von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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42. Noch einmal Frankreich

Frankreich nimmt in der Anlage dieses Buches viel Raum ein, weil Paris dank der Überlegenheit seiner Literatur und seiner Sprache der Salon Europas ist und bleiben wird.

Drei Viertel aller Liebesbriefe in Wien wie in London werden französisch geschrieben oder sind voll von französischen Wendungen und Worten und Gott weiß in was für einem Französisch.In England meinen die bedeutendsten Schriftsteller sich einen weltmännischen Anstrich zu verleihen, wenn sie französische Worte zitieren; meistens sind es solche, die ihr Französisch lediglich aus englischen Grammatiken haben. Man nehme die Edinburgh-Review her oder die Memoiren der Gräfin von Lichtenau, der Maitresse des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen.

Mir scheint, es sind zwei Ursachen, die Frankreich hinsichtlich der großen Leidenschaften der Originalität beraubt haben:

1. Das echte Ehrgefühl oder der Wunsch, Bayard zu gleichen, um in der Gesellschaft Ansehen zu genießen und täglich seine Eitelkeit befriedigt zu sehen.

2. Das falsche Ehrgefühl oder der Wunsch, Leuten von gutem Ton aus der ersten Pariser Gesellschaft zu gleichen, zum Beispiel in der Kunst, in einen Salon einzutreten, einen Rivalen seine Abneigung merken zu lassen oder sich mit seiner Geliebten zu überwerfen.

Das falsche Ehrgefühl bietet unserer Eitelkeit weit mehr Genuß als das echte, schon an und für sich, weil es jedem Einfaltspinsel verständlich ist, dann aber auch, weil es sich den täglichen und selbst stündlichen Handlungen anpaßt. Man kann beobachten, daß Leute mit diesem falschen Ehrgefühl in der Gesellschaft sehr gut aufgenommen werden, während das Gegenteil unmöglich ist.

Der Ton der großen Gesellschaft verlangt:

1. Alle großen Interessen mit Ironie zu behandeln. Nichts ist natürlicher; früher konnten Leute aus der wirklich großen Gesellschaft durch nichts innerlich berührt werden; sie hatten gar nicht die Zeit dazu. Der Landaufenthalt ändert das. Überdies geht es einem Franzosen gegen die Natur, sich eine Bewunderung anmerken zu lassen. Er würde sich dadurch etwas vergeben, nicht nur vor dem Bewunderten, sondern besonders vor seinem Nachbar, falls es diesem einfiele, über den Gegenstand der Bewunderung zu spotten.

In Deutschland, Italien und Spanien hingegen liegt in der Bewunderung Aufrichtigkeit und Glück. Dort ist der Bewunderer auf seine Empfindung stolz und bedauert den Auszischer; ich sage nicht den Spötter, denn den gibt es nicht in Ländern, wo die einzige Lächerlichkeit die ist, den Weg zum Glück, nicht aber die Nachäffung fremder Manieren, zu verfehlen. Im Süden erzeugt das Mißtrauen und die Befürchtung, im wirklich empfundenen Genuß gestört zu werden, eine angeborene Bewunderung für Luxus und Pracht. Man sehe sich eine funzione in Cadix an; das steigert sich bis zum Wahnsinn.»Reise in Spanien« von Semple. Er ist ein realistischer Schilderer und gibt eine unvergeßliche Schilderung der Schlacht bei Trafalgar, deren Zuschauer er von weitem gewesen ist.

2. Ein Franzose hält sich für den unglücklichsten und lächerlichsten Menschen, wenn er gezwungen ist, einsam zu sein. Aber was ist Liebe ohne Einsamkeit?

