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Siebentes Kapitel

Im sogenannten Versammlungszimmer ging es vormittags zwischen Voll und Einviertel her wie in einem Bienenhaus. Ein Vorstoßen und ein Sichflüchten, ein Summen und ein Gewühl, als wären alle Wissenschaften der Welt gegeneinander losgelassen.

Und doch war man in seiner Gesamtheit höchst friedlich gestimmt.

Händedrücke wurden auch dem Gegner gegönnt, flüchtige Ansprachen kamen selbst dem Fremdesten zu, und nur wer genau Bescheid wußte, vermochte zu erkennen, wie die Cliquen sich sonderten und wie Parteiungen in Wort und Blick halb ungewollten Ausdruck fanden.

Sieburth, der seine Morgenvorlesung um zehn Uhr schon hinter sich hatte, pflegte erst dann nach Hut und Mantel zu greifen, wenn er eine Weile grüßend und plaudernd zwischen den Kollegen hin und hergeglitten war. Nicht, weil sein Geselligkeitsdrang danach verlangte, auch nicht, weil sein Herz ihn zu den andern hintrieb – im Gegenteil, am liebsten wäre er mit sich allein geblieben –, aber er wußte, daß er wegen seiner scharfen Zunge nicht allzu beliebt war, und da der Abwesende immer unrecht hat, so hielt er es für richtig, sich seinen Widersachern zu stellen, wo sich nur eine Gelegenheit bot.

Bösartig hatte sich bisher noch keines einzigen Gegnerschaft gezeigt, und oft war es ihm gelungen, sie durch ein geschickt hingeworfenes Wort in Wohlwollen zu verwandeln. Bis ihm – es war nicht einmal immer Spottsucht, sondern vielmehr der stachelnde Trieb, geheimen Widerspruch ans Licht zu ziehen –, bis ihm die fatale Schärfe des Sehens und des Redens den errungenen Vorteil wieder verdarb.

Und so drollig waren sie fast alle! Auf ihrem vermeintlichen Ruhme saßen sie wie auf einem Nachtstühlchen – geistige Hämorrhoidarier der eine wie der andere.

Mit fliegenden Fahnen waren sie einst ausgezogen, um durch die Übermacht ihrer Persönlichkeit die Welt sich zu Füßen zu werfen, und fühlten sich nun zufrieden, als glorreich Besiegte ein Pöstchen erobert zu haben, von dem aus sie eine Familie ernähren und ein bürgerliches Ansehen behaupten konnten … Semester für Semester beteten sie ihr Sprüchlein her und ließen derweilen in dem Töpfchen ihrer Spezialität eine Bettelsuppe garkochen, die sie, wenn ein Verleger sich fand, als neueste Bereicherung des Weltwissens in die Öffentlichkeit hinausschickten, Lob erwartend von dem, den sie selber gelobt hatten, und im übrigen zufrieden, wenn die Fachblätter Notiz davon nahmen.

Nur wenige, so schien es ihm, machten eine Ausnahme, denn wer Bedeutendes leistete oder auch bloß versprach, war bald wieder nach den Zentren deutschen Geisteslebens hinweggefordert worden. Aber wer von diesen den herbklaren Osten liebgewonnen, wer sich sein Weib daselbst geholt oder in Freundschaften festgefahren hatte, ließ die Verlockungen aus dem Reiche kühl an sich herniederrinnen und siedelte sich fürs Leben an, wo andere – Ehrgeizigere – nichts als eine rasch übersteigbare Stufe sahen.

Zu ihnen gehörte der große Hegelianer, der jetzt freilich schon in selbstgewählter Vereinsamung dem Verlöschen entgegensteuerte. Und ein berühmter Physiker, der auch nicht mehr las. Und dann nicht zum mindesten jener Geschichtsschreiber römischer Spätkultur, dessen Lebenswerk noch heute unangealtert vor uns steht.

Der kleine, alte, zwischen roten Augenrändern forschend und menschenkennerisch um sich schauende Jude, der in diesem Buche den Namen Auerbach führen soll, war einer der zwei oder drei Lehrer aus verwandten Gebieten, denen Sieburth einen unwillkürlichen Respekt entgegenbrachte.

Durch ihn war er auch den politischen Streitfragen nähergeführt worden, die nach Jahren vaterländischen Einklangs an Schärfe wieder zuzunehmen begannen.

