von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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65. Vom Fiasko

(Aus dem Nachlasse hinzugefügt)

»Ich bin noch im Zweifel darüber,« sagt Montaigne, »ob jene lächerlichen Unglücksfälle in der Liebe, deren die Welt so voll ist, daß von nichts anderem gesprochen wird, nicht von Angst und Schwäche herrühren, denn ich weiß aus Erfahrung, daß einer, für den ich einstehen kann wie für mich selbst, den nicht der geringste Verdacht von Schwäche trifft, und der auch nicht der Verzauberung zugänglich ist, von einem Freunde einst die Geschichte einer solchen außergewöhnlichen Ohnmacht erfuhr, die gerade im allerungeeignetsten Augenblick eingetreten war. Als er selbst in eine ähnliche Lage kam, da ward seine Phantasie durch jene Erzählung, die ihm auf der Stelle einfiel, derart beeinflußt, daß es ihm genau so erging. Seitdem verfiel er öfter in jene Schwäche, dieweil ihn die Erinnerung an sein Unglück verzehrte und völlig beherrschte. Er fand gegen diesen Einfluß ein Heilmittel in einem anderen Einfluß. Er gestand sich nämlich selbst seine Niederlage ein und hielt sie sich vor Augen, nahm dieses Übel als etwas Erwartetes und milderte dadurch die Auflegung seines Gemütes, so daß jener Zwang nachließ und fortan minder auf ihm lastete ...

»Wer das einmal kann, der wird seiner nicht wieder unfähig außer durch richtige Schwäche. Jenes Unglück ist nur dann zu befürchten, wenn unsre Seele über alle Maßen gespannt ist von Verlangen und Ehrerbietung. Die Seele des Angreifers, die durch allerlei Aufregungen verwirrt ist, verliert leicht ihre Kraft...«

Wenn wir die Eitelkeit außer dem Spiele lassen, so ist der erste Sieg eigentlich keinem Manne angenehm, doch gibt es Ausnahmen, zum Beispiel:

1. Wenn er gar keine Zeit gehabt hat, sich nach der betreffenden Frau zu sehnen und sich mit ihr in seiner Einbildung zu beschäftigen, das heißt, wenn er sie im ersten Augenblick des Begehrens sofort besitzt. Das ist der Fall des höchsten Sinnengenusses, denn die Seele ist noch völlig in jenem Zustande, wo sie ungeachtet der Hindernisse nur die Schönheiten sieht.

2. Oder, wenn es sich lediglich um ein weibliches Wesen von absoluter Belanglosigkeit handelt, zum Beispiel um eine hübsche Kammerzofe, um eine von denen, die man nur begehrt, wenn man sie gerade vor Augen hat. Sowie ein Körnchen Leidenschaft ins Herz kommt, so ist auch ein Körnchen, eine Möglichkeit des Fiaskos da.

3. Oder, wenn der Liebhaber seine Geliebte auf eine so unerwartete Weise erobert, daß er nicht die geringste Zeit zum Nachdenken findet.

4. Oder in einer auf der Seite der Frau ganz selbstvergessenen, übertriebenen Liebe, die von ihrem Geliebten nicht in gleichem Maße geteilt wird.

Je heftiger ein Mann verliebt ist, um so größere Gewalt muß er sich antun, ehe er es wagt, die Geliebte vertraulich zu berühren. Er wähnt, ein Wesen zu verletzen, das ihm wie etwas Göttliches vorkommt, das ihm gleichzeitig grenzenlose Liebe und grenzenlose Achtung einflößt. Diese Scheu, eine Folge der zärtlichsten Leidenschaft, und – in der Liebe aus Galanterie – eine gewisse falsche Scham, die dem übergroßen Wunsch zu gefallen und mangelndem Mut entquillt, erzeugen ein höchst peinliches Gefühl, das einem oft unüberwindlich dünkt und über das man errötet. Nun ist die Seele schamerfüllt und damit beschäftigt, diese Scham zu überwinden; dem reinen Gefühl der Lust ist sie versperrt.

Es gibt Menschen, wie Rousseau, die sogar bei Dirnen von dieser falschen Scham heimgesucht werden. Sie gehen schließlich zu keiner mehr, denn solche Weiber hat man nur einmal, und dieses erstemal ist für jene Naturen widerwärtig.

Zur Erkenntnis dessen, daß der erste Sieg sehr oft eine peinliche Mühe ist, muß man das Vergnügen am Abenteuer und das Glück des darauffolgenden Augenblicks besonders hervorheben. Man ist zufrieden:

1. Daß man endlich in der so sehr herbeigesehnten Lage, im Besitze eines vollkommenen Glückes für die Zukunft ist, daß man über die Zeiten jenes grausamen Hangens und Bangens hinaus ist, wo man an der Gegenliebe zweifeln mußte.

