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Viertes Kapitel

Die »Offizielle« war längst beendet. Die Uhr ging auf eins, und die Cheruskerkneipe fing an, sich zu leeren. Etliche »Bierleichen« wurden vorsichtig angefaßt, damit sie beim Erwachen nicht um sich schlugen, ihrer Couleur entkleidet – denn man durfte auf der Straße kein Ärgernis geben – und mit Mantel und Bibi zum Leichentransport fertig gemacht.

Die Spitzmaus, die eines angesoffenen Magenkatarrhs wegen nicht viel vertrug, drückte sich in aller Stille; darum konnte sie für weitere Heldentaten nicht in Betracht kommen.

Aber da war »Klafittchen«, der lustige Allerweltsbruder, und »Nuckel-Nuckel«, das unbesiegbare Bierschwein, das seine zwanzig Seidel aufsog mit derselben Wirkung, als wären sie Limonade gewesen, und der »feine Herr Petereit«, der es vor lauter Tadellosigkeit noch zu keinem Kneipnamen gebracht hatte.

Sie alle saßen sprungbereit, den Abend würdig zu vollenden.

Auch Fritz Kühne, der nach rühmlich ausgefochtenen Fuchsmensuren unlängst das Band erhalten hatte, ließ sich die Wirkungen der schweren Sitzung nicht im mindesten anmerken. Seine frischen Schmisse erglühten in höherem Feuer, sonst aber saß er aufrecht, seiner vorwurfsfreien Haltung stolz bewußt.

Fritz Kühne – kosend »Fritze« genannt – galt neuerdings als eine der Hoffnungen des Corps. Nicht allein, daß den Cheruskern in ihm ein erstklassiger Schläger erwuchs, er war auch sonst durch Schneid und patente Manieren angenehm aufgefallen.

Gewisse kleine Entgleisungen, wie sie bei Füchsen nun einmal unvermeidlich sind – so war er zum Beispiel eines Abends in voller Couleur auf der Proletenseite der Schlittschuhbahn bemerkt worden –, hatte man ihm nach entsprechender Rüge gerne nachgesehen und es kaum einmal übel vermerkt, daß er gelegentlich von Menschheitsrechten und Persönlichkeitsdrang und dergleichen Unsinn zu quatschen beliebte. Denn das sind Hörner, die man sich bald abgelaufen hat … Fataler war, daß er in Hinsicht des Kolleghörens von einem höchst bedenklichen Biereifer befallen war und sogar eine fällige Mensur hintangestellt zu sehen wünschte, weil sie ihm beim Schinden einer philosophischen Vorlesung – wozu brauchte ein künftiger Assessor Philosophie? – in die Quere zu kommen schien. Daß er in dieser Mensur den Gegner dann umso glanzvoller abgestochen hatte – und in einer folgenden ebenso –, mußte ihm natürlich zur Rechtfertigung dienen. Aber schlimm war es trotzdem, daß derlei Extravaganzen vorkommen konnten. – Immerhin: zwei Abfuhren nacheinander – man hatte mit ihm zu reden.

»Hör mal, Fritze«, sagte Klafittchen, »da du zu nachtschlafender Zeit noch so forsch bist und überhaupt tust, als ob du nicht von Rechts wegen noch ein schäbiger Fuchs sein müßtest –«

»Noch einen Ton – und ich seng' dir einen Bierjungen auf!« drohte Fritz.

»Laß man«, beschwichtigte Klafittchen gemütlich. »Wenn du noch Durst hast, kannst du dich ja an Nuckel-Nuckel wenden. Der trinkt dich so fix und gemütlich untern Tisch, daß du grad' noch Zeit hast, dein Bierseidel für 'n Nachttopf anzusehen.«

»Bitte höflichst«, lud Nuckel-Nuckel ein. »Zu jeder Schandtat bereit.«

Aber mit dem anzubinden, hatte keinen Zweck, und darum gab sich Fritze zufrieden.

Und Klafittchen fuhr fort: »Wir meinen's nämlich gut mit dir, mein Sohn, und haben die Absicht, dich in einige Geheimnisse der Haupt- und Residenzstadt einzuweihen, die euch Renoncen wegen der Gefahr mangelnder Haltung bisher strengstens verschlossen waren. Darum leg mal Mütze und Band ab, hülle dich in Räuberzivil, und dann kann's losgehen.«

Einen Hut hatte jeder in der Garderobe hängen, und was auch geschehen mochte: die Ehre des Corps blieb gewahrt.

Die Straßen waren dunkel und leer. Nur hier und da leuchteten die Fenster einer spät offenen Spelunke in gastlichem Glanze. Nur hier und da zog ein mehr oder minder angetrunkener Nachtschwärmer pfeifend seines Wegs.

Auch ein paar »Büchsiers« kamen daher – in Farben natürlich und mit ihren Tändelstöckchen Tiefquarten durch die Nachtluft ziehend.

Man erkannte sich gegenseitig und ging sorgsam ausweichend aneinander vorüber. Bei jenen war es der selbstverständliche Respekt, der ein Rempeln verwehrte, bei den Cheruskern dagegen das wegwerfende Gefühl, daß es unbequem sei und auch zuviel Ehre bedeute, sich mit derlei Leuten gegnerisch zu befassen.

Vor einer Schifferkneipe auf der Lastadie machte man halt. Trunkenes Gröhlen drang heraus.

»Wenn wir gerade Lust zum 'rumbolzen haben«, sagte Klafittchen, »sind Matrosen ein lohnenderes Objekt.«

»Ich habe gehört, die Kerls ziehen leicht ihre Klappmesser«, warf Fritz ein.

»Das mag wohl vorkommen«, erwiderte Nuckel-Nuckel mit Herablassung, »aber um sie zu führen, sind sie schon immer viel zu besoffen.«

»Außerdem«, setzte der feine Herr Petereit hinzu, »entwaffnen wir sie durch unsere Höflichkeit.«

So trat man ein. Ein angriffslustiges Hallo schallte ihnen entgegen. Der Rauch war so dick, daß man ihn mit dem Messer hätte durchschneiden können. Aus dem blaugrauen Nebel tauchten rundrote Gesichter auf und feuerspritzende Blicke.

