von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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43. In Italien

In Italien beruht das Glück darin, sich der Eingebung des Augenblicks zu überlassen, ein Glück, das bis zu einem gewissen Grade auch in Deutschland und England heimisch ist.

Dazu ist Italien ein Land, wo die Nützlichkeit, die Tugend der mittelalterlichen Republiken, noch nicht durch monarchische Ehr- und Tugendbegriffe entthront ist und wo das wahre Ehrgefühl dem falschen noch nicht Platz gemacht hat. Man fragt sich nicht: Was denkt mein Nächster von meinem Glücke? Denn Herzensglück hat mit der Eitelkeit nichts zu schaffen, es ist unsichtbar. Der beste Beweis dafür ist, daß Frankreich das Land ist, wo die wenigsten Liebesheiraten vorkommen. Es kommt dagegen häufig vor, daß große englische Schauspielerinnen die Bühne verlassen und sich reich verheiraten.

Ein anderer Vorteil Italiens ist die ungestörte Muße unter einem wundervollen Himmel, die für die Schönheit in allen Gestalten empfänglich macht. Es kommt ein übertriebenes, dennoch vernünftiges Mißtrauen hinzu, das die Einsamkeit erhöht und den Reiz völliger Hingabe verdoppelt; außerdem liest man wenig, weder Romane noch andere Bücher, und überläßt sich um so mehr den Eingebungen des Augenblicks; endlich erweckt die Leidenschaft für Musik eine der Liebe verwandte Seelenstimmung.

In Frankreich gab es gegen 1770 kein Mißtrauen; es gehörte zum guten Ton, öffentlich zu leben und zu sterben. Wie die Herzogin von Luxemburg mit hundert Freunden vertraut war, so gab es auch sonst weder eigentliche Vertrautheit, noch Freundschaft mehr.

In Italien, wo eine Leidenschaft kein sehr seltenes Vorrecht ist, hat sie auch nichts Lächerliches an sich,»Die Galanterie läßt man an den Frauen gelten, aber die Liebe verleiht ihnen etwas Lächerliches,« sagt der kluge Abbé Girard (Paris, 1740). und man hört in den Salons ganz laut allgemeine Liebesregeln entwickeln. Jedermann weiß Bescheid über die Symptome und den Verlauf dieser Krankheit und beschäftigt sich reichlich damit. Man sagt zu einem Verlassenen: »Sechs Monate werden Sie untröstlich sein, dann aber gesunden wie der und der.«

In Italien ist die öffentliche Meinung eine ergebene Dienerin der Leidenschaften. Der ungeschminkte Genuß übt dort dieselbe Macht aus, die anderswo in den Händen der Gesellschaft liegt. Einfach, weil die Gesellschaft dem Volke fast kein Vergnügen bereitet und dieses keine Zeit zur Eitelkeit hat. Die Gelangweilten tadeln zwar die Leidenschaften, aber man lacht sie aus. Südlich der Alpen ist die Gesellschaft ein Despot ohne Kerker.

In Paris, wo die Ehre gebietet, mit dem Degen in der Faust, oder – wenn man das kann – mit geistreichen Reden alle Tore eines jeden großen zugestandenen Interesses zu verteidigen, ist es weit bequemer, seine Zuflucht zur Ironie zu nehmen.

Einige junge Leute haben ein anderes Teil erwählt und sich zu Schülern J. J. Rousseaus und der Frau von Staël aufgeworfen. Seit die Ironie etwas Gewöhnliches geworden ist, sind sie gefühlvoll. Übrigens liegen die Verhältnisse seit 1789 zugunsten der Nützlichkeit oder des individuellen Empfindens und gegen den Ehrbegriff oder die Herrschaft der öffentlichen Meinung. Die Parlamente geben ein Beispiel, alles zu diskutieren, selbst den Scherz. Indem das Volk ernster wird, verliert die Galanterie den Boden.

Ich muß als Franzose sagen, daß der Reichtum eines Landes nicht in einer geringen Zahl riesiger Vermögen besteht, sondern in der Masse der mittleren Vermögen. In Frankreich sind die Leidenschaften selten, aber die Galanterie ist anmutiger und feiner, daher hat sie auch mehr Glück zur Folge.

Ein römischer Künstler schrieb aus Paris:

»Ich fühle mich hier gar nicht wohl; ich glaube, es liegt daran, daß ich nicht nach Herzenslust lieben kann. Hier verbraucht sich die Empfindung tropfenweise, in dem Maße, wie sie hervorquillt, und in einer Weise, die bei mir wenigstens die Quelle schwächt. In Rom bei den wenig aufregenden täglichen Ereignissen und der Langeweile des Außenlebens sammelt sich die Empfindungsfähigkeit zugunsten der Leidenschaften an.«


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