»So gut, wie ich's niemals gedacht hätte. Ich weiß auch: das alles verdank' ich bloß Ihnen.«

»Und läßt mich doch jetzt im Stich.«

In hellem Entsetzen riß sie die Hand aus der Beuge seines Armes.

»Wie dürfen Sie so etwas sagen? Wenn ich nicht gekommen bin, dann – dann – –«

»Nun, dann?«

»Dann – ich will doch bloß meine Gedanken zusammenhalten, ich will nicht, daß – daß – ach, es ist so viel Fremdes in mir – so viel Häßliches – nein, häßlich nicht – aber alles ist schwer, und alles ist Gefahr. Und nur, daß ich Sie jetzt ruhiger weiß, das tut wohl. Ach Gott ja, das tut sehr wohl.«

»Und du wirst nie mehr zu mir kommen?«

Sie schwieg, und er wartete, denn sie bedrängen wollte er nicht.

Und endlich begann sie: »Ich habe so viel überlegt – ob ich darf – ob ich nicht darf … Und dann bin ich zu dem Entschluß gekommen: einmal darf ich noch … Das soll meine Belohnung sein, wenn ich das Examen bestanden hab'. Dann werd' ich kommen, es Ihnen zu verkünden, denn Sie müssen es wissen als erster von allen.«

»Da müßte ich mich wohl vor der Tür des Schulgebäudes auf die Lauer legen«, scherzte er, »und wenn dann deine Mutter dazu käme – denk mal!«

»Sie sollen es vor meiner Mutter wissen«, entgegnete sie entschlossen.

Er fragte, wie das wohl möglich sein würde.

»Es wird möglich sein. Passen Sie auf!«

Und dabei blieb sie.

Derweilen näherten sie sich dem Oberteich, der unter seiner Schneedecke in winterlicher Leblosigkeit verloren dalag. Nur am jenseitigen Ende war eine Eisbahn gefegt, auf der ein schwarzes Ameisengewimmel hitzig durcheinander kribbelte.

Verschneit und von falbem Röhricht umstanden, erhob sich die Badeanstalt, in der Helene und ihr Begleiter einst Zuflucht gefunden hatten.

»Ich muß Ihnen etwas beichten«, sagte sie, die schon lange keinen Blick von ihm wandte.

»Nun, was denn?«

»Mich – hat – schon einmal – ein Mann – geküßt.«

»Ah«, machte er in geheuchelter Strenge.

»Ja – und zwar dort.«

Sie wies nach den dunkeln Holzbaracken hin, auf deren schrägem Dache eine halbabgetaute Schneelast glitzerte.

»Und wer – war es?«

» Muß ich es sagen?«

»Nein. Du mußt überhaupt nichts sagen!«

»Doch, doch, doch. Sonst denken Sie am Ende noch Schlimmeres von mir. Der junge Cheruskerfuchs war's, der Sie vor drei Jahren manchmal besucht hat – und der – –«

Sie stockte. Was jüngst geschehen war, mußte verheimlicht bleiben.

»Hieß er Kühne?«

»Jawohl. Fritz Kühne – so hieß er.«

»Sieh mal an!« Und er pfiff durch die Zähne.

»Ich werd's Ihnen erzählen, wenn ich mich auch noch so sehr schäme.«

Und dann berichtete sie mit umständlicher Wahrheitsliebe, wie alles gekommen war.

»Schon als Sie gestern denselben Platz zum Treffen bestimmten, dachte ich dran und nahm mir vor, es Ihnen zu sagen. Und wenn Sie mich jetzt verachten, dann geschieht mir ganz recht.«

»Die Sache aus der Welt zu schaffen«, erwiderte er mit unerbittlichem Ernst, »dazu gibt es nur ein Mittel.«

»Nun?« Ihr Auge bettelte in Angst.

