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Neuntes Kapitel

So geschah es, daß der Cherusker Fritz Kühne eines Tages am Schlusse des Kantkollegs, als der Professor an seinem Platze vorbeiging, von ihm angeredet und zu einem demnächstigen Besuche aufgefordert wurde.

Das gab natürlich großes Erstaunen, und sämtliche Kamele waren sich einig, daß eine solche Auszeichnung nur bei einem Couleurstudenten möglich wäre, denn die hätten ja immer ein Prä.

Fritz hatte sich seit jener Sumpfnacht nicht wieder in des Professors Haus gewagt. Zwischen den Beteiligten war noch oft von dem rätselhaften Begleiter die Rede gewesen. Aber er hatte sich wohl gehütet, dessen Geheimnis zum besten zu geben. Er fühlte sich durch das Vertrauen des vergötterten Mannes zu einer höheren Daseinsstufe emporgehoben, und wenn ihm auch nie mehr ein Zeichen wurde, daß der Professor seiner gedachte, so ließ er doch die Hoffnung nicht fahren, aufs neue in seinen Bannkreis gezogen zu werden.

Nun war sie erfüllt. Und eine andere zugleich: dem jungen Mädel, dessen halbflügge Holdheit sich ihm mit dem dunklen Bilde des Lehrers in eins verwob, wiederum näherzutreten.

Er hatte ihr öfters aufgelauert. Er war ihr auch etliche Male begegnet. Aber immer war sie von Freundinnen umgeben gewesen, so daß er mit einem tiefhöflichen Schwenken des Deckels an ihr hatte vorüberziehen müssen. Und nun plötzlich war ihm Gelegenheit geboten, sie zu begrüßen, mit ihr zu reden und daran weiter zu spinnen, was als heimliches Netz sich einst geknotet hatte.

An einem blütenverhangenen Spätmaitage war's, um die Vesperzeit etwa, als er – nach Monaten wieder – den Gang zu dem Hause antrat, vor dem er im Dunkel eisstarrender Vorfrühlingstage gar oft gestanden hatte.

Als er läutete, meldete sich das Herzklopfen genau so wie beim ersten Male, nur blieb unklar, wem es recht eigentlich galt.

Diesmal war es die Mutter, die ihm öffnete.

Ein duldsames Willkommenlächeln glättete die arbeitsmüden Züge.

»Sie kommen viel zu selten, Herr Studiosus«, empfing sie ihn. »Wir dachten schon, Sie seien ins Reich gegangen. Der Professor würde sich sicherlich freuen, wenn Sie häufiger bei ihm vorsprächen.«

Er erkundigte sich mit geziemender Steifheit, ob sein Lehrer zu Hause wäre.

»Nein, er ist nach den Hufen gegangen. Aber wenn Sie ein wenig nähertreten wollten –«

O ja, er wollte. Es gab in diesem Augenblick nichts auf der Welt, was er lieber gewollt hätte.

Doch als er in den verhangenen Sonnendunst des Zimmers hineinspähte, da fand sich von der Gesuchten keine Spur.

»Lenchen ist auch nicht zu Hause«, sagte die Mutter. »Sie ist bei einer Freundin, mit der sie Schularbeiten macht, und wird vor Abendbrot wohl nicht wiederkommen. Aber wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Sie wies ihm die Sofaecke an und setzte sich vor die Nähmaschine, in deren Klammern ein Linnenstück sich bauschte.

»Wenn ich nicht störe«, sagte er.

»Gewiß nicht«, erwiderte sie, »es tut mir sehr gut, Füße und Augen ein wenig ruhen zu lassen.«

Und dann erzählte sie von ihrer Arbeit, von dem Weißzeuggeschäft, für das sie tätig war, und den vielen Stunden, die sie an dieser Stelle tretend und aufpassend zubringen müsse.

»Denn die Naht verschiebt sich leicht, und dann ist das Ganze verprudelt.«

Warum sie sich an so einem schönen Frühlingsnachmittag keine Erholung gönne, fragte Fritz.

»Ich möchte schon«, sagte sie mit einem sehnsüchtigen Blick nach der golddurchsonnten Fläche des Fenstervorhangs hin, die Mai und Welt und Leben von ihr trennte, »aber inzwischen kommt der Professor vielleicht heim und braucht mich, und wenn ich dann weg wäre – nein, das ginge nicht an.«

Ein Starren ins Leere hinein, von einem Lächeln umspielt, das dem einer Wahnbefangenen glich, wußte von Verschwendung und Entsagung und von Opfern zu erzählen, die, halb gegeben, halb gefordert, sich zum Lebensinhalt ausgestaltet hatten.

Fritz sah die fein geflügelte Nase, das nur wenig zerhackte Wangenoval, den tiefliegenden Ansatz des schlichten Scheitels und den gelblich leuchtenden Hals, dessen Haut den Reiz des ersten Welkens atmete, und dachte bei sich: ›Wie hübsch ist sie noch immer, diese Frau!‹

Aber die Kleider hingen an ihr verbraucht, gleichsam entseelt. Und die hochgeschnürte Busenrundung schien nur dazu da, das Abblühen des hageren Körpers stärker zu betonen.

»Jedenfalls eine von uns muß hier sein«, fuhr sie wie erwachend fort, »und da Lenchen jetzt aufs Lehrerinnenseminar geht – –«

»Ist sie also richtig zu Ostern fertig geworden?« fragte er, sich des ersten Gesprächs erinnernd.

»Natürlich ist sie das. Sie war schon immer ein gutes und fleißiges Kind und gar nicht flirrig und hinter den Jungens her wie die andern Mädchen. Ich bin sicher, ich werde viel Freude an ihr erleben.«

Fritz fühlte sich geschmeichelt, als wäre dies Lob ihm selber gespendet worden, und weil er wissen wollte, auf welchem Wege er ihr begegnen könne, forschte er nach den Freundinnen, mit denen sie ihre Arbeiten machte. Und so genauen Bescheid erhielt er, daß er sofort die Ecke wußte, die für ein Auflauern die meisten Vorteile bot.