2. Daß man seine Sache gut gemacht hat und einer Gefahr entronnen ist. Dieser Umstand ist daran schuld, daß die Freude in der Liebe aus Leidenschaft nicht ungetrübt ist; man weiß nicht, was man tut, und man ist der Geliebten sicher. In der Liebe aus Galanterie jedoch, in der man nie den Kopf verliert, ist jener Augenblick wie die Heimkehr von einer Reise; man betrachtet sich prüfend, und wenn die Liebe viel Eitelkeit an sich hat, will man diese Selbstprüfung verbergen.

3. Das gemeine Element der Seele genießt die siegreiche Errungenschaft. Vorausgesetzt, daß man Leidenschaft für eine Frau empfindet und daß unsre Phantasie nicht matt ist, so wird man, wenn die Geliebte die Ungeschicklichkeit begeht, uns eines Abends zärtlich und heimlich zuzuflüstern: »Komm morgen mittag, wir werden allein sein,« in nervöser Unruhe die ganze Nacht nicht schlafen. Wir malen uns tausend Bilder von dem Glücke aus, das unserer harrt; der Vormittag ist eine Qual; endlich schlägt die Stunde und jeder Schlag der Uhr scheint uns im Herzen widerzuhallen. Auf dem Wege durch die Stadt haben wir Herzklopfen und kaum die Kraft zu gehen. Auf ihrer Treppe reden wir uns Mut ein – und wir erleben ein Fiasko der Phantasie.

Ein gewisser Rapture, ein Künstler, doch ein beschränkter Kopf, überdies ein sehr nervöser Mensch, erzählte mir in Messina, daß er nicht nur einmal, nein immer beim ersten Male, also dauernd, Unglück gehabt habe. Dabei halte ich ihn für einen Mann wie alle anderen, wenigstens habe ich zwei reizende Maitressen von ihm gesehen.

Der Sanguiniker, der echte Franzose, der alles von der schönen Seite nimmt, wird durch ein Stelldichein für den nächsten Mittag keinesfalls übermäßig in seinem Gemüt aufgeregt; vielmehr strahlt ihm alles bis zum Augenblick der Wonne in rosigen Farben. Ohne das Stelldichein würde er sich wohl gar langweilen.

Man lese die Analyse der Liebe bei Helvetius. Ich möchte wetten, er fühlte wirklich so, und er schreibt im Sinne der meisten Menschen. Solche Naturen sind der Liebe aus Leidenschaft unfähig, sie würde nur ihre schöne Gemütsruhe stören; ich glaube, sie würden eine tiefe Neigung als ein Unglück auffassen, zum mindesten ihre Zaghaftigkeit als Demütigung empfinden.

Der Sanguiniker kann schlimmstenfalls nur eine Art von moralischem Fiasko erleben, wenn er nämlich ein Stelldichein mit einer Messalina hat und beim Eintritt in ihr Schlafzimmer daran denkt, vor welcher strengen Richterin er sich zeigen soll.

Der furchtsame Melancholiker kommt zuweilen dem Sanguiniker nahe, nämlich, wie Montaigne sagt, in ausgelassener Sektstimmung, vorausgesetzt, daß er sich nicht mit Absicht betrinkt. Sein Trost muß darin bestehen, daß die von ihm so beneideten Prachtmenschen, denen er es nie gleichtun kann, niemals sein Mißgeschick, aber auch niemals seine Götterfreuden erfahren und daß die schönen Künste, die ohne zagende Liebe keine Heimat hätten, ihnen ewig ein verschlossenes Reich bleiben. Der Mann, der sich wie Duclos nur ein Alltagsglück ersehnt, findet es oft, er ist nie unglücklich und somit für Kunstwerke unempfänglich.

Dem athletischen Temperament begegnet diese Art von Unglück nur aus Erschöpfung oder körperlicher Schwäche, im Gegensatz zum nervösen und melancholischen Temperament, die dafür geschaffen zu sein scheinen.

Oft gelingt es den armen Melancholikern, wenn sie sich bei einer anderen Frau ermüdet haben, ihre Phantasie etwas einzudämmen und dann bei der leidenschaftlich geliebten Frau eine weniger traurige Rolle zu spielen.

Was muß man aus alledem schließen? Daß eine kluge Frau sich niemals zum ersten Male auf Verabredung hingeben darf. Dieses Glück muß sie unerwartet gewähren.

