von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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64. Werther und Don Juan

Wenn man sich unter jungen Leuten über einen armen Verliebten weidlich lustig gemacht und er das Zimmer verlassen hat, so gerät die Unterhaltung am Ende gewöhnlich auf die Streitfrage, ob man besser tue, die Frauen so zu nehmen wie Mozarts Don Juan oder wie Goethes Werther. Der Gegensatz wäre noch schroffer zum Ausdruck gebracht, wenn ich statt Werther Saint-Preux aus Rousseaus »Neuer Heloise« genommen hätte, aber das ist eine so flache Persönlichkeit, daß ich tieferen Naturen Unrecht zufügte, wollte ich diese Gestalt zu ihrem Repräsentanten wählen.

Der Charakter Don Juans verlangt eine größere Zahl jener in der Welt sehr nützlichen und geschätzten Tugenden, Unerschrockenheit, Findigkeit, Lebhaftigkeit, Kaltblütigkeit und Unterhaltungsgabe. Die Don Juans haben manch' öde Stunde, und es steht ihnen ein recht trübseliges Alter bevor. Aber die Mehrzahl der Menschen wird ja nicht alt.

Die Verliebten spielen im Salon eine traurige Rolle, denn man hat Frauen gegenüber nur dann Geschick und Kraft, wenn man an ihren Gewinn nicht mehr Interesse knüpft als an eine Partie Billard. Da Verliebte der Gesellschaft ihr großes Interesse verraten, setzen sie sich, so geistvoll sie auch sein mögen, dem Gespött aus. Aber statt sich darüber zu ärgern, wenn sie morgens aufwachen, denken sie an die Geliebte und bauen sich Luftschlösser, in denen das Glück wohnt.

Die Liebe in Werthers Art offenbart der Seele alle Künste, alle zarten und romantischen Eindrücke, die Schönheit des Mondscheins, des Waldes, der Malerei, mit einem Worte, die Empfindung und den Genuß des Schönen in jeder Gestalt, und sei es unter einem groben Wollkleide. Diese Liebe findet das Glück auch ohne Reichtum. Sie feit die Seelen gegen die Blasiertheit eines Meilhan oder Besenval und macht die Menschen aus übergroßer Empfindlichkeit toll wie Rousseau. Frauen von gewisser Seelengroße, die nach der ersten Jugend zwischen Liebe und Liebe wohl zu unterscheiden verstehen, entgehen meistens den Don Juans, für die mehr die Zahl als die Eigenschaften der eroberten Herzen Wert hat. Den Don Juans ist die Öffentlichkeit zum Triumph genau so nötig wie das Geheimnis den Werthernaturen. Die meisten Männer, die sich berufsmäßig mit Damen von Stand beschäftigen, sind im Reichtum geboren, also infolge ihrer Erziehung und durch das Vorbild der Umgebung ihrer Jugendzeit egoistisch und kalt. Schon Marc Aurel sagt in seinen »Selbstbetrachtungen«: »Im allgemeinen sind die sogenannten Patrizier weiter als andere Menschen davon entfernt, etwas zu lieben.«

Die echten Don Juans sehen schließlich in den Frauen ihre Feinde und finden an deren vielfältigem Unglück Genuß.

Im Gegensatz hierzu hat mir der liebenswürdige Fürst Pignatelli in München die wahre Art gezeigt, wie man im Sinnengenuß selbst ohne Liebe aus Leidenschaft glücklich sein kann. Er gestand mir eines Abends: »Wenn ich vor einer Frau ganz betroffen dastehe und nicht weiß, was ich ihr sagen soll, so erkenne ich daran, daß sie mir gefällt.« Keineswegs errötete er ob seiner augenblicklichen Befangenheit, noch suchte er sich aus Eitelkeit dafür zu rächen; im Gegenteil, er freute sich köstlich darüber wie über eine Quelle des Glücks. Bei diesem liebenswürdigen jungen Manne war die Liebe aus Galanterie völlig von der nagenden Eitelkeit frei, sie war eine schwächere, aber reine und unvermischte Abart der wahren Liebe, und er achtete alle Frauen als entzückende Wesen, gegen die wir recht ungerecht sind.