Die Albertina war immer eine Hochburg des Liberalismus gewesen, und die Verfassungskämpfe der fünfziger und sechziger Jahre hatten Lehrer und Schüler mit der gleichen leidenschaftlichen Anteilnahme erfüllt. Die Fortschrittspartei, die als die Erbin der Demokratie auf den Plan getreten war, verdankte ihren Ursprung ostpreußischer Steifnackigkeit, und wenn auch die akademischen Kreise sich an ihrer Gründung nicht unmittelbar beteiligt sahen, so fühlten sie sich doch in selbstverständlicher Bundesgenossenschaft zu ihr gehörig. Der rauscherfüllte Heroenkult, der den Siegen des Jahres siebzig und der Reichsgründung gefolgt war, hatte neue Werte geprägt und eine Stimmung geschaffen, die das gesamte deutsche Volk zum Hymnensang um den Fußschemel Bismarcks zu versammeln schien, bis dessen Abkehr zum Konservatismus die eingeschlafenen Gegensätze wieder erwachen ließ. Und während ein Teil des Bürgertums – und zwar der wohlhabend und einflußreich gewordene – sich's unter der Obhut des Allmächtigen wohl sein ließ, fühlte der andere nur den Druck der Junkerfaust im Nacken und sah mit Entsetzen die Fuchtel des Absolutismus über sich geschwungen.

Schreckhafte Erinnerungen an die Zeiten finsterster Reaktion spukten durch die kaum beruhigten Köpfe, und auch die Männer der Wissenschaft konnten sich ihnen schwerlich verschließen. Aber während auf der einen Seite Oppositionsgelüste sich sogar bei denen zeigten, die bisher dem Schöpfer des neuen Deutschland unbedingte Heeresfolge geleistet hatten, fand auf der andern die schleichende Rückschrittlerei in dem Lehrkörper selber Mantelträger und Vasallen.

Nur wenige waren es – um Professor Pfeifferling, den streitbaren Germanisten geschart –, die den bedauernswerten Mut bewiesen hatten, altpreußischer Zwangsherrschaft das Wort zu reden. Aber diese Gruppe, die bei den Theologen geheimen Rückhalt fand und der die ehemaligen Corpsstudenten nicht sehr ferne standen, wuchs von Semester zu Semester und zeigte ziemlich unverblümt, daß ihr zum Kultusministerium freundliche Beziehungen nicht fehlten. Damit empfahl sie sich allen strebefroh Emporblickenden, denen die Anwartschaft auf ein Ordinariat oder das Verlangen nach der Rückberufung ins Reich den Schlummer der Nächte schmälerte.

Zwischen diesen beiden Parteien war Sieburth bisher in scheinbarer Teilnahmslosigkeit still seines Weges gegangen. Ein wenig schadenfroh und ein wenig erhaben, wie es einem Manne geziemt, der an den Menschen, die ihn umgeben, vornehmlich die Schwächen erkennt und liebt.

Bei den Freiheitsaposteln war es die Spießbürgerei, die ihn vergnügte, das hilflose Angeklebtsein an die pathetischen Bedrängnisse einer längst abgetanen Periode und das aussichtsarme Verlangen, aus den wenig belangvollen Konflikten einer innerlich versöhnten Zeit den Stoff zu neuem Pathos herauszuschälen. Bei den Reaktionären hingegen das stumpfsinnige Anbeten des brutalen Erfolges, die Preisgabe eigenwüchsiger Kraft und das Sichducken unter die Ansprüche jedweder Selbstsucht – denn entfesselte Selbstsucht, mehr war es nicht, was die Machthaber des platten Landes, die Gebieter über Deutschlands unterirdische Schätze dem Schöpfer deutschen Wohlstands unter die Füße warf.

So lagen die Dinge, als eines blühenden Maivormittags Professor Auerbach den jüngeren Kollegen, der mit gefälligem Lächeln an ihm vorüberschlüpfen wollte, anhielt und beiseite zog.

»Sie sind fertig«, sagte er, »und ich auch. Wollen wir einen Spaziergang auf Königsgarten machen?«

Sieburth verneigte sich so dienstwillig, wie es sich geziemte.

An grüßenden Studiosen vorbei traten die beiden Männer ins Freie, wo der Morgensonnenschein das junge Grün der Sträucher in Feuergarben wandelte.

