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Fünfzehntes Kapitel

Die Krähe war wieder umgänglich geworden.

Als Sieburth nach seiner Rückkehr an den Verschlag herantrat, floh sie nicht in den hintersten Winkel zurück, sondern nahm ruhig den dargebotenen Bissen, ja sie ließ sich sogar ein wenig den Nacken kraulen.

Sieburth fragte die Schwestern, wie sie dies Wunder zustande gebracht hätten. Zuerst wollten sie nicht recht mit der Sprache heraus. Aber schließlich kam's zutage, daß sie das junge Tier mit sich ins Haus genommen und sorgsam gepflegt hatten. Stundenlang waren sie mit ihm beschäftigt gewesen trotz der Ungelegenheiten, die das diebische und zerstörungssüchtige Vieh ihnen bereitet hatte – von Schlimmerem ganz zu schweigen.

Sieburth hatte jeder ein Pfund Pralinees mitgebracht, an denen sie dankbar schleckten.

Auch Cilly war heiter und harmlos und ließ nicht ahnen, daß in ihr ein starker, erkenntnisgieriger Geist seine Flügel gespannt hielt, um sich hinter ihm nicht zu verlieren.

Sie machten mit ihm ein paar langanhaltende Gänge, schwatzten über Gott und die Welt und freuten sich an ihrer eigenen Freude.

Zwei Tage nach ihm kam der Geheimrat zurück. Wußte viel von dem Glanz des großen Kommerses zu erzählen, auf dem der Kronprinz warme, weithinhallende Worte gesprochen hatte, und gab dem Bedauern Ausdruck, daß Sieburth seiner Mahnung nicht gefolgt war.

»Ich will nicht gerade sagen, daß Ihnen Ihr Fernbleiben einen wesentlichen Schaden zufügen wird«, meinte er, »aber es ist immer gut, das Gegebene, das von jedem Erwartete nicht zu versäumen. Das mögen alles nur Luftgebilde sein, aber der Böswillige weiß auch aus Luft Waffen zu schmieden.«

Es lag etwas von schwiegerväterlicher Sorge in dieser wohlgemeinten Warnung. Und Sieburth beschloß, sich ein wenig seltener sehen zu lassen.

All sein Denken klammerte sich an das große Erlebnis der jüngsten Tage und die Verheißung, die die Geliebte ihm auf den Weg mitgegeben hatte.

Selbst seine Arbeit begann zu leiden. Die schmale Gedankenbahn, auf der er sonst mühelos einherschritt, war überall verschüttet, und jeder Seitenweg führte ins Leere.

Über das, was werden würde, gab er sich keinerlei Rechenschaft. Wenn er des warmherzigen und hochsinnigen Gatten gedachte, dem er sie wegnahm, fuhr ihm wohl ein Stich durch die Brust. Aber das half nun nichts, hier galt's einen Kampf Mann gegen Mann. Wer Sieger blieb, führte die Braut heim.

›Aber will ich sie heimführen?‹ fragte er sich. ›Will ich meine stille, gesegnete Einsamkeit preisgeben um eines Skandals willen, der unausbleiblich sein würde? Oder muß ich nicht vielmehr dafür sorgen, daß alles zwischen uns in strengster Heimlichkeit bleibe?‹

Doch wie würde sie, der Sensitiven Sensitivste, diese Heimlichkeit ertragen, die nichts als ein unverschämter Betrug war? Und selbst, wenn ein solches Wunder geschah, wie sollte es möglich sein, in dieser eng umgrenzten Stadt, in diesem aufpasserischen Kreise Beziehungen, die jedem Argwohn offen standen, vor Spionage und Entdeckung zu bewahren?

Fährlichkeiten und Unausdenkbarkeiten, wohin der Blick sich wandte.

Aber gleichviel! Erst mußte die Verheißung sich erfüllen. Erst mußte der große Augenblick gekommen sein, der Heil oder Verwerfung, unausdenkbares Glück oder lebenslange Sehnsucht in sich barg.

Fünf oder sechs Tage mochten seit seiner Rückkunft verflossen sein, da erhielt er folgenden Brief:

 

Lieber Freund!

Unsere gemeinsame Freundin griff meinen Wunsch, die Schönheiten der samländischen Küste kennenzulernen, freudig auf. Wir werden also an einem der nächsten Tage mit Kindern und Gouvernante eine Wagenfahrt antreten, die uns auch zu Ihnen nach Rauschen führen wird. Sogar ein Nachtlager ist daselbst vorgesehen. Von Ihnen wird erwartet, daß Sie als landeskundiger Mann den Führer spielen. Wenn ich auch sehr gebunden bin, so hoffe ich doch, daß eine Stunde unbeobachteten Zusammenseins uns nicht vorenthalten bleiben wird. Mehr zu sprechen vermag ich nicht. Ich möchte wohl, aber die Feder versagt sich mir. Dies ist schon der vierte Brief, den ich begonnen habe. Immer steht Falsches, Kaltes und Irreführendes darin. Ich muß warten, bis ich in Ihr Auge sehen und Ihre Hand in der meinen halten kann. Ich werde die Stunden zählen bis dahin.

Ihre Herma.

 

War das Liebe oder nicht? Ja, ja, ja, und tausendmal ja!

Und auch er zählte die Stunden, bis zwei Tage später am frühen Nachmittag ein anderer Brief mit anderer Handschrift – oh, er kannte sie wohl, sie hatte ihm jahrelang den kärglichen Ersatz einer Liebesbotschaft gebracht – durch die Magd des Gasthofes bei ihm abgegeben wurde. Er lautete:

 

Lieber Freund!

Wir sind lange aneinander vorbeigegangen. Ich finde das töricht. Und Sie hoffentlich auch. Unsere gemeinsame Freundin, die ich inzwischen zu gut kennengelernt habe, um nicht zu verstehen, was Sie zu ihr hinzieht, sagte mir, daß Sie hier Wurzel geschlagen haben. Wir möchten uns Ihnen gerne anvertrauen. Wenn Ihre Arbeit Sie für ein paar Stunden freigibt, so begleiten Sie uns bitte zum Strande hinab und wohin Sie sonst wollen. In alter Treue

Ihre Marion F.

 

Wohl eine Viertelstunde lang starrte er auf den Bogen nieder, aber keines der Worte verriet ihm, was sich dahinter verbarg. »Unsere gemeinsame Freundin«, so hatten beide geschrieben.

Legte sie ihm eine Falle? War sie wirklich versöhnt? Wer konnte es wissen?

Gleichviel, Herma war da. Was sie ihm zuführte, was sie umgab, mußte mit in den Kauf genommen werden.

Er kleidete sich sorgfältiger an als sonst und ging zum Bosienschen Gasthause hinunter.

Marion erwartete ihn in der Veranda. Die rosige Blütenhaftigkeit ihres Gesichtes war zu mattbraun abgeschattet, und aus dem durchlichteten Dunkel strahlten die Augen in um so sieghafterer Bläue.

