von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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39. Kapitel

Ihre Leidenschaft wird erlöschen wie eine
Lampe, deren Flamme keine Nahrung erhält.
                      Scott, Braut von Lammermoor

Der heilende Freund muß sich wohl vor schlechten Gründen hüten, zum Beispiel darf er nie von Undankbarkeit reden. Man belebt die Kristallbildung wieder, wenn man ihr einen Sieg und eine neue Freude verschafft.

In der Liebe gibt es keine Undankbarkeit. Eine wirkliche Freude macht auch die scheinbar größten Opfer und noch weit mehr bezahlt. Es gibt nur ein Unrecht, Mangel an Offenheit. Man muß den Zustand seines Herzens richtig beurteilen.

Sobald der heilende Freund die Liebe in der Front angreift, antwortet der Liebende: »Lieben, und selbst unter dem Zorne der Geliebten, ist nichts anderes – um zu deinem Geschäftston herabzusteigen – als ein Lotterielos besitzen, dessen Gewinst tausendfach über allem steht, was du mir bieten kannst in deiner Welt voll Gleichgültigkeit und Eigennutz. Man muß sehr viel und sehr kleinliche Eitelkeit besitzen, um sich deshalb glücklich zu fühlen, weil man freundliche Aufnahme findet. Keineswegs tadle ich die Menschen, die in ihrem Kreise so handeln. Aber bei Leonore habe ich eine andere Welt gefunden, in der alles göttlich, zart und edel war. Der erhabenste und unglaublichste Ruhm eurer Welt galt uns in unseren Gesprächen nur als etwas Gewöhnliches und Alltägliches. Laß mir darum wenigstens den Traum des Glückes, mein Dasein an der Seite eines solchen Wesens zu verbringen. Obwohl ich sehe, daß mich die Verleumdung zugrunde gerichtet hat, und ich keine Hoffnung mehr habe, will ich ihr wenigstens meine Rache opfern.«

Man kann die Liebe nur in ihrem Entstehen aufhalten. Außer einer schnellen Abreise und den unvermeidlichen Zerstreuungen der Gesellschaft gibt es noch verschiedene kleine Kniffe, die der heilende Freund anwenden kann. Zum Beispiel wird er wie zufällig in unserer Gegenwart die Bemerkung machen, die geliebte Frau bezeige uns – abgesehen von der Ursache des ganzen Zwistes – nicht die Rücksichten der Höflichkeit und Achtung, die sie einem Nebenbuhler zukommen lasse. Die geringsten Tatsachen genügen dazu, denn in der Liebe ist alles »Beweis«; zum Beispiel, wenn sie uns nicht den Arm gibt, um sich zu ihrer Loge führen zu lassen, so wird dieses Nichts von einem leidenschaftlich bewegten Herzen tragisch genommen. Es schwächt die Kristallbildung ab, vergiftet die Quelle der Liebe und kann sie sogar verschütten.

Man kann der Frau, die mit unserem Freunde schlecht umgeht, einen lächerlichen körperlichen Fehler nachsagen, der sich unmöglich feststellen läßt. Wenn der Liebende die Verleumdung nachweisen könnte, so würde sie, selbst wenn er sie begründet fände, durch die Macht der Einbildung doch hinfällig werden und bald ganz vergessen sein. Nur die Phantasie kann sich selbst Trotz bieten. Heinrich der Dritte wußte das sehr gut, als er die berühmte Herzogin von Montpensier verleumdete.

Wenn man ein junges Mädchen vor der Liebe bewahren will, muß man also hauptsächlich seine Phantastie behüten. Je höher sein Geist, je edler und großmütiger seine Seele, je mehr es – mit einem Wort – unserer Achtung wert ist, um so größerer Gefahr geht es entgegen.

Es ist immer für ein junges Wesen gefährlich, wenn man duldet, daß sich seine Erinnerungen zu häufig und mit zuviel Wohlgefallen an einen bestimmten Menschen heften. Wenn Dankbarkeit, Bewunderung oder Neugierde die Fäden der Erinnerung fester knüpfen, so ist das Verderben fast unabwendbar. Je langweiliger das alltägliche Leben ist, um so wirksamer sind die Gifte, die Dankbarkeit, Bewunderung und Neugierde heißen. Dann hilft nur eine schnelle, rechtzeitige und energische Zerstreuung.

Daher ist ein wenig Rauheit und Sichgehenlassen beim ersten Zusammentreffen, auf natürliche Weise gegeben, das sicherste Mittel, sich bei einer geistvollen Frau Respekt zu verschaffen.


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