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Achtzehntes Kapitel

Und dessen Folgen ließen nicht auf sich warten.

Die Mienen der Kollegen vereisten allmählich, ihre Ansprachen wurden seltener, flüchtiger; immer häufiger glitten sie ohne Händedruck, mit einem abgehackten Kopfnicken an ihm vorbei. Nur wo ein Gegenüberstehen schlechterdings nicht zu vermeiden war, fand sich ein notgedrungener Austausch gleichgültiger Redensarten.

Eine verbissene Spannung bemächtigte sich Sieburths. Allemal, wenn er die Hand auf die Türklinke des Versammlungszimmers legte, hatte er ein krampfiges Gefühl, das ihn zögern und zurückscheuen ließ.

Deshalb gab er darauf acht, so spät wie möglich einzutreten, so daß ihm gerade noch Zeit blieb, sich seiner Sachen zu entledigen, ohne daß er zu grüßen oder Umschau zu halten brauchte.

Der einzige, der sich immer gleich benahm, war Pfeifferling. Er versäumte nie, ihm die Rechte entgegenzuhalten, und manchmal ging sein Ruf: »Morgen, Kollege Sieburth!« über fünf, sechs Köpfe hinweg, die dann gleichsam erschrocken und mit schärfer betontem Gruße sich nach ihm umwandten.

Zu einem klaren Abbruch der Beziehungen ließ es nur Hildebrand kommen. Er schritt mit kühlem Sichverneigen an Sieburth vorbei und vermied auch dieses, wo es nur anging. Ein solches Verhalten entsprach so wenig dem harmlosen und geradsinnigen Charakter des Mannes, daß Sieburth folgern mußte, es hätten eheliche Aussprachen stattgefunden, die eine schweigende Verfeindung zwangsgemäß mit sich brachten. Das aber hatte er um Herma nicht verdient. Er war sich bewußt, ehrlich und rücksichtsvoll an ihr gehandelt zu haben. Keine wäre unberührt aus einem nächtlichen Abenteuer gleich jenem hervorgegangen, keine hätte von einem andern Manne ein gutwilliges Verzichten erreicht.

Und statt des versprochenen Dankes, statt zwiefachen Vertrauens kam ihm nun dies!

Sie war die einzige, der er grollte. Vielleicht weil sie die einzige war, an der sein Herz hing.

Nein, nicht die einzige! Zwar an Marion Follenius dachte er kaum – was er von ihr zu erwarten hatte, darüber gab er sich keinem Zweifel hin – aber eine andere schlich sich öfter und öfter in seine Gedanken. Das war Cilly Wendland. Und manches liebe Mal, wenn er über seinen Arbeiten saß und eine neue Erkenntnis ihm das Hirn durchblitzte, kam die Frage ihm nah: »Was würde sie dazu sagen?«

Aber sie weilte ja fern, und auch die Möglichkeit, von ihr zu hören, war ihm verschüttet.

Denn wie alle die Häuser, in denen er bisher ein gerngesehener Gast gewesen war, so schloß auch das Haus Wendland die Tür vor ihm zu.

Die winterliche Geselligkeit hatte längst begonnen, doch nie mehr verirrte eine Einladung sich auf seinen Tisch. Der Familienboykott, den der altgewohnte Kreis über ihn verhängt zu haben schien, wurde durch keinen gelegentlichen Ruf, keinen heimlich einlenkenden Wink mehr unterbrochen.

Neue Wohltätigkeitskomitees wurden gegründet und alte wieder aufgefrischt, volkstümliche Vortragszyklen kündeten ihre Wirksamkeit an – der ganze gemeinnützigtuende Kram des Geselligkeitsdranges breitete sich in Plakaten und Zeitungsannoncen aus, aber nach seiner Mitgliedschaft verlangte es niemanden mehr. Und niemand erinnerte sich daran, daß er so lange ein stets bereiter Kämpfer für das sogenannte Edle und Schöne gewesen war.

Wohl brachten alle diese Anzeichen Sieburth ein nagendes und bohrendes Gefühl, das ihm manche Minute des Tages verdarb. Aber von nachhaltigem Einfluß waren sie nicht. Sie demütigten ihn weder, noch empörten sie ihn; er ging mit einem Achselzucken darüber hinweg, bis ein Neues kam, das ihm für ein paar Augenblicke die Stimmung verdarb.

Fatal waren die einsamen Abende. Denn an die eigentliche Arbeit ging er meistens erst dann, wenn die Geräusche des endenden Taglebens erstorben waren und nur Nachtschwärmer und Trunkenbolde die Straße mit gelegentlichem Lärmen erfüllten.

