von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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31. Von der Hingabe

Das größte Glück, das die Liebe gewährt, liegt im ersten Handdruck der Frau, die man liebt.

Das Glück der Liebe aus Galanterie dagegen ist realer, mehr ein gefälliges Spiel.

In der Liebe aus Leidenschaft beruht das höchste Glück nicht in der völligen Hingabe, sondern im letzten Schritt zu ihr. Dieses erinnerungslose Glück läßt sich nicht schildern.

Erregt kam Mortimer von einer weiten Reise zurück. Er betete Jenny an, die ihm auf seine Briefe nicht mehr geantwortet hatte. In London angekommen, nimmt er ein Pferd und reitet nach ihrem Landhause hinaus, um sie aufzusuchen. Er kommt hin. Sie ist im Park. Er eilt ihr nach, das Herz schlägt ihm heftig; er trifft sie, sie gibt ihm die Hand und begrüßt ihn verwirrt: da sieht er, daß sie ihn liebt. Wie sie zusammen durch die Alleen des Parkes wandeln, bleibt Jennys Kleid an einem Akazienstrauch hängen. Späterhin, nach einer Zeit des Glücks für Mortimer, wurde Jenny ihm untreu. Ich behauptete ihm gegenüber, Jenny habe ihn nie geliebt. Als Beweis ihrer Liebe schilderte er mir nun die Art und Weise, wie sie ihn nach seiner Rückkehr vom Kontinent empfangen hatte. Irgendwelche Einzelheiten konnte er freilich nicht anführen. Er zuckte aber jedesmal zusammen, sobald er einen Akazienstrauch sah. Das war in der Tat die einzige deutliche Erinnerung, die er an die glücklichste Stunde seines Lebens bewahrt hatte.Vie de Haydn, Erstausgabe (1814), S. 228. (Daselbst findet sich die gleiche Anekdote. A.d.Ü.)

Ein feinsinniger und freimütiger Mensch, ein ehemaliger Reiteroffizier, hat mir heute abend (am 20. September 1811) die Geschichte seiner Liebe anvertraut, während ein Unwetter unsere Barke auf dem Gardasee hin und her trieb. Ich will sein Vertrauen nicht weiter ausbeuten. Aber mit Recht entnehme ich seinen Bekenntnissen, daß der Augenblick der Hingabe jenen schönen Tagen im Mai gleicht, der köstlichen Zeit der schönsten Blumen. Es ist ein schicksalsvoller Augenblick, der mit einem Male die schönsten Hoffnungen brechen kann.

Man kann nicht genug die Natürlichkeit loben. Sie ist die einzige erlaubte Koketterie in einer ernsten Liebe, einer Wertherschen Leidenschaft, von der man nicht weiß, wohin sie führt. Gleichzeitig ist sie – ein glücklicher Zufall für die Tugend – die beste Taktik. Ein von echter Leidenschaft ergriffener Mann sagt ahnungslos bezaubernde Dinge, er spricht eine Sprache, die er selbst nicht versteht.

Es ist ein Unglück für einen Mann, im geringsten affektiert zu sein. Selbst wenn er liebt und wenn er noch so geistvoll ist, verliert er damit drei Viertel seiner Vorzüge. Läßt man sich auch nur einen Augenblick zur Geziertheit verleiten, so entsteht in der nächsten Minute immer das Gefühl der Leere.

Die ganze Liebeslunst beruht meiner Ansicht nach darauf, immer genau den im Augenblick richtigen Gefühlston zu treffen, das heißt mit anderen Worten, seiner Seele Gehör zu geben. Das ist keineswegs leicht. Wenn ein Mann liebt und seine Geliebte sagt ihm etwas wahrhaft Beglückendes, so hat er nicht mehr die Kraft, ihr zu antworten. Diese Art von Schüchternheit ist der Prüfstein der Liebe aus Leidenschaft bei einem geistig hervorragenden Manne. Er verliert dadurch die Wirkung der unausgesprochenen Worte. Aber es ist besser, zu schweigen, als zu ungelegener Zeit Zärtliches zu sagen. Was vor zehn Sekunden angebracht gewesen wäre, ist es jetzt nicht mehr und wird zum Fehler. Allemal, wenn ich gegen diese Regel sündigte, indem ich etwas sagte, was mir drei Minuten vorher in den Sinn gekommen war und was ich hübsch fand, ließ die Geliebte es mich büßen.Man erinnere sich (vgl. Anmerkung 16), daß der Verfasser bisweilen die Wendung »ich« anwendet in der Absicht, ein wenig Abwechselung in die äußere Form dieses Essays hineinzubringen. Keineswegs hat er die Anmaßung, die Leser in sein eigenes Innenleben einzuführen. Er will nur mit möglichst wenig Eintönigkeit die an andern gemachten Beobachtungen mitteilen. Beim Weggehen sagte ich mir jedoch: sie hat recht. Das gehört zu den Dingen, die eine feinfühlige Frau auf das ärgste verletzen müssen, es ist eine Unanständigkeit des Gefühls. Lieber sehen sie eine gewisse Schwäche und Kälte nach. Da die Frauen nichts in der Welt mehr fürchten als die Falschheit des Geliebten, raubt ihnen die kleinste und geringste Unaufrichtigkeit sofort ihr ganzes Glück und verleitet sie zu Mißtrauen.