Da man sich sein Temperament, das heißt seine Seele, nicht willkürlich wählen kann, so muß man die einem zugeteilte Rolle spielen. Rousseau und der Herzog von Richelieu hätten sich bei allen ihren geistigen Fähigkeiten noch so anstrengen können, sie hätten doch niemals ihr Verhältnis zu den Frauen zu ändern vermocht. Ich glaube gern, daß Richelieu niemals solche Augenblicke erlebt hat wie Rousseau im Park des Schlosses Chevrette bei Frau von Houdetot, oder in Venedig, als er der Musik der Scuole lauschte, oder in Turin zu Füßen der Frau Bazile. Dafür brauchte er auch nie über die Lächerlichkeit zu erröten, die Rousseau vor Frau von Larnage auf sich lud und deren Reue ihn bis zum Ende seines Lebens quälte.

Die Rolle eines Saint-Preux ist süßer und läßt keinen Augenblick des Daseins unausgefüllt; aber man muß zugeben, die eines Don Juans ist glänzender. Wenn Saint- Preux in der Mitte seines Lebens den Geschmack an der Einsamkeit und Zurückgezogenheit und an seinen träumerischen Gewohnheiten verliert, so sitzt er im Theater der großen Gesellschaft auf dem letzten Platze. Dun Juan hingegen genießt einen vorzüglichen Ruf unter den Männern und kann vielleicht sogar einer zarten Frau gefallen, wenn er ihr sein lockeres Leben aufrichtig zum Opfer bringt.

Aus allen diesen angeführten Gründen halten sich beide Arten die Wagschale. Ich selbst möchte Werther für glücklicher halten, weil er nicht wie Don Juan die Liebe zu einer gewöhnlichen Sache macht. Anstatt wie Werther die Wirklichkeit nach seinen Wünschen zu idealisieren, hat Don Juan Wünsche, die sich in der kalten Wirklichkeit nur unvollkommen erfüllen. So ist es auch mit dem Ehrgeiz, der Habsucht und allen anderen Leidenschaften. Anstatt sich in den zauberischen Träumen schöpferischer Liebe zu verlieren, denkt er wie ein General an den Erfolg seiner Manöver und tötet kurz gesagt die Liebe. Man vergleiche Lovelace in Richardsons »Clarissa« mit Fieldings »Tom Jone«. Er genießt sie also keineswegs voller als Werther, wie die große Menge vermutet.

Das eben Gesagte halte ich für einwandlos. Es gibt noch einen andren Grund dafür, wenigstens in meinen Augen, der aber dank der Bosheit der Vorsehung von den Menschen verzeihlicherweise nicht anerkannt wird; es ist der, daß mir die Gewohnheit, gerecht zu sein, von Zufällen abgesehen, der sicherste Weg zur Erreichung des Glückes zu sein scheint, und die Werthers sind keine Verbrecher.

Um im Verbrechen glücklich zu sein, darf man kein Gewissen haben. Ich weiß nicht, ob es solche Wesen gibt, ich bin keinem begegnet. Nach Sueton scheint es sich selbst bei Nero nach der Ermordung seiner Mutter geregt zu haben, und er schwamm doch in einem Meere von Schmeicheleien. Ich möchte auch wetten, daß das Abenteuer mit Frau Michelin dem Herzog von Richelieu schlaflose Nächte bereitet hat. Man müßte, was unmöglich ist, gar kein Mitleid haben und fähig sein, das ganze Menschengeschlecht in den Tod zu schicken.Vgl. Aphorismus 165.

Wer die Liebe nur aus Romanen kennt, wird einen natürlichen Widerwillen empfinden, wenn er diese Sätze zugunsten der Tugend in der Liebe liest. Denn nach den Gesetzen des Romanes ist die Schilderung der tugendhaften Liebe durchaus langweilig und gleichgültig. Von weitem gesehen, scheint das Gefühl der Tugend das der Liebe zu neutralisieren, und der Ausdruck »tugendhafte« Liebe erscheint gleichwertig mit »schwacher« Liebe. Aber doch ist das lediglich eine Unvollkommenheit in der Kunst der Schilderung, die nichts mit der Leidenschaft, wie sie in der Natur vorkommt, gemein hat.

Ich bitte um die Erlaubnis, hier das Porträt meines vertrautesten Freundes einfügen zu dürfen.