Dann plötzlich horchte die Mutter hoch auf.

»Er ist da«, sagte sie mit einem beklommenen Einziehen der Luft. »Wenn ich Sie anmelden darf?«

Schon zweimal hatte das gleiche sich abgespielt, und noch immer fühlte er den Herzschlag im Halse.

Und dann stand er vor ihm.

Sein Gesicht war vom Gehen gerötet, und der Schweiß blinkte in perlenden Streifen auf seiner Stirn.

»Endlich habe ich Sie also«, sagte er, lebhafter, freudiger als sonst, und selbst sein Händedruck zeigte Teilnahme und Warmblütigkeit.

»Mir ahnte schon«, fuhr er fort, »daß die Intimitäten jenes Bummels Sie mir eher entfremden als näher führen würden, wobei ich als selbstverständlich annehme, daß nicht etwa das böse Gewissen über irgendein Schwatzen Sie ferngehalten hat.«

Fritz äußerte lebhaft seine Empörung über die Annahme, daß vielleicht das Gegenteil hätte der Fall sein können. »Ich wußte wohl, daß ich mich auf Sie verlassen darf«, sagte der Professor, »sonst wäre ich aus meinem Winkel gar nicht hervorgekrochen.«

»Gott sei Dank, daß Sie es taten«, lachte Fritz. »Wir hätten sonst eklige Prügel besehen.«

»Die Prügel hätten euch nichts geschadet«, erwiderte er, »viel eher der falsche Schluß, daß ihr nicht selber die Schuld daran trugt.«

»Wie meinen Sie das, Herr Professor?« fragte Fritz.

»Jede soziale Schicht hat ihre eigene Formensprache«, entgegnete er, »die man kennen muß, wenn man in ihr herumstöbern will. Wir aber sind meistens so arrogant, die Fremdheit derer, denen wir uns gesellschaftlich überlegen dünken, auf eine Verschiedenheit der Gefühlsinhalte zurückzuführen. Wir ergehen uns in Vorwürfen wie Roheit, Stumpfheit, Tierheit, und wir bekunden damit nichts weiter als unser Unvermögen, über die eigene Nase hinwegzusehen … Ich gebe zu, es ist nicht leicht, sich da unten zurecht zu finden, wo – um Hegelsch zu reden – die Natur sich auf ihr Anderssein noch nicht besonnen hat. Und ich selbst, der ich dem niederen Volke entstamme, muß immer wieder erhebliche Arbeit leisten, um mich da zurecht zu finden, wo recht eigentlich meine Heimat ist.«

»So gäbe es keine Klüfte des Empfindens?« fragte Fritz mit bescheidenem Einwurf.

»Sicherlich gibt es die«, entgegnete er, »aber genauso zwischen Leuten, die auf demselben Kulturboden stehen. Ja, strenggenommen, dürfte nur bei diesen davon die Rede sein. Um zwischen zwei Brüchen die Differenz zu berechnen, müssen immer zuerst die Nenner gleichgemacht werden … Bei jenen Matrosen habe ich nichts entdeckt als eine Gefühlswärme, um die ich sie beneide … Ein paar Gläser Schnaps mit Zuckerkand in die Klüfte des Empfindens hineingeschüttet, und sie wären geschlossen gewesen.«

Da von den Vorkommnissen jener Nacht nun einmal die Rede war, so raffte Fritz seinen Mut zusammen, um sich vom Herzen zu wälzen, was ihn seither bedrückte.

»Viel mehr als jene kleine Rempelei ist mir was anderes unverwischbar geblieben. Wenn ich jetzt davon reden darf?«

»Nur zu«, sagte jener und rückte sich lächelnd in dem Schreibstuhl zurecht.

»Als Sie in der Frage der vaterländischen Gesinnung die Tages- und Nachtansicht gegenüberstellten, da schien's mir, Herr Professor, als ob Sie sich für keine der beiden entscheiden mochten, vielmehr die eine verspotteten wie die andere. Seitdem ist mir, als sei mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich weiß nicht mehr aus, nicht ein. Soll ich's mit den Fortschrittlern halten, die in Bismarck den Feind der deutschen Freiheit sehen, oder mit den andern, die ihn als Schöpfer des Reiches vergöttern? … Schon vorher einmal haben Sie ihn gescholten, und um die Frage: ›Für oder wider Bismarck‹ dreht sich doch alles.«

Von Sieburths Gesicht schwand die Frische des erquickenden Ganges, und die Backen, die sich scheinbar gefüllt hatten, zeigten wieder die Schatten ihrer Höhlungen.

»Es tut mir leid, daß ich Ihren Frieden gestört habe«, sagte er, »aber warum wollen Sie diese Dinge, statt von der politischen, nicht lieber von der ästhetischen Seite betrachten? Ihre unverbrauchte Phantasie erlaubt es Ihnen ja … Ein Recke wie aus Urweltstagen, der sich schützend vor seinen greisen König stellt … Dieser König selbst ein schlichter Diener seines Gottes, der ihm Macht und Sieg verliehen hat und dem er durch bescheidene und aufopfernde Pflichterfüllung dafür dankt … Der edle Erbe des Thrones, in langwallendem Blondbart, eine Heldengestalt wie er … Wahrhaftig, ich sehe schon die Sänger künftiger Jahrtausende in die Harfe greifen, um die Lieder des neuen Mythos, der alle Siegfrieds und Rolands inzwischen ersetzt hat, einer poesielosen Nachwelt zu verkünden.«

»Und ich sehe nichts wie ein schlechtes Schulgedicht fürs nächste Sedanfest«, erwiderte Fritz halb lachend, halb gekränkt.