»Was habt ihr hier zu suchen, ihr dämlichen Studentenjungens?« schrien Stimmen, von Alkohol heiser und knarrig.

Nun trat der feine Herr Petereit in Aktion.

Er lüftete seinen Hut in einem schwebenden Bogen, machte einen gleichfalls bogenförmigen Bückling und sprach in einem Tone, als beträte er das Kasino eines Garderegiments: »Wenn die Herren uns gütigst an ihrem Tische eine kurze Gastfreundschaft gewähren wollten, so würden wir ihnen in steter Dankbarkeit verbunden sein.«

Ein Schweigen entstand. Auf diese Art der Anrede wußte niemand eine Erwiderung.

»Na denn man 'ran«, sagte schließlich einer sich fassend und rückte zur Seite. Auch andere Stühle wurden verschoben, und zuletzt ergab's sich, daß alle vier an dem gefüllten Tische Platz fanden.

Herr Petereit, immer formell, hielt darauf, sich vor dem Niedersitzen vorzustellen.

»Mein Name ist Päkerinski«, sagte er. »Abstinentiae Onaniaeque.« Die beiden andern nannten ihre Kneipnamen, und nur Fritz begnügte sich mit einer Verneigung. Ihm war sehr beklommen zumute. Sobald die drüben merkten, wie sträflich sie angeulkt wurden, mußte die Schlägerei unweigerlich ihren Gang nehmen.

Aber vorläufig schienen sie von der neuen Situation noch ganz überwältigt.

Es waren ihrer fünf oder sechs. Junge, dralle Burschen. Wetterbraun und aufgewichst. Einige in Schiffermützen und mit nackter Brust, andere in reinlicher Festtagskleidung mit rotseidenen Halstüchern und der Kriegsmedaille im Knopfloch.

Sie füllten den geräumigen Sofatisch, über dem eine Hängelampe dunstete. Der übrige Raum war leer. Nur in der Ofenecke saß ein einsamer Gast mit mattblondem Langhaar und einer rundgläserigen, blauen Brille, der scheinbar teilnahmslos über seinem Grogglase brütete.

Auch die Cherusker bestellten Grog, den der massiv gebaute Wirt, der richtige Raußschmeißknüppel, kaum daß das Wort gesprochen war, Barzahlung verlangend vor sie hinschob.

Die andern tranken einen wasserhellen Korn- oder Pflaumenschnaps, den sie sich mit hineingeworfenen Zuckerkandstückchen versüßten. Bevor sie noch recht zur Besinnung gekommen waren, nahm Klafittchen das Wort.

»Silentium!« kommandierte er. »Wir singen nunmehr das schöne Lied: ›Mensch, komm mit mir aufs Schwurgericht.‹«

Und er begann mit seiner gegerbten Grölstimme:

»Mensch, komm mit mir aufs Schwurgericht!
Dort schwör'n wir alle beide
Dem Richter treu ins Angesicht
Die allerschwersten Eide.«

»Die allerschwersten Eide«, wiederholte noch zagend der Chor, und Klafittchen fuhr fort:

»Wir sind gewärtig jeden Winks,
Wir sind gewitzt und tüchtig.
Wir schwören rechts, wir schwören links
Und manchmal sogar richtig.

Die Rücksicht drauf, was einst geschehn,
Ward uns noch nie zur Bürde,
Den Eid, den möcht' ich kommen sehn,
Den ich nicht schwören würde.

Und daß es mal mißglücken kann,
Macht keinem graue Haare,
Da nimmt der Staat sich unsrer an
Auf mindestens zwei Jahre.

Drum komm mit mir aufs Schwurgericht
Und heb die Vorderflosse,
Dann erst erfüllst du deine Pflicht
Als Mensch und Zeitgenosse.«

»Als Mensch und Zeitgenosse!« dröhnte es jubelnd durch den Raum. Und selbst der stille Mann in der Ofenecke lachte mit leisem Schütteln des Körpers ruckweise vor sich nieder.

Langsam hatten die schlichten Gemüter der Schiffsleute den Sinn des Bierulks begriffen, und die Cherusker durften sich mit Recht als Sieger fühlen.

»Mehr, mehr, mehr!« brüllten etliche Stimmen.

Klafittchen, der Dutzende solcher Dinge auswendig wußte, ließ den Kantus vom »Fidelen Kaninchenstall« und dann den vom »Frommen Feueranbeter« steigen, der in den Kehrreim auslief:

»Die Schwefelhölzer sind teuer,
Drum hab' ich mein eignes Maschinchen;
Draus schlag' ich das heilige Feuer
Für Lieschen, für Malchen und Minchen.«

Von nun an waren sie für eine Weile ein Herz und eine Seele. Sie schlangen sogar die Arme durcheinander und »schunkelten« selig, als wären sie seit Ewigkeiten befreundet gewesen.

Doch dieses Glück war nicht von langer Dauer.

Einer der Seeleute, dessen Zärtlichkeit für die Hinzugekommenen keine Grenzen mehr kannte, verlangte, da sie mit ihm auf einer »Beibank« säßen, müßten sie, um ihre Aufrichtigkeit zu beweisen, auch dasselbe Maß mit ihm »lenzen«, und streckte dem feinen Herrn Petereit, der sein Nachbar war, sein unappetitliches Schnapsglas entgegen.

Und als Herr Petereit daraus zu trinken sich weigerte, da war das Unglück da. Wütend sprangen die Schwergekränkten auf.

Wer nicht mit ihnen saufen wolle, der sei ein »Hundsspünt«, man möge fix den »Blauen Peter hissen«, sonst gäb's eins in die »Klüsen«.

So wirbelten die unverständlichen, aber nicht mißzuverstehenden Drohungen wüst durcheinander.

Vergebens schob der Wirt seine nackten, knotigen Arme trennend zwischen die beiden Parteien.

»Weg, Baas!« – »Runter von Deck!« so hieß es drüben, und wenn auch nicht die Messer, so wurden doch ein paar Schlagringe gelüftet, die unheilverheißend zwischen den Knebeln auftauchten.