»Wir begegnen uns oft und sprechen so selten«, begann der kleine alte Herr, »es wird Zeit, daß wir uns nähertreten. Das heißt, wenn Sie wollen.«

Sieburth gab seinem Erstaunen über diese Einschränkung höflichen Ausdruck.

»Wir Juden haben Ursache, vorsichtig zu sein«, erwiderte jener. »Mich sollte wundern, wenn die neue Berliner Bewegung, die uns zu einer Art von Parias herabzudrücken strebt, ihre Ausläufer nicht schon bis hierher gesandt hätte … Dem Geschichtskenner sind das ja geläufige Erscheinungen … Jedesmal, wenn ein gesteigertes Nationalgefühl nicht wußte, in welcher Weise sich ausleben, mußten die Juden herhalten. Womit nicht gesagt ist, daß sie zum Mißfallen niemals Anlaß gegeben hätten … Aber abgesehen davon! Was ich mit Ihnen besprechen wollte, ist ein anderes! Daß man sich in der Fakultät für Sie und Ihre Ansichten interessiert, das werden Sie begreiflich finden, aber noch niemandem ist klargeworden, nach welcher Seite Sie in politischer Beziehung neigen. In dem Mischmasch nationaler Begeisterung war eine solche Feststellung bisher wohl auch nicht nötig. Aber es scheint eine Zeit zu kommen, in der die Geister sich wieder scheiden … Der bewußte Kürassierstiefel, der eben auf den Katholiken herumtrampelt und der den Sozialdemokraten den Garaus machen will, holt, wie es scheint, auch zu einem Tritt gegen den Liberalismus aus. Und was dann aus der Lehr- und Lernfreiheit der Universitäten werden wird, das kann sich ein jeder ausmalen … Darum möchte ich glauben, daß auch für die Unpolitischen unter uns die Zeit gekommen ist, Partei zu ergreifen. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß Sie zu den Pfeifferlingleuten nicht gehören wollen. Und darum frage ich Sie: Wenn wir, die wir uns zur Linken zählen, uns jetzt zusammentun, um künftighin aktiv in die politischen Kämpfe einzugreifen, wollen Sie dann mitmachen?«

Sieburth wurde mit jedem Satz unbehaglicher zumute. Ihm war, als ob eine Faust nach seinem Halse griffe, um ihm mit Gewalt ein Bekenntnis aus der Seele zu pressen. Jetzt hieß es besonnen sein und sich die Unabhängigkeit bewahren, ohne daß irgendein Parteigänger sich verletzt zu fühlen brauchte.

»Sie haben recht, Herr Professor«, erwiderte er, »wenn Sie glauben, daß ich mit der Politik jener wilden Männer nichts zu tun haben möchte. Aber fast ebensowenig habe ich den Wunsch, mich der entgegengesetzten Richtung zu verschreiben. Was von dem Dichter gilt, daß er auf einer höheren Warte stehen solle, als die Zinne der Partei es ist, muß auch der Lehrer der Philosophie für sich in Anspruch nehmen. Höher als ein Maulwurfshügel braucht diese Warte nicht zu sein, wenn sie nur Platz läßt, allein darauf zu stehen. Auf das ›allein‹ kommt es an, und um dieses Wörtchen willen bitte ich Sie, Herr Professor, mich bis auf weiteres für Ihre Pläne nicht in Betracht zu ziehen. Ist die Stunde der Not da, dann werde ich ganz von selber zu Ihnen stoßen, gesetztenfalls daß Sie meine bescheidene Hilfe dann noch brauchen können.«

Doch Professor Auerbach gab sich so leicht nicht zufrieden. »Ist diese Stunde da«, erwiderte er, »dann dürfte es leicht für ein Helfen zu spät sein. Und das Schweigegebot, das vor einem Jahrhundert Ihren großen Vorgänger lähmte, könnte auch über Sie hereinbrechen, ehe Sie was davon ahnen. Darum sehen Sie sich vor. Ich kümmre mich wenig um die Philosophien der Jetztzeit, auch um die Ihre nicht, aber ich glaube beinahe, Sie werden der erste bei uns sein, dem man am Zeuge flickt.«

Sieburth stutzte. Es gab also Leute, die ihm auf die Finger sahen und gelegentliche Temperamentsausbrüche buchten, denn sonst glaubte er sich gegen den Geist der approbierten Schulen niemals versündigt zu haben.