Zwei schöne Knaben, sechs- und achtjährig, dem Vater ähnelnd mit ihrem steilen Hinterkopf und der umbuschten Stirne, spielten um sie herum. Und eine englische Erzieherin hielt sich in bescheidener Ferne.

Wie Marion ihm weich lächelnd die Hand entgegenstreckte, schien sie wirklich und ohne Vorbehalt wieder die Freundin von ehedem.

»Ich danke Ihnen, daß Sie sogleich gekommen sind«, sagte sie. »Wenn ich mir auch nicht schmeichle, daß ich die Hauptanziehung auf Sie ausgeübt habe, so freue ich mich doch, daß Sie da sind.«

»Vergessen Sie nicht, liebe Freundin«, entgegnete er, »daß Sie mich aus Ihrer Nähe entfernt hatten. Wär' es nach meinen Wünschen gegangen, so hätte sich zwischen uns niemals etwas geändert.«

»Mag sein, daß ich die Schuldige bin«, antwortete sie. »Wir alle sind Sklaven unserer Stimmungen, aber diese Stimmungen werden und wachsen nie ohne Grund. Und wenn ich damals –«

Sie hielt inne, denn die Knaben drängten sich herzu, um ihm die Hand zu reichen.

Er begrüßte sie als alter Vertrauter, wiewohl er sie kaum wiedererkannt hätte, und sie erzählten ihm von dem Viergespann und der Dampfmühle, die er ihnen einst geschenkt hatte und die immer noch in Tätigkeit waren.

Dann wurden sie fortgeschickt, und Marion sprach weiter: »Ich bewundere Ihre Höflichkeit. Sie haben sich noch nicht einmal suchend umgesehen, obwohl unsere Freundin immer noch ausbleibt. Wir haben nämlich nicht alle im Gasthause Platz gefunden und ihr darum beim Förster Unterkunft verschafft. Ich riet ihr, sich auszuruhen, denn sie ist zart und ermüdet leicht. Aber jetzt kann sie schon wieder auf dem Posten sein. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir sie abholen gehen.«

Ein Gefühl sagte ihm, daß es klüger wäre, dies Zusammensein noch zu verlängern. Aber zu heiß wallte der Wunsch in ihm auf, die Geliebte wiederzusehen, als daß er es über sich gewonnen hätte, zu widersprechen.

So brachen sie also auf. Marion und er vorneweg, die Erzieherin, der er sich umständlich hatte vorstellen lassen, mit den Knaben in etlichem Abstand dahinter.

Er wußte wohl, daß Herma betreffend allerhand Unausgesprochenes noch in der Luft lag. Aber er fand nicht die geistige Freiheit, es zum Austrag zu bringen, zumal die Gefahr da war, daß auf dem schlüpfrigen Boden ein Ausgleiten die Sachlage nur noch verschlimmerte. Außerdem hoffte er, daß durch die Unbefangenheit des Verkehrens jeder etwaige Argwohn alsbald erstickt werden würde. – –

Das Försterhaus ragte mit dem Giebel nach der Straße hin. Ein blumenbestandener Vorgarten, den ein Staketenzaun umgab, lag dazwischen.

Unter einem der Fenster, dicht neben der Tür, die ins Freie führte, stand sie, – wartend, wie Marion gewartet hatte.

›Jetzt Haltung!‹ mahnte er sich.

Und als er den Hut ziehend ein heiteres »Willkommen« zu ihr hinüberrief, würde kein Polizeimensch einen Fehl darin haben entdecken können.

Auch Herma war ohne Steifheit und ohne Verwirrung. Lachend winkte sie herüber. Sie wolle nur den Hut aufsetzen, und dann sei sie da.

Er hütete sich wohl, das Auge zur Seite zu wenden, aber er fühlte auf seiner Haut, wie Marions Blick sich brennend in ihn bohrte.

Als er Herma auf der Schwelle erscheinen sah, stieg ein neues Glücksgefühl jäh in ihm auf: die Tür der Giebelseite lag dicht neben dem Zimmer, das sie bewohnte; zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte sie ungesehen und ungehört ins Freie gelangen. Ihrer beider Zusammenkunft war gesichert.

Blaß sah sie aus und wenig erfrischt. Wiewohl sie immer noch lachte, ging ihr Auge flackernd und unnatürlich groß in steter Unruhe von Marion zu ihm und von ihm zu Marion hinüber.

Dann erzählte sie mit einem Entzücken, das ihre ängstliche Spannung noch übersteigerte, von den Zaubern der verflossenen Strandfahrt, den schwelgenden Blicken weit übers Meer hinaus und den Schaumlinien der Brandung, die wie schmale Firnfelder von gigantischen Händen geschoben gegen das Gestade anrückten.

›Immer gehen ihre Gedanken nach den Bergen‹, dachte er, von einer unbestimmten Eifersucht gequält.

Und dann wurde die Führerschaft ihm übertragen.

Er wußte nichts Schöneres als den Sturz des Sassauer Waldes. Dorthin lenkte er auch diesmal den Weg.

Als sie in etlicher Entfernung an seinem Hause vorbeikamen, das grau und schmucklos durch die Stämme sah, wies er darauf hin und berichtete, daß er drin wohne.

Und alle wollten sich's ansehen.

»Es gibt da wenig Merkwürdiges«, wehrte er ab, »außer einer Krähe vielleicht, die mir viel Sorgen macht.« Denn seit den letzten Nächten hatte sie wieder zu verwildern begonnen.

Alle – insbesondere die Knaben – wollten erfahren, was es mit dieser Krähe für eine Bewandtnis habe. Und als er das Nötige erzählt hatte, begehrten sie stürmisch, zu ihr geführt zu werden. Aber das Haus lag schon weit hinter ihnen, und darum vertröstete er sie auf den Rückweg.

Schlendernd gingen sie durch den Wald, von den Knaben in Atem gehalten, die bald mit einer Blume, bald mit einem Käfer oder einem Steine zu Sieburth kamen, um Auskunft von ihm zu fordern. Denn er als Professor hatte die Pflicht, alles zu wissen. Bisweilen auch zogen sie ihre »Mami« zu einer Stelle, die ihnen aus irgendeinem Grunde bemerkenswert schien, und dann ergab sich's, daß er für Augenblicke mit Herma allein blieb.

»Weiß man von unserem Ausflug?« fragte er rasch, als er sich mit ihr außer Hörweite sah.

Sie bejahte.

»Und hat ihn noch nicht erwähnt? Dann müssen wir davon reden.«

Und als Marion, die sich offenbar nur ungern von ihnen trennte, wieder nebenherging, begann er das, was ihnen begegnet war, mit Farben zu schildern, die glühender ausfielen, als ein schlichtes Erleben verlangte.

›Schon wieder mach' ich einen Fehler‹, dachte er. Dann, als er Marions gieriges Auge sah, wurde ihm klar, daß sie aus dem gemeinsam bestandenen Abenteuer auf ein inniges Verkettetsein zu schließen berechtigt war.

