von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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7. Von den Unterschieden, welche die Entstehung der Liebe bei den beiden Geschlechtern zeitigt

Die Frauen fesseln sich durch ihre Hingabe. Wenn an und für sich neunzehn Zwanzigstel ihrer alltäglichen Traumereien der Liebe gelten, so gruppieren sich diese Träumereien, wenn sie alles hingegeben haben, nur noch um den einen Gedanken, jenen ungewöhnlichen, entscheidenden und ihrer schamhaften Natur zuwiderlaufenden Schritt zu rechtfertigen. Ein ähnlicher Vorgang ist beim Manne nicht vorhanden; infolgedessen lebt das Weib jene süßen Augenblicke in der Phantasie mit Muße immer und immer wieder durch.

Da die Liebe an festbewiesenen Dingen zweifelt, so ängstigt sich eine Frau, die vor der Hingabe geschworen hätte, ihr Verehrer sei über alles Gemeine erhaben, sobald sie ihm nichts mehr zu versagen hat, ob er nicht vielleicht nur ein Weib mehr auf die Liste seiner Eroberungen setzen wollte.

Jetzt erst entsteht die zweite Kristallbildung, die viel stärker ist als die erste, weil sie von Furcht begleitet wird.

Sie fehlt vollständig bei leichtfertigen Frauen, denen alle romantischen Gedanken fernliegen.

Was Weib glaubt sich von der Königin zur Sklavin erniedrigt. Dieser Zustand der Seele und des Geistes wird durch die Betäubung der Nerven begünstigt, die ihre Ursache im sinnlichen Genuß hat. Je seltener dieser ist, um so fühlbarer sind seine Folgen. Und dann: eine Frau träumt bei ihrer geistlosen Stickerei, die nur die Hände beschäftigt, von dem Geliebten, während er mit seiner Schwadron über die Ebene galoppiert und in Arrest kommt, wenn er eine falsche Bewegung kommandiert.

Ich glaube also, die zweite Kristallbildung ist deshalb bei den Frauen bedeutend stärker, weil Furcht und Zweifel ihnen näher liegen. Ferner werden bei ihnen Eitelkeit und guter Ruf in Mitleidenschaft gezogen, und vor allem haben sie weniger Zerstreuungen als die Männer.

Eine Frau ist nicht daran gewöhnt, sich durch den Verstand leiten zu lassen, während ich als Mann mich täglich sechs Stunden in meinem Berufe mit kalten und vernünftigen Dingen befassen muß. Aber auch abgesehen von der Liebe, haben die Frauen immer den Hang, sich ihrer Phantasie und einer zur Gewohnheit gewordenen Unlogik zu überlassen, und darum verblassen in ihren Augen auch die Fehler eines Geliebten viel rascher.

Die Frauen schätzen Gefühle aus leicht erklärlichen Gründen höher als den Verstand. Da sie nach unsern altmodischen Sitten in Familienangelegenheiten nicht mitzureden haben, so ist ihnen die Vernunft niemals zu etwas nütze, und sie lernen ihren Wert nirgends schätzen.

Sie ist ihnen vielmehr immer schädlich, denn sie tritt nur an sie heran, um ihnen ein Vergnügen von gestern zu schmälern oder ihnen morgen eins zu untersagen.

Überlasse einmal deiner Frau die Verwaltung von zweien deiner Landgüter, und ich wette, die Bücher werden besser, als bei dir selbst, in Ordnung sein. Und du öder Tyrann hast dann höchstens das zweifelhafte Recht, dich zu beklagen, weil du nicht das Geschick hast, dich liebenswert zu machen. Sobald die Frauen sich mit allgemeinen Dingen beschäftigen, schenken sie ihnen, ohne es selbst zu merken, ihre Liebe. In Kleinigkeiten haben sie ihren Stolz, peinlicher und genauer als die Männer zu sein. Die Hälfte des Kleinhandels ruht in ihren Händen, die damit besser fertig werden als die ihrer Gatten. Und es ist eine allbekannte Tatsache, daß man in Gesprächen mit Frauen über geschäftliche Angelegenheiten nicht pedantisch genug sein kann.

Immer und überall dürsten sie nach Aufregungen; man denke an die Leichenfeiern in Schottland.


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