Die Katastrophe schien unausweichlich. Da ertönte plötzlich eine fremde hellere Stimme in das Lärmen hinein.

Der blaubebrillte, stille Mann in der Ofenecke hatte sich erhoben und war hinter sie getreten.

»Meine Herren Studiosen«, sagte er, »wehren Sie sich nicht. Die tapferen Steuerleute haben ganz recht. Wenn man nicht mit ihnen trinken will nach ihrer Art, so gerät man dadurch in den Verdacht, daß man sie nicht gebührend hochachtet. Sehen Sie mich an. Ich habe nicht die Ehre gehabt, mit ihnen an einem Tische zu sitzen, aber ich nehme nicht den mindesten Anstoß, ihnen Bescheid zu tun.«

Damit reckte er sich an den Cheruskern vorbei, ergriff eines der dickwandigen Schnapsgläser, die auf dem Tische herumstanden, sagte »Prosit, die Herren!« und leerte es auf einen Zug. Sogar die Zuckerkandstückchen schluckte er mit hinunter.

»Bravo, bravo!« erschallte es drüben, und drei oder vier hornige Pratzen streckten sich ihm entgegen.

Fritz hatte schon bei seinen ersten Worten hoch aufgehorcht. Die Stimme kannte er doch, und als die Hand, eine zarte, schmale, milchgläserne Hand, sich nach dem Schnapsglase ausstreckte, erkannte er sie auch.

Erschrocken wandte er sich um.

Das am Kinn dünnbebärtete, von langen, schütteren Haarsträhnen umgebene Gesicht, die über die Stirn in zwei Zoll langen Fransen bis in die Nähe der blauen Brillengläser niederfielen, erschien ihm fremd, ganz fremd.

Aber da hörte er auch schon dicht an seinem Ohr die leisen, eindringlichen Worte:

»Nichts verraten, Mund halten!«

Von nun an war kein Zweifel mehr möglich.

Rasch trat er zur Seite und überließ dem Professor seinen Platz.

Der schüttelte nachdrucksvoll die treuherzig zugreifenden Hände, von denen die Schlagringe schleunigst verschwunden waren, und fuhr dann fort: »Andererseits, meine werten Herren Steuermänner, müssen Sie in Betracht ziehen, daß an Land eben andere, wenn auch leider recht schlechte Sitten herrschen, mit denen Sie Nachsicht üben sollten. Und darum würde ich vorschlagen, wir suchen zwischen den sich anziehenden und wiederum sich abstoßenden Kräften sozusagen das Gravitätszentrum – Sie verstehen mich doch?«

»Aber ja doch! Nu jawohl!« rief man drüben voll Eifer.

»– und brauen uns, um diesem Gedanken Realität zu verleihen, ein beiden Teilen gutschmeckendes, sozusagen neutrales Getränk, etwa einen steifen Punsch von Arak mit Portwein – was meinen Sie dazu?«

»Bravo! Bravo!« erschallte es drüben.

»Dabei vertragen wir uns dann wieder, und zum Zeichen dessen trinken wir alle die Brüderschaft, zu der wir als Mitmenschen sowieso bestimmt sind … Wär' doch 'ne Sache – was?«

»Bravo – bravo – famos – bravo!« riefen die Seeleute.

Die Cherusker waren wenig begeistert. Denn jedem von ihnen stieg – gleichsam automatisch – der Gedanke hoch, ob das »Haltung bewahren« hieß, und was gegebenenfalls das Corps dazu sagen würde.

Aber sie trugen ja nicht Couleur, und Konsequenzen waren nicht zu befürchten.

Darum stimmten auch sie bald lachend zu, und der neue Freundschaftsbund wurde besiegelt. – – –

Als sie nach einer heftigen Sitzung gegen drei Uhr morgens aufbrachen, hatte jeder von ihnen einen schwer bezechten Matrosen am Arm, der beim Abschied den neuen Bruder abzuküssen bestrebt war. Und an dem Professor hingen sogar ihrer zwei, die ihm lallend klarzumachen versuchten, es sei noch nicht zu spät für ihn, und da er von Schiffahrtskunde so bannig viel verstünde, könne er's in nicht allzu langer Zeit bis zum Vollmatrosen bringen.

Er wiederum wies auf die Brille hin, die ihm beim Dienst Hindernis sein würde, und damit gaben sie sich schließlich zufrieden.

Die Laufplanke brachte er sie noch hoch – erst den einen, dann den andern, und als die Wache sie in Empfang nahm, weinten sie bitterlich.

Fritz war die ganze Zeit über voll ängstlichen Staunens in des Professors Nähe geblieben. Angetrunken war er gewiß, aber doch nicht so sehr, daß er die Ungeheuerlichkeit dieses Zusammenseins nicht zu würdigen gewußt hätte.

Der bewunderte, vergötterte Lehrer, dem er sich in erschauerndem Respekt bisher kaum zu nähern gewagt hatte, als Saufkumpan allen Fez mitmachend, ja sogar den Anführer spielend – wenn ihm das heute einer prophezeit hätte, er hätte ihm sicherlich aufgesengt, die Blasphemie zu strafen, die dieser Gedanke in sich schloß.

Nun, da die Matrosen verschwunden waren, standen sie auf der Hafenmole alle vier dem Fremden gegenüber, und Nuckel-Nuckel, der natürlich auch jetzt noch stocknüchtern war, nahm das Wort: »Wir sind Ihnen, sehr geehrter Herr Bruder –«

»Dir – dir – dir«, schrie Klafittchen dazwischen, der einen nach Vertraulichkeit hindrängenden Dunstschädel hatte.