Er selbst hielt sich fürs erste von allen Ausschreitungen fern, denn er sagte sich, daß in der neuen Lage, in die sein Schicksal ihn gedrängt hatte, ihm auch das geringste Kraft- und Zeitmaß vonnöten war, um künftigen Schwierigkeiten gewachsen zu sein.

Welcher Art sie sein würden, darüber war er sich noch nicht klar. Aber kommen würden sie, daran zweifelte er nicht.

Seltsam und tröstlich war's, daß seine Lehrertätigkeit noch nie so geblüht hatte wie gerade in diesem Semester.

Sein Privatkolleg über die Geschichte der neueren Philosophie war voll bis auf den letzten Platz. Und die öffentliche Vorlesung gar über den modernen Pantheismus fand mehr denn je Zuspruch weit über die studentischen Kreise hinaus.

Zu derselben Zeit trat die nicht mehr verschiebbare Pflicht an ihn heran, dem großen Hegelianer den versprochenen Nachruf zu schreiben.

Und sobald er deren Erfüllung begann, schwiegen alle Stimmen der Bitternis und des Gedankenzorns. So mächtig stand die Gestalt des ehrwürdigen Greises vor ihm, so lindernd wirkten die Eindrücke jener unvergeßlichen Unterredung in ihm fort.

Und unverwischt durch den Wirbel des jüngsten Erlebens leuchteten die Warnungsworte, die jener ihm ins Leben mitgegeben hatte.

Wie hatte er gesagt, als er von den in Unordnung Lebenden sprach? »Das geht, so lange es geht. Aber eines Tages – ganz unversehens – kommt irgendeine dumme Kleinigkeit, an sich durchaus unwürdig, beachtet zu werden, aber gerade die bricht ihm den Hals.«

Wahrlich! Hier schien ein Hellsehertum am Werke gewesen, ein Ahnen mindestens, das sich tief in die Wirrnis des weit dahinter liegenden Lebens zurückfühlte.

›Wäre er noch auf Erden‹, so dachte Sieburth, ›dann ginge ich jetzt zu ihm und spräche lachend mit ihm durch, was mich bedrückt und verärgert.‹

Und da er es nicht mehr war, so schenkte er ihm ein pietätvolles Gedenken, als wäre er ihm ein geistiger Vater gewesen. Und hatte ihn doch immer den »alten Idioten« genannt.

Von dieser Pietät durchdrungen war jede Zeile, die er niederschrieb. Eine Verherrlichung wurde es nicht, gewiß nicht, und immer wieder fand sich die Verwahrung, daß er selber mit den dargelegten Gedankengängen nichts zu schaffen habe, aber wohl noch nie ward einem Dahingeschiedenen von seinem Gegner ein solches Denkmal gesetzt.

Und Glück war's, daran zu arbeiten. Die Lampe strahlte noch einmal so hell. Zu wesenlosem Dunst zerfloß, was draußen feindselig lauerte. Aufgelöst in weichen Dämmer war die ganze grelle, hammerharte Welt.

Sechs Wochen dauerte die Niederschrift. Ein ganzes Büchelchen war es geworden, und als Buch sollte es auch erscheinen, sobald die philosophische Monatsschrift, in der der Platz dafür schon bereit stand, es gebracht haben würde.

»Nun ist mein Dichtertraum zu Ende«, sagte er, als der Schlußsatz geschrieben war. Und noch nie war das Wort, das Plato den Sokrates sprechen läßt, das Wort, daß Philosophie auch eine Poesie – und zwar die höchste – sei, ihm so nahe gegangen.

Die Weihnachtsferien kamen heran, und kein Lehrzwang führte ihn morgens den verhaßten Weg bis zur Versammlungszimmertür.

›Wie wär's, wenn ich statt dessen ihr zu begegnen suchte?‹ fragte er sich. Zur Messe ging sie wohl immer noch, wenn auch kaum so früh wie einstens im Sommer.

Sehr erquicklich würde das Wiedersehen nicht sein, darüber war er sich klar. Aber wenn er sie ansprach, mußte sie ihm ein Wort der Verständigung wohl gönnen, schon allein, um bei den Vorübergehenden kein Aufsehen zu erregen.

Und darum faßte er an einem Dezembermorgen zwischen acht und neun auf der Schloßbrücke Posto, genau so, wie er damals getan hatte.

An diesem Tage vergeblich – am folgenden auch – am dritten aber, während durch das winterliche Zwielicht halbflüssige Schneeflocken flogen, kam sie daher, langsam und versonnen, fast einer Schlafwandlerin gleich.