3. Ein leidenschaftlicher Mensch denkt nur an sich; ein Mensch, der nach Beachtung trachtet, denkt nur an andere. Mehr noch: vor 1789 fand man in Frankreich persönliche Sicherheit nur, wenn man einem Stande, zum Beispiel dem Richterstande, angehörte und von den Angehörigen dieses Standes beschützt wurde.Grimms Korrespondenz, Jan. 1783 (III, 2, 102): »Am Eröffnungstage des neuen Hauses war Graf R***, Kapitän auf Lebenszeit in der Garde von Monsieur, (dem Bruder des Königs), entrüstet, daß er keinen Balkonplatz mehr frei fand. Er kam auf den bösen Einfall, einem ehrsamen Rechtsanwalt seinen Platz streitig zu machen. Dieser, Maître Parnot, wollte auf keinen Fall weichen. ’Sie nehmen mir meinen Platz!‘ sagte er. – ’Das ist meiner!‘ – ’Wer sind Sie eigentlich?‘ – ’Ich bin Herr Sechs-Franken‘ (das ist der Billetpreis). Ein lebhafter Wortwechsel, Beleidigungen und Stöße mit dem Ellenbogen folgten. Graf R*** trieb seine Rücksichtslosigkeit so weit, den armen Rechtsverdreher ’Dieb‘ zu schimpfen, und vermaß sich zuguterletzt, ihn durch den diensthabenden Schutzmann festnehmen und auf die Wache bringen zu lassen, Maître Parnot begab sich mit großer Würde dahin und reichte sofort nach seiner Wiederentlassung Klage bei Gericht ein. Die furchtbare Kaste, der anzugehören er die Ehre hatte, wollte von einer Zurücknahme der Klage nichts wissen. Die Angelegenheit kam vor das Parlament. Graf R*** wurde in die Kosten verurteilt, mußte dem Rechtsanwalt Genugtuung geben und ihm 2000 Taler Entschädigung zahlen. Diese Summe wurde mit seiner Einwilligung den armen Gefangenen der Conciergerie überwiesen. Außerdem wurde genanntem Grafen dringend ans Herz gelegt, die königlichen Orders über Ruhestörungen im Theater besser zu beachten. Der Vorfall wirbelte viel Staub auf, da öffentliche Interessen davon berührt wurden. Der ganze Richterstand hielt sich für bedroht, weil ein Träger des Amtskleides beleidigt worden war. Um die Geschichte in Vergessenheit zu bringen, suchte Herr von R*** auf dem Schlachtfeld von Saint-Roche Lorbeeren. Er konnte nichts Besseres tun, meinte man, um sein Talent zur Eroberung heftigumstrittener Plätze in Geltung zu bringen.« Man stelle sich einen unbekannten Philosophen an Stelle des Advokaten vor. Das Duell ist nützlich.

Siehe auch weiterhin auf Seite 496 einen recht verständigen Brief von Beaumarchais, der einem seiner Freunde eine vergitterte Loge zum »Figaro« versprochen hat und sie darum einem anderen ausschlägt. Solange man glaubte, diese Antwort richtete sich gegen einen Herzog, war das Geschrei groß, und man sprach bereits von schwerer Bestrafung. Als Beaumarchais aber erklärte, daß sein Brief nur an den Gerichtspräsidenten Dupaty gerichtet sei, lachte alles. Wir verstehen diese Empfindungsart nicht mehr. Und doch mutet man uns dieselben Trauerspiele zu, die jenen Menschen gefallen haben.

Die Meinung eines Nachbarn war also ein wesentlicher und notwendiger Teil des Glückes. Am Hofe war das noch mehr der Fall als in der Stadt Paris.

Man kann sich leicht vorstellen, welchen Einfluß solche Anschauungen, – die allerdings nach und nach außer Kraft treten, doch in Frankreich noch für ein Jahrhundert ausreichen, – auf die großen Leidenschaften ausüben.

Ich kann mir einen Menschen vorstellen, der sich aus dem Fenster stürzt, dabei aber in gefälliger Haltung unten auf dem Pflaster anzulangen bestrebt ist.

In der Leidenschaft gleicht ein Mann sich selbst und keinem anderen, was in Frankreich die Quelle aller Lächerlichleiten bildet. Zudem beleidigt man die anderen, und das verleiht der Lächerlichkeit noch Flügel.


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