von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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25. Über das Schamgefühl

Die Frauen auf Madagaskar lassen ohne Bedenken das unverhüllt, was man hierzulande am meisten verbirgt; sie würden aber vor Scham vergehen, wenn sie ihre Arme entblößen sollten. Es ist klar, daß drei Viertel des Schamgefühls anerzogen sind. Und doch ist das Gesetz der Schamhaftigkeit vielleicht das einzige Geschenk der Kultur, das der Menschheit lediglich Glück gebracht hat.

Die Schamhaftigkeit ist das Wunderwerk der Kultur. Bei den wilden und halbbarbarischen Völkern gibt es nur Liebe aus Sinnlichkeit, und zwar gröbster Art. Erst die Schamhaftigkeit gesellt zu der Liebe die Phantasie und erweckt sie dadurch zum wahren Leben.

Gute Mütter erziehen ihren Töchtern von klein auf das Schamgefühl an, und zwar mit größter Eifersucht, gewissermaßen aus Korpsgeist. Damit sorgen sie schon für das Glück der künftigen Liebhaber ihrer Töchter.

Eine schüchterne und zartfühlende Frau empfindet die größte Pein, wenn sie sich in Gegenwart eines Mannes irgend etwas erlaubt hat, worüber sie erröten muß. Ich bin überzeugt, daß jede einigermaßen stolze Frau in solchen Augenblicken lieber tausendmal sterben möchte. Ein geringes Sichgehenlassen, vom geliebten Manne liebenswürdig aufgefaßt, gewährt für den Augenblick lebhaftes Vergnügen; argwöhnt aber eine Frau, daß er sie darum tadeln möchte oder daß er nicht wirklich darüber entzückt ist, so bleiben in ihrer Seele furchtbare Zweifel. Jede höher stehende Frau muß in ihrem ganzen Wesen unnahbar sein. Der Einsatz ist ja auch zu ungleich; sie setzt sich für ein geringfügiges Vergnügen, für den Vorteil, ein wenig liebreizender zu erscheinen, leichtsinnig allerlei Gefahren aus: brennender Reue und einem Schamgefühl, das ihr sogar den Geliebten verleiden kann. Ein fröhlicher, ausgelassener und sorgloser Abend wird somit teuer bezahlt. Wenn sich eine Frau einen solchen Fehltritt vorzuwerfen hat, wird ihr der Anblick des Geliebten für viele Tage verhaßt. Kann man sich also über die Macht einer Gewohnheit bei den Frauen wundern, deren geringste Außerachtlassung sie mit dem Gefühle der größten Schmach büßen?

Die Schamhaftigteit hat ihr Gutes, denn sie ist die Mutter der Liebe. Niemand kann ihr das abstreiten. Es ist das eine einfache Folge des Gefühlsmechanismus. Die Seele denkt an die Scham statt an ihr Begehren; sie versagt sich ihre Wünsche, denn Wünsche verleiten zu Taten.

Es ist verständlich, daß jede zartfühlende und stolze Frau – und die genannten beiden Eigenschaften sind wie Ursache und Wirkung meist unzertrennlich – eine gewohnheitsmäßige Kälte zur Schau trägt, die manche Leute irrtümlich für Prüderie ansehen.

Dieser Vorwurf hat um so mehr eine scheinbare Berechtigung, als es für eine Frau unendlich schwer ist, den richtigen Mittelweg einzuhalten. Eine Frau mit ein wenig Geist und viel Stolz muß bald zu der Erkenntnis gelangen, daß sie im Punkte der Schamhaftigkeit nie des Guten zu viel tun kann. Eine Engländerin fühlt sich schon beleidigt, wenn man in ihrer Gegenwart ein gewisses Kleidungsstück mit seinem richtigen Namen nennt. Sie hütet sich wohl, auf dem Lande des Abends gleichzeitig mit ihrem Manne den Salon zu verlassen. Und sie findet, was ihre Auffassung noch besser kennzeichnet, eine Verletzung der Schamhaftigkeit darin, sich außer vor ihrem Gatten ausgelassen zu zeigen.Vgl. die meisterhafte Schilderung jener langweiligen Sitten gegen Ende von Corinne; dabei beschönigt Madame de Staël noch. Vielleicht aus dieser übergroßen Rücksichtnahme läßt der vornehme Engländer sein häusliches Leben absichtlich so unbeschreiblich langweilig erscheinen. Übertriebener Stolz hat seine Schattenseiten. Nur die Religion und die aristokratische Lebensanschauung haben das grausame Gesetz: die Pflicht über alles.