»Oder wenn diese Betrachtungsweise Ihnen nicht paßt – übrigens selbst große Gelehrte huldigen ihr – warum müssen Sie sich von einer der Parteien Ihre Losung holen? … Es gibt Gedankengänge, so dunkel, daß kein noch so wütiger Gegner des großen Kanzlers sich je hineingewagt hat, Gedankengänge, die steil in den Abgrund führen … Und andere wiederum, so schillernd blank, daß jede jungdeutsche Großmannsucht erblinden müßte vor ihrem Glanze … Selbst er, der uns das Reich geschaffen hat nach seiner Weise, preußisch eng und kleinmeisterlich, würde zurückschrecken vor der entstandenen Macht, die sich sofort auswirken würde, sobald ein Dschingis Chan oder ein Friedrich der Große sie in die Finger kriegte. Sie haben die Wahl. Bedienen Sie sich.«

Fritz, der sich gegenüber seinen ersten Besuchen freier und reifer fühlte, wagte ein Wort energischer Abwehr.

»Fast immer, wenn ich das Glück hatte, außerhalb des Kollegs mit Ihnen zusammen zu sein, Herr Professor, habe ich von Ihnen über denselben Gegenstand zwei entgegengesetzte Ansichten erfahren und bin dadurch nur noch mehr an mir und an allem irre geworden … Haben Sie ein Einsehen mit meiner Unerfahrenheit und sagen Sie mir ein einziges Mal, was Sie selbst im Grunde Ihres Herzens hierüber denken.«

Sieburth kniff überlegend die Lippen zusammen.

»Was heißt denken?« sagte er. »Jedes Gedankenbett ist zweischläfrig eingerichtet. Nur so kann was Neues darin erzeugt werden … Doch was man fühlt, zu allertiefst und durch allerinnersten Zwang, das braucht sich um nichts Antithetisches zu kümmern … Und wenn ich auch sonst mit meinen Gefühlen nicht zu Markte gehe, weil Sie so treu zu mir gehalten haben, will ich heute aus meinem Herzen keine Mördergrube machen … Wir tun gut daran, lieber Freund, die Geschicke Deutschlands – rückblickend sowohl wie vorausschauend – als eine große Tragödie aufzufassen.«

»Warum das?« fragte Fritz erschrocken.

»Was man fühlt, braucht man nicht zu begründen«, erwiderte Sieburth. »Freilich, Material dazu hätten wir übergenug. Wenn irgend einmal der Weg in die Höhe ging, wenn eine kraftvolle Zusammenfassung die auseinanderfallenden Teile in einen eisernen Ring band, oder wenn bloß ein inneres Gleichgewicht sich bilden wollte, alsbald war die Katastrophe da. Die Hohenstaufen endeten im Kerker und auf dem Schafott. Die Habsburger wurden Knechte hispanischer Pfaffen. Im siebzehnten Jahrhundert, als alle Länder ringsum blühten, versank das Reich, das blühte wie sie, in Blut und Brand. Napoleon benutzte es als Schachbrett für seine Welteroberungsspiele, und als die Freiheitskriege ihm endlich einen Platz an der Sonne verschaffen wollten, warfen seine eigenen Fürsten ihm alle Hoffnungen über den Haufen.«

»Aber jetzt?« fiel Fritz aufleuchtend ein, »jetzt haben wir den Platz an der Sonne doch, und niemand macht ihn uns streitig.«

»Deutschland hat ihn. Das mag sein. Aber ich frage: der Deutsche auch?«

»Wie meinen Sie das, Herr Professor?« rief Fritz, ohne Ahnung, wo er hinaus wollte.

»Und ich frage weiter: Wo ist der Deutsche? Sechzig Millionen davon sollen da sein, aber ich sehe ihn kaum … Bin ich es, der ich mich mit solchen Ideen herumschlage? … Oder sind Sie es, der sich mit andern Halbgöttern auf die Bierbank pflanzt und, weil er ein paar Risse auf der linken Backe trägt, jeden, der sie nicht hat, verachtet? … Oder die Arbeiterschaft, die an das Evangelium der Internationale glaubt? … Oder sind es die Schützenfestbrüder, die zwar alte Demokraten sein wollen, aber devot vor das Haus des Landrats oder des Gutsherrn ziehen und sich glücklich fühlen, wenn ihnen ihre Begeisterung von ihm kommandiert wird? … Ja, der Landrat und der Gutsherr, die sind es noch am ehesten. Die haben ihr Deutschtum von oben her patentiert erhalten, das vor Borniertheit stinkt, das seine Gelüste nach Hörigkeit und Herrenrecht nicht verschmerzen kann und die Entwicklung alles sonstigen Deutschtums verabscheut … In den Städten aber nistet ein fremdes Volk, das Handel und Wandel mehr und mehr in seine Hände bringt und sich nebenher darauf einrichtet, dem deutschen Denken die Richtung zu geben … Jene sind die Deutschen nicht – diese sind es auch nicht. Wo also sind sie? … Eingeklemmt zwischen wendischer Barbarei und jüdischer Intelligenz, sitzen sie hilflos da, lassen sich ihren Gedankenabsud bald von dieser, bald von jener brauen und sind beseligt, ›Hurra‹ schreien und dabei die Faust in der Tasche ballen zu können. Beseligt auch, wenn von den zwei Dutzend Fürstenhöfen und den zweihundert Dynastenschlössern ab und zu jemand zu ihnen herabsteigt und sie fühlen läßt, daß sie zu Höherem bestimmt sind, dadurch, daß man ihnen huldvoll die Hand reicht.«

»Nein, nein, nein«, rief Fritz in schmerzlichem Groll. »So ist es nicht. So kann es nicht sein. Das Volk, in dem ich lebe, das kenn' ich doch auch! Das ist fleißig und redlich und treu. Das liebt den Wahrhaftigen und empört sich gegen den Heuchler. Das hat ein Herz im Leibe und Haare auf den Zähnen. Gewiß, Herr Professor, wollten Sie mich nur zum Widerspruche reizen, denn das kann Ihre Meinung nicht sein.«

Sieburth lehnte für einen Augenblick den Kopf zurück und schloß ermüdet die Augen. Auch in sein Gesicht standen schmerzliche Falten gegraben, die Fritz bewiesen, wie sehr es ihm Ernst war.