»Ich bin bis jetzt noch ein viel zu unbedeutendes Objekt für den Argwohn staatlicher Meinungswächter«, erwiderte er scheinbar leichthin, »und wenn man mich zum Schweigen zwingen wollte, würde man in Verlegenheit sein, anzugeben, was von mir zu verschweigen wäre. Aber immerhin – Sie mögen recht haben. Und dann könnte mir kein größeres Unglück passieren, als die Märtyrerpalme in die Hand gedrückt zu bekommen. Der Feuertod ist abgeschafft, und was uns sonst noch blüht, läßt sich ertragen.«

Der alte Herr mochte einsehen, daß sein Weg, den jungen Kollegen auf seine Seite zu bringen, verfehlt gewesen war.

»Ich will nicht weiter in Sie dringen«, sagte er. »Nur soviel würde ich gerne für heute von Ihnen gewinnen: Kommen Sie gelegentlich zu uns. Sehen Sie sich eine unserer Versammlungen an, und wenn die Leute, und was sie vorzubringen haben, Ihnen nicht mißfallen, dann kommen Sie wieder. Das verpflichtet Sie zu nichts, das gibt Ihnen sogar noch das Recht, sich der Gegenseite zuzuwenden, falls Ihr Geist Sie künftig einmal dorthin treibt.«

»Keine Gefahr!« lachte Sieburth. »Aber damit Sie sehen, Herr Professor, daß ich kein Eigenbrötler bin, will ich Ihrem freundlichen Wunsche gern Folge leisten und werde sogar Opposition machen, wenn der Brustton der Überzeugung sich für meinen Geschmack allzu sonor gestaltet.«

Nun lachte auch der alte Herr, und beide trennten sich in Freundschaft. – – –

Kaum acht Tage später geschah es, daß zu gleicher Stunde und am gleichen Orte Geheimrat Pfeifferling, mit dem Sieburth bis dahin kaum anders als amtlich zu tun gehabt hatte, zwei freundschaftsgierige Hände nach ihm ausstreckte und, gönnerhafte Beflissenheit in den stechenden Augen, ihm entgegenrief: »Lieber Freund! Da habe ich Sie! Lieber, lieber Freund!«

Und da ihm das Erstaunen in Sieburths Mienen schlechterdings auffallen mußte: »Nein, nein, Sie dürfen sich nicht wundern! Nein, gewiß nicht! Sie wissen doch, wie ich an Ihnen hänge! Und ich habe gehofft, daß auch Sie –! Sie kennen doch die Stelle in der ›Klage‹: ›Dem getriuwen tuot untriuwe wê.‹ Das soll natürlich kein Vorwurf sein! Doch wehe getan hat es mir schon lange, daß Sie sich gar nicht um mich kümmern.«

Sieburth warf den bescheidenen Einwand hin, daß es wenig geziemend gewesen wäre, sich an einen Mann von so hervorragender Bedeutung heranzudrängen.

Der alte Trompeter, der die r's schnarren ließ, als wäre er auf dem Kothurn geboren, geriet vor gutmeinender Empörung ganz aus dem Häuschen.

»Nein, wie dürfen Sie, Freund! Wie dürfen Sie eigenen Wert so schmählich verkennen! Sie, die Zierde unseres Nachwuchses! Sie, der Mann, der hoffentlich einmal auf der ersten philosophischen Lehrkanzel Deutschlands Platz nehmen wird! Sie haben das Recht, sich Ihre Freunde zu wählen! Und ich werde froh sein, mich zu ihnen zu rechnen.«

Stämmig, knorrig, mit weißer Schüttelmähne und weißem Maurerbart, der wie eine in den Kragen gesteckte Serviette das blanke Doppelkinn umrahmte, mit Augen, deren Falschheit so offen lag, daß sie schon wieder zur Aufrichtigkeit wurde, stand er, den Schmerbauch breitbeinig vorgeschoben, vor Sieburth und hielt dessen Hände wärmend in seinen Pranken.

Ein Ungeheuer von so naiver Abscheulichkeit, daß man, während man über sie zu lachen glaubte, sich von ihr überwältigen ließ.