Herma ahnte nichts von seiner Besorgnis. Sie schwieg zumeist, nur ab und zu warf sie ein ekstatisches Wort in sein Reden hinein, das bewies, mit welcher Inbrunst sie jenes Tages gedachte.

Inzwischen hatten sie die Waldgrenze erreicht und standen auf dem schmalen Saum der freien Dünenhöhe.

Das Meer, von dunklem Wolkenhimmel niedrig überwölbt und in graublauen Spiegelungen reglos hingelagert, starrte wie das Rätselauge dieser Rätselwelt in düsterem Gleichmut zu ihnen empor.

Mit kaum hörbaren Lauten schmiegte sich die Dünung an den Strand. Schwarze Fischerboote, weithin draußen angepflöckt, schaukelten scheinbar im Leeren. Ein kurzer, scharlachfarbener Streifen, nach obenhin strahlig ausgefasert, zeigte die Stelle, an der die Wasserweite den Horizont begrenzte. Sonst hätte man beides nicht zu scheiden vermocht. Himmel und Erde waren zu einem All verwachsen, in dem, was Mensch ist, sich zagend und rettungslos verlor.

Von dem unverhofften Bilde überwältigt, standen alle schweigend da. Selbst den Knaben war das Fragen im Munde erstorben. Sie schauten mit großen, andächtigen Augen zur Mutter empor, als könne nur durch sie der Bann gebrochen werden, der auch ihre jungen Seelen umfing.

Herma hielt die Hände über dem Schoß gefaltet. Sieburth wagte nicht, ihre Gedanken vom Gesicht abzulesen. Er ahnte nur, wie sehr sie ergriffen war, und verfluchte das Geschick, das ihn zwang, ihr seelisch fernzubleiben.

Marion Follenius war die erste, die sich zusammenraffte.

»Ich habe das nun unzählige Male schon gesehen«, sagte sie, »und immer wieder nimmt es mich hin. Ich möchte nur wissen, wie man's am meisten genießt, allein oder – zu zweien.«

War es ein Zufall, daß bei den letzten Worten ihr Blick von Sieburth zu Herma hinüberglitt und dann forschend zu ihm zurückkehrte?

»Es gibt Leute, die schlemmen Natur«, sagte er, die Stimmung absichtlich ins Zynische drehend, »wie sie ein üppiges Menü herunteressen. Man muß Maß halten auch hierin, sonst verfettet unser Gefühlsleben und macht uns untauglich für das, was der Tag verlangt. Wohin kämen wir, wenn wir die Regungen, die dieses Bild erweckt, bis in ihre letzten Ausläufer verfolgen wollten? … Jungens, lauft! Bald gibt es was zu klettern!«

Damit war ein jeder Fuß auf den Erdboden zurückgelangt, und Marion hatte keine Gelegenheit mehr, Zeugnisse geheimen Einverständnisses zu erlauern.

Auf der mageren Höhe, die sie entlangschritten, blühten die violetten Sterne der Strandaster. Auch das rote Tausendgüldenkraut und die federige Strandnelke ließen sich finden, aber die blaustachelige Stranddistel hatte schon abgeblüht; sie konnte nur noch ihre Früchte hergeben und war immer noch die schönste von allen.

Herma suchte und sammelte mit einem Eifer, als sei für keinen andern Gedanken in ihrem Kopfe Platz, und Sieburth ließ sie gewähren. Er ahnte, daß sie auf diese Weise müßigem Gerede ausweichen wollte.

So geschah es, daß er neben Marion daherging und mit ihr Konversation machen mußte.

Sie bedauerte, daß er den Kaiserfesten ferngeblieben war, und unterließ es nicht, hinzuzufügen, er habe freilich Besseres zu erleben gehabt. Ihr Mann hatte den Kommerzienratstitel erhalten, der ihm wegen seiner politischen Haltung bisher versagt geblieben war, und sie selber konnte sich eines Ordens rühmen, der ihr von Rechts wegen noch lange nicht zukam.

Sieburth brachte seine Glückwünsche dar und versuchte wieder, sie »meine Fürstin« zu nennen, wie es in den Zeiten einer ungetrübten Freundschaft oftmals geschehen war. Aber der Scherz klang mißtönig und verfehlte seinen Zweck.

Als die Stätte des Waldsturzes erreicht war, wühlten die Jungen sich jauchzend in das Chaos der abwärts gerichteten Kronen, turnten die Stämme entlang und schlugen sich mit dem Astwerk herum.

Ratlos schalt die Miß hinter ihnen her. Aber Marion ließ sie lächelnd gewähren.

Es schien, als weilten ihre Gedanken weit weg, als erwäge sie Pläne oder kämpfe mit neuen Entschlüssen.

Herma beklagte das Schicksal der todgeweihten Riesen, deren Gnadenfrist nun bald beendet war. Dann wandte sie sich wieder ihrem Strauße zu, dessen Gedeihen sie ausschließlich in Anspruch nahm.

Sieburth mußte eines andern Straußes gedenken, der vor nicht langer Zeit und nicht fern von hier gewunden, für ihn gewunden worden war, und ein Schuldbewußtsein stieg unwillkürlich in ihm hoch. Sein Blick wandte sich den Absturz hinab nach jenem Stamme hin, der ihm Lager und Stütze gewesen war, als er der wissensdurstigen Freundin seine gedanklichen Pläne anvertraut hatte.

Wie weit lag das alles heut! Und wie weit auch das, was ihm solange Lebensinhalt gewesen war!

Ausgewischt, versunken, ins Nichts gebannt, als ruhte es dort unten irgendwo auf dem Grunde und die Wellen spülten darüber hin.

Die beiden Knaben trieben es inzwischen so arg und hörten so wenig auf Mahnen und Rufen, daß sie mit Gewalt zurückgeholt werden mußten.

»Ich werde sie beim Rockkragen nehmen und sie Ihnen apportieren«, sagte Sieburth.

Aber Marions mütterliche Sorge wollte sie keinem Fremden überlassen. Sie machte sich mit der Miß zusammen gleitend und kletternd auf den Weg, sie abzufassen und zurückzubefördern.

So konnte er ein paar Minuten lang mit Herma sprechen, ohne Marions Argwohn fürchten zu müssen.

»Wann werden Sie heute abend allein sein?« fragte er.