»Also meinetwegen ›dir‹«, fuhr jener fort, »gewiß einen Mordsdank schuldig für die Geistesgegenwart, mit der du uns aus jener sengerigen Lage befreit hast. Und da du damit gewissermaßen unser Räuberhauptmann geworden bist, so frage ich dich jetzt händeringend: Was fangen wir mit dem angebrochenen Nachmittag an?«

»Das ist doch höchst klar«, erwiderte statt seiner der feine Herr Petereit. »Wir widmen uns den Damen.«

»Sehr richtig«, stimmte Klafittchen zu. »Auf, nach Walhall!«

Fritz schaute begierig nach dem Professor hinüber, der immer noch äußerlich seine lächelnde Ruhe bewahrte, aber, wenn man schärfer hinsah, ebenso angetrunken war wie sie alle. Nur daß sein Rausch eine andere Form hatte, beherrschter, beredter und weniger ekstatisch war als bei ihnen.

»Walhall, sagt ihr?« fragte er. »Glückliches Volk, das ihr seid, das Bordell dem Himmelreich gleichzusetzen. Wenn ich mir die Freude des Paradieses ausmalen wollte, dann wär's eine Juninacht und ein Heuhaufen auf der dämmrigen Wiese, und eine drallbeinige Scharwerksmagd mit mir hineingewühlt. Sie könnte eine Mopsnase haben, und pockennarbig könnte sie auch sein, mir würde sie dadurch nur sympathischer werden.«

»Und ich wünsche mir eine blauseidene Steppdecke und die Königin von Italien darunter«, sagte Herr Petereit, worauf die andern ihn natürlich wegen seiner Feinheit verhöhnten.

»Eine Königin kann ich euch nicht anbieten«, sagte der Professor, »aber eine Madonna weiß ich. Die stell' ich euch zur Verfügung, wenn sie nicht grad schon jemand selig macht.«

Darob waren die andern gleich Feuer und Flamme, und die kleine Schar, vom Professor geführt, setzte sich in Bewegung. Nicht nach jener geheimnisvoll berühmten kleinen Gasse, die sich gegenüber der Steindammer Kirche nach den Kliniken hin abzweigt und heute, harmlos geworden, auf den harmlosen Namen »Nikolaistraße« hört, sondern im Bogen daran vorüber nach dem Heumarkt zu, wo in weitem Umkreis schlichte Bürgerlichkeit regierte.

Vor einer geschweiften und gebuckelten Haustür hielt der Professor an.

»Bei Tag ist es ein Zigarrengeschäft«, sagte er, auf den herabgelassenen Rolladen weisend, der links daneben ein breites, bis auf den Boden reichendes Fenster bedeckte. »Bei Nacht entwickeln sich erst die höheren Talente.«

Und er klopfte mit dem Stockknauf dreimal in eigentümlicher Weise gegen die Türfüllung.

Es dauerte eine Weile, ehe der Schlüssel sich drehte. Eine würdige Dame, mit weißer Nachthaube und blau gestricktem Unterrock dürftig gekleidet, lugte vorsichtig durch den Spalt der sich öffnenden Tür.

»Um Jesu willen«, flüsterte sie, »meine jungen Mädchen schlafen schon lange. Wir sind ein solides Haus. Das müssen die Herren doch wissen.«

Aber schon hatte Nuckel-Nuckel, der in schweigsamer Nachdrücklichkeit überall eingriff, wo Energie nottat, seinen Fuß zwischen Türflügel und Türrahmen geschoben, und wortlos stieg einer hinter dem andern die Treppe hinan, die, wenige Schritte hinter dem Eingang beginnend, zum ersten Stockwerk emporführte.

Der Professor, der sich in der Dunkelheit des oberen Hausflurs ohne Mühe zurechtfand, öffnete die Tür zu einem gleichfalls unerhellten Raume, aus dem ein aufdringlicher Geruch von Patschuli und türkischem Tabak den Eintretenden entgegenschlug.

Die würdige Dame kam wehklagend hinterdrein. Man solle den armen Dingern doch ihre Nachtruhe lassen, und außerdem werde der Bäcker bald öffnen, und wenn man beim Weggehen gesehen würde, sei es um den guten Ruf des Hauses geschehen.

Aber derweil zündete sie eilfertig die Tischlampe an und legte einen abgegriffenen Zettel, der die Aufschrift »Weinkarte« trug, umständlich vor die Wartenden hin.

Dann schlurfte sie hinaus.

Fritz Kühne, den die Anwesenheit des Professors an dieser Stätte von einem Augenblick zum andern mehr beengte, wagte gerade noch, Umschau zu halten.

Er sah eine rotblumige Polstergarnitur und eine niedrige Chaiselongue mit weißen, langhaarigen Fellen davor. Er sah Öldrucke mit kühnen Rittern und tugendsamen Mägdlein darauf und, wohl um dem genius loci gerecht zu werden, eine von Amoretten belagerte Venus, die sich eine Art Wolkendecke schämig über die Schenkel hinaufzog. Aschenschalen in allen Formen und Nachahmungen waren durch den Raum verstreut, und Würfelbecher standen einladend dazwischen. Der Professor hatte sich in die Sofaecke geworfen und sah, soweit die blaue Brille erkennen ließ, in lächelndem Forschen von einem zum andern.

Auch Fritz maß er bisweilen mit einem gleitenden Blicke, aber bis auf jene ersten in der Schifferkneipe ihm zugeraunten Worte hatte er noch nicht das mindeste Zeichen von sich gegeben, daß er des Bandes eingedenk war, das sie beide vereinte.

Die andern, die sich ringsum in den Sesseln wälzten, begannen ungeduldig zu werden.

»Wo bleibt sie denn, deine berühmte Madonna?« fragte vorwurfsvoll Herr Petereit, und Klafittchen setzte hinzu: »Wenn das noch lange dauert, dann geh' ich lieber Pudel flöhen.«

Der Professor zog an einer leergerauchten Zigarettenhülse und ließ sie schelten.

›Jetzt muß er sich doch endlich um mich kümmern‹, dachte Fritz, aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, wer von der Bekanntschaft keine Ahnung hatte, mußte glauben, daß der Professor ihn als den Jüngsten und Unreifsten geflissentlich übersah.

Und endlich öffnete sich die Tür, die zu den verschiedenen Paradiesen führte, und ließ drei Mädchen herein, die mehr oder minder schlaftrunken sich gequält und mühsam näherschoben.

