von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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33. Von der Eifersucht

Wenn man liebt, fügt man bei jedem neuen Gegenstand, der dem Auge oder dem Gedächtnisse auffällt, – gleichgültig, ob im Gedränge auf einer Tribüne beim aufmerksamen Zuhören einer Parlamentsverhandlung oder im feindlichen Feuer beim Angriff gegen eine Feldwache, – dem geistigen Bilde der Geliebten immer neue Vollkommenheiten hinzu oder ersinnt neue, zuerst großartig erscheinende Mittel, um ihre Liebe noch mehr zu gewinnen.

Jeder Schritt auf dem Wege der Phantasie bringt einen köstlichen Augenblick ein, und es ist nicht zu verwundern, wenn man sich in dieser Traumwelt verliert.

Sobald die Eifersucht aufkommt, bleibt diese Gewohnheit der Seele zwar die gleiche, äußert sich aber in ganz entgegengesetzter Wirkung. Jeder neue Diamant in der Krone der Geliebten, die vielleicht einen anderen liebt, gewährt uns nicht mehr himmlische Freuden, sondern verwundet uns tief das Herz. Eine Stimme ruft uns zu: »Diese Reize genießt nun der andere!«

Alles, was uns auffällt, hat jetzt nicht mehr seine frühere Wirkung, sondern bringt uns da, wo es vordem ein Mittel zur Steigerung der Liebe war, nur das Glück des Rivalen noch stärker zum Bewußtsein.

Wenn wir einer schönen Frau begegnen, die durch den Park galoppiert, so fällt uns ein, daß der andere wegen seiner schönen und flotten Pferde berühmt ist.

In solchem Zustande verfällt man leicht in Wut. Man vergegenwärtigt sich nicht mehr, daß »in der Liebe der Besitz nichts, der Genuß alles ist«. Man überschätzt das Glück des anderen, man überschätzt den Übermut, zu dem ihn sein Glück verleitet, und man gerät dadurch in den qualvollsten Zustand und in grenzenloses Unglück, das noch durch einen Rest von Hoffnung vergiftet wird.

Das einzige Heilmittel ist vielleicht, das Glück des Rivalen aus nächster Nähe zu beobachten. Oft sieht man dann, wie er friedlich einnickt im Salon neben der Frau, bei deren bloßer Erinnerung, ja wenn wir auf der Straße nur einen dem ihrigen ähnlichen Hut von weitem erblicken, uns das Herz stillsteht.

Um den Rivalen aufmerksam zu machen, braucht man nur die Eifersucht sehen zu lassen. Was hätte aber den Erfolg, ihn über den Wert der Frau aufzuklären, die ihm den Vorzug gibt, und dann ist man vielleicht erst die Ursache seiner Liebe zu ihr.

Bei Begegnungen mit dem Rivalen gibt es keinen Mittelweg; entweder scherzt man mit ihm auf möglichst ungezwungene Weise, oder man jagt ihm Angst ein.

Da die Eifersucht das schlimmste aller Übel ist, findet man eine angenehme Zerstreuung darin, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Dann ist unser Denken doch nicht durch und durch vergiftet und (infolge des oben geschilderten Vorganges) ganz in Nacht getaucht. Man kann sich bisweilen vorstellen, daß man den Rivalen tötet.

Nach dem militärischen Grundsatze, dem Feind nie Verstärkungen zukommen zu lassen, muß man die eigene Liebe vor dem Nebenbuhler verbergen und ihm unter vier Augen, wie aus Eitelkeit und ohne den feinsten Gedanken an Liebe, mit der größten Höflichkeit und der ruhigsten und einfachsten Miene sagen: »Mein Herr, ich weiß nicht, wie die Leute auf den Einfall kommen, mir die kleine Soundso zuzuschreiben. Man hat sogar die Güte zu glauben, ich sei in sie verliebt. Wenn Sie sie haben wollen, trete ich sie Ihnen bereitwilligst ab; aber leider würde ich dabei eine sehr lächerliche Rolle spielen. In sechs Monaten geht es, wenn sie Ihnen dann noch gefällt. Heute aber verpflichtet mich die Ehre, die man, ich weiß selbst nicht warum, in dergleichen Dinge setzt, zu meinem lebhaften Bedauern, Ihnen zu sagen: wenn Sie nicht die Gewogenheit haben zu warten, bis die Reihe an Sie kommt, muß unbedingt einer von uns beiden fallen.«