»Wer sagt Ihnen, daß nicht auch Sie recht haben?« fragte er dann. »Denn ebenso tragisch wie das Schicksal dieses Volkes ist sein Charakter. In Widersprüchen verzehrt es sich selbst. Steifnackig und krummbucklig zugleich. Schwarmgeistig und stumpf. Weltumfassend in Liebe und voll von hämischem Neide. Knickrig und opferfroh … Ich könnte diese Gegensätzlichkeiten noch eine Weile weiterführen und würde kein Ende finden … Das Schlimmste aber ist, daß es sich schon wieder einmal zunichte hat machen lassen, was ihm am dringendsten not tut: das Zusammengehörigkeitsgefühl … So war es immer, und so wird es auch bleiben. Das Wort ›Reichsfeind‹ hören Sie auf allen Gassen. Bald wird es einem einfältigen Bäuerlein angehängt, das ohne Messe nicht leben kann und seinen Kaplan zurückhaben will, bald einem braven Gastwirt, der mißliebigen Leuten Bier verkauft hat – von den Leuten selber gar nicht zu reden … Und wer hat diese Diffamierung geschaffen? Er, Ihr Abgott, der den Deutschen nur brauchen kann, wenn er ein Spielzeug seines Willens ist … Sehen Sie nicht, wie er ihn sich zurechtgeknetet hat in dem Jahrzehnt, in dem er an der Spitze steht? … Großmäulig – prahlhansig – speichelleckend vor allem, was über ihm, mit Füßen tretend alles, was unter ihm steht. Dieses ganze Geschmeiß von Sommerleutnants und Gardereferendaren und von Zivilversorgungsschergen bis hinunter zum Exekutor und Landgendarm. Alle nur da, um den Deutschen zu lehren, daß sie die gottgewollte Obrigkeit sind, die Gewalt über ihn hat … Und wenn Sie etwa glauben, die, die seinem Geiste Widerstand leisten, seien mehr wert! Sehen Sie sich dieses Spießergesindel an, das sich das Maul reißt um Freihandel und Schutzzoll, um Septennat und Reptilienfonds und nur darauf erpicht ist, sich die Taschen zu füllen … ›Reich werden‹, das ist die große Parole, die Er ausgegeben hat und um derentwillen ein jeder heut lebt … Wahrhaftig, damals, als Deutschland arm und zerrissen und ohnmächtig war, da war jeder Deutsche ein König; heute, da Deutschland geeinigt und reich und Beherrscher der Welt ist, da ist jeder Deutsche ein Lump … Das hat Er gemacht, der Allmächtige, vor dem ihr alle im Staube liegt.«

Fritz hatte ein Gefühl, als bräche der Boden unter ihm zusammen. Schon zweimal hatte der Professor seiner Abneigung gegen den großen Kanzler drastischen Ausdruck gegeben, aber das war nur ein gutmütiger Scherz gewesen, verglichen mit den Flammenworten, die ihm jetzt die Seele verbrannten. Er ahnte, daß das Bild des Vergötterten ihm für immer verleidet war, und wenn er jetzt darum rang, ein Wort der Verteidigung zu finden, so erschien ihm das gleichsam eine Abschiedspflicht.

»Aber eines werden Sie doch nicht verneinen können, Herr Professor«, sagte er – und jedes Wort klang wie eine Bitte, die Bitte, ihm sein Idol nicht vollends in Stücke zu schlagen –, »daß Er uns das Deutsche Reich geschaffen hat und daß wir ihm wenigstens dafür ewigen Dank schuldig sind.«

»Sie hätten mich lieber nicht drängen sollen, lieber Freund«, erwiderte Sieburth, und das gewohnte Lächeln glitt wieder über sein hageres Gesicht. »Ich sehe, es tut Ihnen weh, und, wie gesagt, meine Gewohnheit ist es nicht, mich gefühlsmäßig gehen zu lassen … Von deutscher Tragik sprach ich vorhin, und diese Tragik brachte es mit sich, daß das Reich nicht von denen geschaffen wurde, die diesen Gedanken seit Jahrzehnten als ihr Eigentum propagierten, sondern von einem der Kreise, die bislang dessen erbitterte Feinde waren. Und darum ist zwangsgemäß etwas anderes daraus geworden, als was es seiner Natur nach hätte werden sollen. Aus Pulverqualm und Blutdunst ist es entstanden, und dieser Geruch muß ihm anhaften, ob es will oder nicht – solange es besteht … Darum die wachsenden Rüstungen, darum das, was man – lobend oder scheltend – den deutschen Militarismus nennt. Darum auch das Waffenstarren der ganzen Welt … Und was das Schlimmste ist: im Kampfe mit einem Volke ist es entstanden, auf dessen Freundschaft wir, wenn wir geistig vorwärts kommen wollen, mehr angewiesen sind als auf irgendeine andere Freundschaft ringsherum … ›Ex occidente lux‹ möchte ich sagen im Gegensatze zu dem alten Spruch … Nun aber steht uns der Westen – und nicht bloß Frankreich allein – in offenem Widerspruch und geheimem Hasse gegenüber, und je mehr wir uns dagegen wappnen, desto giftiger wird er werden, desto mehr werden wir in den Augen jener zu Friedensstörern und zu Feinden des Menschengeschlechts … Wie aber kommen wir verdröselten Deutschen, wir, das sogenannte Volk der Dichter und Denker, zu dieser verdächtigen Rolle? … Und manchmal nachts, wenn ich nicht schlafen kann, fällt mir ein Spruch ein, den ich bei einem der kleinen Propheten des Alten Testamentes fand und in dem der Untergang Assyriens vorausgesagt wird. Da heißt es: ›Ich will dich ganz greulich machen und dich schänden und ein Scheusal aus dir machen. Daß alle, die dich sehen, vor dir fliehen und sagen sollen: Ninive ist zerstöret! Wer will Mitleid mit ihr haben?‹«

»Um Gottes willen«, schrie Fritz auf, »wollen Sie damit sagen, daß es uns ebenso gehen kann?«

