von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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9. Beispiele

Als Beweis für die Kristallbildung will ich ein paar kleine Geschichten erzählen.

Eine junge Dame hört ihren Vetter Eduard, der eben aus einem Feldzuge heimkehrt, als einen äußerst vornehmen jungen Mann preisen. Man versichert ihr, er liebe sie schon vom Hörensagen, er wolle sie jedoch erst einmal sehen, ehe er sich erkläre und bei ihren Eltern um sie anhalte. Zufällig fällt ihr nun in der Kirche ein Fremder auf, den jemand Eduard ruft. Sie denkt nur noch an ihn und verliebt sich in ihn. Acht Tage später trifft der richtige Eduard ein; es ist ein anderer als der in der Kirche. Das Mädchen erbleicht und wäre für ihr Leben unglücklich, wenn man es zwänge, ihn zu heiraten. Dergleichen heißt bei gedankenlosen Menschen die Unvernunft der Liebe.

Ein freigebiger Mann erweist einem armen Mädchen mehrfach große Wohltaten. Er besitzt hervorragende Eigenschaften, und es will sich in der Tat Liebe entspinnen. Er trägt einen schlecht gebügelten Hut, und das Mädchen beobachtet seine Ungeschicklichkeit beim Reiten. Seufzend gesteht es sich ein, daß es die dargebrachte Neigung nicht zu erwidern vermag.

Jemand macht einer sehr achtbaren Dame der Gesellschaft den Hof. Da erfährt sie, daß ihr Verehrer ein lächerliches körperliches Mißgeschick gehabt habe. Er wird ihr nun unerträglich, obgleich sie niemals die Absicht gehabt hatte ihm je anzugehören, und obgleich sein verborgenes Gebrechen seinem Geiste und seiner Liebenswürdigkeit keinen Abbruch tut. Die Kristallbildung ist einfach unmöglich geworden.

Wenn ein Mensch imstande sein soll, das geliebte Wesen in Wonne zu vergöttern, gleichgültig, ob er es im Ardennerwalde oder auf irgend einem Balle gefunden hat, so muß es ihm zunächst als vollkommen erscheinen, wenn auch nicht in allen erdenklichen Beziehungen, so doch in den sichtbaren. In jeder Hinsicht vollkommen erscheint uns das, was wir lieben, erst nach einigen Tagen der Kristallbildung. Das ist sehr einfach. Es genügt dann die bloße Vorstellung der Vollkommenheit, um sie dem geliebten Wesen wirklich anzusehen.

Wir sehen, wie weit die Schönheit zur Entstehung der Liebe nötig ist. Die Häßlichkeit darf nicht gerade zum Hindernis werden. Der Liebende kommt bald so weit, seine Geliebte, so wie sie ist, schön zu finden, ohne noch an den Begriff der idealen Schönheit zu denken.

Die von wahrer Schönheit verklärten Züge verheißen ihm bei der Betrachtung, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Maß des Glückes, das ich als Einheit bezeichnen will, und die Züge der Geliebten, so wie sie sind, verheißen ihm tausend Einheiten des Glücks.

Ehe die Liebe entsteht, ist Schönheit gleichsam das Aushängeschild. Wir werden durch die Lobpreisungen empfänglich gemacht, die man unserer künftigen Geliebten erteilt, und auf die Leidenschaft vorbereitet. Eine allgemeine lebhafte Bewunderung gibt der winzigsten Hoffnung den Ausschlag.

In der Liebe aus Galanterie, und vielleicht auch in den ersten fünf Minuten der Liebe aus Leidenschaft, legt eine Frau bei der Wahl des Geliebten mehr Wert auf die Art und Weise, wie ihn andere Frauen beurteilen, als darauf, wie sie ihn selber beurteilt. So erklärt sich der große Erfolg, den Fürsten und Offiziere haben.Vgl. folgende Stelle in Walter Scotts »Ivanhoe« (in der Übersetzung in Reclams Universalbibliothek, Seite 65 ff.):

»Wer in der Physiognomie des Prinzen kecke Dreistigkeit, Hochmut und Gleichgültigkeit gegen die Empfindungen andrer las, konnte ihr gleichwohl jene Schönheit nicht absprechen, die regelmäßige Gesichtszüge als Ausdruck wohlberechneter Höflichkeit und Liebenswürdigkeit immer an sich haben. Ein solcher Ausdruck wird oft fälschlich für männlichen Freimut gehalten, wo er doch nur der sorglosen Gleichgültigkeit eines leichtlebigen Charakters entspringt, der sich sehr wohl der Vorzüge bewußt ist, die ihm Geburt, Reichtum oder andre zufällige Vorteile verleihen, aber nichts mit persönlichem Wert zu schaffen haben.«

Am Hofe Ludwigs des Vierzehnten waren die hübschen Damen auch noch in den alternden König verliebt.

Man muß sich wohl hüten, seine eigene Neigung zu jemandem eher zu verraten, als bis man sicher ist, daß man Teilnahme erregt hat. Man erweckt sonst Widerwillen, der das Aufkommen der Liebe für immer vereitelt und höchstens im Groll der verletzten Eigenliebe Heilung findet.

Einfältigkeit berührt immer unsympathisch, desgleichen, wenn man dem ersten besten zulächelt. Daher ist in der großen Gesellschaft ein Anstrich von Blasiertheit angebracht. Er macht das vornehme Wesen aus. Man soll nichts einheimsen, was an einem zu niedrigen Aste hängt. In der Liebe achtet unsere Eitelkeit einen zu leichten Sieg gering, und der Mensch neigt zur Geringschätzung alles dessen, was ihm aufgedrängt wird.


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