Im Gegensatz dazu habe ich gefunden, als ich auf einer Reise mit einem Male von Plymouth nach Cadix und Sevilla kam, daß in Spanien die Wärme des Klimas und der Leidenschaften die nötige Zurückhaltung vergessen läßt. Ich habe sehr zärtliche Liebkosungen beobachtet, die man sich dort öffentlich erlaubte, die nicht etwa einen rührenden Eindruck auf mich machten, sondern gerade entgegengesetzte Empfindungen verursachten. Nichts berührt peinlicher.

Man muß den Zwang der den Frauen unter dem Namen der Schamhaftigkeit anerzogenen Gewohnheiten als etwas Unberechenbares ansehen. Gewöhnliche Frauen erheucheln übergroßes Schamgefühl, um sich den Anschein vornehmer Damen zu verleihen.

Die Macht der Schamhaftigkeit ist so groß, daß sich eine zartfühlende Frau dem geliebten Manne eher durch Zeichen als durch Worte verrät.

Die hübscheste, reichste und leichtlebigste Dame Bolognas hat mir gerade gestern abend erzählt, daß ein geckenhafter Franzose, ein netter Vertreter seines Volkes, den Einfall gehabt hat, sich unter ihrem Bette zu verstecken. Wahrscheinlich wollte er seine zahllosen lächerlichen Liebeserklärungen, mit denen er die Dame seit einem Monate verfolgt hatte, nicht umsonst gemacht haben. Indessen fehlte es diesem Helden an Geistesgegenwart. Er wartete zwar, bis Frau M*** ihre Kammerzofe entlassen hatte, hatte aber nicht die Geduld, der Bedienung Zeit zum Einschlafen zu lassen. Frau M*** klingelte und ließ ihn unter dem Hohngelächter und den Schlägen von fünf oder sechs Dienern schimpflich hinausjagen.

»Wenn er nun zwei Stunden gewartet hätte?« fragte ich.

»Dann wäre ich in der unglücklichsten Lage gewesen. Er hätte mir sagen können: Wer wird daran zweifeln, daß ich nur auf Ihren Befehl hin hier bin?«

Nach meinem Besuche bei dieser hübschen Frau bin ich zu einer anderen Dame gegangen, der liebenswertesten meiner Bekanntschaft. Ihre außergewöhnliche Feinfühligkeit übertrifft, wenn das möglich ist, ihre rührende Schönheit. Ich treffe sie allein an und erzähle ihr das Erlebnis der Frau M***. Wir plaudern darüber und sie sagt:

»Hören Sie, wenn der Mann, der diese Tat gewagt hat, jener Dame schon vordem liebenswert erschienen ist, wird sie ihm verzeihen und ihn künftig lieben.«

Ich gestehe, daß ich über diesen Lichtstrahl, der unerwartet die Tiefe des menschlichen Herzens durchleuchtete, recht betroffen war. Erst nach einigem Stillschweigen vermochte ich zu fragen: »Hat ein Liebender aber den Mut, zu dem letzten Mittel, der Gewalttätigkeit, zu schreiten?«

Dieses Kapitel wäre viel inhaltsschwerer, wenn es eine Frau verfaßt hätte. Alles, was ich gesagt habe über die Sprödigkeit und den Stolz der Frau, über ihre anerzogene Schamhaftigkeit und deren Verletzungen, über gewisse Feinheiten des weiblichen Zartgefühls, Dinge, die meist lediglich auf Sinnesassoziationen beruhen, dem Manne fremd und oft in der Natur gar nicht begründet sind, alles das findet sich hier nur nach dem Hörensagen zusammengefaßt.Vgl. Aphorismus 139.