Wir plauderten eines Abends im Quartier des Generals Michaud über das Fiasko. Außer mir waren fünf bildhübsche junge Offiziere da, im Alter von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren. Es stellte sich heraus, daß wir mit Ausnahme eines Gecken, der wahrscheinlich log, bei unseren berühmtesten Liebschaften alle miteinander beim ersten Male Fiasko gemacht hatten.Anmerkung des Übersetzers: Arthur Schnitzler verflicht diese berühmte Stelle in seinen graziös-pikanten »Reigen« (Wien, Wiener Verlag, 1903 S. 67 ff.):

(Ein junger Mann ist beim zärtlichsten Beieinander mit einer Dame. . .)

Der junge Herr: Kennst du Stendhal?

Die junge Frau: Stendhal?

Er: Die Psychologie de l'Amour.

Sie: Nein, warum fragst du mich?

Er: Es kommt eine Geschichte drin vor, die sehr bezeichnend ist.

Sie: Was ist das für eine Geschichte?

Er: Da ist eine ganze Gesellschaft von Kavallerieoffizieren zusammen . . .

Sie: So?

Er: Und die erzählen von ihren Liebesabenteuern. Und jeder berichtet, daß ihm bei der Frau, die er am meisten, weißt du, am leidenschaftlichsten geliebt hat. . . , daß ihn die, daß er die. . . , also kurz und gut, daß es jedem bei dieser Frau so gegangen ist wie jetzt mir.

Sie: So.

Er: Das ist sehr charakteristisch.

Sie: Ja.

Er: Es ist noch nicht aus. Ein einziger behauptet. . . , es sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, aber, setzt Stendhal hinzu, – das war ein berüchtigter Bramarbas.

Sie: So.

Sie: Aber nein, ich lache ja nicht. Das von Stendhal ist wirklich interessant. Ich habe immer gedacht, daß nur bei älteren . . . oder bei sehr . . . weißt du, bei Leuten, die viel gelebt haben . . .

Er: Was fällt dir ein. Das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe übrigens die hübscheste Geschichte aus dem Stendhal ganz vergessen. Da ist einer von den Kavallerieoffizieren, der erzählt sogar, daß er drei Nächte oder gar sechs – ich weiß nicht mehr – mit der Frau zusammen war, die er Wochen hindurch verlangt hat. . . desirée – verstehst du? – und die haben alle diese Nächte hindurch nichts getan als vor Glück geweint . . . , beide . . .

Sie: Beide?

Er: Wundert dich das? Ich find' das so begreiflich, – gerade wenn man sich liebt.

Sie: Es gibt aber gewiß viele, die nicht weinen.

Er (nervös): Gewiß, . . . das ist ja auch ein exzeptioneller Fall.

Sie: Ah, ich dachte, Stendhal sage, alle Kavallerieoffiziere weinen bei dieser Gelegenheit.

Er: Siehst du, jetzt machst du dich doch lustig! – –

Eine andre Spur von Stendhals de l'Amour in der deutschen Literatur sei noch erwähnt. Paul Heyse war in jüngeren Jahren ein Verehrer Stendhals und hat sogar Stendhals Novelle »Vanina Vanini«, in recht unglücklicher Weise freilich, dramatisiert. In einer seiner Novellen schreibt er etwas pedantisch:

»Schon ein flüchtiges Durchblättern des berühmten Werkes müßte jeden überzeugen, daß es sich hier nicht um ein frivoles, der Jugend gefährliches und gegen die Sittlichkeit sich auflehnendes Produkt handelt, sondern um eine sehr ernste psychologische und kulturhistorische Studie, deren Verfasser freilich, da er lange Zeit in Italien gelebt hat, die Frage, die er behandelt, von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, als man sie in Deutschland zu betrachten pflegt, nichts weniger aber beabsichtigt hat, als der großen Menge solcher Leser, die nach Schilderungen zweideutiger Verhältnisse und lüsterner Szenen begierig sind, einen Gefallen zu tun. Für alle ernsthaften Leser aber wird sowohl die psychologische Theorie des geistvollen Franzosen über die Kristallisation, wie der reiche Schatz in einzelnen Bemerkungen und charakteristischen Beispielen von höchstem Werte sein.«

Der Gedanke, daß dieses Übel außerordentlich häufig ist, muß seine Gefahr verringern.

Ich habe einen hübschen Husarenleutnant gekannt, dreiundzwanzig Jahre alt, der – wie mir scheint – aus überschwenglicher Liebe in den drei ersten Nächten, die ihm bei seiner Geliebten vergönnt waren, nichts fertig brachte als sie wieder und wieder zu küssen und vor Freude zu weinen. Er betete sie seit einem halben Jahre an, und sie hatte ihn sehr grausam behandelt, da sie um einen andern, im Kriege gefallenen Geliebten trauerte. Keins von beiden spielte Komödie.


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