Der Rivale ist höchstwahrscheinlich kein leidenschaftlich verliebter Mann und vielleicht ein sehr vernünftiger Mensch, der diesen Standpunkt durchaus anerkennt und sich beeilen wird, einem die in Frage stehende Frau abzutreten, wenn er selbst nur einen halbwegs ehrenvollen Rückzug finden kann.

Man muß nur jene Erklärung in sorglosem Tone vorbringen und den ganzen Vorfall diskret behandeln.

Der Schmerz, den die Eifersucht verursacht, ist darum so nagend, well die Eitelkeit ihn nicht ertragen hilft, aber bei der eben genannten Methode findet ja gerade unsere Eitelkeit ihre Rechnung. Man kann sich immer noch für tapfer halten, wenn man sich auch nicht mehr für liebenswert halten darf.

Will man aber die ganze Sache nicht tragisch nehmen, so muß man verreisen und sich nicht allzufern mit irgend einer Tänzerin einlassen, deren Reize einen anscheinend auf der Durchreise gefesselt haben. Ist der Rivale ein gewöhnlicher Mensch, so wird er uns für getröstet halten.

Oft ist es das ratsamste, ohne mit der Wimper zu zucken, ruhig abzuwarten, bis der Nebenbuhler der Geliebten durch seine eigene Albernheit langweilig wird. Denn außer bei einer großen Leidenschaft, die allmählich und in früher Jugend entstanden ist, wird keine gescheite Frau einen gewöhnlichen Menschen lange lieben.»Die Prinzessin von Tarent«, Novelle von Scarron. Tritt die Eifersucht nach der völligen Hingabe ein, so muß noch scheinbare Gleichgültigkeit oder tatsächliche Untreue dazutreten. Die meisten Frauen, die sich von einem immer noch geliebten Manne beleidigt fühlen, gehen dann zu dem Manne über, auf den jener vorher grundlos eifersüchtig war. So wird aus dem Spiele Ernst.Wie in der Novelle »Der unverschämte Neugierige« von Cervantes.

Ich bin auf Einzelheiten eingegangen, weil man in solchen Augenblicken der Eifersucht sehr oft den Kopf verliert. Schon lange niedergeschriebene Ratschläge sind nützlich, und da es hauptsächlich auf äußerliche Ruhe ankommt, ist es angebracht, sie in philosophischem Ton zu geben.

Da man nur so lange Gewalt über uns hat, als man uns die Hoffnung auf Dinge, die nur einen Leidenschaftswert haben, raubt oder läßt, so haben unsere Widersacher sofort keine Waffe mehr, wenn es uns gelingt, gleichgültig zu scheinen.

Hat man nichts zu tun, was einen ablenkt, und will man sich eine Freude und eine Linderung verschaffen, so wird man viel Genuß beim Lesen des »Othello« haben. Er wird uns an manchem irre machen, was uns bewiesen schien, und mit Entzücken werden unsere Augen bei jener Stelle des dritten Aktes verweilen:

»Ein wertlos Wort,
Vom Wind gebracht: der Eifersücht'ge nimmt's
Als heil'ges Evangelium auf.«