In einem Augenblicke philosophischer Offenheit sagte mir eine Frau ungefähr folgendes:

»Wenn ich jemals meine Freiheit opfern sollte, muß der Mann, den ich schließlich wähle, meine Neigung für ihn um so höher schätzen, da er ja weiß, wie geizig ich allezeit mit den geringsten Gunstbezeugungen gewesen bin.«

Zugunsten dieses künftigen Geliebten, den sie vielleicht niemals finden wird, behandelt manche Frau jeden Mann, mit dem sie spricht, mit Kälte. Das ist die erste und zwar achtbare Übertreibung der Schamhaftigkeit; eine andere entspringt dem weiblichen Stolze, die dritte dem ihres Gatten.

Ich glaube, daß sich die Liebe oft in die Träumereien selbst der tugendhaftesten Frauen einschleicht. Sie haben das Recht dazu. Nicht zu lieben, wenn man vom Himmel mit einer für die Liebe geschaffenen Seele begnadet worden ist, heißt sich und andere eines großen Glückes berauben. Ebenso dürfte ein Orangenbaum aus Furcht, eine Sünde zu begehen, nicht blühen? und eine für die Liebe erschaffene Seele ist nicht imstande, ein andres Glück mit Freude zu genießen. Sie findet in den sogenannten Vergnügungen der Gesellschaft bald eine unsagbare Nichtigkeit. Oft meint sie, die Künste und die Schönheiten der Natur zu lieben, aber diese bestärken und steigern nur ihre Liebessehnsucht, und sie wird bald gewahr, daß alles Schöne in der Welt nur von dem Glücke redet, das sie sich versagen will.

Das einzige Tadelnswerte an der Schamhaftigkeit ist, daß sie zur gewohnheitsmäßigen Lüge verleitet. In dieser Hinsicht hat die leichtsinnige Frau einmal etwas vor der feinfühligen voraus. Eine leichtfertige Frau sagt: »Lieber Freund, sobald Sie mir gefallen, werde ich es Ihnen sagen, und ich werde mehr Freude daran haben als Sie, denn ich schätze Sie sehr hoch.«

Eine meiner Freundinnen rief nach dem Siege ihres Geliebten in lebhafter Selbstzufriedenheit aus: »Wie bin ich glücklich, daß ich mich in den acht Jahren, seit ich mit meinem Gatten entzweit bin, niemandem hingegeben habe.«

In dieser Denkweise finde ich etwas Lächerliches, und doch erscheint die Freude jener Frau voll Leben und Frische.

Meine Männeraugen glauben neun besondere Eigentümlichkeiten an der Schamhaftigkeit zu unterscheiden.

Erstens: Eine Frau setzt viel gegen wenig aufs Spiel; deshalb muß sie sehr zurückhaltend sein, oft bis zur Unnatürlichkeit. Sie lacht zum Beispiel nicht über ganz ergötzliche Dinge. Es gehört aber viel Geist dazu, immer das richtige Maß von Schamgefühl zu zeigen.Man beobachte den Ton der Genfer Gesellschaft, zumal in den ersten Familien. Das Vorhandensein eines Hofes ist nützlich, weil dadurch das Verfallen in die Prüderie lächerlich gemacht und beseitigt wird. Nichts ist gesellschaft langweiliger als unechte Schamhaftigkeit. Darum können viele Frauen, wenn sie unter sich sind, nicht genug zu hören bekommen, oder deutlicher gesprochen, sie verlangen dann nicht, daß die Erzählungen, die sie anhören, zu verschleiert sind, ja die Schleier können wegbleiben, je mehr sie in Weinlaune und Ausgelassenheit geraten.

Vielleicht ist es eine Wirkung der Schamhaftigkeit und der damit verbundenen tödlichen Langweile, daß die meisten Frauen am Manne die Unverschämtheit so hoch schätzen? Oder halten sie die Unverschämtheit für etwas Charaktervolles?