»Ich will damit nur sagen, daß das Deutsche Reich Bismarckscher Observanz nicht das ist, was da werden wollte und was uns Deutschen frommt. Womit ich des Mannes Verdienste wiederum nicht im mindesten antasten will. Er nahm eben, was er vorfand, und Deutschlands Tragik fand er auch. Die wirkt nun weiter. Was Sie im übrigen nicht hindern soll, Ihr Bier zu trinken und fidel zu sein … So, lieber Freund, heute haben Sie tiefer in mich hineingesehen als irgend einer, der mich kennt. Ich erwarte, daß Sie, was ich sagte, ebenso für sich behalten werden wie das Geheimnis jenes bebrillten und bebärteten Nachtschwärmers. Beides ist nicht für jedermann.«

Fritz versicherte, daß das selbstverständlich sei, erhielt seinen Händedruck und ging von dannen. – – –

Draußen glühte die Maiabendsonne, als wolle sie die Welt zur Nacht in eine Purpurdecke wickeln. Rotüberhauchte Menschen gingen lachend ihres Weges. Die Häuserwände schimmerten rosig, als schämten sie sich all des Maienglücks, und die Fenster in ihnen strahlten, als würden sie mit Recht für Karfunkelsteine gehalten. Fritz sah das alles und sah es doch nicht. Zu schwer lag die Last des eben Gehörten auf seiner Seele, als daß er des Frühlings hätte froh werden können. Wie jener Prophet des Alten Bundes selber erschien ihm der Mann, der diese Fülle des Düsteren, Unheilschweren über ihn ausgeschüttet hatte.

›Wenn ich nur einen hätte, mit dem ich es besprechen könnte‹, dachte er. Aber wer mochte das sein? Seine Corpsbrüder lebten in grunzendem Behagen ihre gedankenlosen Tage. Ob er den Urheber seiner Sorgen noch so behutsam verbarg, von ihnen konnte ihm keiner helfen.

Da, wie er auf seine Füße starrend, taumlig an den Mauern entlangzog, hörte er von einer Mädchenstimme seinen Namen gerufen.

Und da stand sie, blutübergossen, den Bücherranzen pendelnd am linken Arme, und streckte ihm in bedachtloser Wiedersehensfreude beide Hände entgegen.

Da versank Bismarcks Hagengestalt, Deutschlands Sorgen versanken, und Ninive wurde noch einmal erbaut.

Jawohl, er komme von ihrem Hause, sei beim Professor gewesen, habe auch einige Zeit mit ihrer Mutter gesprochen, und daß er sie nicht vorgefunden, habe ihm eine schwere Enttäuschung bereitet.

Und dann erinnerten sie sich gleichzeitig an ihren winterlichen Gang neben der Festungsmauer dahin, als der Eisnebel durch die Gucklöcher hindurch sie angeblasen hatte.

»Wissen Sie noch«, fragte sie, »wie wir uns grüne Wiesen und blühende Sträucher ausmalten? Und wie wir eine große Landpartie machen wollten und nie wieder nach Hause kommen?«

»Jawohl«, sagte er, »und jetzt grünen die Wiesen, und die Sträucher blühen auch, und wenn wir die Landpartie machen wollen, steht uns keiner im Wege.«

»Oh, wenn's aufs Wollen ankäme – –«, erwiderte sie. Aber es gebe soviel Schwierigkeiten zu überwinden, und ob Mama Ja sagen würde, sei auch noch nicht sicher.

»Wissen Sie was?« erwiderte er. »Ich werde morgen um vier Uhr am Königstor auf Sie warten, und kommen Sie nicht, dann gehe ich wieder nach Hause.«

»Wie lange werden Sie warten?« fragte sie zaudernd.

»Immer und immer«, entgegnete er, »eine Stunde, zwei Stunden, was weiß ich? Und wenn Sie etwa nicht kommen wollten, dann müssen Sie sich stets denken: Da steht einer und wartet.«

»Das ist ja ein Seelenzwang«, tadelte sie.

»Das soll es auch sein«, erwiderte er.

»Dann sag' ich lieber schon jetzt Nein.«

»Und ich werde warten!«

So schieden sie, und keines von beiden sah sich noch um.

 

Am nächsten Nachmittag um die festgesetzte Stunde stand Fritz vor dem Königstor und schaute die lange und menschenleere Straße hinab.

Kolleg und Fechtboden hatten den Tag ausgefüllt, aber die Unterredung mit dem Professor war nicht aus seinen Gedanken gewichen. Nur wenn er des verstohlenen Glückes gedachte, das seiner wartete, hatte der Druck sich gemildert, der sein Denken umspannt hielt.

Im Kantkolleg war es gewesen wie immer: Antinomien und transzendentale Analytik und so. Nichts klatschte und blitzte jetzt. Kants strenge Begrifflichkeit erlaubte keinerlei Seitensprünge. Alles war Logik und Schema. Und wenn er zu dem Professor emporsah, hatte er immer nur das eine Gefühl: »Das bist du ja gar nicht, das ist ja nur eine Gedankenmaschine, die statt deiner Kolleg liest.«

Wandte er sich aber nach seinen Mithörern um, dann war ihm zumute, als sei er auf diesen Bänken der einzige und sie nur arme, blutlose Schatten.

Nach Tisch war er zur Bibliothek gegangen und hatte in den ausgestellten Enzyklopädien die Stichworte »Assyrien« und »Ninive« aufgesucht. Aber er fand nicht viel mehr, als ihm von der Schule her erinnerlich war.

Und dann ging seine Bekümmernis wieder auf Bismarck zurück, der sich ihm mehr und mehr in einen Dämon verwandelte. Und ein Schmerz wühlte in ihm, als sei ihm ein teurer Verwandter gestorben oder als habe ein Freund sich als Verbrecher entpuppt.

Doch über allem stand die Hoffnung auf die Stunden des Zusammenseins, vor der jede Not in Nichts versank.

Und dort kam sie. Kam wirklich. Kaum eine Viertelstunde hatte sie ihn warten lassen.

So eilends schritt sie daher, daß der schwüle Wind die Kleiderfalten nach rückwärts trieb und die Beinlinien sich formten wie bei einer griechischen Göttin. Ein Florentiner Strohhut umschattete tief das blondrosige Gesicht, und die blauseidenen Bänder wirbelten hoch drüber hin.