»Wenn ich mich auch früh zurückziehe«, erwiderte sie, »so muß ich doch darauf gefaßt sein, daß ich beim Wiederverlassen des Hauses beobachtet werde.«

»Sie haben also auch bemerkt, daß sie aufpaßt?«

»Sie forscht mich aus vom ersten Augenblick an, seit ich ihr Gast bin. Ich nehme an, daß sie Ihre Geliebte war und daß Sie sie – vielleicht gar meinetwegen – verlassen haben.«

»Sie hat nie eine Erklärung und nie mehr als einen Handkuß von mir erhalten.«

»Dann ist es um so schlimmer. Dann trägt sie das Gefühl mit sich herum, von Ihnen verschmäht zu sein.«

»Ich glaube vielmehr an ihre Eitelkeit – doch lassen wir sie … Vor Ihrem Hause erwarten kann ich Sie natürlich nicht. Aber geben Sie bei unserer Rückkehr acht, an welcher Stelle ich mich verabschiede.«

»Werden Sie nicht zu Abend mit uns essen?«

»Nein. Ich werde aus Rücksicht auf Ihre Ermüdung ablehnen. An der Stelle, an der ich Sie verlasse – –«

»Es wird auffallen, daß Sie nicht wenigstens bis zum Gasthause mitkommen.«

»Ich werde also einen falschen Abgang markieren. An dem Platze, an dem ich dies tue, werde ich warten von zehn Uhr ab.«

»Das ist zu früh.«

»Also von elf Uhr ab … Bis – nun, bis gegen Morgen. Merken Sie sich den Weg gut, damit Sie ihn in der Dunkelheit nicht verfehlen.«

In diesem Augenblick tauchten die abgefangenen Verbrecher aus der Tiefe empor, von der Mutter gefolgt, die mitten im Schelten einen raschen Jagdblick nach dem Paare hinüberwarf, das bemüht war, den Wiedererschienenen gebührende Teilnahme entgegenzubringen.

Die arme Miß, die fürchten mußte, als autoritätslos erkannt zu sein, kam weinend hinterher.

Es war eine bewegte Familienszene.

Während des Heimwegs, der an Erfreulichkeit manches zu wünschen übrig ließ, setzte zum Überfluß ein milder Rieselregen ein, wie ihn der Landmann im September für seine jungen Saaten gern hat, der aber im vorliegenden Falle wohl zu entbehren war.

Man schützte sich, so gut man konnte, und eilte schweigsam dem bergenden Dache zu. Des Besuches im Sieburthschen Hause wurde nicht mehr gedacht.

Am Waldrande, angesichts des Dorfes, zu dem ein breiter Sandweg geradeswegs hinunterführte, bat Sieburth mit einem bedeutsamen Blicke nach Herma hin, sich empfehlen zu dürfen.

Und in so wenig guter Laune zeigte sich Marion, daß sie ihn kaum einmal zu halten versuchte.

Herma hingegen verlangte in gut gespielter Heiterkeit, daß er seinen Ritterdienst bis zum vollkommenen Naßwerden erfülle, und gab ihn erst frei, als die Tür des Gasthauses erreicht war.

Man trennte sich eilig, mit dem Gedanken ans Umziehen beschäftigt, und von gemeinsamem Abendessen war nicht mehr die Rede.

In nächster Morgenfrühe wollte man weiterreisen. Daß Sieburth zum Abschied hinunterkomme, wurde von niemandem verlangt. Erlöst aufatmend, kehrte er nach diesem stundenlangen Eiertanz durch die frühe Dämmerung nach seinem Heimwesen zurück.

Wie nun die Zeit hinbringen, die ihn von dem Wiedersehen noch trennte?

Die Uhr ging auf sieben, und schon sank die Nacht.

Gegen acht wurde das Abendessen gebracht. Ein Wärmen der Speisen, wie es sonst geschah, verbat er sich, nur um rasch wieder allein zu sein.

Um viertel auf neun hatte die Dienstmagd sich getrollt, und nun begann das Warten aufs neue.

Der Regen, der von Stunde zu Stunde heftiger wurde, strich in blinkenden Strähnen an den offenen Fenstern entlang.

Daß er mit ihr im Freien nicht bleiben konnte, war klar. Aber würde sie bereit sein, ihm in sein Haus zu folgen, würde sie nicht viel eher – –?

Da – was war das?

Kamen nicht Schritte vom Waldweg her? Unhörbar zwar auf dem moosigen Boden, doch raschelnd in den Heidelbeersträuchern und knackend auf dürrem Gehölz. Schritte – halt machend bald, bald von Eile vorwärts getrieben.

Sollte sie jetzt schon –? Wär's möglich, daß sie –?

Er sah nach der Uhr. Nein doch! Um neun war dieses Wagnis undenkbar.

»Wer da?« rief er in die Nacht hinaus.

Da trat eine dunkle Frauengestalt unsicher zögernd in den Kegel des Lampenlichts. Unter der Kapuze des Regenmantels hervor leuchtete die Blondheit von Marion Follenius.

Ein Schrecken überlief ihn. Offenbar hatte sie kundschaften wollen. Wenn Herma jetzt – –!

Rasch fand die Besucherin ihre Fassung wieder. Mit lächelndem Gruße lehnte sie sich in das offene Fenster hinein und sagte: »Es war durchaus nicht meine Absicht, mich bemerkbar zu machen. Ich hatte unsere Freundin zu Bette gebracht und wollte nur eben einmal aus der Verborgenheit heraus nachsehen, wie Sie eigentlich hausen. Vielleicht auch die berühmte Krähe kennenlernen, um deretwillen sich meine Jungchen in den Schlaf geweint haben, weil sie ihnen entgangen war.«

»Sie sitzt hinter Ihnen«, sagte Sieburth, nach dem Verschlage weisend.

Aber sie drehte sich nicht einmal um. Die verschränkten Arme aufs Fensterbrett gelegt, stand sie da und lächelte in halbem Spott zu ihm empor.

»Ich weiß nicht, ob ich mir erlauben darf – –« sagte Sieburth.

»– mich im Regen stehen zu lassen«, vollendete sie.

Da trat er vor die Haustür und bat sie herein.

»Sie dürfen mich sogar von dem Gummizeug befreien«, fuhr sie fort, sich im Zimmer umblickend, »und es draußen im Hausflur aufhängen, damit es hier den Boden nicht volltropft.«

Er half ihr die Knöpfe zu lösen und die Kapuze in den Nacken ziehen.

Nun stand sie hochaufgerichtet im knappen Kleide da und dehnte die Arme nach hinten, so daß die Brüste in praller Wölbung hervortraten.

Nicht triumphierend gerade, doch als eine zum Geben entschlossene Wohltäterin.

›Wie wird das enden?‹ dachte Sieburth und warf einen verstohlenen Blick nach der Uhr.

In einer Stunde mußte sie unten abgeliefert sein, sollte die Gefahr nicht drohen, daß sie Herma begegnete.

Sie trat an den Schreibtisch und ließ einen flüchtigen Blick über Bücher und Blätter gleiten.

Dann sagte sie sich umwendend: »Gibt es auch etwas Sitzbares, wo eine müde Frau sich anlehnen kann?«

Er wies auf das brüchige Sofa, über dessen zerrissenen Überzug er seine Reisedecke gebreitet hatte, und dachte staunend: ›Mit welcher Sicherheit sie ihre Haut zu Markte trägt!‹

Dabei fiel ihm ein, daß er sie schützen mußte, so gut es ging. Wenn es auch kaum denkbar erschien, daß zu dieser Stunde sich jemand zu ihm herauf verirrte, so war die Möglichkeit doch immerhin gegeben. Er schloß die Fensterflügel und ließ die Rouleaus herab, die Spalten zuziehend, durch die man hereinschauen konnte.

