Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vierundzwanzigstes Kapitel

Der Aufschrei nachschauender Sehnsucht verklang allgemach.

Was übrig blieb, war Wut – jene aufwühlende, aufpeitschende Wut, die ihn jetzt oft überfiel, ihn, der früher mit der Kühle des unbeirrbaren Verstandesmenschen die Erscheinungen der Umwelt gewertet und gemeistert hatte.

Er brauchte sich nur vorzustellen, wie die Herrschaften drüben – »drüben« sagte auch er schon – die wehrlose Geliebte umstichelt und umgeifert hatten, und sie war da, besinnungslos nach Rache schreiend.

Rache! Jawohl! Aber wie? Welche Waffe war ihm gegeben, ihm, dem Einflußlosen, Alleingebliebenen, dem nicht ein einziger Helfer zu Gebote stand?

Und dennoch! Umsonst waren die neuen Freunde nicht in sein Leben getreten. Mochten sie seiner Gedankenwelt noch so fremd gegenüberstehen, mochte er sie sogar als Mächte des Acheron empfinden, bewegen ließen sie sich – zu seinen Gunsten, zu seinen Diensten, sobald er nur entschlossen war, sich ihnen anzuvertrauen.

Also nicht länger zögern, einer der Ihren zu werden!

Und eines Tages ging der Aufruf, den er zur Prüfung damals heimgenommen hatte, mit seiner Unterschrift versehen, an Professor Pfeifferling zurück.

Ein Ausbruch des Triumphes antwortete ihm.

Der Spruch von dem Buße tuenden Sünder, über den mehr Freude im Himmel ist als über tausend Gerechte, fehlte nicht darin. Und dann kam ein Jubelschrei über den Ärger, der im liberalen Heerlager die Gemüter verwirren würde. »Wenn einer, den sie einmal als einen ihrer Matadore zu verwenden gedachten, ihnen kurzerhand den Rücken dreht, dann muß selbst dem stumpfsinnigsten Mitläufer eine Ahnung darüber aufgehen, wie faul es um ihre Sache steht.«

Zum Schlusse fanden sich ein paar Sätze, die mancherlei zu denken gaben: »Und glauben Sie etwa, lieber Freund, daß Ihr erfreulicher Schritt an höherer Stelle unbeachtet bleiben wird? Mit dem Segen der Fakultät versehen werden Sie niemals zu dem Posten aufrücken, der Ihnen gebührt, dessen kann ich Sie versichern; aber gegen ihren Willen sollen Sie ihn erobern. Dafür lassen Sie mich und das Ministerium sorgen.«

Ein rieselndes Unbehagen überkam ihn. Hier lagen Fußangeln verborgen, die zuschnappen konnten, ehe er sich dessen versah. Ein Streber war er nie gewesen. Jedes Schielen nach der Gunst der Oberen lag ihm fern. Wenn man ihm aber tückisch versagte, worauf er sich durch seine Lehrtätigkeit die Anwartschaft schon längst erobert hatte, dann war auch dieses Mittel recht – und jedes andere, das den Ränken der Feinde die Spitze abbrach.

Zwei Jahre waren verflossen, seit mit dem Tode des großen Hegelianers der zweite philosophische Lehrstuhl – der eigentlich der erste war – für einen Nachfolger bereitstand, und noch war weder an ihn, noch, soweit man wußte, an einen Gelehrten im Reich der Ruf ergangen, sich darauf niederzulassen.

Man zögerte, man wählte, man versuchte an ihm vorbeizublicken, und schien doch nicht willens, ihn gänzlich fallen zu lassen. – – –

Die Ferien nahmen ihren Anfang. Lehrer und Schüler entflohen der stickigen Stadt.

Doch Sieburth verzichtete ebenso wie im Vorjahr auf die Erholung, die seine eiserne Natur noch immer entbehren konnte. Ihm schien es Labsal genug, fast drei Monate lang keiner der verhaßten Gestalten begegnen zu müssen, deren Anblick ihm sonst die Tage vergällte. Seit »Die drei Stufen der Ethik« fertig waren, beschäftigte ihn ein Thema, das er »Die Naturgeschichte der philosophischen Grundprobleme« benannte. In ihr beabsichtigte er, vom Standpunkt des streng positiven Relativisten aus, eine Bestandsaufnahme alles herkömmlich Gedachten zu liefern und den brüchig gewordenen Kram hinauszuwerfen, den die Dogmatiker darin aufgestapelt hatten.