»Daß du an derselben Stelle an mich weitergibst, was dir damals angetan wurde.«

Sie lachte hell auf. Auf so milde Strafe war sie nicht gefaßt gewesen. – Und dann rannte sie ihm vorauf – quer durch das pfadlose Schneefeld – dem Holzgitter zu, um zu erproben, ob es sich öffnen ließ. Denn drüber hinweg zu klettern wie damals, wäre ihrer beider nicht würdig gewesen. Aber es war bereits offen. Es lag sogar, vom Wintersturme umgerissen, platt hingestreckt auf dem schollig gefrorenen Boden.

Darum lief sie gleich weiter um das Giebelende herum, und als Sieburth ihr nachkam, fand er sie auf den beschneiten Bohlen vor einer Kabinentür stehend und auf den Holzriegel klopfend, der festgefroren an der Bretterwand klebte.

»Hier war es«, rief sie Sieburth strahlend entgegen. »Ich erkenn' es noch ganz genau.«

Und dann klopfte sie weiter. Aber ihre weichen Handballen erwiesen sich als machtlos. Erst als die eiserne Zwinge seines Stockes mitzuarbeiten begann, löste sich der Eigensinn der Eisschicht, und sie traten ins Innere.

Da sah es nicht anders aus als vor jenen drei Jahren. Drei Jahre freilich nicht ganz. Aber auf die paar lumpigen Monate kam es nicht an.

Nur als sie sich auf die Bretterbank warf, schien diese noch bedeutend enger geworden. Daß sie zu Zweien Platz darauf finden könnten, daran war gar nicht zu denken.

»Das Beste wird sein«, sagte Sieburth, »du stehst noch einmal auf und setzt dich auf meinen Schoß. Nur so ist Raum für uns beide.«

Sie zierte sich auch nicht im geringsten und machte sich's auf seinen Knien bequem. Die Arme schlang sie um seinen Hals und wollte auch den Kopf an den seinen schmiegen, aber sein Hut und ihre Kappe lagen dazwischen.

»Die nehmen wir einfach ab«, sagte er, und so geschah es.

Nachdem sie beides an die hölzernen Haken gehängt hatte, fand sich's, daß die Tür noch offen stand. Auch dieser Mangel wurde behoben, und wie sie nun zu ihrem Ruheplatz zurückgekehrt war und selig hingedrängt an seinem Halse lag, da brach plötzlich in Inbrunst aus ihrer Seele das so lange verhehlte, erstickte und in Fremdsein umgefälschte: »Du, du, du, du!« Geradeso wie es damals aus der Weihnachtsfreude emporgeblüht war.

»Nun wirst du aber auch dabei bleiben«, forderte er.

»Immer, immer, immer!« gelobte sie.

Und dann kam der Strafkuß, der lange währte und einer Belohnung verteufelt ähnlich sah.

»Als ihr beide hier zusammensaßt – eng genug, finde ich – wovon redetet ihr die ganze Zeit?«

»Von dir«, erwiderte sie ohne Zögern.

»Hattet ihr denn kein besseres Thema?«

»Nein!« erklärte sie sehr entschieden. »Dazu braucht' ich ihn ja. Bloß er verstand es falsch und dachte, ich meine ihn selber.«

»Und was spracht ihr von mir?«

Nun stutzte sie doch.

»Ich glaube«, sagte sie dann, »ich darf dir jetzt nichts mehr verschweigen. Wenn es auch etwas schamlos klingt.«

»Schamloses wirst du mit ihm doch nicht verhandelt haben.«

»Nein, das wahrhaftig nicht. Aber ich war noch so dumm und wußte nicht aus noch ein … Und da klagte ich ihm, was ich – durch die Wand – immer hörte.«

»Damals bemerktest du's schon?«

»Ach, es war manchmal ganz fürchterlich! Und jetzt bin ich so stolz und so dankbar, daß es aufgehört hat … Und daß ich die Ursache bin … Aber einen Vorwurf mach' ich mir immerzu.«