»Ich bewundere die Sorgfalt«, sagte sie immer lächelnd vom Sofa her, »mit der Sie die kommende große Szene vorbereiten. Man sieht, Sie haben Übung im Empfangen später Frauenbesuche.«

Das war deutlich, zu deutlich, um noch geschmackvoll zu sein.

Oder machte sie sich lustig über ihn?

Er überlegte. Zwei Möglichkeiten gab's: entweder sie war da, um eine Schäferstunde zu feiern, oder sie beargwöhnte Herma und wollte am Platze sein, für den Fall, daß sie herkäme, – bis dahin aber sich an seiner Verlegenheit weiden.

Und als er seinen Schreibstuhl in ihre Nähe rückte, fuhr sie fort: »So ist's recht. Nun haben Sie's bequem, im gegebenen Moment an meiner Seite zu sein.«

»Sind Sie hergekommen, Frau Marion, um mich zu verhöhnen?« fragte er.

Sie seufzte ein wenig. »Ach Gott, was weiß ich?« sagte sie. »Man wird von seiner Unruhe umhergetrieben und gibt sich am besten keine Rechenschaft über das, was man tut und was man sagt.«

»Das war sonst nicht Ihre Art«, warf er ein.

»Man ändert sich«, gab sie zurück.

»Sie dürfen nicht glauben, liebe Frau Marion«, begann er seinen Gegenfeldzug, »daß ich den Geist dieser Stunde nicht verstehe. Ich fühle sehr wohl, was er verspricht, aber ich fühle auch, womit er droht.«

»Und darum fange ich, meinem Berufe treu, ein wenig zu philosophieren an«, spottete sie. »Das imponiert und hilft die Zeit hinbringen, bis ich meinen Gast zur Tür hinauskomplimentieren kann.«

›Auf diese Weise geht's nicht‹, dachte er. ›Dazu ist sie nicht dumm genug.‹

Er stand auf und faßte sie bei beiden Schultern. »Haben Sie sich klar gemacht, Marion, was dieser Schritt bedeutet?«

Sie wand sich erschauernd unter seinem Griffe.

»Warum werden Sie handgreiflich?« klagte sie. »Lieben Sie mich genug, um das zu dürfen?«

»Ob ich Sie liebe oder nicht, darauf kommt es nicht an. Ein Mann hat's leicht, sich einer Frau zu bemächtigen, die sich ihm anvertraut hat, wie Sie sich mir, auch wenn er sie nicht liebt. Aber wir leben in einer strengen Welt. Der Pflichtbegriff hängt über uns allen. Selbst wenn wir uns Mühe geben, ihn zu verlachen. Und ich muß wissen, welche Pflichten ich übernehme, falls ich das Glück habe, mehr als Ihr Freund zu sein.«

»Gar keine«, sagte sie auflachend. »Sparen Sie sich den Pflichtbegriff für Ihr Kolleg. Wer eine Frau gepackt hält wie Sie mich jetzt, der schert sich sowieso den Teufel darum.«

Erschrocken ließ er sie los. Aus jedem seiner Worte, aus jeder seiner Bewegungen schmiedete sie ein neues Glied der Kette, mit der sie ihn wehrlos zu machen trachtete.

»Vergeben Sie mir diese Brutalität, die sonst nicht in meinem Benehmen liegt«, sagte er. »Ich ließ mich dazu hinreißen, weil ich nicht wußte, wie ich eindringlich genug zu Ihnen reden sollte.«

Sie zuckte höhnisch die Achseln. Sie las aus seiner Entschuldigung nichts als die Absicht heraus, sich wieder zurückzuziehen.

Er überlegte: sie heute unberührt von hinnen gehen zu lassen und sie dann nicht zur Todfeindin zu haben, das kam beinahe der Quadratur des Zirkels gleich.

Und plötzlich stieg der wilde Gedanke in ihm hoch: ein schöneres Weibsbild kam noch nie in deine Nähe. Nimm sie hin, dann hat sie ihren Willen, und du bist sie los.

Aber zugleich stand jene andere vor ihm, jene, die seit bald einem halben Jahre sein Leben mit Licht und Sehnsucht erfüllte, jene, die in dieser Stunde im finstern Zimmer saß und in den Regen hinausstarrte, wartend, ihm Glück und Erfüllung zu bringen.

Das hieß nicht allein mit ihr sich selber wegwerfen, das hieß das Höchste, das Heiligste verschandeln und verschmutzen, was das Leben zu bieten fähig war.

Also weg damit, mochte werden, was da wollte!

Noch ein paar andere Einfälle zuckten ihm durch das Hirn, voll zynischer Selbstpreisgabe und heuchlerischer Kläglichkeit. Sie hätten ihn vor ihrem Hasse gerettet, aber er warf sie fort – sie auch. Denn durch den Segen jener andern fühlte er sich geweiht und solchen Winkelzügen weit enthoben.

So blieb nichts anderes übrig, als auf dem Wege der Liebesfeigheit tapfer fortzuschreiten.

»Hören Sie mir mal vernünftig zu, Marion«, sagte er, den selbstgefälligen Pedanten spielend. »Daß ich Ihnen freundschaftlich gesonnen bin, das wissen Sie. Ich würde mich in Stücke hauen lassen für Sie, das schwör' ich Ihnen. Aber verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen sage: noch höher als Sie, höher als jedes Weib der Erde, steht mir meine Arbeit.«

»Ihre Karriere wollten Sie sagen«, warf sie hohnlachend dazwischen.

»Das wohl nicht«, verteidigte er sich, »denn wodurch macht ein Mann wohl besser Karriere als durch die Gunst einer schönen und einflußreichen Frau? … In Ihrem gastfreien Hause verkehrt ein großer Teil der Fakultät. Unsere löblichen drei Schicksalsschwestern zählen zu Ihren Freundinnen. Und was das für einen armen Außerordentlichen bedeuten kann, das wissen Sie am besten … Ich hätte also nur nötig, mein Schicksal in Ihre Hände zu legen, und könnte mich als geborgen betrachten … Aber ich argumentiere anders: Ihre Freundschaft ist mir ein wertvoller, vielleicht der wertvollste Besitz … Nicht um der Karriere willen, wie Sie recht boshaft bemerkten, sondern weil ich darin eine geistige Stütze gefunden habe«, – ›Gott strafe mich für diesen Blödsinn‹, dachte er dabei, – »eine geistige Stütze, wie gesagt, der ich manche Idee zu verdanken habe. Ich will und darf sie nicht aufs Spiel setzen, indem ich etwas erstrebe, das zugleich höher und niedriger steht als sie … Dieser Widerspruch hat seine guten Gründe, denn der Mann, der die Gunst einer Frau genießt, ist zugleich auch immer ihr Spielzeug. Und Ihr Spielzeug, meine Fürstin, kann ich nicht werden. Das würde unweigerlich zum Bruche führen, wenn Sie mir nicht schon vorher den Laufpaß gegeben haben … Darum fleh' ich Sie an: Erhalten Sie mir den Besitz Ihrer Freundschaft, indem Sie alles so lassen, wie es so lange war, von der gelegentlichen Entfremdung abgesehen, die ich heiß beklagt habe und die, nun wir uns aussprechen können, hoffentlich ein Ende haben wird … Erhalten Sie sich mir, und jeder Gedanke, der mir aufsteigt, jede Zeile, die ich schreibe, wird Ihr Dank und Ihr Lohn sein.«

›Wenn das keine schöne Rede war!‹ dachte er. ›Und macht sie keinen Eindruck auf sie, so wird sie ihr wenigstens einen guten Abgang schaffen.‹ Marion Follenius hatte sich zuhörend in die Sofaecke zurückgelehnt und saß, als er geendet hatte, mit geschlossenen Augen da, regungslos und schweigend – eine, die Auskehr in sich hält und Umkehr von sich fordert. Um ihre festverkniffenen Lippen ging ein krampfähnliches Zucken – aber von verhaltenen Tränen kam es nicht.