Don Juan leugnet alle Pflichten ab, die ihn mit der Menschheit verknüpfen. Auf dem großen Marktplatz des Lebens ist er ein unredlicher Käufer, der immer kauft und nie bezahlt. Der Gedanke der Gleichheit verursacht ihm Unbehagen, wie Wasser dem Wasserscheuen; deshalb verträgt sich auch Geburtsstolz mit dem Charakter eines Don Juans. Mit dem Begriffe der Gleichheit verschwindet auch der der Gerechtigkeit, oder vielmehr, wenn ein Don Juan aus berühmtem Geschlecht stammt, so sind ihm solche gewöhnlichen Ideen niemals nahegetreten, und ich bin überzeugt, daß ein Mann, der einen historischen Namen trägt, viel eher als jeder andere geneigt ist, eine Stadt in Flammen aufgehen zu lassen, nur um sich ein Ei zu kochen.Vgl. Saint-Simons Erzählung von der vorzeitigen Entbindung der Herzogin de Bourgogne, ebenso die der Madame de Motteville. Jene Fürstin wunderte sich, daß andre Frauen ebenso fünf Finger an den Händen hätten wie sie. Der Herzog Gaston von Orleans, Bruder Ludwigs des Dreizehnten, fand gar nichts besondres dabei, wenn seine Günstlinge aufs Schafott stiegen, um ihm einen Spaß zu bereiten. Ich selbst habe beim Marchese Berio in Neapel eine Liste der Grandseigneurs von 1778 gesehen mit Bemerkungen über ihre Sittlichkeit. Dieses Manuskript, das vom General Choderlos de Laclos, dem Verfasser der Liaisons dangereuses, herrührte, hatte einen Umfang von mehr denn dreihundert Seiten und war reichlich skandalös. Man muß das entschuldigen, er ist dermaßen von der Liebe zu sich selbst eingenommen, daß er schließlich jede Vorstellung von dem Übel, das er anrichtet, verliert und in der ganzen Welt nur sich allein noch als den Genießenden oder Leidenden sieht. Im Feuer der Jugend, wenn alle Leidenschaften das Leben nur im eigenen Herzschlag fühlen lassen und ihm das Mißtrauen gegen andere noch fremd ist, beglückwünscht sich Don Juan im Überschwang seiner Gefühle und seines offenbaren Glücks, daß er nur an sich selbst denkt, während sich die anderen Männer für die Pflicht aufopfern. Er glaubt, die große Lebenskunst gefunden zu haben. Aber mitten in seinem Triumph, kaum dreißig Jahre alt, erkennt er mit Erstaunen, daß das Leben leer ist, und er empfindet einen wachsenden Ekel gegen das, was sein Genuß war. Don Juan gestand mir in Thorn in einem Anfall von Trübsinn: »Es gibt keine zwanzig verschiedene Arten von Frauen, und wenn man zwei oder drei von jeder Spielart gehabt hat, stellt sich Übersättigung ein.« Ich antwortete: »Allein die Phantasie erhebt uns über diese Übersättigung. Jede Frau flößt ein anderes Interesse ein und mehr noch, die gleiche Frau kann man auf verschiedene Weise lieben, je nachdem sie der Zufall uns zwei oder drei Jahre früher oder später in den Weg führt und je nachdem der Zufall will, daß man sie liebt. Eine zärtliche Frau, selbst wenn sie dich liebte, würde durch ihre Ansprüche auf die gleiche Empfindung mit dir doch nur in dir das Gefühl der Überhebung reizen. Deine Art, die Frauen zu besitzen, tötet alle anderen Genüsse des Lebens, die Art Werthers verhundertfacht sie.« Das Drama hat ein trauriges Ende. Wenn Don Juan alt wird, sieht man, wie er sich an die Dinge hält, an denen er sich selber übersättigt hat, nie an sich selbst. Man sieht, wie er vom Gifte, das ihn verzehrt, gequält wird, wie er Ablenkung sucht, wie er alle Augenblicke den Gegenstand wechselt. Aber wie glänzend das auch nach außen hin erscheinen mag, es ist doch im Grunde nur ein Wechsel des Leidens; er gibt sich ruhiger oder erregter Langeweile hin, das ist die einzige Wahl, die ihm bleibt.