Fast erschrak er, so groß und so reif erschien sie ihm mit einemmal, so gar nicht dem Halbkinde mehr ähnlich, das ihn einstmals auf der Treppe empfangen hatte.

»Also doch!« frohlockte er.

»Ich habe ganz recht gehabt«, schalt sie. »Es ist ein richtiger Seelenzwang gewesen. Ich brauchte mir bloß auszumalen, wie Sie dastehen und nach mir ausgucken, und da war ich auch schon unterwegs.«

»Und Ihre Mama?«

»Davon reden Sie lieber gar nicht«, erwiderte sie, und weil sie mit runden, furchtsamen Augen die Hände hochhob, darum forschte er auch nicht weiter.

Ohne zu wissen wie, waren sie draußen auf freiem Felde, ließen die Kirchhöfe rechts liegen und schritten die Wälle entlang und am Dohna-Turm vorbei, der seine Rundmauern so ungebärdig in die Lüfte hob, als ahnte er nicht, daß jede lumpige Kanonenkugel ihm den Garaus machen konnte – schritten weiter und weiter dem Oberteich zu, jenem langgestreckten Gewässer, das wie ein blaues Auge zwischen dunklen Wimpern von Röhricht ihnen lockend entgegensah.

»Wie ist das seltsam!« sagte Helene. »Nun ist alles wahr geworden, was man damals gar nicht zu träumen wagte – und man wundert sich nicht einmal.«

»Über das Wunderbarste wundert man sich nie«, erwiderte er, »sonst würden Sie aus dem Staunen gar nicht herauskommen.«

»Worüber?« fragte sie.

»Über sich selbst«, erwiderte er.

Da wurde sie ernstlich böse und erklärte, er solle sich schämen. Um Süßholz zu raspeln, dazu sei sie nicht gekommen, und wenn er fortfahre, dann kehre sie gleich wieder um.

Aber als er einen blühenden Schlehdornzweig herunterriß und ihr in die Arme legte, da war sie rasch wieder versöhnt und ließ ihn schwatzen, wie er nur wollte.

Die Straße ging eine Strecke unweit des Wassers entlang, schwenkte dann aber nach rechts hin ab, so daß sie den Fußsteg wählen mußten, der gerade drauflos führte. Von Häusern war ringsum nichts zu erblicken, nur eine Badeanstalt hob ihr graues Bretterwerk aus dem Schilfdickicht empor.

Etliche Männer mühten sich dort, die ausgewinterten Pfähle neu zu befestigen.

Darum wagten sie sich nicht näher heran, sondern bereiteten sich im hohen Grase ein Lager, worin sie kaum zu erblicken waren, auch wenn man nahe vorbeiging.

Der Wind fauchte in lauen, dunstigen Stößen, und hinter dem jenseitigen Röhricht hing ein schwarzblaues Wolkentuch, das nicht viel Gutes erhoffen ließ, aber über ihnen stand der Himmel noch hoch und licht, nur weißvliesige Lämmer gingen auf ihm spazieren.

Deshalb kümmerten sie sich auch nicht um überflüssiges Drohen und schraubten die Sehnsucht so hoch, wie die Schwalben flogen, die dicht unter der blau-gläsernen Kuppel beutesuchend umherstrichen.

Jeder von ihnen hatte einen Grashalm ausgerissen und wickelte Ringe um seine Finger. Er pfiff, sie sang, und wenn die Lieder auch nicht die gleichen waren, so schien es ihnen doch, als stimmten sie immer.

Dann plötzlich hörten sie Schritte.

Es waren die Männer, die Feierabend gemacht hatten und sich beeilten, nach Hause zu kommen.

Da verstummten sie rasch und duckten sich, so viel sie nur konnten. Aber einer der Männer entdeckte sie doch.

»Kuckt mal! Was ist das dort für 'n Vogelnest?« sagte er, und die andern lachten und machten häßliche Witze, die Helene, Gott sei Dank, nicht verstand, denn sie lachte verstohlen mit.

Aber bald waren sie weg, und die Welt gehörte ihnen beiden wieder allein.

Inzwischen war die Wolkenwand drüben immer höher gestiegen, und in demselben Maße verlegten die Schwalben ihr Jagdgebiet nach niedriger liegenden Zonen.

Helene wurde bedenklich und verlangte nach Hause.

Aber Fritz riet ab. »Sollte wirklich ein Unwetter kommen, dann sind wir patschnaß, ehe wir das erste Haus erreicht haben. Darum wird es das beste sein, wir bleiben hier liegen, wo die Badeanstalt ganz nahe ist. Beim ersten Regentropfen laufen wir hin und haben Obdach, soviel wir nur wünschen.«

Da beruhigte sie sich und streckte noch einmal die Glieder.

Drüben war es nun kein Tuch und keine Wand mehr, sondern ein schwarz gähnender Schlund, über den ab und zu ein schwefliges Feuer fegte.

Und dann plötzlich stob ein nasser Schauer zu ihnen hernieder. Woher er kam, wußte keiner zu sagen, denn der Himmel über ihnen war immer noch klar.

Schleunigst sprangen sie hoch und rannten und rannten – über sumpfigen Rasen, über Bohlen und Stege, an Schilfbüscheln vorbei, dem Badehaus zu.

Der Zaun, der es umfriedete, war zwar verschlossen, aber das tat ihnen nicht viel. Im Nu kletterten sie darüber hinweg, und als das Unwetter einsetzen wollte, waren sie gerade geborgen.

Lachend schauten sie sich in dem Raume um, der ihnen Zuflucht bot.

Eine Pack- oder Vorratskammer schien es zu sein. Bierkisten mit Reihen vorjähriger Flaschen standen in Bergen gestapelt. Eine rußige Herdplatte lag am Boden. Ofenrohre und Waschbretter lehnten sich an die Wand.