Er zankte, schmähte, spie und lebte, schmeichelte, umwarb in gleichem Atemzug. Seine literarischen Gegner behandelte er wie Verbrecher, und die Wutausbrüche, die er vom Katheder aus gegen sie in die Welt schickte, wurden notiert und als Kuriosa verwertet. Was nicht hinderte, daß er die Herren bei Zusammenkünften seine Freunde nannte und ihnen seine Schmähschriften mit kollegialer Begrüßung zugehen ließ. Innerhalb des Lehrkörpers war er gefürchtet wie kaum ein anderer, und obwohl niemand mit ihm zu tun haben wollte, so hütete man sich doch, es mit ihm zu verderben, und ließ ihn widerspruchslos anschwärzen oder weißbrennen, wen es ihm gerade beliebte.

Dieser Mann hatte sich ohne Scheu und Rücksicht zum Bannerträger der schwarz-weißen Reaktion gemacht. Kein Schimpfwort war ihm giftig genug, um die volksverderberische Kraft des Liberalismus zu brandmarken, und solange Bismarck mit dessen Ideen geliebäugelt hatte, war auch er seinem Hasse verfallen gewesen.

Erst als der große Staatsmann, unwillig über die Widerstände, die die Linke ihm bei der Verwirklichung seiner wirtschaftlichen Pläne entgegenstellte, sich der agrarisch-pietistischen Junkerschaft, der er entstammte, fördernd und hilfesuchend wieder zugewandt hatte, war der deutsche Sagenforscher, dessen Weltanschauung bei Dietrich von Bern oder Heinrich dem Vogler zu Hause war, von neuem zu seiner Gefolgschaft gestoßen.

Sieburth suchte nach einer Wendung, die verbindlich genug war, um die darinliegende Ablehnung genügend einzukapseln, aber Pfeifferling kam ihm zuvor.

»Ich glaube wahrhaftig, mein bescheidenes Heimwesen ist von Ihren Füßen noch nie betreten worden. Das geht nicht so weiter, lieber Freund. Meine tapfere Lebensgefährtin fragt schon sowieso nach Ihnen. Darum suchen Sie sich einen der nächsten Abende aus – Sonnabend oder Sonntag, wie Sie wollen – und teilen Sie unser frugales Abendessen mit uns. Widerspruch wird nicht angenommen. Also morgen? – Basta!«

Dagegen war nichts zu machen. Dieser Mann als Todfeind in der Fakultät – und der Weg zum Ordentlichen war für immer verrammelt.

Am nächsten Abend trat er halb knirschend, halb belustigt den Weg zur Wohnung des Geheimrats an.

Eine Gelehrtenklause wie tausend andere – mit Bücherschränken austapeziert – von erkaltetem Tabaksdampf durchzogen – spartanisch nüchtern, unaufgeräumt und nicht ohne Behagen.

Die Hausfrau, klein, rundlich, ein schwarzes Blondenhäubchen auf dürftigem Grauhaar, überströmend von mütterlichem Gerührtsein. Kinder nicht mehr im Hause. Die Töchter verheiratet. Die Söhne in aussichtsreichen Dozenturen des Aufstiegs harrend.

Der Geheimrat in langem Bratenrock und schwarzseidener Halsbinde leuchtete von wohlmeinender Milde.

»Ein Abend, der in den Annalen dieses Hauses seinen unverdrängbaren Platz erhalten wird«, sagte er, »denn an ihm knüpft sich ein Knoten, den kein Alexanderschwert jemals durchhauen soll.«

›Um Gottes willen‹, dachte Sieburth und blickte die Bücherreihen entlang, aber nirgends bot sich dem Auge ein Loch, durch das man hätte entschlüpfen können.

Im Eßzimmer blinkte unter der geblümten Milchglasrundung der Lampe das Damasttischtuch mit dem guten Besuchsgeschirr, und die Teegläser dampften.

Alles schien friedlich und froh, aber Sieburth fühlte sich als Sträfling im Kerker.

Die Mahlzeit verlief in niveaulosem, doch von Klatsch ziemlich freiem Geplauder. Kaum daß das planvolle Treiben der drei Schicksalsschwestern mit einem lächelnden Seitenblicke gestreift wurde. Sie gehörten ja zu dem Klüngel, in dem auch Sieburths Stellung wurzelte, und durften darum nicht scharf angefaßt werden. So blieb ihm glücklicherweise eine notgedrungene Parteinahme erspart.