Ehrbare Frauen empfinden Widerwillen vor allem Ungestüm und aller Überraschung, obgleich darin Kennzeichen der Leidenschaft liegen. Ganz abgesehen davon, daß das Ungestüm ihr Schamgefühl verletzt, suchen sie sich davor zu schützen.

Wenn uns Eifersucht oder Mißfallen die Geliebte etwas entfremdet haben, kann man im allgemeinen über solche Dinge zu sprechen beginnen, die eine der Liebe günstige Stimmung hervorrufen. Nach den ersten einleitenden Sätzen muß man Gelegenheit finden, genau das zu sagen, was einem die Seele zuflüstert, und man wird der Geliebten große Freude bereiten. Es ist ein Irrtum der meisten Männer, daß sie lieber irgend einen hübschen, geistreichen oder rührenden Gedanken anbringen wollen, als der Seele aus ihren Fesseln heraus zu jener Aufrichtigkeit und Natürlichkeit zu verhelfen, in der sie naiv ausspricht, was sie gerade empfindet. Wenn man dazu den Mut hat, wird man alsbald den Lohn in der Wiederversöhnung empfangen.

Solche schnelle und unbeabsichtigte Belohnung für eine der Geliebten bereitete Freude erhebt diese Leidenschaft weit über alle anderen.

Bei völliger Natürlichkeit wird das Glück zweier Menschen eins. Infolge der Zuneigung und anderer Gesetze unserer Natur ist es einfach das größte Glück, das es gibt.

Es ist keineswegs leicht, die Bedeutung des Wortes »Natürlichkeit«, der notwendigen Vorbedingung des Liebesglückes, klar auszudrücken. Unter »natürlich« versteht man, von der gewohnten Art und Weise des Benehmens nicht abzuweichen. Selbstverständlich darf man die Geliebte nie belügen, niemals das Geringste beschönigen und niemals die echte Wahrheit entstellen. Denn wenn man das tut, sind die Gedanken auf das Beschönigen gerichtet, und man antwortet nicht mehr, wie eine Klaviertaste unter dem Drucke der Hand, auf die Empfindung, die in ihren Augen liegt. Sie merkt das alsbald an einem gewissen Kältegefühl, das sich ihrer bemächtigt, und flüchtet nun ihrerseits in den Schuh der Koketterie. Vielleicht liegt hierin auch der verborgene Grund, weshalb wir eine Frau von zu geringem Geiste nicht lieben mögen. Man kann sich ihr gegenüber ungestraft verstellen, und sobald Verstellung einem aus Gewohnheit bequem geworden ist, verliert man ganz seine Natürlichkeit. Dann ist die Liebe keine Liebe mehr; sie sinkt zu einem gewöhnlichen Geschäft herab, nur mit dem Unterschiede, daß es sich, statt um Geld, um Vergnügen oder die Befriedigung der Eitelkeit oder um beides zusammen dreht. Man kann aber nicht umhin, etwas Verachtung für eine Frau zu empfinden, mit der man ungestraft Komödie spielen darf. Infolgedessen läßt man sie gewöhnlich sitzen, sobald man etwas in jener Hinsicht Besseres findet. Gewohnheit und Pflicht binden manchmal dauernd; aber ich spreche nur von der freien Herzensneigung, deren Eigenart es ist, nach dem höchsten Genuß zu streben.