»Und der wäre?«

»Was geb' ich dir statt dessen? Nichts. Rein gar nichts … Bloß du hast immer gegeben. Hast mich durchs Examen gebracht. Denn alle sagen, das Prädikat ›Gut‹ sei mir sicher … Aber du entbehrst gewiß die kleinen Freuden, die die leichtsinnigen Mädel dir machten.«

»Ich entbehre nichts, mein Kind, seit ich dich habe.«

»Doch, doch, doch! Sieh, ich bin erst neunzehnjährig. Aber ich bin so erfahren wie eine reife Frau. Du und die Sorge um dich – die haben mich sehend gemacht. Und ich weiß sehr gut, wie Männer sind und was sie brauchen … Ach, ich geb' dir so gern alles, was ich habe, aber wir dürfen ja doch nie zusammenkommen.«

»Darin hast du wohl recht, mein Kind.«

»Ach, nicht um meinetwillen, auf mich kommt's nicht an. Aber ich glaube – daß – daß – wenn ich mich in dich hineindenk' – und das kann ich ganz gut – du bist gar nicht so wild, wie es den Anschein hat … Du bist ganz gewissenhaft. Beinahe ängstlich bist du.«

»Woher weißt du das?«

»Nun, hätt' ich dann sonst wohl so bei dir aus- und eingehen können – abends und nachts – und wäre geblieben, so wie ich bin? Nein, – lieber – lieber – ja, wie sag' ich zu dir? – Professor kann ich doch nicht mehr sagen, und deinen Vornamen – –«

»Sag ›Freund‹, denn das bin ich.«

»Ja, das bist du, und das willst du auch sein. Und wenn du was anderes würdest, dann würdest du das als eine Schuld betrachten und es dir nicht verzeihen. Vielleicht wär's auch eine Schuld – aber die meine.«

›Um Gottes willen‹ dachte er. ›Das gibt's! So viel Hingabe gibt's. Und ich zaudre noch, sie mir fürs Leben zu eigen zu machen.‹

Aber ein Gegengedanke sagte ihm: ›Beirre sie nicht. Noch ist es zu früh für sie. Und auch du mußt erst am Ziele angelangt sein.‹

»Hör mich an, Kind«, erwiderte er. »Wir sind ineinander hineingewachsen und wissen selber nicht wie. Wir wollen uns beiden noch Zeit lassen. Was wird, soll uns recht sein. Aber an einem müssen wir festhalten: Kommen darfst du nicht mehr.«

»Doch«, sagte sie, und ihr Auge leuchtete in starkem Entschlüsse. » Einmal komm' ich noch. Du sollst der erste sein, der es erfährt. Das hab' ich dir doch gesagt, und das darfst du mir auch nicht verbieten. Diese eine Freude darfst du mir nicht verbieten. Sonst ist mir das ganze Examen nichts wert.«

»Gut«, sagte er. »Wenn du willst, dann soll es so sein. Und jetzt komm nach Hause.«

Sie sprang auf.

Durch das Fensterherz brach ein letzter Abendschein.

Fest an ihn geschmiegt, ging sie schweigend an seiner Seite, und er dachte an Herma, ihr gleichsam Rechenschaft ablegend über sein Tun.

 

Acht Tage verflossen.

Der Semesterschluß fiel mitten in diese Zeit. Wohl zwanzig Hörer waren ihm treu geblieben bis in die letzte Minute, ein Ergebnis, das nur wenige Lehrer zu buchen hatten.

Am letzten Tage hielt Pfeifferling ihn an.

»Sie machen sich mal wieder verdammt rar, Kollege!« rief er ihm zu. »Ich glaube, Sie sind, seitdem wir bei der Junkergesellschaft zu Gaste waren, nicht einmal in meinem Hause gewesen. Aber damit könnten wir schließlich warten. Jetzt besohlen Sie sich mal gefälligst die Socken und fahren Sie nach Berlin, wie der Stockfisch Ihnen damals ans Herz legte. Im Kultusministerium kucken sie schon längst mit Fernrohren nach Ihnen aus.«

Sieburth bedankte sich lachend, aber mit dem Fahren ließ er sich Zeit. Helenens versprochener Besuch lag ihm heiß in den Gliedern.