Endlich entdeckt er die verhängnisvolle Wahrheit und gesteht sie sich selbst ein. Sein einziger Genuß besteht fortan darin, seine Macht fühlen zu lassen und ungeschminkt Böses um des Bösen willen zu tun. Das ist ja die letzte Stufe jedes zur Gewohnheit gewordenen Übels, aber kein Dichter hat jemals eine getreue Darstellung davon gewagt; eine wahre Schilderung wäre ein Schreckbild.

Indessen ist zu hoffen, daß ein höherer Mensch diesen verhängnisvollen Weg nicht bis ans Ende verfolgt, denn dem Charakter Don Juans liegt ein gewisser Widerspruch zugrunde. Ich habe bei ihm viel Geist vorausgesetzt, und viel Geist läßt uns den Weg vom Tempel des Ruhmes zur Entdeckung der Tugend finden.

Larochefoucauld, der sich wirklich auf Eigenliebe verstand und der im wirklichen Leben nichts weniger war als ein schöngeistiger Dummkopf,Man lese die Memoiren des Kardinals von Retz. sagt in seinen »Maximen«: »Der Genuß der Liebe liegt im Lieben und man ist glücklicher über eine Leidenschaft, die man empfindet, als über eine, die man einflößt.«

Das Glück Don Juans ist nichts als Eitelkeit, die allerdings auf Voraussetzungen beruht, bei denen Geist und Tatkraft eine große Rolle spielen. Aber er muß fühlen, daß der unbedeutendste General, der eine Schlacht gewinnt, oder der kleinste Präfekt, der ein Departement verwaltet, einen reicheren Genuß hat als er; andrerseits steht das Glück des Herzogs von Nemours, als ihm die Prinzessin von Cleve ihre Liebe gesteht, meiner Meinung nach über dem Glücke Bonapartes bei Marengo.

Die Liebe eines Don Juan ist ein ähnliches Gefühl wie die Lust an der Jagd. Sie ist ein Tatendrang, den immer das Neue reizt und der ohne Unterlaß die eigene Fähigkeit argwöhnisch erprobt.

Werthers Liebe gleicht dem Gefühl eines Primaners, der ein Trauerspiel schreibt. Tausendmal mehr, sie ist ein neuer Lebenszweck, der mit allen Dingen in Zusammenhang steht und jedem ein neues Gesicht verleiht. Die Liebe aus Leidenschaft führt dem Menschen die gesamte Natur in erhabenen Bildern wie etwas eben Entdecktes vor Augen. Er staunt beim Anblick dieses seltsamen Schauspiels, das sich vor seiner Seele enthüllt. Alles ist neu, alles lebt, alles atmet das leidenschaftlichste Interesse. Ein Liebender sieht die Frau, die er liebt, in den Linien jeder Landschaft, durch die er kommt, und wenn er hundert Meilen weit reisen muß, um sie für einen Augenblick zu sehen, so redet unterwegs jeder Baum und jeder Fels in einer anderen Sprache von ihr und erzählt etwas Neues. Im Gegensatz zu diesem Zauber muß Don Juan in den äußeren Dingen, die für ihn nur einen Nützlichkeitswert haben, irgend eine neue Intrige finden, wenn sie ihm Interesse bereiten sollen.

Die Liebe eines Werther hat eigentümliche Freuden. Nach ein oder zwei Jahren hat der Liebende sozusagen ein Herz und eine Seele mit der Geliebten und fragt sich bei allem, was er tut und erlebt, – wunderlicherweise unabhängig vom Liebeserfolg, und selbst wenn er bei der Geliebten in Ungnade ist: »Was würde sie sagen, wenn sie jetzt bei mir wäre? Was würde ich zu ihr bei diesem Blick auf Casa Lecchio sagen?« Er plaudert gleichsam mit ihr, er hört sie im Geiste antworten, er lacht über ihre Scherze. Hundert Meilen von ihr, unter der Nachwirkung ihres Zornes, befällt ihn plötzlich der Gedanke: »Sie war heute abend recht lustig ...« Er kommt zu sich. »Ach Gott,« seufzt er, »es gibt im Irrenhause Menschen, die nicht so toll sind wie ich!«

Die Don Juans werden die Richtigkeit des oben geschilderten Seelenzustandes nur schwer zugeben, selbst wenn sie ihn erkennen und fühlen könnten; er verletzt ihre Eitelkeit zu sehr. Der Irrtum ihres Lebens beruht in der Zuversicht, in vierzehn Tagen das erobern zu können, was ein wahrhaft Liebender kaum in sechs Monaten erreicht. Sie bauen auf Erfahrungen, die sie auf Kosten jener armen Teufel gemacht haben, die weder Seele genug haben, um zu siegen, wenn sie ihre naiven Regungen einer zärtlichen Frau offenbaren, noch den Geist, den die Rolle des Don Juan erfordert. Sie wollen nicht einsehen, daß das, was sie erreichen, selbst wenn es die nämliche Frau gewährt, doch nicht dasselbe ist.

