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X.
Wo man das Ende ahnt.

Am folgenden Tage um 4 Uhr wurden Pausol und seine beiden Minister in dem Hause der Rue des Amandines empfangen, wo der gute König, so gut er auch war, doch nicht als Vater einzutreten glaubte.

Giglio hatte schon seit dem Morgen viel Eifer und Geduld aufgewendet, vor Allem um den König zu überzeugen, daß dieser Besuch sehr angenehm sein werde, dann um die Gastgeber des Königs zu unterweisen, damit sie so mit ihm reden, wie es sich geziemte.

Der Direktor der Gesellschaft geleitete den König zu einem Lehnsessel, verneigte sich dreimal vor ihm und las von einem Blatte Papier mit zufriedener und nachdrucksvoller Stimme folgende Ansprache:

»Sire! Unser Verein zur Rettung der Jugend kann nicht mit ähnlichen Vereinigungen der Nachbarländer verglichen werden, ebenso wenig wie die Gesetze Eurer Majestät einen Vergleich mit jenen der mit uns wetteifernden Nationen vertragen. Wir nehmen hier die physisch oder moralisch mißhandelten Kinder auf; allein die moralische Gefahr, welche wir zu bekämpfen streben, ist keineswegs diejenige, welche unsere besten Brüder im Auslande befürchten; denn diese verstehen das Glück der kleinen Kinder nicht so wie wir.«

– Das will ich gerne glauben, sagte Pausol.

»Wir sind gleich Euch, Sire, der Meinung, daß das junge Wesen sehr früh ein Recht auf die Freiheit erwirbt. Wir sind der Meinung, daß die alten europäischen Gesetze, indem sie die Jugend während der Dauer von 21 Jahren der väterlichen Gewalt unterwerfen, eine jener zahlreichen Wurzeln fortbestehen lassen, welche die antike Sklaverei noch lebendig läßt. Das Recht des Vaters über den Sohn, sowie das Recht des Gatten über die Gattin ist eigentlich unter einem andern Namen die Gewalt des Stärkeren über den Schwächeren. Der Beweggrund, welcher einen Menschen dazu treibt, sein Kind in das furchtbare Gefängniß einzuschließen, welches den Namen Internat führt, ist nicht verschieden von jenem Beweggründe, welcher ihn dazu treibt, während der Ferien den armen Kleinen mit der Faust oder mit dem Lineal zu bearbeiten. Der Mensch, der keine Rechte mehr über die Freiheiten des Menschen hat, und der nicht mehr ungestraft einen menschlichen Sklaven gefangen halten oder prügeln darf, bewahrt überall sein Recht über die Person des Kindes, und da es unvermeidlich ist, daß er alle Gewalten mißbraucht, mißbraucht er auch diese, um sich für die anderen zu trösten, die er verloren hat.«

– Sehr gut gedacht, sagte Giglio. Nicht wahr, Sire?

– Sehr gut, sagte Pausol.