Die Vorstudien zu diesem Werke häuften sich bereits zu Bergen, da überkam ihn das Verlangen, sich eine Ehrenrettung der Sophisten von der Seele zu schreiben.

Sie, die seit Plato volle zwei Jahrtausende lang als die moralische Pestilenz ihres Zeitalters durch die Seelen der Bildungsphilister irrten, erschienen ihm schon längst als die Väter alles freien und durch theologisierende Spekulation unverdorbenen Denkens. Was der englische Geschichtsschreiber Grote mit unzureichenden Mitteln versucht hatte, was durch den Straßburger Ernst Laas unlängst in ein neues, aber noch ungewisses Licht gerückt worden war, das wollte er in strenger Durchprüfung und mit klarer Parteinahme der Welt vor Augen führen.

Die Vorarbeiten lagen in jenen Studien bereits da, und eine Vorarbeit wurde auch dies, ehe die bewußte »Naturgeschichte« der Vollendung entgegenreifte.

Zu dem allen waren keine Reisen und keine Erholungen vonnöten. Die Sonnenstrahlen mochten noch so unbarmherzig herniederbrennen, die Straßendünste noch so schwül zu Sinnen steigen, sein Hirn beengten, seinen Willen beirrten sie nicht.

Was ihn beirrte und beengte, waren die Ansprüche, die seine neuen politischen Freunde an ihn stellten.

Je näher der Wahltag rückte, der für den Spätoktober angesetzt war, mit desto heftigerer Regsamkeit wurden die Vorbereitungen betrieben.

Wohl lehnte er es ab, an den Sitzungen teilzunehmen – denn er hatte Ursache, zu glauben, daß das Erlebnis mit den Kämpen der Gegenseite, das ihm noch schreckhaft in Erinnerung lebte, sich, nur um wenige Schattierungen verändert, jetzt wiederholen würde. – Wohl hielt er sich die zünftigen Drahtzieher so sorgsam wie möglich vom Leibe, aber das hinderte nicht, daß er mit Forderungen bestürmt wurde, zugunsten der heiligen Sache flammende Artikel zu schreiben und nicht nur hier in der Stadt, sondern auch in benachbarten Wahlkreisen als Redner tätig zu sein.

Und blieb er auch bei seinem Nein, so kostete es doch Mühe genug, sich aller Anzapfungen in höflicher Weise zu erwehren.

Endlich – nachdem man zwei Monate daran herumgemodelt hatte – erschien der Wahlaufruf.

Noch farbloser, noch mehr auf das Einfangen ahnungsloser Gemüter berechnet, als jener Entwurf gewesen war.

Der Kandidat: ein gleichgültiger, wenig genannter Mann, keinerlei Angriffsflächen bietend, aber auch bar jedes Charakterzuges, an den man sich halten konnte. Als Rechtsanwalt zwar unabhängig – aber das mochte auch das einzige Lob sein, das ihm zu spenden war.

Umso kläglicher trat die Schar der Leute in Erscheinung, die ihn auf den Schild gehoben hatten und nun in kunterbuntem Reigen als Unterzeichner sich aneinanderreihten.

Die Namen der Universitätslehrer verloren sich zwischen denen von Schankwirten, Destillateuren und Lieferanten. Daran schlossen sich Beamte jeder Gattung, die aus dem großen Futterkorbe der Regierung ihr Brot aßen und sich darum der Pflicht nicht entziehen konnten, ihre Herolde und Fahnenschwinger zu sein. Bis hinunter zum Eisenbahnassistenten und Polizeiwachtmeister waren alle Rangklassen vertreten. Ein Hoftraiteur nahm sich unter ihnen besonders vornehm und freiheitstrunken aus.

»Schofle Gesellschaft!« sagte Sieburth, das Zeitungsblatt zerknitternd, das nun auch seine Versklavung der Welt verkündete.

Da waren die »drüben« besser daran.

Schon der Name des Auserkorenen bot ein Programm und erzählte Geschichten von Mannhaftigkeit und Märtyrermut.