Ob sie abends, ob sie zur Nachtzeit kommen würde, war unbestimmt geblieben.

Der Sicherheit halber verließ er nach dem Abendessen die Wohnung nicht mehr.

Jenseits der Wand rührte sich nichts. Fast schien's, als habe sie die nächtliche Arbeit eingestellt, aber als er sich einmal gegen Mitternacht in den Hausflur hinausschlich, sah er das Schlüsselloch ihrer Tür so hell erschimmern wie damals.

Den Tag des Examenschlusses zu erfahren, fiel nicht leicht, wußte er doch nicht einmal, wie die Anstalt hieß, die sie besuchte. Also warten!

Und wieder kam eine Nacht heran, da er kundschaften ging und in ihrem Schlüsselloch immer noch Licht fand.

So lange sie arbeitete, war es noch nicht so weit.

Darum ging er gegen zwölf Uhr mit einem Buche zur Ruhe.

Aber so sehr war seine Ungeduld derweilen gewachsen, daß er zum Lesen keine Sammlung mehr fand.

Er löschte also die Lampe und ließ den Mondschein, der durch das Hoffenster drang, über Wand und Bettzeug dahinstreichen.

So mußte er wohl eingeschlafen sein. Und als er im Halbtraum hochfuhr, war es ihm, als hörte er leise tappende Schritte durch das Arbeitszimmer sich nähern.

Sie war's! Ja, sie war's!

In der Türöffnung stand ihre Gestalt – hoch, schmal, in belichteter, ungebrochener Linie.

»Helene!«

Da sank sie aufs Bett und über ihn hin.

»Ist es so weit?«

»Ja. Bestanden!« flüsterte sie. »Mit ›Gut‹ bestanden. Und du bist richtig der erste, der es erfährt. Mama habe ich vorgeschwindelt, der Schluß wird erst morgen sein. Sonst hätt' ich ja keinen Grund mehr gehabt, so spät noch vorne zu sitzen.«

»Ich gratulier' also schön.«

»Und ich dank' dir tausend-, tausend-, viel tausendmal!«

Ihr Mund fand den seinen und ließ ihn nicht wieder los.

Da, wie er die Arme um sie schlingen wollte, erkannte er, daß sie unter dem lockeren Kleide ganz nackt war.

Dessen Knöpfe lösten sich wie von selber, und als sie sich aufrichtete, sah er in glücklichem Staunen den lieblichen Leib sich schneeig entgegenleuchten.

Von unwillkürlicher Scham ergriffen, raffte sie vor dem Busen die Falten zusammen und warf sich von neuem über ihn hin, das Gesicht dicht neben ihm in den Kissen vergrabend.

»Helene, was tust du?« flüsterte er.

Und in sein Ohr gehaucht vernahm er: »Du hast gesagt, es habe dir Freude gemacht, mich – so – liegen zu sehen. Und ich hab' mir gedacht: Wenn es ihn wirklich freut, dann soll er's noch einmal haben. Und soll es haben, so oft er nur will.«

Seine Arme umgriffen unter der Hülle das blühende Fleisch. Und so lagen sie lange ganz regungslos.