Dann plötzlich raffte sie sich in die Höhe, ihn mit einem klaren, sicheren Blick ins Auge fassend, und ihre Stimme war wie Metall, als sie begann: »Wenn ich Ihnen in allem Recht geben wollte, lieber Freund, so wäre das unnatürlich, und Sie würden es mir auch nicht glauben. Aber ich hoffe, ich werde mich zu der entsprechenden Erkenntnis noch durchringen. Es sitzt sich zwar höchst behaglich in dieser warmen Sofaecke, und wenn es nach meinen Neigungen ginge, so würde ich noch lange mit Ihnen gemeinsam darüber nachdenken, wie wir unsere Freundschaft von neuem als Rocher de bronze stabilieren. Aber ich fürchte, es wird Zeit. Darum holen Sie mir rasch meinen Mantel, der inzwischen abgetropft sein dürfte.«

Aufatmend tat er nach ihrem Geheiß. Und als er wiederkam, fand er sie hochaufgerichtet wie nach ihrem Eintritt und mit ebenso zurückgespannten Armen in der Mitte des Zimmers stehen, düster in die Lampenflamme starrend.

›Wie ist das Weib schön!‹ dachte er, in unwillkürlicher Bewunderung die Linien ihres Körpers mit seinem Blick umfassend. ›Und wie sie die Situation selbst jetzt zu beherrschen weiß!‹

Als er ihr in den Mantel geholfen hatte und sich selbst für den Ausgang rüstete, war ihm zumute, als sei er verworfen und verschmäht und nicht sie.

Aber über allem stand das Gefühl der Erlösung, daß er nicht entwürdigt vor die Geliebte zu treten brauchte.

›Ob noch Zeit genug bleibt?‹ fragte er sich. Aber jetzt hütete er sich wohl, den Blick nach der Wanduhr zu erheben. Denn hätte Marion ihn bemerkt, so würde sie kaum verfehlt haben, Folgerungen zu ziehen, und damit wäre doch noch alles verloren gewesen.

Er löschte die Lampe, und dann traten sie hinaus.

Der Regen strömte noch immer. Grauschwarz, in undurchsichtiger Erloschenheit lag die Talsenke vor ihnen.

»Ich führe Sie einen näheren Abstieg«, sagte er, darauf bedacht, den Weg zu vermeiden, den Herma daherkommen mußte, und griff nach Marions Hand.

Sie fuhr zurück, als hätte ein glühendes Eisen sie berührt. Aber in raschem Sichbesinnen streckte sie dann selber die Hand nach ihm aus.

So geleitete er sie die aus Knütteln gefügten Treppenstufen hinab, die zwischen Gartenzäunen zum Dorfe führten. Als ihre Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, ließ sie ihn rasch wieder los und bemühte sich, den Weg aus eigener Kraft zu ermitteln.

Verschlafen lagen die Häuser da. Nirgends ein Licht mehr.

Als die Försterei sich näherte – an ihr mußten sie vorbei –, da überfiel ihn die Angst.

Wenn jetzt die Giebeltür sich öffnete! Wenn Hermas Gestalt darin erschien!

Aber alles – Gott sei gelobt! – blieb in Nacht und Stille vergraben.

Verstohlen beobachtete er seine Begleiterin, die schweigend neben ihm herschritt, nachdem sie seine Versuche, ein Gespräch zu beginnen, in Kürze abgelehnt hatte.

Keiner ihrer Blicke glitt nach dem Giebelfenster hinüber. Sie schien die neue Freundin ganz und gar vergessen zu haben.

Vor der Tür des Gasthauses mußte ein Wort des Abschieds fallen, ein Wort, das gleichzeitig zu künftigem Verkehr die Brücke schlug.

»Wird unsere Freundschaft je wieder die alte sein?« fragte er.

Sie lachte hell auf.

»Im Gegenteil! Sie wird noch viel inniger werden!«

Damit warf sie ihm die Hand zum Drucke hin, schlug mit der andern die Klinke herab und verschwand im Hausflur.

Frei! Ledig aller Not und aller Sorge!

Denn daß sie jetzt nicht mehr spionieren ging, stand ziemlich außer Frage.

Nur daß sie mit keinem noch so verschleierten Hinweis Hermas gedacht hatte, schien seltsam, schien gefährlich.

Gleichviel! Die Stunde der Erfüllung war da! Die Pforten des Glücks standen weit offen! Was dahinter lag, mochte in Vergessen zugrunde gehen.

Eilends schritt er der verabredeten Stelle zu.

Dort an den Baum gelehnt stand eine Frauengestalt.

Um Gottes willen, das war sie! War vor ihm dagewesen!

Er stürmte auf sie los, er riß sie in seine Arme.

»Wie lange wartest du schon?«

»Ich weiß nicht.«

»Lange schon?«

»Ich weiß nicht.«

Wehrlos, haltlos hing sie an ihm. Einen Mantel von flockigem Stoff trug sie, der ganz durchnäßt schien.

Er zog sie mit sich. Sie wagte keinen Widerstand.

Als er die Haustür aufstieß und das Innere als schwarze Höhle vor ihnen lag, ging ein Schaudern durch ihren Körper, aber sie fuhr nicht zurück, sondern folgte gehorsam.

Aus dem Zimmer schlug der Duft, den Marion allzeit an sich trug, verräterisch ihm entgegen.

Er erschrak. Aber sie schien nichts zu bemerken. Sie war wohl aller Sinne beraubt durch das Ungeheure, das ihr geschah.

»Du mußt jetzt deinen Mantel ausziehen, Liebes.«

»Ich kann nicht.«

»Du wirst dir den Tod holen. Du mußt.«

»Ich kann nicht.«

Sie krampfte die Finger beider Hände über der Brust zusammen. Er lockerte sie mit Gewalt. Dann sank sie ermattet in seinen Arm zurück.

Und als er die Knöpfe des Mantels gelöst hatte, fühlte er, daß nichts darunter war als das Hemd über der nackten Brust.