Die erste, die anspruchsvollste und meistbegünstigste, wie es schien, in langem, spitzenbesetztem Pudermantel und hellblauen Seidenstrümpfen darunter, mit rotaufgetürmtem Haarschopf und einem durchsichtig weißen, sommersprossigen Gesicht, in dem zwei müde glühende, dunkelbewimperte Augen saßen.

Die zweite, klein, üppig und brünett, in türkischem Schlafrock, mit Hakennase und dicht zusammengewachsenen Brauen, Kind eines östlichen Ghettos offenbar und auf den weltumspannenden Bahnen des Mädchenhandels hierher verschlagen.

Die dritte, am unscheinbarsten, am wenigsten aufs Gefallen hergerichtet, in weißem kurzen Nachtjäckchen und ebensolchem Unterrock, die schlanken, schmalfeßligen Beine in schwarzen Wollstrümpfen steckend.

Aber das war sie, das mußte sie sein – sie, um derentwillen sie alle gekommen waren. Ein stilles, edelgefügtes Gesicht mit blauen, in Müdigkeit erloschenen Augen, mit schmalen, rundbogigen Brauen darüber. Schlicht gewelltes Blondhaar, glatt über die Ohren gestrichen – ein weicher, erblaßter Mund, dessen Lippenwinkel ein gutwilliges Lächeln emporzog – der Körper hochschlank und feingliedrig mit zartem, noch ungesenktem Busenansatz – alles zusammen ein Bild rührend lieben, wehrlosen Magdtums, das als Hohn auf alles Menschenschicksal an dieser Stätte sich verblutete.

Fritz fühlte bei ihrem Anblick sein Herz höher schlagen. Ob aus Mitleid, ob aus Sehnsucht – nach ihr oder der Schwester, die ihr glich und nicht wie sie im Schlamme verkam – er wußte sich keine Rechenschaft darüber zu geben. Er wußte nur eines: ›Das ist sie, und ich muß sie einem andern lassen.‹

»Nun, hab' ich zuviel versprochen?« hörte er des Professors Stimme.

Da gab es einen Schrei, einen kleinen, heißen Freudenschrei, und die, nach der alle Blicke sich wandten, hing an des Professors Halse.

»Sie, Sie – ach Sie!« mehr sagte sie nicht. Und dann immer wieder: »Ach Sie, ach Sie!«

Er war aufgestanden und streichelte sie. Das weiche, beinahe zärtliche Lächeln, das man ganz selten an ihm sah, glitt über seine Backen. Und dann streichelte sie ihn wieder – erst nicht recht wagend, die Hände – lange, rote, ungepflegte Hände – zu seinem Gesichte zu erheben, dann in vorsichtigem Bogen um den Kinnbart herum – ›sie weiß, daß er falsch ist‹, dachte Fritz – und schließlich, als der Professor sich auf die Chaiselongue gesetzt hatte, seine Schultern leise berührend wie jemand, der seines Besitzes noch nicht recht sicher ist.

Die beiden andern Mädchen hatten vergebens versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Erst als die Hausmutter, die ihres Leibes Fülle rasch mit einem brokatnen Morgenrock umkleidet hatte, sie durch heimliche Winke ermunterte, die Weinkarte den Gästen nicht länger vorzuenthalten, traten sie energischer in die Erscheinung.

Und nun erkannten Nuckel-Nuckel und der feine Herr Petereit, daß auch sie ihre Meriten hatten.

Der Wein, ein grellsüßer Südwein – der einzig vielleicht genießbare, wie der Professor gesagt hatte – blinkte rotblond in den groben, auf Unzerbrechlichkeit hin gearbeiteten Gläsern. Der eiserne Ofen, den die Hausmutter frisch angeheizt hatte, schickte wohlige Gluten durch das durchkältete Zimmer. Des Professors Freundin hatte sich in deren Bereiche auf den weißen Fellen niedergelassen, lehnte den Kopf an seine Kniee und streichelte seine linke Hand, die ihren zarten Säulenhals liebkosend umfaßt hielt.

Ein lösender, seligmachender Friede lag auf ihren regelmäßigen, fast zu regelmäßigen Zügen, die der Flammenschein rosig verklärte. Mit halb geschlossenen Augen lächelte sie vor sich hin.

›Nun ist sie die Madonna selbst‹, dachte Fritz, der keinen Blick von ihr zu lassen vermochte.

Die beiden anderen Paare, die sich inzwischen weiter verständigt hatten, schickten sich an, zu verschwinden, und die Hausmutter wies ihnen sorglich den Weg.

Der Professor, Fritz und Klafittchen blieben mit dem Mädchen allein, an das keiner außer jenem sich herangewagt hatte. Denn ältere Rechte wurden heilig gehalten.

»Nun, meine verehrungswürdigen Brüder«, begann er. »Was sagt ihr zu einer solchen Situation?«

»Laß uns erst deine Ansicht hören«, erwiderte Klafittchen. »Du bist glücklicher Besitzer und hast deswegen das Vorrecht.«

»Was ist Ansicht?« lachte er. »Nur die Dummen haben eine Ansicht, wobei ich den Ton auf eine gelegt haben will. Die klugen Leute haben deren mindestens zwei. Damit können sie immer vorwärts und rückwärts fahren, und wenn sie kein Glück haben, landen sie schließlich damit auf dem Misthaufen.«

»Was heißt Misthaufen?« fragte Klafittchen.