»Hier ist es unbehaglich«, sagte Helene und wies auf die Schmutzwinkel, in denen allerhand Gemüll, beim herbstlichen Kehraus zusammengefegt, sich mißfarben schichtete.

Und da der richtige Platzregen immer noch zögerte, so machte Fritz sich rasch auf den Weg, ein freundlicheres Obdach zu suchen. Aber da gab es nichts als die Badekabinen, die in langer Flucht, eine so schmal wie die andere, sich aneinander reihten. Nichts drinnen als eine Bank, die, kaum für zwei Sitze ausreichend, in die Hinterwand eingefügt war.

»Machen Sie schnell!« rief er durch das Toben des Wirbelsturms zu ihr hinüber. »Lange zu wählen hat keinen Zweck.«

Und da kam sie auch schon auf den hallenden Bohlen dahergetrippelt, trat in die Bude und warf sich auf die Bank, die sie zu zwei Dritteln erfüllte.

Das Unwetter, das bis dahin gewartet zu haben schien, legte nun los, ohne Scheu und ohne Zwang, als gelte es, der Welt endlich einmal den Garaus zu machen. Ein Hagelschwarm prasselte durch die Türöffnung und füllte mit seinen Kristallen Boden und Ritzen und Kleider.

Fritz eilte hinaus, enthakte die Tür und schloß sie so sorgsam, daß für den Hagel als Angriffsfläche nur das eingesägte Herz noch übrig blieb, an dessen Rändern die eindringenden Körner kraftlos zerstoben.

Nun war es fast Nacht in der verdunkelten Zelle. Nur wenn ein Blitz draußen zuckte, flammte das Herz wie ein Opferfeuer und warf ein violettes Licht auf die leichenfarbenen Gesichter.

»Warum setzen Sie sich nicht?« fragte Helene zu ihm hinauf.

»Ich dachte, es sei kein Platz für mich da«, gab er zurück.

Da rückte sie rasch gegen die Seitenwand, so daß auch für ihn noch Raum genug blieb. Aber eng hatten sie's beide, und Schultern und Arme ruhten dicht aneinandergeschmiegt.

Solange das Wetter raste, schwiegen sie still. Auch brüllte der Donner so wüst, daß sie ihn kaum überschrien hätten.

Aber gestrenge Herren regieren nicht lange. Die Blitze fanden, sie hätten wo anders Dringenderes zu tun, und der Donner grollte nur, um ihren Abzug nicht merken zu lassen.

Wohl trommelte der Regen noch immer, aber auch seine Schleusen wollten sich schließen, und durch das Herz der Tür fegte kein Schauer mehr.

Helene zeigte auf sie und sagte: »Ich denke, wir könnten sie öffnen.«

Rasch tat er nach ihrem Wunsche, und als sie nun wieder beieinander saßen, lag die Fläche des Sees in schwarzblauen Tinten, ganz gleich dem Himmel dahinter, ob auch düster, so doch schon friedlich, vor ihren friedesuchenden Augen.

Das junge Röhricht drüben schüttelte sich nicht mehr, und schon flog eine naßgewordene Krähe schwerfällig klatschend über das Wasser – wahrscheinlich dem Neste zu, in dem die alleingebliebenen Jungen voll Angst ihrer harrten.

»Haben Sie Angst gehabt?« fragte Fritz die Gefährtin, die, den Kopf in die Ecke gelehnt, halbgeschlossenen Auges in die Weite hinaussah.

»Wenn ich aufrichtig sein soll, ja«, erwiderte sie.

»Und hatten's so gar nicht nötig«, lachte er.

»Man hat oft Angst und hat es nicht nötig«, entgegnete sie.

»Da haben Sie recht«, sagte er, der Sorgen gedenkend, die ihn seit gestern beherrschten.

Und dabei kam ihm zu Sinn, daß hier eine war, der er manches vertrauen durfte.

Gerade ihr. Ihr allein auf der ganzen Welt. Sie kannte den Professor. Sie liebte und verehrte ihn wie er. Bei ihr würde alles gut aufgehoben sein.

Und da begann er ihr von der Unterredung zu erzählen, die ihn so tief erschüttert und alles zerstört hatte, was ihm so lange ein Evangelium gewesen war.

Deutschlands Herrlichkeit war zu einer Mißbildung, dessen Heros zu einem Despoten geworden. Und was als das Schlimmste sich vor ihm auftat: er sah den stolzen Eichbaum, in dessen Schatten sie alle lebten, nicht mehr in ewig grünender Pracht. Bereits schien die Axt an die Wurzel gelegt, die ihn einst fällen würde, wenn es den bösen Nachbarn so gefiel.

»Ich kann machen, was ich will«, fuhr er fort, »ich sehe nun alles mit seinen Augen. Ich sehe Zwist, wo früher Einklang war, ich sehe Feigheit, was mir früher als Begeisterung erschien. Und Unterwerfung – Knechtschaft – was weiß ich? … Und hinter allem die Angst, die Angst, was daraus werden wird.«

»Ja, so hat jeder seine Angst«, flüsterte sie.

»Sie auch?« fragte er.

»Ach wie sehr!« gestand sie ein. »Und das Traurigste ist, daß man nichts ändern kann – und daß alles seinen Weg geht. Und man verzehrt sich und weiß keinen Rat. Da geht's mir gerad' so wie Ihnen, und da bleibt einem bloß ein einziger Trost und eine einzige Richtschnur: Was auch geschieht, man muß gut sein.«

»Wenn das ausreicht«, meinte er zweifelnd.

»Ausreichen tut es vielleicht nicht, aber man weiß doch, wie man sich einrichten soll mit seinem Denken und seinem Tun, wenn das Leben zu schwer wird.«

»Was kann es nur sein, das Sie so quält?« fragte er in ernsthafter Besorgnis. »Etwas so furchtbar Schlimmes kann Ihnen doch noch gar nicht passiert sein.«

In betrübtem Schweigen schaute sie vor sich nieder.

»Wollen Sie's mir nicht anvertrauen?« bat er.