Ein Stammeln der Scham: »Das Kleid gab sie zum Trocknen hinaus – ein anderes hab' ich nicht mit.«

Rasch holte er das Lodencape, das im Hausflur zur Aushilfe hing, und dachte dabei: ›So wollte sie sie vollends unschädlich machen.‹ Dann zog er den nassen Mantel vorsichtig über die Schultern hinab, deren mattes Leuchten die Finsternis schmerzhaft durchdrang, und hüllte die Zitternde in das weiche Wollenzeug, das sie wärmend umschmiegte.

So führte er sie in dieselbe Sofaecke, in der vor einer halben Stunde Marion Follenius gesessen hatte und die von deren Lebenshauche noch immer erfüllt schien.

Wortlos sank sie zurück und kauerte sich zusammen, so daß kaum noch ein Schattenhäufchen von ihr zu erkennen war.

»Wir müssen im Dunkeln bleiben«, sagte er, zu ihr hinübergeneigt, und in ihm jubelte es: »Welches Glück, daß sie schon weg war, als ich mit jener vorbeiging!«

»Aber die Rouleaus kann ich hochziehen«, fuhr er fort, »damit ich wenigstens einen Schimmer von dir habe.«

Und während er das tat, peitschte der Regen, von dem Glase der Scheiben abgefangen, prasselnd auf ihn zu.

Noch stand der Stuhl da, auf dem er in wohlbemessener Zurückhaltung Marion gegenübergesessen hatte. Er stieß ihn mit dem Fuße fort und warf sich neben Herma auf das kreischende Polster.

Ihre Züge ließen sich nun ein wenig entziffern. Da war der herbe Mund, da war die schmale Nase, aber die Augen glichen nur dunklen Höhlungen. Ob sie sie geöffnet oder geschlossen hatte, war nicht zu entdecken. Er drückte zwei lösende Küsse darauf, doch als er den Arm um ihren Leib legen wollte, preßte sie sich so fest gegen die Sofalehne, daß für die umfassende Hand kein Zwischenraum blieb.

»Hast du Angst vor mir, Liebes?« fragte er.

»Nein.«

»Warum entziehst du dich mir?«

Sie schwieg.

»Hast du mir vergeben, daß ich dich warten ließ?«

»Ich habe nichts zu vergeben. Ich wußte die Zeit nicht und ging aufs Geratewohl. Ich hatte Verlangen, bei dir zu sein.«

Und nun ließ sie sich doch in seine Arme ziehen.

Aber derweilen quälte ihn die Sorge, daß sie während des Wartens von jenem Abenteuer etwas gemerkt haben könne.

»Sahst du durch die Stämme Licht bei mir?«

Sie bejahte.

»Und du kamst nicht her?«

»Ich wollte mich genau an deine Anordnungen halten. Und als es erlosch, dachte ich: nun kommt er dich holen. Aber du kamst nicht.«

»Du zitterst noch immer, Geliebtes. Friert dich?«

»Ich zittere, weil du bei mir bist.«

»Ich tue dir ja nichts. Nur sichern und schirmen will ich dich.«

»Das weiß ich, sonst wär' ich nicht hier.«

Ganz von seinem Arm umschlossen, kroch sie an seine Brust. Und in ihm erwachte der Gedanke: Das ist keine Geliebte. Das ist kein lustbegehrendes Weib. Das ist eine Schutzflehende, eine leidende Schwester, ein verwundetes Kind.

Aber wenn sie gekommen war, was konnte sie sonst begehren als eine Liebe, die ihr der Gatte nicht gab?

Der Lodenmantel war von ihren Schultern geglitten, und als er an ihrem Hemde nestelte, sank auch das hernieder.

Ihr Oberkörper, hauchzart und gertendünn, über den Lenden mit den zehn Fingern zu umspannen, lag wie ein Blütenstengel neben ihm. Ihre Brüste waren von rührender Kleinheit; man strich darüber hin, fast ohne sie zu gewahren.

Und als er es tat, da ergriff sie die tastende Hand und führte sie nach der Halsgegend empor, dorthin, wo die Brustknochen hervortraten.

»Fühl nur, wie mager ich bin«, flüsterte sie.

»Du bist – –«

Sie ließ ihn rasch los und legte die Finger auf seine Lippen.

»Nichts sagen! Nichts sagen! Ich weiß, was ich bin. Nur eines weiß ich nicht: Wie ich hierherkam und was ich hier will.«

Wieder stieg jener Gedanke in ihm hoch, der ihn zaghaft werden und an seinem Mannesrechte zweifeln ließ. Die Liebe zu ihr machte Miene, sich in Mitleid zu verwandeln.

Da stand gleich einer Vision ihr Bild vor ihm, wie er sie zum erstenmal auf dem Folleniusschen Fest erblickt hatte: strahlend, blumenhaft, mit den zwei Sonnen im Kopf und dem Siegeslächeln auf bediademter Stirn.

Und der mystischen Gemeinsamkeit, die zwischen ihnen Fäden hin und her warf vom ersten Sehen an, gedachte er auch.

Jene Frau liebte er, und jene Frau hing heute in seinem Arm.

Woher das Mitleid also? Woher der Zweifel?

Er hob den Lodenmantel hoch und legte ihn über sie, so daß er zugleich seinen Arm umhüllte. Wie in demselben Nest aneinandergeschmiegt saßen sie da. Und er dachte: ›So ist es gut, und so müßte es bleiben.‹

Da hub sie zu reden an. Mit Hauchlauten sich lösend und vergießend in Scham und Vertrauen.

»Du mußt nicht glauben, daß ich dich verantwortlich machen will für mich … Ich weiß, was ich tue … Ich weiß nur nicht, warum ich es tue … Mein Mann ist mir gut … Ich bin ihm auch gut … Ich liebe ihn, so wie man den lieben Gott liebt … Und dann wieder lieb' ich ihn, so wie ich das Kind lieben würde, das ich nicht habe … Vielleicht liegt alles daran, daß ich kein Kind habe … Glaubst du nicht auch? … Aber gib lieber keine Antwort … Laß mich reden … ich muß reden … die ganze Zeit über hab' ich reden wollen … Und einmal hab' ich auch in deinem Arm liegen wollen … Geradeso wie jetzt … Verachtest du mich, weil die Phantasie einer ehrsamen Frau so unkeusch ist? … Aber nichts mehr hab' ich wollen … nichts sonst … Ist das unnatürlich? Ist das ein Zeichen von falschen Instinkten? Ich glaub', nein … ich glaub', das ist nur das Verlangen, mich dir ganz zu vertrauen und doch ich selber zu bleiben … Und du mußt auch nicht glauben, daß du schuld bist … Nein, du bist kein Verführer … Du warst da, und da sagte ich zu mir: diesem Manne gehörst du … Und doch kann ich dir nicht gehören … Du magst mich ja nehmen … ich bin ja dein … Und ich kenne mein Schicksal … Wer da angelangt ist, wo ich bin, der hat kein Recht, sich zu weigern … Und ich weigere mich auch nicht … Ich werde dir noch die Hände küssen … Aber ich weiß: Du wirst mich zerbrechen … Diese Stunde wird mich zerbrechen. Das ist ganz sicher.«

Sie hielt inne. Aus ihren Augen tropfte es lau auf seine Hand.