»Höre«, sagte er dann leise in ihr Ohr hinein: »Heute, da du mein bist, will ich dich zur Vertrauten machen. Du sollst erfahren, was niemand auf Erden weiß. Es gab eine Frau, die ich sehr liebte. Wie sehr ich sie liebte, erkannte ich vielleicht erst, als sie tot war … Gesehen habe ich sie in den letzten zwei Jahren nur ein einziges Mal … Wie weit ich schuld bin an ihrer Todeskrankheit, kann ich nicht wissen, aber eins weiß ich: schuld los bin ich nicht … In ihrem und meinem Leben gab's eine Stunde, da lag sie ebenso nackt in meinen Armen wie heute du … Aber weil sie mich sehr darum bat, ließ ich sie gehen, wie sie gekommen war … Und ich habe es nicht bereut … Noch auf ihrem Sterbebette wollte sie mich glücklich wissen und wies mich an eine, die zu mir zu gehören schien – und vielleicht auch wirklich gehörte … Aber die ist nun abgetan … An deren Stelle bist du getreten … Du gibst mir heute als ihr Vermächtnis … Verstehst du, was das heißt?«

Sie antwortete nicht. Ihr Körper krümmte sich in verhaltenem Schluchzen.

Da, wie er fortfahren wollte, sah er in der Türöffnung, in der Helene soeben gestanden hatte – – war dort ihr Schatten zurückgeblieben? War es ein Nachtphantom? – Wahrhaftig! Da stand die Gestalt einer andern Frau.

Jäh fuhr er hoch. Helene gleich ihm.

Ein Schrei. Von drüben her, als wäre er dessen Widerhall, ein zweiter Schrei.

Und damit war das Phantom lebendig geworden. Mit wildem Satze sprang es vor, krallte die eine der Hände in Helenens Haar und säte mit der andern Ohrfeigen über sie hin. Klatschend bedeckten sie Wangen und Stirn und Hals und jede Stelle, die nackt und erreichbar war.

»Du Biest, du Kanaille, du Aas, du Hure!«

So gellte und bellte ihr wüstes Gezeter.

Jahrelang aufgespeicherte Eifersucht durfte sich endlich entladen.

»Glaubst du, ich hab' nicht gewußt, du Weibstück, daß gestern schon Schluß war? Es hat ja vorher in der Zeitung gestanden. Wie du mir aber vorlogst, er wird erst morgen sein, da wußt' ich: da steckt was dahinter … Und – und – wie ich 'reinkam, Hemd hast du liegen lassen, alles hast du liegen lassen, – das liegt nu so 'rum, du schamloses Biest!«

»Jetzt ist's genug«, sagte Sieburth, Helene, die sich zum Bett hin zurückgeflüchtet hatte, mit den Armen bedeckend. »Meine Verlobte laß' ich nicht länger beschimpfen.«

Da wandte sich die Wut der zur Megäre gewordenen Dulderin auch gegen ihn.

»Sie seien man ganz still, Sie Wüstling, Sie Menschenverderber! Von Ihnen kann ich Geschichten erzählen, daß der ganzen Stadt die Haut schaudern wird … Wer alles bei Ihnen geschrien hat jahraus, jahrein! Wem Sie alles Gewalt angetan haben! Wen Sie alles auf dem Gewissen haben … Ach Sie, Sie, Sie! … Und sich zuletzt auch noch über mein eigenes Fleisch und Blut hermachen … Was gibt es noch Dolleres an Schandtat? … Verlobt – hahaha, verlobt! Das möchten Sie wohl rasch noch so drehen, jetzt, wo Ihnen das Messer an der Kehle sitzt! Jawohl, das könnt' Ihnen so passen! Aber bis sie mündig wird, dauert es noch an die zwei Jahre, und bis dahin könnt ihr euch aufhängen, alle beide! Nebeneinander könnt ihr euch aufhängen, und ich schneid' euch noch nicht einmal ab.«

So tobte das Weib, das bis zu dieser Stunde ein elendes Überbleibsel widersinniger Hoffnung in sich genährt haben mochte, und Sieburth erkannte erschrocken, daß er wehrlos in ihren Händen war. Der Skandal, mit dem sie drohte, mußte ihm unweigerlich den Hals kosten, selbst dann, wenn er im Gröbsten gerechtfertigt daraus hervorging.