»Wir betrachten es als Mißbrauch der väterlichen Gewalt, wenn die freie Äußerung und Ausübung des Willens des Kindes, sofern dieser Wille nur das Kind allein verpflichtet, irgendwie beeinträchtigt wird. Wir bieten allen unglücklichen Kindern eine Zufluchtsstätte, ohne sie zu fragen, weshalb sie im Familienkreise gelitten haben, können aber mit berechtigtem Stolze konstatiren, daß sie in unserer Mitte glücklich sind. Wir nähren bei ihnen eine spontane Neigung zum Studium, anstatt durch ein Einkerkern im Lehrsaale ihnen jede Art Arbeit verhaßt zu machen. Ihr Wetteifer erlahmt denn auch nicht und wir haben oft genug konstatirt, daß neben einem geliebten Lehrer die Hoffnung auf eine Belohnung die Furcht vor Strafen aufwiegt. Die beiden Geschlechter, neben einander erzogen, lernen sich gegenseitig kennen und sind solcherart weniger der Gefahr ausgesetzt, sich späterhin grausam zu täuschen. Wollen sie spielen, so läßt man sie gewähren. Nichts ist ihnen verboten, nur streiten dürfen sie nicht. Sie gruppiren sich nach Belieben, sowohl im Hofe, wie im Schlafzimmer. Die Gesetze der Natur und nicht die Grundsätze der Menschen uns vor Augen haltend, hüten wir uns, die Sinne unserer Schutzbefohlenen in einen künstlichen Zwang zu drängen, welcher sie, zum großen Schaden ihrer zarten Gesundheit, auf Abwege bringen müßte. Wir begünstigen sogar die Entwicklung der frühreifen Jugend, überzeugt, daß man durch ein Zurückdrängen der Liebe dieselbe nur noch furchtbarer gestaltet und ein schlechtes Werk thut, indem man den Genuß durch den Traum ersetzt. Das wäre nicht die im höheren Sinne des Wortes genommene Erziehung …«

Pausol unterbrach das Gespräch:

– Und wenn diese Kinder Euch um Rath befragen?

– Sire, wir rathen ihnen davon ab, vereinzelte freundschaftliche Verhältnisse zu pflegen, und empfehlen ihnen dagegen vielfache Verhältnisse. Die Liebe, die ausschließliche Liebe einer einzelnen Person, jene Liebe, die man während der Litteratur-Stunden in den französischen oder deutschen Lyceen unterrichtet, ist eine Tragödie und endet zumeist in dem Wahnsinn eines Orestes, in der Tragödie einer Margarethe oder im traurigen Selbstmord Romeos und Julias. Die Nachrichten-Rubrik aller Tagesblätter ist voll solcher Katastrophen. Durchdrungen vom Bewußtsein der uns obliegenden Pflichten und des Einflusses, den wir auf die Gesundheit der Kinder üben, trachten wir, ihnen die Gefahren einer einzigen Liebe vor Augen zu führen, allerdings mit der durch den Gegenstand gebotenen Diskretion.

– Ich stimme Euch voll und ganz bei, sprach Pausol. Seiet nur ausschweifend! Die Geschehnisse in anderen Ländern zeigen zur Genüge die vergleichsweisen Effekte der beiden großen Systeme. In den höheren Klassen hat die Einschließung ins Zimmer und die Enthaltsamkeit der Jugend eine hagere, schwache, blutarme Race gezeitigt, eine dahinsiechende Aristokratie. Woher kommen dagegen die kräftigen, den Hammer schwingenden Arbeiter? Aus Charonne und East End, Whitechapel und Ménilmontant, Hamburg und Marseille, von allen Orten, wo die heranwachsende Jugend frei ist, wo sie ohne Zwang und ohne Kontrolle, blos ihren Instinkten gemäß lebt …

Ermüdet vom vielen Reden frug Pausol:

– Gelangt Ihr ans Ziel?

– Nicht immer, sprach der Alte. Indeß sind wir vergleichsweise zufrieden mit den Ergebnissen. Eine Gesellschaft eines benachbarten Landes machte es sich zur Aufgabe, die Schülerinnen nur als Jungfrauen oder verheirathete Frauen freizugeben. Man weiß nicht recht, warum? Aber die Ziffern sprechen: Innerhalb dreizehn Jahren hat die Gesellschaft mehr als 2150 Kinder aufgenommen …

Giguelillot rief mit kreischender Stimme:

– Das ist viel, sprach Candide.

Der Präsident fuhr fort:

– Wissen Sie, wie viel von dieser Unzahl heirathsfähiger Mädchen durch die Gesellschaft verheirathet wurden? … Zwei.

Giguelillot brummte vor sich hin:

– Das ist viel, sprach Martin.