Zweitens: Mein Geliebter wird mich um so höher schätzen.

Drittens: Die Macht der Gewohnheit siegt selbst in Augenblicken der höchsten Leidenschaft.

Viertens: Die Schamhaftigkeit gewährt dem Liebenden sehr schmeichelhafte Freuden: sie läßt ihn empfinden, welche Gesetze eine Frau um seinetwillen verletzt.

Fünftens: Die Frauen fühlen die Lust der Sinne um so berauschender. Da sie eine mächtige Gewohnheit besiegen, ist ihr Gemüt um so erregter.

Graf Valmont findet sich nachts im Schlafgemach einer hübschen Frau; er erlebt dergleichen alle Wochen, die Frau vielleicht alle zwei Jahre einmal. Die Seltenheit und das Schamgefühl müssen also den Frauen viel lebhaftere Freuden gewähren.Das ist die Geschichte des melancholischen Temperaments im Vergleiche zum sanguinischen. Man betrachte eine tugendhafte Frau, selbst wenn sie die kaufmännische Tugend gewisser Betschwestern übt, – jene Tugend, die im Paradiese hundertfach vergolten wird, – und einen blasierten Lebemann von vierzig Jahren. Obgleich Valmont in den Liaisons dangereuses (von Choderlos de Laclos) das noch nicht ist, so ist doch durch das ganze Buch hindurch die Präsidentin von Tourvel glücklicher als er. Und wenn der geistvolle Verfasser noch geistvoller gewesen wäre, so hätte er diesen Gedanken zur Moral seines hervorragenden Romanes gemacht.]

Sechstens: Schlimm ist es, daß die Schamhaftigkeit immer zu Lügen verleitet.

Siebentens: Übertriebene Schamhaftigkeit und ihre strengen Forderungen schrecken zarte und ängstliche Seelen von der Liebe ab, gerade solche, die geschaffen sind, die köstlichste Liebe zu gewähren und zu empfangen.

Achtens: Feinfühlige Frauen, die noch nicht mehrere Liebhaber gehabt haben, hindert die Schamhaftigkeit, sich ungezwungen zu geben. Sie lassen sich deshalb ein wenig von solchen Freundinnen leiten, die sich nicht den gleichen Fehler vorzuwerfen haben. Sie sind allzu achtsam auf jede Einzelheit, anstatt sich blindlings ihrer Gewohnheit hinzugeben. Ihr empfindsames Schamgefühl verleiht ihren Bewegungen etwas Gezwungenes; weil sie mit Gewalt natürlich sein wollen, geht ihnen die Natürlichkeit verloren. Aber selbst ihrem linkischen Wesen haftet himmlische Anmut an.

Manchmal sieht die Freundschaft der Frauen wie Zärtlichkeit aus, weil sie in ihrer engelhaften Güte unbewußt kokett sind. Zu träge, ihre Traumwelt zu verlassen, scheuen sie die Mühe, auf eine Plauderei einzugehen, und statt einem Freunde irgend etwas Liebenswürdiges oder Höfliches zu sagen, stützen sie sich lieber zärtlich auf seinen Arm.

Neuntens: Wenn Frauen schreiben, sie erreichen daher nur sehr selten einen erhabenen Ton. Ihre kleinsten Briefchen aber sind immer gefällig, weil sie nie wagen, ganz offen zu sein. Offen sein ist für sie dasselbe, wie ohne Hut ausgehen. Bei einem Manne dagegen kommt es sehr häufig vor, daß er ganz im Banne seiner Einbildungskraft schreibt, ohne an die Folgen zu denken.

Was folgt daraus?

Es ist ein verbreiteter Fehler, die Frauen als edlere und beweglichere Geschöpfe anzusehen, mit denen wir Männer nicht wetteifern könnten. Zu leicht vergessen wir, daß es zwei neue und eigenartige Gesetze sind, die außer den allgemein menschlichen Motiven jene beweglichen Wesen völlig beherrschen: der weibliche Stolz und die Schamhaftigkeit und die oft unverständlichen Gewohnheiten, die diese zur Folge haben.


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