Er schwieg ergriffen. Immer von neuem fiel der Gedanke ihn an, den er vergebens mit dem strahlenden Bilde von einst zu verscheuchen gesucht hatte.

Der Regen schlug nach wie vor gegen die Scheiben. Das Singen der blechernen Dachrinnen mischte sich dreitönig darein.

Und plötzlich fuhr sie mit einem Aufschrei empor.

»Was hast du?«

»Horch! Da draußen ist wer! Horch!«

Sofort war der Argwohn gegen Marion wieder in ihm lebendig. Wenn sie draußen lauerte? Gnade für die Rivalin gab es dann nicht mehr in der Welt.

Er lauschte. Und schon war das Rätsel gelöst.

Das Katzengetier hatte sich von neuem eingefunden und suchte des armen Opfers habhaft zu werden. Mit Zischen und Fauchen sprang es gegen das Gitter des Hühnerverschlags, bis das verängstigte Tier, in dem Wunsch, sich zu retten, den Stäben doch einmal so nahe kommen würde, um von den Krallen ergriffen zu werden.

Daher die Verwilderung, die es seit einigen Tagen wieder gezeigt hatte.

In heller Wut sprang er auf, und da ihm nichts anderes in die Hand fiel, ergriff er wie weiland Dr. Luther das Tintenfaß, das auf dem Schreibtisch stand, und schleuderte es durch das halbgeöffnete Fenster nach den mordgierigen Bestien, die auf der Stelle verschwanden.

Als er nach dem Innern des Zimmers zurückkehrte, sah er, wie Herma ihm mit allen Zeichen der Verängstigung die Arme entgegenstreckte.

Er erzählte, was draußen vorgegangen war, und beruhigte sie, so gut er konnte.

Aber gebannt von Schrecken wandte sie sich immer wieder nach dem Fenster hin, als müsse von dorther das Unheil auch über sie herfallen.

Und als er sie von neuem in seine Arme nahm, blieb sie verängstigt und verwirrt.

Dann plötzlich ließ sie sich vor ihm auf die Erde niedersinken und drückte das Antlitz gegen seine Knie.

»Was hast du, Liebes?« fragte er zärtlich zu ihr nieder.

Da hob sie den Kopf zu ihm empor und flüsterte: »Ich will dich um etwas bitten und habe nicht den Mut dazu.«

»Glaubst du, ein Mann könnte abschlagen, um was er in solcher Stunde gebeten wird?«

»Doch! Wenn du wüßtest, was ich will!«

»Du hast mir so vieles anvertraut, vertrau mir auch das.«

»Und du wirst mir nicht böse sein? Wirst mir nichts nachtragen? Nein?«

»Das verspreche ich dir im voraus.«

»Dann fleh' ich aus tiefster Seele zu dir: gib mich frei! … Laß mich gehen, wie ich bin! Und nähere dich mir nie wieder! … Ich weiß, es ist vermessen, um was ich bitte … Es ist, als hielt ich dich zum Narren! … Aber ich habe meine Kräfte überschätzt … Ich sehe ein, ich kann nicht … Ich gehe zugrunde dadurch … Ich weiß jetzt schon nicht, wie ich dem morgigen Tag ins Auge sehen soll … Und jener andern ins Auge sehen soll, die dich weit mehr liebt als ich … Und wie ich gar meinem Manne ins Auge sehen soll … Nein, da geh' ich lieber vorher schon weg und verkriech' mich auf meines Oheims Gut … Ich weiß jetzt, es gibt gewisse Dinge, die kann man nicht, dazu reicht der Pulsschlag nicht aus … Man mag wollen oder nicht wollen … Und du hast ja auch deinen Willen gehabt … Du hast mich ja im Arm gehalten … Hast gesehen, wie wenig an mir zu lieben ist. Drum, bitte, bitte, gib mich frei! Und versuch nie wieder, mit mir allein zu sein … Wenn du zu meinem Manne kommen willst, werde ich immer eine freundliche und aufmerksame Hausfrau sein und werde dir gerne zuhören und bei mir denken: er ist der Klügste von allen. Aber mehr soll nicht sein … Bitte, bitte, nie mehr!«

›Ich hab's geahnt‹, dachte Sieburth und wunderte sich, daß dies Sichversagen nicht weher tat.

Dann, als er sie unter die Arme faßte, schrie sie, seine Bewegung mißverstehend, hell auf: »Nein! Nein! Nein! Hab doch Erbarmen mit mir! Denk an deine arme, kleine Krähe draußen. Die kann sich retten. Ich kann mich nicht mehr retten vor dir!«

»Doch, doch, du bist schon gerettet«, sagte er, indem er ihr lächelnd über den Scheitel strich.

Und nun küßte sie ihm wirklich die Hände. – –

›Wie schaff' ich sie nach Hause‹, dachte er, ›ohne daß sie sich in dem nassen Mantel erkältet?‹

Eine wollene Strickjacke fiel ihm ein, die ihm beim Segeln dienen sollte, aber noch hatte er niemals gesegelt.

Die holte er aus der Schublade und zog sie ihr an.

»Wickle sie morgen zusammen und wirf sie in eine Ecke. Wenn man sie später findet, wird man sie gerne behalten.«

Dann hängte er sich den wasserschweren Mantel über den Arm und führte sie sorglich denselben Treppenweg hinab, den er vorhin mit Marion gegangen war.

Der Regen rauschte. Keine Menschengestalt zeigte sich noch, kein verdächtiger Schatten glitt vor ihnen ins Dunkel.

Vor der Gartenpforte der Försterei warf er ihr den Mantel über die Schulter. Sie schlang rasch noch einmal die Arme um seinen Hals, hauchte ein kurzes »Hab Dank!« und war verschwunden.

Verschwunden aus seinem Leben – vielleicht für immer.

Lange trieb er sich noch in Nacht und Regen umher. Seine Seele war wund und aufgewühlt. Und doch kam etwas wie Beruhigung oder gar Erlösung über ihn.

›Wenn ich jetzt an den Arbeitstisch zurückkehre‹, dachte er, ›wird keines Weibes Auge mir noch über die Schulter gucken.‹

Mit Herma hatte er zugleich auch Marion verspielt, und Cillys Bild war durch das eben Geschehene in blasse Ferne entwichen.

Trotzdem nahm er sich vor, am nächsten Tag zu Wendlands zu gehen, denn ihm war, als hätte er viel dort gutzumachen.

Und als er es tat, erfuhr er, daß Cilly inzwischen abgereist sei. Sie werde vermutlich den nächsten Winter in Berlin zubringen, wo sie Verwandte habe, um ihre kunstgewerblichen Talente – noch nie hatte er etwas davon erfahren – entsprechend weiterzubilden.

Er hatte ein dumpfes Gefühl, als sei er an diesem Entschlüsse nicht ohne Schuld.

›Um so besser‹, dachte er. ›So bin ich ganzallein.‹

Und ahnte noch nicht, was Alleinsein bedeutet.


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