Obwohl sie verschleiert war und den Kopf tief in den Pelzkragen gemummelt hatte, erkannte er sie von weitem.

›Was wird werden?‹ schrie es in ihm.

Da erkannte auch sie ihn, und so unhörbar wie sein Schrei war auch der ihre, aber er fühlte ihn durch seinen ganzen Körper zittern. Er sah, wie sie wankte, wie sie die Augen schloß, wie sie haltsuchend die Linke nach dem Brückengeländer ausstreckte.

Und was tat er? Er kehrte sich kurzweg der entgegengesetzten Seite des Geländers zu, lehnte sich gegen die breiige Schneeschicht und betrachtete angelegentlichst die zerfließende Eisfläche unten, die kaum den Sperlingen Halt bot.

War es Mitleid? War es Feigheit? Er hätte es nicht zu sagen gewußt. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: ›Laß sie in Ruh! Du hast in ihrem Leben nichts mehr zu suchen.‹

Und als er wagte, ihr nachzuschauen, war sie im Gewimmel bereits verschwunden.

Ein paar Tage lang saß ein Bedauern in ihm, das fast einem Grame glich, dann schwand es dahin, angesichts seelischer Stürme, die, aus der Stille der Weihnachtszeit geboren, fegend über ihn hereinbrachen.

Auf einsamen Spaziergängen begann's.

Ewig am Schreibtisch konnte er nicht hocken, und gesellschaftliche Zerstreuungen, Teebesuche und dergleichen gab es in seinem Leben nicht mehr.

So trieb er sich also auf den Landstraßen umher.

Die Umgebung Königsbergs ist so reizlos, wie nur irgend eine Stadt des preußischen Flachlandes sie aufweist … Zu jedem der Festungstore strahlt eine Chaussee, mit niedrig gehaltenen Bäumen bepflanzt, in die ackertragende Ebene hinaus.

Vorstädte gab es damals noch nicht, nur hie und da hob eine Dampfmühle, eine Brauerei oder eine zur Eisenbahn gehörende Reparaturwerkstatt ihren knallroten Baukörper zum graulichen Himmel empor. Junge Saaten und alte Brachen, soweit das Auge reichte. Im Chausseegraben die letzten Überbleibsel der sommerlichen Pflanzenwelt, schlammig, verschrumpft und zerzaust, in den übriggebliebenen Schneeflecken halb vergraben, die sich zur Sohle hin in schmutziger Lache verloren.

Und über alles dahinwehend, als einziger Sieger in dieser verzagten, von Frost und Regen zuschanden gequälten und schon dreiviertel toten Welt, der Spätherbstwind. Zermürbend und erlabend, verwundend und heilend, erkältend und anfeuernd zugleich.

Geriet man in seinen Bereich, so duckte man sich, durchschauert von Mißvergnügen über seine strenge und herrischtuende Pöbelgewalt, aber bald fühlte man sich wohl unter seinen Rutenstreichen, und während man ihm in fröhlichem Trotze die Stirn bot, glaubte man sich von ihm beglückt und gestreichelt.

In dieser Stimmung wanderte Sieburth dahin, stundenlang, ganze Nachmittage lang. Selten ein Wagen, der ihm entgegenkam, noch seltener ein Wanderer gleich ihm, nur Krähen, vereinzelt oder in Schwärmen, als einzig Lebendiges weit und breit.

Und hieraus erwuchs ihm die neue Seelenkraft, mit der er die ihm auferlegte Fügung des Schicksals bekämpfte und abtat.

Was diese Fügung brachte, war kein Unheil mehr, kein Ausgestoßensein und kein Verkümmern. Im Gegenteil: Reichtümer ohne Maß und Zahl – Erkenntnisse von nie geahnter Innerlichkeit – Dionysosfeste voll jauchzender Dämonie, emportragend zu rauscherfülltem Wahnwitz, aus dem eiskalte Weisheit sich gebar – Gelegenheitswitz, der keine Schonung, Gelegenheitsliebe, die kein Wiedersehen verlangte.

Auf wen hatte er noch Rücksicht zu nehmen? Wer gängelte, wer bespitzelte ihn? Was er tat, war gut, weil's ihm gefiel.

Mochten sie sich die Mäuler reißen, die Herren Kollegen in ihren Sitzungen, an ihren Stammtischen, die Professorenweiber in ihren Kaffeekränzchen und Lesezirkeln, – das ganze wichtigtuende Geschmuse prallte unbemerkt an seiner Hinterseite ab.

Schmeißfliegen können lästig werden; die wurden auch das nicht einmal. Giftpfeile können treffen; was hier an Gift aus den Reden spritzte, floß wirkungslos zur Erde.