»Misthaufen heißt der Sockel, auf den die Überzeugungstreuen denjenigen stellen, der nicht stumpfsinnig genug ist, die Dinge wie sie nur von einer Seite zu sehen.«

»Ich denke, ein Mensch ohne Überzeugung –«

»– gehört auf den Misthaufen; ich sagte es ja.«

»Wenn ich nicht soviel Alkohol in mich hineingepumpt hätte«, warf Klafittchen ein, der sonst zu den Gedankenfixen gehörte, »würde ich dich mit deinen Sophismen schon abzuführen wissen. Aber morgens um vier in einem Puff – –«

»Warum nicht?« lachte der Professor. »Der Zeugungsakt ist immer etwas Heiliges, also zeugen wir Gedanken!«

»Dann erklär dich deutlicher, Herr Bruder und Mitschwein! Willst du etwa der Gesinnungslosigkeit das Wort reden?«

Der Professor zog leise die Hand vom Halse des Mädchens zurück, das den Kopf auf seinem Schoß gebettet hatte und, von Wärme und Wohlsein überwältigt, mit dem Einschlafen kämpfte. Er nippte an seinem Glas, legte sich gegen die Lehne des Ruhebettes zurück und sagte: »Es gibt einen Philosophen bei uns in Deutschland, sonst ein tüchtiger Denker sogar, der hat ein Buch geschrieben, das heißt: ›Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht.‹ Den Titel will ich mal adoptieren, aber nicht mehr. Denn was drin steht, ist christgläubige Idiotie.«

›Mit Giordano Bruno hat er's genauso gemacht‹, dachte Fritz.

»Jedes Ding auf Erden hat nämlich seine Tagesansicht und seine Nachtansicht. Um vier Uhr morgens in einem Bordell denkt man anders als um vier Uhr nachmittags beim Familientee, und eines hat dieselbe Berechtigung wie das andere.«

Klafittchen sagte zweifelnd: »Na, na.«

»Ich will versuchen, es euch zu beweisen«, fuhr der Professor fort. »Zum Beispiel die Frau! Nicht wahr: die Frau! In dem Begriffe liegt ein ganzer Komplex von wohltätigen und fördersamen Gedanken und Gefühlen … Tugend. Treue. Hingabe. Lebensgemeinschaft. Mutterliebe. Schwestersegen. ›Das Ewigweibliche zieht uns hinan.‹ … ›Willst du genau erfahren, was sich ziemt‹ … Und so dergleichen … Darüberhinaus im Reich der Illegitimen: Belebung der Phantasie. Reiz der himmelentstiegenen Schönheit. Lebensfülle. Heroisches Spiel mit der Gefahr. Und weiß der Teufel was sonst … Das ist die Tagesansicht. Und nun die Nachtansicht – verkörpert durch die Hure!«

Das Mädchen, das eingeschlafen war, richtete sich erschrocken auf und schaute mit stierentsetzten Augen ihm ins Gesicht. Das Schimpfwort, das oft gehörte, hatte es aus seinen Träumen aufgepeitscht.

Er legte begütigend die Hand auf ihren Scheitel. »Schlaf weiter, Kind«, sagte er. »Dich mein' ich nicht.«

Und sie, rasch beruhigt, legte sich folgsam wieder zurecht. Ihre halbentblößten jungen Brüste hoben und senkten sich von neuem in der wohligen Gefangenschaft seiner Nähe.

»Ich will das Wort vermeiden«, fuhr er fort, »damit es sie nicht kränkt. Ihr könnt's ja ersetzen, wo es hingehört. Sie ist Wohltäterin, sie ist Erlöserin geradeso wie jene. Ohne sie wären wir Spielball wüsten Begehrens und noch wüsterer Stillung. Arbeitsfrieden. Gedankenkraft. Beruhen in sich selbst. Zielsicherheit. Freisein von Leidenschaftsfesseln und von verfrühter Ehrlichkeit. Und vor allem eins: Hohn, Hohn, Hohn gegenüber den Kleinkünsten gänsehafter Koketterie. Das alles schenkt uns die – sagen wir euphemistisch – die Hetäre … Sie gibt uns ihr Alles. Es gilt ihr nicht mehr viel. Gleichgültig! Ihr Alles ist es doch. Und was geben wir ihr dafür? Ein paar Groschen. Kaum mehr, als ein Mittagessen uns kostet … Wir nehmen sie hin und vergessen sie im Augenblick darauf, um zu uns selber zurückzukehren … Bedeutet das nichts? Bedeutet das nicht viel mehr: Intaktheit der eigenen Persönlichkeit? … Und da wollt ihr Tages- und Nachtansicht nicht gleichwertig nebeneinander bestehen lassen?«

Klafittchen schwieg.

Fritz, der dem Professor gierig, inbrünstig zugehört hatte, suchte eilends in der Rüstkammer der Gedanken nach, die dessen Vorlesung während des Winters ihm geöffnet hatte.

Zum erstenmal wagte er eine Erwiderung.

»Wir leben in der Kantstadt«, begann er schüchtern. »Und Sie selber haben gesagt – –«, erschrocken hielt er inne, beinahe hätte er sich verschnappt. – »Nein – nein – ich irre mich, ich wollte sagen, einer von meinen Lehrern hat gesagt: ›Ob wir's wissen oder nicht, ob wir's wollen oder nicht, sein Geist schwebt immer über uns.‹«

»Sehr richtig. Und?«

»In der Metaphysik der Sitten steht geschrieben: wir sollen so handeln, daß wir die eigene Person und die Person jedes andern immer zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchen. Tun wir das nach Ihrer Nachtansicht?«

Der Professor nickte beifällig. »Sehr hübsch«, sagte er. »Ein unverkennbarer Ansatz zur Selbständigkeit. Nun, hatte ich recht, daß wir am richtigen Platze sind, um Gedanken zu zeugen? Wiewohl man doch glauben sollte, daß gerade hier die ›triumphierende Bestie‹ in uns triumphieren müßte.« Und zum erstenmal lag in seinem Blicke ein Hinweis auf Gewesenes. »Gut! Treten wir auf den Boden, auf den du, edler Bruder, mir vorausgegangen bist. Seht dieses Mädchen!« Er strich liebkosend der Schlafenden über das blondwellige Haar. »Zweimal hab' ich in ihr eine Stunde lang den Menschen gesucht und ihr Schicksal mit ihr durchgesprochen. Dafür – ihr habt's gesehen – hängt sie an mir wie ein Hund. Ich glaube beinahe, man kann auch an dieser Stelle der Kantschen Forderung gerecht werden.«

Fritz schwieg betreten. Und Klafittchen verlangte, mehr von dem Gegensatz der Tages- und der Nachtansicht zu hören.

