von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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13. Kapitel

Eine weitere Erfahrung, die man mir vielleicht abstreiten wird, erwähne ich nur für die, die, ich möchte sagen, genug unglücklich waren, lange Jahre hindurch leidenschaftlich geliebt zu haben, während unbesiegbare Hindernisse ihrer Liebe entgegenstanden.

Der Anblick alles dessen, was in Kunst und Natur von auserlesener Schönheit ist, lenkt unsere Gedanken mit Blitzesschnelle auf unsere Geliebte. Durch einen mechanischen Vorgang, ähnlich dem in den Salzburger Bergwerken, der den Baumzweig mit Kristallen überdeckt, steht alles Schöne und Hehre in der Welt im Zusammenhang mit unserer Geliebten, und ein unerwarteter Anblick des Glückes füllt unsere Augen mit Tränen. So beleben sich gegenseitig die Liebe zum Schönen und die Liebe zum Weibe.

Es gehört zu den Leiden unseres Lebens, daß das Glück, die Geliebte zu sehen und mit ihr zu reden, keine zuverlässige Erinnerung in uns hinterläßt. Offenbar ist unsere Seele in ihrer Erregung zu verwirrt, um auf die Ursachen und Nebenumstände dieser Erregung zu achten. Sie ist in diesem Augenblicke reine Empfindung. Vielleicht gerade weil wir jene Freuden nicht nach Belieben zurückrufen können, wobei sie mehr und mehr verblassen würden, so lehren sie um so mächtiger wieder, sobald uns irgend etwas aus den Träumereien aufschreckt, die wir der Geliebten weihen, oder die Geliebte uns durch irgend einen Zusammenhang lebhaft in die Erinnerung gebracht wird (zum Beispiel durch Parfüme).

Dieses Empfinden ist so stark, daß es sich selbst auf meine Feindin erstreckt, die täglich mit meiner Geliebten zusammenkommt. Wenn ich jene sehe, erinnert sie mich so sehr an Leonore, daß ich nicht fähig bin, sie in diesem Augenblicke zu hassen, wenn ich mich auch noch so bemühe.

O wunderliche Seltsamkeit unseres Herzens! Man könnte meinen, daß ein geliebtes Weib mehr Reiz ausströmt, als ihm in Wirklichkeit eigen ist. Das Bild der fernen Stadt, wo wir die Angebetete nur einen Augenblick lang gesehen haben, versetzt uns in eine tiefere und holdere Träumerei als ihre Anwesenheit selbst. So wirkt die Sprödigkeit.

Liebesträumereien kann man nicht festhalten. Ich habe beobachtet, daß ich einen guten Roman alle drei Jahre mit dem gleichen Genusse wieder lesen kann. Er bringt mich in eine, der besonderen Geschmacksrichtung, die mich augenblicklich beherrscht, entsprechende Stimmung, oder er gibt mir Abwechslung in meinen Ideen, wenn ich anders fühle. Ebenso höre ich dieselbe Musik mit Genuß wieder, wenn dabei das Gedächtnis nicht in Frage kommt. Nur die Phantasie allein darf angeregt werden. Wenn uns eine Oper bei der zwanzigsten Aufführung mehr Genuß bereitet, so liegt die Ursache darin, daß wir die Musik entweder besser verstehen, oder daß sie uns die Stimmung der ersten Aufführung wieder herzaubert.

Die neuen Gesichtspunkte, die mich ein Roman für die Kenntnis des menschlichen Herzens gewinnen läßt, rufen mir im Geiste frühere Erfahrungen sehr lebhaft zurück. Ich mache mir darüber am liebsten Randbemerkungen. So habe ich mein Vergnügen beim Lesen von Romanen daran, daß sie meine Kenntnis des menschlichen Wesens fordern und keineswegs an der träumerischen Stimmung, die den eigentlichen Genuß an einem Romane bildet. Diesen Zustand kann man nicht festhalten. Wenn man es versucht, so verscheucht man die Stimmung augenblicklich, denn man verfällt dann in philosophisches Zergliedern des Genusses und verscheucht sie dadurch für immer, denn nichts lähmt die Phantasie so sehr wie das Wachrufen der Erinnerung. Wenn ich zum Beispiel eine solche Randbemerkung wiederfinde, die meine Empfindungen beim Lesen von Scotts Old Mortality vor drei Jahren in Florenz widerspiegelt, so vertiefe ich mich sofort in die Vergangenheit meines Lebens, in einen Vergleich meines Glückszustandes von heute und damals, kurz in die höchste Philosophie, und das Sich-Hingeben an zarte Empfindungen ist auf lange Zeit vorbei.

Jeder echte Dichter, der eine rege Phantasie hat, ist scheu, das heißt, er fürchtet die Menschen, weil sie ihn in seinen köstlichen Stimmungen stören und ablenken. Ihm ist um seine innere Stimmung bange. Die Menschen mit ihren groben Wünschen wollen ihn aus den Gärten der Armida entführen und in einen gemeinen Sumpf treiben. Sie können sich ihm nicht anders bemerkbar machen als durch Belästigungen. Durch die Gewohnheit, seine Seele mit holden Träumen zu nähren, und durch seinen Abscheu vor allem Gemeinen ist der große Künstler der Liebe nie fern.

Je größer ein Mensch als Künstler ist, um so mehr sollte er danach trachten, sich durch Rang und Auszeichnungen gleichsam unnahbar zu machen.


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