Der Geheimrat überließ schweigend seiner Gattin das Feld und vertiefte sich in das Entgräten des Matjesherings, der frühlingsgemäß die Mahlzeit einleitete. Auch als die »Karbonade« auf den Tellern duftete, kam nur ab und zu ein gütig beschwichtigendes Wort über die fetttriefenden Lippen.

›Was mag er nur von dir wollen?‹ dachte Sieburth, dem seine Lage immer unheimlicher wurde.

Erst als die beiden Herren sich in das Halbdunkel des Arbeitszimmers zurückgezogen hatten, kam beim Aufglühen der Zigarre und des Pfeifenkopfes langsam zum Vorschein, was im Hintergrunde den Abend über auf ihn gelauert hatte.

»Sehen Sie, lieber Freund, wenn ich die Wahl habe zwischen der Schlafmütze und der Angströhre, dann wähle ich keine von beiden und gehe lieber barhäuptig geradeswegs auf mein Ziel los. Und das tue ich heute, indem ich Ihnen so offen sage, wie es meine Natur mit sich bringt: Mir tut es schon lange weh, daß ich Sie in der Gesellschaft seh' … Was wollen die Leute drüben von Ihnen? Sie sind viel zu gescheit, um das lauwarme Abwaschwasser auszutrinken, das die Herren des fortgeschrittenen Liberalismus Ihnen vorsetzen … Sehen Sie, die Zeit ist trächtig wie der Leib einer Gebärenden, und da kommen diese Leute und zeigen uns die Leitfossilien irgendeiner Gedankenschicht von vor – man möchte meinen – Millionen Jahren, wenn es auch nur ein paar armselige Jahrzehnte sind – zeigen sie uns als allerneueste Novitäten moderner Spekulation. Da haben sie sich zum Beispiel ihren fahlen Marasmus auf Freisinn geschminkt … Ich verstehe wohl: Freisinn, wo er hingehört. Wenn ein kluger und feister Kardinal die Weisheit seines Gaumens ausströmen läßt – nach vertrautem Mahle natürlich –, dann wird ihm niemand einen Vorwurf daraus machen. Sollte er aber seine Aufklärung in eine Fastenpredigt hineinbacken, dann möge ihn der Teufel holen, den er in höchst unangebrachter Weise leugnet … Und was wir etwa in der Wissenschaft treiben – Gott, ich bin ja auch da mehr fürs Positive –, aber wenn da ein lieber Kollege 'n bißchen über die Stränge schlägt, ho, ho, ho – man läuft sich die Hörner bald ab – und es bleibt ja auch unter uns … ›Freiheit der Wissenschaft‹ nennt sich der Schwindel, als ob es so was überhaupt gäbe … Also lehren Sie man immer drauf los, was Ihnen gerade Spaß macht. Ich helf' zudecken, wenn irgendwo ein kleiner Küchenbrand darüber ausbrechen sollte … Darauf kommt's gar nicht an … Aber hingegen – auf die Praxis kommt's an, und die heißt – – Gewalt … Gewalt heißt das neue Evangelium, das eigentlich das allerälteste ist … Wer da den Widersacher spielt, der wird abgeschossen wie überzähliges Wild … So macht Er es, und das sollen wir auch machen, soweit unsere armen Kräfte reichen.«

»Was verstehen Sie unter dem ›Er‹?« fragte Sieburth, Begriffsstutzigkeit markierend.

»Nu, wen werde ich verstehen? Gibt es noch einen auf der Welt, den man mit Namen nicht zu nennen braucht? … Dieser Mensch – ich habe ihn gehaßt, so lange er nicht wollte wie ich, aber er hat mich klein gekriegt … ›Befiehl du deine Wege‹, hab' ich zu mir gesagt. ›Er wird's schon machen‹ … Und er macht's. Sehen Sie sich das Gesindel an, das ihn neuerdings wieder anzupissen wagt … Wie die vergifteten Ratten laufen sie die Wände hoch – zwecklos, hoffnungslos … Öde Mauldrescherei, weiter nuscht … Ich weiß, Sie haben nie mitgemacht, aber Sie könnten doch mal Lust dazu kriegen, denn was man so von Ihnen erfährt – oder eigentlich ahnt –, das weist in jene Gefilde, wo unter den deutschen Eichbäumen die Schweine nach Trüffeln suchen und froh sind, wenn sie ab und zu einen Bovist finden, der dann auseinanderplatzt und einen Gestank von sogenannter Demokratie um sich verbreitet.«

Sieburth freute sich an dem drastischen Bilde.