»In unserer Stellung zum Vaterlande«, sagte er, »da kann es für jeden, der es mit sich ernst meint, doch nur eine Überzeugung geben – immer und immer – bei Tag und bei Nacht.«

Um die Mundwinkel des Professors spielten wieder einmal tausend kleine Teufel.

»Meinst du wirklich, mein hochzuverehrender Bruder? Freilich, hier ist Verständigung schwerer, denn des einen Tages- ist des andern Nachtansicht. Aber haben – tut er sie beide. Nur die ganz Dummen nehm' ich auch hier aus … Wer zum Beispiel von den Achtundvierzigern herkommt, bei Tage denkt er so: Völkerverbrüderung. Schmierstiefel. Menschenrechte. Ewiger Friede. Contrat social. Bezirksverein. Heiligsprechung der Majorität. Nieder mit Bismarck! Und dergleichen … Bei Nacht aber, wenn der Schatten des großen Vergewaltigers auf ihm lastet und er sich überwunden vor ihm duckt, dann denkt er so: Stumpfsinn der Massen. Faust im Genick. Imperialismus. Recht der Persönlichkeit. Might is right. Poposcheitel. Hohenstaufen. Gefolgschaft des Islam. Leutnant als Blüte der Menschheit. Deutsches Wesen, an dem die Welt wird genesen … Doch ich müßte mich sehr täuschen, wenn dies nicht eure Tagansicht wäre, denn dafür seid ihr Cherusker.«

»Woher weißt du, daß wir Cherusker sind?« fragte in hellem Staunen Klafittchen.

»Diese Völkerschaft ist mir seit Hermann höchst vertraut«, erwiderte der Professor. »Unlängst ist mir der Geist des Varus im Traum erschienen. Er will mit euch auf kurze Schwerter losgehen, ohne Binden und Bandagen. Ich habe ihm gesagt, das sei unkommentmäßig, aber er kannte das Wort nicht. So 'n Schafskopf, was?«

Die beiden Cherusker lachten, und Klafittchen forschte nicht weiter.

In Fritzens Geist begann der Rausch des Alkohols einem Rausch der Gedanken zu weichen. Auch er stammte von Achtundvierzigern ab und war in deren Ideen aufgezogen. Aber anbetend schaute er zu den großen Heerführern empor, denen das Reich seine Siege verdankte. Und wenn auch der Professor schon einmal aus seinem abschätzigen Urteil über Bismarck kein Hehl gemacht hatte, so wollten doch immer noch Jubelrufe und Hymnensang nicht weichen, wenn er seiner gedachte. Hier lagen Widersprüche auf der Lauer, die die meisten Deutschen längst erloschen glaubten, die aber unter dem Reisig vertrocknender Lorbeeren bedrohlich weiterschwelten.

Von neuem wollte er einen Widerspruch wagen, da kam Klafittchen ihm zuvor: »Du bist mir fast zu klug, mein kluger Bruder«, sagte er. »Du tust dich wie Mephistopheles im ›Faust‹, der alles madig macht. Aber da du gerade im Zuge bist, willst du uns von der Religion nicht auch ein kräftig Wörtlein sagen? Hast du auch da eine Tages- und Nachtansicht in deiner Fuppe?«

»Da wären wir also mit Gottes Hilfe«, erwiderte der Professor. »Erst wolltet ihr nicht 'ran, aber ihr seht: Selbst im Hurenhause müssen wir Deutschen Metaphysik treiben. Und da du den Geist Fausts heraufbeschwörst, will ich wetten: wenn dieses Mädchen jetzt erwachte, ihr erstes Wort wäre: ›Nun sag, wie hast du's mit der Religion?‹ … Ja, liebe Kinder, so verfälscht wie dieser Wein ist jede Auskunft, die man euch geben kann. Von den Theologen, die ihr Denken kastriert haben, rede ich gar nicht erst. Aber selbst die Philosophen treiben seit dreitausend Jahren nur das eine traurige Handwerk, durch eine Hintertür wieder einzuschmuggeln, was sie durchs Vorderportal an die Luft gesetzt haben.«

Fritz horchte hoch auf. Wenn er sogar die Gedankenwelt schmähte, in der er selber lebte und webte, was würde er an ihre Stelle zu setzen haben?

Und der Professor fuhr fort: »Also zuerst die Tagesansicht, wie sie die Freigeister in ihrer Erleuchtung sich zurechtgeschustert haben: Religion. Was ist Religion? Massenfütterung. Volksbedürfnis. Pflichtenschule. Moralische Weltordnung. Verwirklichung sittlicher Postulate. Naturgeschichte des Absoluten. Und tausend andere Synonymen mehr. Alles Notbehelfe, um der alten, braven Vorstellung vom lieben Gott mit weißem Vollbart und warnend aufgehobenem Zeigefinger zu entgehen.«

»Wenn das schon die Tagansicht ist«, rief Fritz in fast angstvoller Spannung, »was kann dann erst die Nachtansicht sein?«

Des Professors Gesicht verfinsterte sich. Hinter den dunklen Brillengläsern hervor spritzte ein Blick des Ingrimms und der Verwerfung.

»Wozu sollen wir uns eigentlich mit all dem Zeug den Kopf beschweren?« sagte er scheinbar leichthin. »Seht euch lieber das Mädel an.« Und er nestelte mit vorsichtiger Gebärde das Nachtjäckchen zurecht, das, zurückgeschlagen, die linke Brust nun ganz entblößt hatte.

Fritz wußte ihm Dank für diesen Ausfluß zarter Rücksichtnahme. Denn was da mit gelösten Gliedern lag, in vertrauendem Selbstvergessen dem Schlaf hingegeben, das war kein Dirnchen mehr, das war das Weibtum selber. Das war Jungfrau und Geliebte und werdende Mutter zugleich. Das war die Bringerin alles irdischen Glücks und alles zeitlichen Friedens. Das wollte respektiert sein. Dessen holde Heimlichkeiten durften keiner plumpen Mannsgier ausgeliefert werden.