Doch der Präsident fuhr mit ernster Miene fort:

– Dagegen haben wir seit sieben Jahren von 846 Mädchen 812 verführt. Angesichts der ausgesteckten Ziele der beiden Gesellschaften kann man behaupten, daß …

Pausol stimmte ihm bei:

– Ohne Zweifel hat Eure Gesellschaft ihr Ziel erreicht.

– Eure Majestät geruhen unsere Bemühungen anzuerkennen?

– Ich billige dieselben und will Euch unterstützen, sprach Pausol; ich widme Euren Zwecken 60,000 Francs und sollte der Betrag nicht ausreichen, theilt es meinen Ministern mit; derselbe soll dann erhöht werden.

Der Alte verneigte sich tief und stammelte dann mit plötzlich veränderter Stimme:

– Das gütige Wohlwollen … Eurer Majestät … Ihre Zustimmung … die gütige Aufnahme … welche unsere Ideen hier finden … ebenso unsere Versuche … zur Verwirklichung … ermuthigt mich …

– Aber so sprechen Sie doch!

– Sire, die Mittheilung, die ich zu machen habe, ist so diskreter Natur …

– Zieht Euch zurück, Freunde, sprach Pausol zu seinen Räthen … Und nun sprechen Sie: wir sind allein.

– Gestern Abends um 7 Uhr trat hier eine hohe Besucherin ein, Sire … Ihre Hoheit die Prinzessin Aline …

– Was? Meine Tochter an diesem Orte der Verderbniß und der Kuppelei?

– Sie bittet um Hilfe, sprach der Alte kleinlaut.

– Gegen wen?

– Gegen ihr Schicksal, Sire, gegen ihr Schicksal … sie beschuldigt Niemanden.

– Ist sie allein?

– Ganz allein.

– Sagen Sie ihr, daß ich sie erwarte! Sie wird sich in meine Arme stürzen!

– Ja … aber vorher … verlangt sie, daß wir ihr … jene Freiheiten zusichern, die Sie, Sire, soeben für so billig und zulässig erachtet haben und die Sie der Jugend beiderlei Geschlechts gegönnt sehen wollen …

– Nun! was soll das bedeuten? … Wo ist meine Tochter? … Ich will sie sofort sehen.

Man bat sie, einzutreten.

Als ob sie auch äußerlich die Freiheiten andeuten wollte, welche sie sich schon erlaubt hatte, trug Line die Nationaltracht der Tryphemesinnen: das färbige Tuch im Haar und die Pantoffel.

Sie machte einige Schritte, sehr stolz auf ihre symbolisirte Nacktheit, doch immerhin etwas zaghaft.

Pausol nahm sie in die Arme.

– Mein Töchterchen! mein kleines Mädchen! warum gingst Du weg?

– Weil ich eine sehr gute Freundin fand, Papa, und weil Du mir verboten hast, in Deinem Palast wen immer zu lieben.

– Mit wem bist Du denn fortgegangen?

– Mit einer Operntänzerin.

– Mit einer Tänzerin? Das hat nichts weiter zu bedeuten, wie?

– Ach? sprach Line.

Pausol umarmte sie nochmals.

– Du kommst doch mit mir zurück? Du wirst mich küssen?

– Ja, Papa. Ich sage Dir: ja, sofort. Ich fühle, daß ich Dir überallhin folgen muß. Und ich fühle auch, daß auch Du mir sofort etwas sehr Liebes in's Ohr flüstern wirst.

– Daß ich Dich vom Herzen lieb habe?

– Und daß Du mir volle Freiheit gewährst.

– Aber wozu denn?

– Eben weil Du mich liebst.

Pausol betrachtete seine Tochter mit großer Rührung. Lange verharrte er in Schweigen, eine Beute des heftigen, beinahe qualvollen Kampfes, der sich im liebenden Vaterherzen abspielte. Dann sprach er ein wenig traurig:

– Es sei denn, sei frei, mein Kind. Ich liebe Dich genug, um Dich glücklicher zu machen, als ich bin.

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