Als Mitglied der medizinischen Fakultät und Leiter der inneren Poliklinik war er in der Konfliktszeit vor bald zwanzig Jahren zur Bekämpfung der berüchtigten Preßordonnanzen, die jedes mißliebige Blatt sofortiger Beschlagnahme preisgaben, in die Bresche gesprungen und zur Strafe dafür durch sofortige Maßregelung seines Amtes entsetzt worden.

Für ihn einzutreten hätte geheißen, der Lehrfreiheit zu dienen und dem eigenen Aufstieg ehrliche Wege zu bahnen.

Statt dessen – – –!

Ein Glück war's immerhin, daß er bis jetzt politisch noch niemals hervorgetreten war und daß kein Mensch ihm eine Sinnesänderung nachweisen konnte, denn jener Gastbesuch in der liberalen Parteisitzung war schwerlich gegen ihn auszumünzen.

Zu Anfang des Oktober traf Pfeifferling, vom Hochgebirge kommend, wieder ein, und Sieburth wurde zum Abendessen gebeten.

Braungebraten, mit halbgeschälter Haut und rotgeschwollener Nase trat das fidele alte Scheusal ihm entgegen. Und schon nach der ersten Begrüßung legte er los: »Aber das geht nicht, Kollege! Bis zum Hals hinauf dürfen Sie den Kopf nicht in den Sand stecken. Nein, so geht das nicht. Wenn Wahlversammlungen sind, werden Sie hübsch am Vorstandstische thronen und zu den kleinen Spießern des Komitees eine angenehme Abwechslung bilden. Wenn die Herren der höheren Beamtenschaft sich etwas zurückhalten, so ist das nur dankenswert. Aber Krethi und Plethi dürfen uns deshalb noch nicht die Fassade verschandeln.«

»Hinkommen, meinetwegen«, gab Sieburth widerwillig zu. »Wenn ich nur nicht zu reden brauche.«

»Gerade darum möchte ich Sie ebenso dringend wie unhöflich gebeten haben … Was heißt das: Nicht reden brauchen? Daß die Lauen ausgespien werden, steht schon in der Heiligen Schrift … Die Diskussion muß aus den Tiefen der proletarischen Mistgrube, in die das sogenannte allgemeine und direkte Wahlrecht uns geschmissen hat, ab und zu auf ein anständiges Niveau gehoben werden, und wenn es so weit ist, dann kommen Sie 'ran, Verehrtester. Mitgefangen, mitgehangen! Da hilft nuscht … Übrigens: die Herren Ministerialräte passen auf, und ein Lobstrich in der Konduite kann keinem was schaden, besonders, wenn man allerhand auf dem Kerbholz hat, wie gewisse Leute, die ich nicht nennen will.«

Das war deutlich genug, und Sieburth fühlte, wie die Röte ihm heiß ins Gesicht stieg.

»Sie irren, mein lieber Geheimrat«, sagte er, »wenn Sie glauben, daß das Urteil der Herren im Ministerium für mich in Frage kommt. Wenn ich mich Ihnen anschloß, so geschah es aus anderen Gründen, und fühle ich mich nicht wohl dabei, so steht nichts im Wege, daß wir uns alsbald wieder trennen.«

Der Alte sah, daß er zu weit gegangen war, und lenkte rasch wieder ein.

»Nu, nu, nu«, lachte er, »Kratzbürstigkeiten besorge ich selber. Wenn ich Sie aber wirklich gekränkt haben sollte, dann kriegen Sie gleich einen Versöhnungskuß. Und das ist dann noch schlimmer. Darum sänftigen Sie Ihren achilleischen Zorn. Reden müssen Sie gelegentlich doch. Dafür lassen Sie Ihre neuen Freunde nur sorgen. Und jetzt kommen Sie zu meiner Frau. Über Ihrer Hitze wird das Essen sonst kalt.«

Damit öffnete er die Tür zum Nebenzimmer, auf dessen Tisch der lampenbeschienene Damast silbern erblühte.

Sieburth trat ein und dachte dabei: ›Hoffentlich ist dieses Abendbrot nicht zu teuer bezahlt.‹


 << zurück weiter >>