Die Liebe läßt sich mit einem einsamen, steilen und mühevollen Wege vergleichen, der zwar zwischen reizenden Büschen anfängt, sich aber bald zwischen schroffen Felsen verliert, deren Anblick für gewöhnliche Augen nichts Verlockendes hat. Bald führt er in das Hochgebirge, mitten durch einen düsteren Wald, dessen riesenhafte Bäume mit ihren dichten, in den Himmel ragenden Kronen das Tageslicht verschlingen und eine nicht für die Gefahr geborene Seele mit Grauen erfüllen.

Nach langem Irren durch ein endloses Labyrinth, dessen zahllose Kreuz- und Querwege die Eigenliebe totmachen, gelangt man plötzlich in eine neue Welt und findet sich im köstlichen Tale von Kaschmir.

Wie können Don Juans, die niemals diesen Pfad betreten oder ihn höchstens nur einige Schritte weit gehen, ein Urteil über die Fernsicht haben, die sich an seinem Ende erschließt?

»Die Unbeständigkeit hat ihr Gutes.«

Gut, ihr macht euch über Treue und Gerechtigkeit lustig. Was sucht man in der Abwechslung? Offenbar Genuß.

Aber der Genuß, den man bei einer hübschen Frau findet, die man vierzehn Tage lang begehrt hat und dann drei Monate behält, ist ein anderer, als wenn man sich drei Jahre hindurch nach ihr gesehnt hat und sie zehn Jahre behält.

Wenn ich nicht »auf immer« sage, so liegt das daran, weil das Alter, wie man sagt, unsere körperliche Beschaffenheit ändert und uns zur Liebe unfähig macht. Ich für meinen Teil glaube das nicht. Ist unsre Geliebte unsre vertrauteste Freundin geworden, so gewährt sie uns einen neuen Genuß, die Freuden des Alters. Sie ist eine Blume, die im Lenz in der Zeit der Blüte eine Rose war und sich im Herbst, wenn die Rosen nicht mehr blühen, in eine köstliche Frucht verwandelt.

Eine Geliebte, die man drei Jahre lang begehrt hat, ist wirklich eine Geliebte in der ganzen Macht dieses Wortes. Nur mit Zittern naht man ihr, und den Don Juans sei ins Ohr gesagt: »Wer zittert, langweilt sich nicht.« Die Freuden der Liebe stehen immer in einem gewissen Verhältnis zur Furcht.

Das Unglück der Unbeständigkeit ist die Langeweile, das Unglück der Liebe aus Leidenschaft die Verzweiflung und der Tod. Die Verzweiflung aus Liebe kennt man: man redet viel von ihr. Niemand aber achtet auf die blasierten Wüstlinge, die vor Langeweile umkommen und von denen es in Paris wimmelt.

»Die Liebe drückt mehr Menschen die Pistole in die Hand als die Langeweile.« – Das will ich glauben. Die Langeweile raubt einem alles, selbst den Mut zum Selbstmord.

Es gibt Charaktere, die nur in der Abwechslung das Glück finden. Aber ein Mensch, der den Champagner himmelhoch über den Bordeaux stellt, gesteht eigentlich nur mit mehr oder weniger Beredsamkeit: »Ich liebe den Sekt mehr.«

Beide Weine haben ihre Liebhaber und beide Parteien haben recht, wenn sie sich selbst nur gut kennen und wenn sie nach dem Glücke trachten, das ihren Organen und Gewohnheiten am besten entspricht. Den Anhängern der Abwechslung schadet es aber auf jeden Fall, wenn die Schar der Dummen aus Mangel an Mut auf ihre Seite tritt.

Schließlich hat jeder Mensch, wenn er sich nur die Mühe gibt, sich selbst zu erforschen, sein »schönes Ideal«, und mir kommt es immer lächerlich vor, seinen Nächsten belehren zu wollen.


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