Ich habe empfunden, daß auch der Anblick eines schönen Meeres tröstlich ist. Walter Scott sagt in der »Braut von Lammermoor« »Der Morgen, der ruhig und hell erwacht war, gab selbst der weiten Sumpflandschaft, die man vor der Burg landeinwärts erblickte, ein heiteres Ansehen. Auf der anderen Seite dehnte sich das ehrwürdige Meer, von tausend wogenden Silberwellen gekräuselt, in ernster, aber milder Hoheit bis zum äußersten Gesichtskreis hin aus. Das Menschenherz im aufgeregten Zustande liebt solche Bilder stiller Größe, und ihr mächtiger Einfluß begeistert zu edlen und guten Taten.«

Im Tagebuche Salviatis finde ich: »Ich sehe oft, und wie ich glaube, höchst törichterweise das ganze Leben mit dem Gefühl eines Ehrgeizigen oder eines braven Untertanen an, der während einer Schlacht einen Fuhrpark bewachen muß oder irgend einen andern Posten ohne Gefahr und Tätigkeit einnimmt.

»Mit vierzig Jahren würde ich es bedauern, die Jahre der Liebe ohne tiefe Leidenschaft verbracht zu haben. Ich würde ein bitteres und herabstimmendes Mißbehagen empfinden, wenn ich zu spät entdeckte, daß ich so töricht war, mein Leben dahingehen zu lassen, ohne zu leben.

»Gestern war ich drei Stunden lang bei der Frau, die ich liebe, mit einem Nebenbuhler zusammen, den sie absichtlich gut behandelte. Ohne Zweifel waren es für mich bittere Augenblicke, wenn ich ihre schönen Äugen auf ihm ruhen sah, und als ich ging, fühlte ich in mir das namenloseste Unglück mit der letzten Hoffnung streiten. Welche nie erlebten Gefühle, welche lebendigen Gedanken, welche blitzschnellen Folgerungen! Trotz des Glückes meines Rivalen fühlte ich doch meine Liebe mit unbeschreiblichem Stolz und Entzücken turmhoch über die seine erhaben. Ich sagte mir: Erblassen würden seine Wangen in feiger Furcht vor dem geringsten der Opfer, die meine Liebe freudig, ich kann sagen spielend brächte. Ohne zu zögern, könnte ich zum Beispiel mit der Hand in einen Hut fassen, um eines der beiden Lose zu ziehen: »von ihr geliebt werden« oder »sofort sterben«. Deses Gefühl ist so mit mir eins, daß ich dabei der liebenswürdigste Gesellschafter sein kann. Hätte man mir das vor zwei Jahren gesagt, so hätte ich gelacht.«

In der Schilderung der Reise der Kapitäne Lewis und Clarke nach den Missouriquellen im Jahre 1806 lese ich auf Seite 215:

»Die Ricaras sind arm, aber gut und großmütig. Wir hielten uns ziemlich lange in dreien ihrer Dörfer auf. Ihre Frauen sind schöner als bei den anderen Stämmen, auf die wir gestoßen sind, und lassen ihre Liebhaber nicht gern lange schmachten. Wir fanden einen neuen Beweis für die alte Wahrheit, daß man nur in die Welt hinauszugehen braucht, um zu sehen, wie wandelbar alles ist. Unter den Ricaras ist es eine große Beleidigung, wenn eine Frau ohne Einwilligung ihres Gatten oder Bruders Liebesbewerbungen erhört, aber die Männer und Brüder sind hoch erfreut, wenn sie diese kleine Höflichkeit ihren Freunden erweisen dürfen

»Wir hatten einen Neger unter unseren Leuten. Er erregte viel Aufsehen bei diesem Volke, das zum erstenmal einen Menschen von seiner Hautfarbe sah. Bald war er der Günstling des schönen Geschlechtes, und wir bemerkten, daß die Männer, anstatt auf ihn eifersüchtig zu sein, entzückt waren, wenn sie ihn zu sich kommen sahen. Das Lächerlichste dabei war, daß man im Innern ihrer engen Hütte voreinander nichts verbergen konnte.«


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