Ihm war, als säße ihm ein Knebel zwischen den Zähnen, als hätte man ihm Arme und Beine mit Stricken umschnürt.

Und als er aus diesem Dämmerzustand zum Vollbewußtsein seiner Lage zurückkehrte, fand er sich wieder allein.

Was nun?

Er stand auf, kleidete sich an und ging auf die Straße hinaus, weil er annahm, daß die nächtliche Märzluft ihm die zu Entschlüssen nötige Klarheit bringen werde.

Stundenlang irrte er auf den Straßen umher. Er zermarterte sein Hirn, aber nirgends fand sich ein Ausweg.

Mit dem ersten Morgengrauen kehrte er in seine Wohnung zurück und warf sich angekleidet über das Bett.

Als er aus wüstem Erschöpfungsschlaf in die Höhe fuhr, ging die Uhr schon auf elf. Im Arbeitszimmer stand auf dem Tisch das kalt gewordene Frühstück, das die Mutter ihm trotz allem hereingeschoben hatte.

Halbwegs zur Besinnung gekommen mußte sie sein, und darum beschloß er, auf der Stelle hinüber zu gehen und zu versuchen, ob sich irgend ein vernünftiges Nachgeben aus ihr herausholen ließe.

Als er eintrat, fand er sie vor der Maschine sitzen wie gewöhnlich, aber die Arme hingen schlaff an ihr nieder, und das Kinn lagerte auf dem hochgestopften Busen.

»Ich habe mit Ihnen zu reden, Frau Schimmelpfennig.«

»Das hab' ich mir gedacht«, erwiderte sie, ihn mit grellem Blicke anbohrend. »Bitte, nehmen Sie Platz.«

Sie stand auf und schleppte sich zum Sofa hinüber – eine zusammengefallene Ruine und kaum noch Weib zu nennen.

Er setzte sich und begann. Sprach von den heimlichen Arbeitsstunden, in denen ihm Helene immer lieber geworden sei, und daß er sie allzeit als unberührbar betrachtet habe, wie es sich seiner künftigen Braut gegenüber gezieme. Und dann hielt er in aller Form um sie an.

Ein schielend verbissenes Lächeln wich nicht aus ihrem Angesicht.

»Sind Sie fertig?« fragte sie.

»Ich erwarte Ihre Antwort«, erwiderte er.

»Die sollen Sie haben. Helene kommt heute noch aus dem Hause. Wo sie bleibt, das geht Sie nichts an. Sie werden es auch nicht erfahren. Zu Ihrer Bewerbung mach' ich so!«

Und sie spie aus.

»Sollten Sie aber versuchen, sie auszukundschaften und sich ihr wieder zu nähern, dann geh' ich zum Herrn Dekan und erzähl' ihm, was unter meinem Dache geschehen ist. Dasselbe hab' ich auch ihr angedroht, für den Fall, daß sie Lust kriegen sollte, Ihnen Briefe zu schreiben. Ich bin sicher, sie wird es bleiben lassen … Und wenn Sie glauben, daß – daß, wenn sie mündig ist, – daß – daß – sich das – dann ändern wird, dann sind Sie sehr auf dem Holzweg … Sie können auch Ihre Vergnügungen ruhig fortsetzen. Aber wo anders. Darum möcht' ich schön bitten … Als Sie zu mir zogen, haben wir vierteljährliche Kündigungsfrist ausgemacht … Ein Vierteljahr lang – von heute ab – kann alles so bleiben wie bisher … Sie werden Ihre Zimmer reingemacht finden. Sie werden Ihre Mahlzeiten auf dem Tische vorfinden. Ich werde auch jede Bestellung annehmen. Alles wie bisher. Aber auf unnütze Anreden werden Sie von mir keine Antwort mehr kriegen … Wann wünschen Sie heute Ihr Mittagessen, Herr Professor?«

Sieburth stand auf und ging grußlos zur Tür hinaus. Hier war nichts mehr zu hoffen.


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