»Seht euch das Mädel an«, wiederholte der Professor, »und versucht einmal, nicht fromm zu sein. Hab' ich recht gehabt, daß ich euch herführte? Das Bordell kann uns manchmal besser als die Kirche das Beten lehren.«

»Das mag alles sehr wahr sein«, entgegnete Klafittchen, »und ich empfinde genauso wie du. Aber du schlauer Fuchs hast einen Haken geschlagen. Wie ist's mit der Nachtansicht, auf die du uns begierig gemacht hast? Munter, munter! Farbe bekennen, edler Bruder!«

Der Professor streichelte das Haar der Daliegenden und schien in ihren Anblick ganz versunken. Dann – den Kopf aufrichtend – sagte er mit einem Schmunzeln der Herablassung: »Wenn ihr nicht bummeln wolltet bis morgens um fünfe, ihr Herren Studiosen, hättet ihr Zeit, euren Wissensdrang am Schreibtisch auszutoben. Setzt euch auf die Hosen und denkt hübsch selber nach. Um zwölf Uhr nachts entschleiert sich manche Nachtansicht von selber.«

Fritz sagte zu sich: ›Was er uns jetzt verschweigt, das werden wir uns nie erbüffeln und ertüfteln. Die Wahrheit liegt zu tief und scheint zu giftig für unsereins.‹

Aber den Mund aufzutun, fand er nicht den Mut. Schon das geforderte »Du« wollte ihm schwer über die Lippen. Darum vermied er lieber die Anrede ganz. Ein Glück war's, daß Klafittchen seine Befangenheit nicht teilte.

»Du bist selber ein altes Sumpfhuhn, Bruder«, sagte er, »und willst uns hier eine Moralpredigt halten? Recht hast du übrigens, und darum will ich dich nicht weiter ausschröpfen. Nur eins mußt du uns noch von deinen Weisheiten zum besten geben. Wenn alles, was deine Philosophen von Gott zu sagen wissen, nichts weiter als Umschreibungen der alten Volksvorstellung sind – denn so scheinst du's ja zu meinen – und wenn die Gottheit nicht einmal ein Name für das Naturgesetz oder für das sogenannte Absolute sein soll, was um Gottes willen – ist sie denn sonst?«

Auch diesmal lächelte der Professor nicht, seine Lippen kniffen sich ein, seine Brauen zogen sich hart zusammen.

»Gut«, sagte er, »kaut daran, wenn es euch schmeckt: Was der Mensch Gott nennt, das ist nichts weiter als der signierte und hypostasierte Sinn des eigenen Lebens … Seid ihr nun klüger, als ihr wart?«

»Der fingierte Sinn?« rief Fritz entsetzt. »Hat denn das Leben in Wahrheit keinen?«

»Das kommt auf dich an, lieber Freund«, erwiderte er. »Setz ihn dir nur und leb darnach, dann hat es einen.«

»Aber – aber –«, er wußte nicht weiter. Zuviel des Niegedachten und Nieauszudenkenden war in dieser einen Stunde auf ihn eingedrungen. Ganze Berge von Rätseln türmten sich vor ihm auf. Abgründe starrten, und Lichter huschten darüber hin. Wer trug sie, und wohin lockten sie ihn?

Auch Klafittchen war ernst geworden. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Professor hin.

»Wer bist du, Mensch?« fragte er. »Du bist wohl so 'ne Art von verkommenem Genie, das Privatstunden gibt und überkandidelte Bücher schreibt. Die solltest du drucken lassen. Die würden Effekt machen.«

»Ich bin gerührt über dein großmütiges Urteil«, erwiderte jener und streckte dankend die Hand zu ihm empor.

»Mach dich nicht lustig, Kerlchen«, drohte Klafittchen und wollte ihn am Barte zupfen.

Da geschah es, daß das Haarzipfelchen, das von seinem Kinn herunterhing, zwischen Klafittchens Fingern hängen blieb.

Fassungslos drehte er es hin und her.

»Ach soo«, sagte er gedehnt, »du bist wer anders, als du scheinst. Na, dann will ich nicht weiter fragen.«

Und als in diesem Augenblick die Tür zu den Hinterräumen aufging und die beiden Corpsbrüder müde und zufrieden auf der Schwelle erschienen, rief er ihnen entgegen: »Kinder, wir stecken in einem Abenteuer drin und wissen es nicht. Wir wollen rasch repartieren und machen, daß wir fortkommen.«

Der Professor lachte mit einem kleinen Sich-Schütteln vor sich nieder. Genauso, wie er in der Matrosenkneipe getan hatte, als er noch in seiner Ecke ein einsamer Beobachter gewesen war. Nur einen kurzen Blick der Forderung, des Befehls beinahe, sandte er zu Fritz hinüber, den dieser, der ratlos der Entdeckung zugeschaut hatte, mit einem leisen Kopfnicken bestätigte. Dann wandte er sich dem erwachenden Mädchen entgegen, das fröstelnd und erschauernd sich an ihn schmiegte.

Jeder warf sein Geldstück auf den Tisch, dann trennte man sich mit förmlicher Verbeugung.

»Ein unheimlicher Mensch«, sagte Klafittchen, als die Cherusker auf der Straße angelangt waren. »Er trug einen falschen Bart und schimpfte auf Bismarck. Das war sicher ein Sozialdemokrat.«

Fritz ging schweigend nebenher. › Was ist Gott?‹ dachte er.

Aber er hatte die Formel vergessen.

Am nächsten Nachmittag betrat der Professor blaß und kühl lächelnd wie immer das Podium. Ein wenig dunkler noch lagen die Augenhöhlen in dem hageren Gesichte, sonst war nichts von der durchsumpften Nacht an ihm zu bemerken. Er breitete langsam seine Notizen auf dem Pulte aus und besah, sich sammelnd, seine weißen, durchsichtigen Hände.

Fritz, der auf einer der ersten Bänke den linken Eckplatz innehatte, starrte begierig zu ihm auf. Er erwartete, daß irgendein geheimes Erinnerungs- und Erkennungszeichen zu ihm herniederfliegen würde.

Aber der Professor hatte keinen Blick für ihn.


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