von Stendhal - Henry Beyle
Über die Liebe
von Stendhal - Henry Beyle

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14. Kapitel

Mitten in der gewaltigsten, unerfüllbarsten Leidenschaft kommen Augenblicke, in denen wir uns plötzlich einbilden, nicht mehr zu lieben. Es gibt Süßwasserquellen mitten im Meere. Fast haben wir keine Freude mehr daran, der Geliebten zu gedenken. Schon über ihre Abweisungen betrübt, fühlen wir uns auch noch deshalb unglücklich, weil uns die ganze übrige Welt schal geworden ist. Die trübseligste und mutloseste Niedergeschlagenheit löst eine Stimmung ab, die zweifellos erregt war, in der uns jedoch alles in einem neuen, leidenschaftlichen und bedeutungsvollen Lichte erschien.

Der Grund ist, daß der letzte Besuch bei der Geliebten uns in einen Zustand versetzt hat, den wir schon früher einmal mit allen Empfindungen unseres Herzens durchlebt haben, zum Beispiel, wenn die Geliebte lange Zeit kalt gegen uns war und uns diesmal besser behandelt; damit regt sie in uns genau dieselben Hoffnungen an, und zwar durch die nämlichen äußeren Zeichen, wie früher schon einmal. Vielleicht hat sie selbst keine Ahnung davon. Aber unsere Phantasie entsinnt sich der Erfahrungen und ihrer trüben Warnungen, und die Kristallbildung hört sofort auf.


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