Freilich, seinen Weg zur Höhe konnten sie ihm verbauen.

Der Lehrstuhl Kants, der ihm seit langem sicher war, konnte einem andern angeboten werden.

Aber sie sollten es nur probieren! Sollten nur die Stirn haben, an ihm vorbeizugehen!

Noch hatte keine Nachricht sich in den Zeitungen gefunden, daß sie mit einem auswärtigen Gelehrten in Verbindung getreten wären, und seit dem Tode des großen Hegelianers war doch schon mehr als ein halbes Jahr verflossen.

Dieser selbst hatte in nicht mißzuverstehender Weise verheißen, sich für ihn einzusetzen, und seinem letzten Wunsche mit Nichtachtung zu begegnen, fand sicherlich keiner den traurigen Mut.

So konnte er der Entwicklung der Dinge ruhig entgegensehen, um inzwischen durch gesteigerte Lehrtätigkeit zu erweisen, daß er des ihm zugedachten Platzes mehr als irgend ein anderer würdig war, den man ihm zum Trotze vielleicht aus dem Reiche herbeiholte. – –

Eines Tages – in der Woche vor Weihnachten war's – da begegnete er Marion.

Er trat in die Buchhandlung von Gräfe und Unzer, um für Helene irgend ein Werk als Bescherung zu suchen, da stand er plötzlich neben ihr. Ein hoher Stapel von Weihnachtsbüchern lag vor ihr aufgeschichtet, und zwei, drei Angestellte waren diensteifrig um sie bemüht.

Noch hatte er sie nicht gesehen. Noch hatte er kein Wort aus ihrem Munde vernommen, und schon wußte er: ›Sie ist es.‹ So stark wirkte der altvertraute Hauch ihrer Nähe auf ihn ein.

Aber ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß er in ihr die unversöhnlichste seiner Feindinnen vor sich hatte, und darum unterließ er es wohlweislich, sich ihr bemerkbar zu machen.

Da wollte es der Zufall, daß ihr das Buch entglitt, in dem sie prüfend geblättert hatte, und ihm geradeswegs vor die Füße fiel.

Rasch bückte er sich, und während er es ihr darreichte, trafen sich ihre Augen.

›Schön ist die Kanaille‹, dachte er dabei.

Sie erblaßte, ihre Mundwinkel zogen sich hochmütig herunter, und das Buch vorsichtig wie mit der Zange anfassend sagte sie, als wäre er ein Ladendiener gewesen: »Oh, ich dänke seeehr!«

Da stach ihn der Hafer, und mit dem perfiden Lächeln, das jeder seines Umgangs an ihm kannte und fürchtete, erwiderte er, sich leicht verneigend: »Es war mir ein unleugbares Vergnügen, der gnädigen Frau noch einmal in diesem Leben dienstbar gewesen zu sein.«

Dunkle Röte flammte über ihr Gesicht, ihre Rechte machte eine zuckende Bewegung, als wolle sie sich ihm entgegenstrecken, und in ihre Augen trat eine Weichheit, die fast eine Bitte war.

Wohl mochte es ihr zum Bewußtsein gekommen sein, wieviel sie ihm von altersher verdankte und wie sehr sie auf seine Ritterlichkeit angewiesen war. Viel fehlte kaum, so wäre es zu einem einlenkenden Worte gediehen.

Doch ohne seinen Sieg auszukosten, räumte er den Platz und machte sich vor einer andern Buchauslage zu schaffen.

Als er den Ladenraum verließ, erkannte er nur an ihrem Wagen, der vor der Tür wartete, daß sie noch drinnen war.

Gallenbitter saß das Triumphgefühl ihm in der Kehle.

Hätte er der nach ihm hinzuckenden Hand um ein Weniges nachgeholfen, hätte er dem meisternden Hinweis auf Gewesenes ein paar versöhnliche Worte hinzugefügt, so würde sich ein Gespräch entwickelt haben, in dem ihre Feindseligkeit wohl oder übel die Waffen gestreckt hätte. Und dann wäre noch einmal alles in die Reihe gekommen.

Sie hätte ihn unter dem Tannenbaum ihren andern Gästen als Bescherung aufgebaut, und nicht einer wäre zu finden gewesen, der es gewagt hätte, ihn nicht mit etlicher Herzlichkeit zu begrüßen.

Aber er wollte nicht mehr.

Der trotzige Ingrimm, der in ihm festsaß, verschlang auch das leiseste Bedauern.

Der Weg, den man ihm aufgezwungen hatte, war längst schon zu einem freigewählten geworden.

Nur so erhob man sich über sein Schicksal.


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