»Nein, nein, lachen Sie nicht, edler Freund!« – Er hob drohend die Tabakspfeife. – »Die Tragik liegt wie der Höllenhund an seiner Kette dicht nebenbei … Er selbst, der Große, hat den ganzen Unfug geschaffen … Warum mußte er der Krapüle das allgemeine und direkte Wahlrecht als Fressen vorwerfen? Dadurch hat er sie ihrer selbst erst bewußtgemacht … Diese künstliche Blähung der Unvernunft wird uns manches Malheur zu kosten geben … Aber es ist Zeit, daß weitblickende Geister sich zu einer neuen Weltanschauung Maß nehmen lassen – vor allem Sie, lieber Freund! Und darauf werde ich warten als Ihr getreuer Eckart, schweigsam und geduldig, bis Ihnen der Tag von Damaskus naht.«

Sieburth sah ein, daß er gut tun würde, sich wie nach links, so auch nach rechts die Ellbogenfreiheit zu wahren.

»Sie werden bemerkt haben, Herr Geheimrat«, sagte er, »daß ich Ihnen mit wärmster Hingabe zugehört habe … Ich bewundere die Überzeugungskraft, mit der Sie Ihre Sache verfechten. Jedes Ihrer Worte war ein Schwerthieb. Aber unter den Symbolworten des Pythagoras gibt es eines, welches heißt: ›Das Feuer darfst du nicht mit dem Schwerte schüren.‹ Jedenfalls das eines Selbstdenkenden nicht. Und darum fürchte ich, daß ich Ihnen nicht unbedingt werde folgen können … Ich habe mich in politischen Dingen bisher auf eine Zuschauerrolle beschränkt und dabei die Bemerkung gemacht, daß weder Programme noch Personen sich eine maßgebende Stellung erobern, sondern immer nur Schlagworte … Wer für eine Idee kämpft, kann sie ruhig auf den Misthaufen werfen, wenn es ihm nicht gelingt, ein Schlagwort zu prägen, das sie genügend verschieft, verfälscht und übertreibt, damit auch der Dümmste glauben kann, sie leuchte ihm ein … Und nur diejenige Partei scheint mir zur Siegerin bestimmt, die genügend Pathos aufbringt, um dem Allgemeinbewußtsein zu suggerieren, daß in ihr die öffentliche Moral sich verkörpere … Mit solchen Ansichten wird man sich schwer in das politische Getriebe einfügen können. Und darum bitte ich Sie herzlichst, mich bis auf weiteres meine stillen Wege ziehen zu lassen … Wohin ich mich später wenden werde, weiß ich noch nicht. Jedenfalls darf ich mich nicht vor der Zeit gebunden haben.«

Der Geheimrat drehte Knoten in seine Bartserviette, aber die Enttäuschung ganz herunterzuschlucken war nicht seine Sache.

»Ich sehe schon, Ihre Skepsis ist viel zu vornehm«, sagte er, »um sich mit uns Überzeugungspöbel gemein zu machen. Aber wie ich schon sagte: Ich kann warten. Und wenn Ihre bisherigen Freunde Sie einmal zuschanden geärgert haben werden – durch Spießbürgerei, durch Jammerlappigkeit, durch Pantoffelheldentum oder was weiß ich –, dann werden Sie schon noch an meine Türe pochen. Dahinter, dessen seien Sie gewiß, werden Sie immer offene Arme finden.«

Sieburth bedankte sich, dann wandte sich das Gespräch irgendeinem wissenschaftlichen Thema zu, das keinerlei Zündstoff in sich barg. Wenigstens nicht für ihn, denn Pfeifferling wetterte, rasselte, zischte und spie wie bisher.

Als er gegen Mitternacht die Tür des Hauses, das ihm so plötzliche Gastfreundschaft geboten hatte, aufatmend hinter sich schloß, hatte er das Gefühl, als wäre er einem Hexenkessel entronnen.

Und ahnte nicht, daß er einst Zuflucht und Heimat darin finden würde.


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