Noch war sie zaghaft und rang mit einem Entschluß. »Es kommt – es kommt – ja, es kommt auch – vom Professor her«, stammelte sie. »Ich hab's nie übers Herz gebracht, es Ihnen zu sagen, und Sie sind mir deshalb sogar böse gewesen.«

»Das, was Sie durch die Wand gehört haben – ist es das?«

»Ja, das ist es. Und heute werd' ich's Ihnen sagen. Sie versprechen mir aber, daß Sie nicht übel von ihm denken werden – und auch nicht von mir? Denn schicken tut es sich nicht, daß ich davon rede.«

Er versprach alles.

»Also – manchmal, wenn die Nähmaschine nicht geht – meistens nach dem Dunkelwerden – und sogar abends ganz spät – hört man – hört man – Frauenstimmen durch die Wand … Ich müßte wohl richtiger sagen: Mädchenstimmen. Aber das läßt sich nicht so genau unterscheiden … Und Mama fährt dann immer hoch und will mich hinausschicken … Aber meistens traut sie sich's nicht, weil es dadurch noch auffälliger wird … Und dann setzt sie sich rasch vor die Maschine und klappert drauflos … Aber ich hör' doch mehr als genug … Gelächter und Schreie, und was weiß ich … Anfangs sagte Mama – denn erklären mußte sie's doch, und ich war ja auch noch so dumm – es seien Damen, die bei ihm Privatstunden nehmen. Aber jetzt sagt sie gar nichts mehr … Bloß, sobald es geht, soll ich zu Bett, oder ich soll in meinem Schlafzimmer weiterarbeiten … Und daß ich dann in den Hausflur hinausgehe, das erlaubt sie schon gar nicht, weil ich ja einer begegnen könnte … Aber da sorgt sie sich unnütz, denn er hat seinen eigenen Aufgang vom Hofe her. Den benutzen diese Besuche wohl immer, denn auf der Vordertreppe hört man ihre Schritte ja nie.«

Sie hielt inne, gleichsam erschöpft von der Schwere ihres Geständnisses.

»Wenn das alles ist«, sagte er, »dann sehe ich nicht ein, weswegen Sie Angst zu haben brauchen.«

»Sie werden nun ganz gewiß Schlechtes von ihm denken«, stammelte sie.

»Das werde ich bestimmt nicht!« erwiderte er. »Im Gegenteil, wenn ich's nicht schon wüßte, dann würde ich daraus nur bestätigt finden, daß er kein trockener Stubengelehrter ist und daß er fühlt, wie die Jugend fühlt.«

»Fühlt denn die Jugend so?« fragte sie und machte große, erschrockene Augen.

Mit einiger Verlegenheit wollte er das unbedacht entschlüpfte Wort rasch wieder gutmachen. Aber ihre Gedanken waren schon darüber hinweggeeilt.

»Und wenn es selbst so ist«, fuhr sie fort, »mit der Jugend, die sich austoben darf, soviel sie will, hat er ja nichts gemein … Er ist in einer hohen, einer verantwortungsvollen Stellung. Und auf ihn wartet eine noch viel höhere, in der die ganze Welt auf ihn sehen wird … Und Feinde hat er mehr, als man sich denken kann; das hat er selber oft gesagt … Wenn die nun erfahren, daß er – daß er – nicht so lebt, wie ein Erzieher der Jugend doch soll, was glauben Sie wohl, wie die das ausnützen werden? Den Ordentlichen Lehrstuhl kriegt er dann nie.«

»Wer wird's denen hinterbringen?« fragte er. »Sie nicht und ich nicht, und wie ich Ihre Mutter kenne, die erst recht nicht. Im übrigen wird er sich schon vorsehen … Darum seien Sie nur immer guten Mutes. So ein Angsthase wie Sie darf man ja gar nicht sein.«

Aber sie wollte sich immer noch nicht beruhigen.

»Das ist es ja nicht allein«, flüsterte sie.

»Was denn noch?«

»Ich kann das nicht so ausdrücken, ich bin mir wohl selber nicht klar … Die Mädchen rings um einen reden dies und reden das … Und man sucht's zu verstehen … Aber auch dabei kommt einem die Angst … Ihm mach' ich keinen Vorwurf. Er ist einmal so … Und Unrecht tut er wohl keiner … Nichts, was sie nicht will, daß er ihr tut … Aber wenn das Leben so ist, daß junge Mädchen, vielleicht nicht viel älter als ich – und die haben doch einmal ebenso gefühlt wie ich – und haben auch eine Mutter – und gehen doch zu ihm … Da soll man keine Angst kriegen – vor der Welt – und dem Leben – und vor sich selber erst recht?«

Sie schlug die Hände vor's Gesicht. Eine Bewegung, die halb ein Schaudern, halb ein Schluchzen war, erschütterte ihren Körper.

Wie Fritz sie so mit sich ringen sah, wurde ihm ganz väterlich, ganz heilig zumute. Er dachte nichts weiter, als sie zu trösten und sorglos zu stimmen, und darum löste er den an ihrer Schulter festgeklemmten Arm, schlang ihn um ihre andere Schulter und zog sie zu sich herüber.

Und dann geschah es von selber, daß ihre Lippen sich berührten und aufeinander liegen blieben.

›Denk an dein Ehrenwort‹ fuhr es ihm durch den Kopf.

Aber noch ehe er dieser Mahnung Folge gegeben hatte, war sie erschreckend aufgezuckt, stemmte die Fäuste gegen seine Umschlingung und sprang, sich auf diese Weise befreiend, vor ihm in die Höhe.

Zwei entsetzt aufgerissene Augen starrten ihn an.

»Was ist denn?« fragte er mit bösem Gewissen.

»Ich d–enke, – wir w––ollten – gut Freund sein«, stammelte sie.

»Sind wir das nicht?«

Sie warf den Kopf traurig und mit bescheidener Hoheit in den Nacken zurück. »Nicht mehr«, sagte sie. »Zwischen uns ist nun alles aus.«

Mit vielen Worten versuchte er sie umzustimmen. Aber sie antwortete kaum.

Und schließlich gingen sie schweigend nach Hause.


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