Ich komme auf das Wort »natürlich« zurück. Natürlichkeit und Gewohnheit sind zweierlei. Faßt man beide Worte im gleichen Sinne auf, so ist es klar, daß es um so schwerer ist, natürlich zu sein, je feinfühliger man ist; denn die Gewohnheit hat keinen allzu mächtigen Einfluß auf das Denken und Tun eines Mannes; er steht bei jeder Gelegenheit über ihr. Auf allen Blättern im Lebensbuche eines kalten Menschen steht dasselbe; nehmt seine Hand heute, nehmt sie morgen, sie fühlt sich immer gleich an.

Ein feinfühliger Mann, dessen Herz erregt ist, findet in sich nicht mehr die Richtschnur der Gewohnheit, die seine Handlungen leitet; wie kann er also einen Weg einschlagen, von dem er nichts weiß? Er fühlt die ungeheure Wichtigkeit jedes einzelnen Wortes, das er zu der Geliebten spricht; es scheint ihm, daß ein einziges Wort sein Schicksal entscheiden kann. Sollte er da nicht versuchen, schön zu sprechen? Oder es nicht wenigstens fühlen, wenn er schön spricht? Aber dann gibt es schon keine Aufrichtigkeit mehr. Dann darf man keinen Anspruch auf Aufrichtigkeit erheben, jene Eigenschaft der Seelen, die sich nicht in sich zurückziehen. Man ist, was man kann, aber man fühlt, was man ist.

Ich glaube, daß wir damit bei dem äußersten Grade der Natürlichkeit angelangt sind, den das feinfühligste Herz in der Liebe erstreben kann.

Ein leidenschaftlicher Mann kann höchstens mit Aufbietung aller Kraft, gleichsam als letzte Rettung im Sturme, das Gelübde tun, niemals von der Wahrheit irgendwie abzuweichen und allezeit aufrichtig dem Zuge des Herzens zu folgen. Ist das Gespräch mit der Geliebten lebhaft und wechselnd, so darf er auf Augenblicke schöner Natürlichkeit hoffen, sonst kann er nur in solchen Stunden natürlich sein, wo er nicht allzu überschwenglich liebt.

In der Nähe der Geliebten ist man nicht einmal natürlich in seinen Bewegungen, die uns durch die Gewohnheit doch so tief in den Muskeln wurzeln. Wenn ich meiner Geliebten den Arm reiche, habe ich immer das Gefühl zu stolpern und muß auf meine Füße aufpassen. Höchstens kann man sich vor absichtlicher Geziertheit bewahren; es genügt, wenn man sich bewußt ist, daß Mangel an Natürlichkeit den größten Nachteil bringt und leicht zur Quelle des größten Unglücks werden kann. Das Herz der geliebten Frau versteht das unsrige nicht mehr; wir verlieren jenen starken ungewollten Affekt der Offenherzigkeit, die wieder Offenherzigkeit erweckt. Es bleibt uns nun kein Mittel mehr, sie zu rühren, ich hätte beinahe gesagt, sie zu gewinnen. Ich will damit nicht etwa leugnen, daß eine der Liebe würdige Frau ihr Schicksal nicht in jenem schönen Wahlspruch des Efeus suchen dürfe, »der stirbt, wenn er sich nicht anschmiegt«. Das ist ein Naturgesetz, aber es ist stets ein entscheidender Schritt zum Glück, wenn eine Frau das Glück des geliebten Mannes sein will. Ich bin der Meinung, daß eine verständige Frau erst dann ihrem Geliebten alles bewilligen darf, wenn sie sich nicht mehr verteidigen kann. Aber der leiseste Verdacht gegen die Aufrichtigkeit unseres Herzens gibt ihr sofort einen Teil ihrer Kraft zurück und verzögert ihre Niederlage mindestens um einen Tag.

»Haec autem ad acerbam
rei memoriam, amara quadam dulcedine
scribere visum est . . . ut cigitem nihil esse
debere quod amplius mihi placeat in hac vita."

                                                      Petrarca

Immer einen kleinen Zweifel beschwichtigen zu müssen, das ist die Sehnsucht jedes Augenblicks, das ist die Sonne der glücklichen Liebe. Da die Furcht nie von ihr weicht, können auch ihre Freuden sich niemals erschöpfen. Grenzenloser Ernst ist das Eigenartige an diesem Glücke.

Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß es der Gipfel der Lächerlichkeit wäre, das alles auf die Liebe aus Galanterie zu übertragen.


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