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V.
Wie König Pausol sich mit seinen Frauen berieth und wofür er sich entschied.

Der große Saal – obwohl jetzt geräuschvoll – war noch immer von demselben schwülen Halbdunkel erfüllt; aber die tief stehende Abendsonne entsendete in den Raum Wolken von durchsichtiger Purpurröthe und lange kupferrothe Strahlen, in welchen Staub emporstieg. Die Frauen erschienen in Goldgaze-Stoff gekleidet. Einige standen aufrecht, so daß ihr Kopf im abendlichen Dunkel unsichtbar war. Andere lagen auf den Binsenmatten und schienen vom Kopf bis zu den Füßen bemalt wie Email unter den Flammen.

Pausol hielt sich bei Betrachtungen nicht auf, welche unter den gegebenen Umständen nicht passend schienen.

Er streckte sich auf einen Divan hin und die sieben Königinnen, welche in jener Woche seine Liebe zu theilen bestimmt waren, umringten ihn sogleich mit einer lebhaften und geschwätzigen Sympathie.

– Nun?

– Also?

– Was ist Neues?

– Wer hätte das gedacht!

– Unglaublich!

– Was ist geschehen?

– Wir wissen nichts!

– Ist es auch sicher?

– Wird angegeben, mit wem?

– Seid Ihr auf der Spur?

– Wo haben sie sich versteckt?

Der König zuckte mit den Achseln.

– Ich weiß nicht mehr als Ihr.

– Aber was ist beschlossen worden?

– Man kann heute nichts beschließen; das wäre unsinnig.

– Warum?

– Weil die unüberlegten Pläne die schlimmsten Katastrophen herbeiführen.

– Aber die Zeit vergeht und die Prinzessin ist auf der Flucht!

– Albernheiten! Sie wird Tryphema nicht verlassen, seiet dessen sicher. Wenn ich mich entschließe, sie verfolgen zu lassen, (und diese Perspektive ist mir sehr zuwider!) so wird dies erst morgen möglich sein, oder gar erst übermorgen. Das springt in die Augen.

– Und dann?

– Dann werde ich Eure Rathschläge einholen. Aber ich weiß nicht, ob ich sie befolgen werde. Vielleicht wird Eine von Euch das Kunststück ersinnen, dessen ich bedarf.

Die Frauen drängten sich heran.

– Oh, ich … sagte die Eine.

– Ich … unterbrach die Zweite.

Doch ehe sie gesprochen hatten, ließ sich die Königin Denyse mit ihrer zarten, überzeugenden Stimme vernehmen:

– Sire, Ihr solltet an den heiligen Antonius schreiben. Wenn man Jemanden oder Etwas verloren hat, so ist dies das einzige Mittel, ihn oder es wiederzufinden.

Die Umgebung schien zu zweifeln.

Sie erröthete und sagte beharrlich:

– Doch, doch!

Dann erzählte sie eine Geschichte, die ihr selbst widerfahren war und wahrhaftig sehr überzeugend klang.

Während dieser Erzählung betrachtete Pausol unausgesetzt eine sehr junge, noch reine Königin, welche bisher noch nichts gesagt hatte.

Er fragte sie schlau:

– Wo wärest Du zu dieser Stunde, wenn ein ähnliches Abenteuer Dich mir entrissen hätte? Welches Mittel und welchen Weg würdest Du gewählt haben, um zu fliehen? Würdest Du mit aller Eile Dich entfernen, oder würdest Du in der Nähe bleiben, um den Verdacht zu täuschen? Sage mir Alldies, Gisela, und überlege es wohl: die Sache ist sehr interessant.

Gisela schwieg erstaunt.

– Ja, lächelte der König. Ich begreife. Du willst Deine Listen nicht preisgeben …

– Oh! rief sie, von diesem Vorwurf getroffen. Ich werde niemals Listen gebrauchen müssen. Ich zögerte nur, weil man eine solche Frage nicht beantworten kann. Wir führen die Männer bis in unsere Arme, aber von da weiter sind sie es, die uns führen. Ich habe das in den Romanen gelesen, Sire, denn eine andere Erfahrung habe ich nicht. Aber, obgleich eine Unwissende, glaube ich, daß die Sache selbstverständlich ist. Ich habe Vater und Mutter verlassen, um Euch hieher zu folgen, Sire, und ich würde Euch auch anderswohin folgen, wenn es Euch so gefiele. Seiet dessen sicher, daß die Prinzessin mehr Vertrauen als Argwohn hat. Ihr kennt die Männer besser als ich, Sire; forschet nach, was ihr Liebhaber gemacht haben mag; das ist das beste Mittel, zu erfahren, wo sie ist.

– Später, sagte der König. Es ist unnöthig, daß ich selbst mir eine Mühe gebe, die in sehr würdiger Weise von meiner Umgebung genommen werden kann. Wenn es sich um einen schwierigen Fall handelt, der überlegt werden will, kommt man nur nach harter Arbeit über die nothwendigen Banalitäten hinweg. Das ist eine ernste Anstrengung, in welche ich mich niemals einmenge. In einigen Tagen wird die Frage von allem Schutt gesäubert sein, ohne daß es mir ein Stirnrunzeln gekostet haben wird. Ich werde dann sehen, ob es nothwendig ist, daß auch ich über die Sache nachdenke; doch noch wahrscheinlicher ist, daß ich mich begnügen werde, unter den weisesten Ansichten eine Wahl zu treffen, – es wäre denn, daß mir selbst diese Aufgabe zu schwierig schiene.

– Was wird also geschehen?

– Wir werden sehen. Heute habt Ihr statt meiner zu denken. Ich brenne vor Ungeduld, Euch zu hören.

– Darf ich sprechen? fragte die Königin Françoise.

– Ich verlange es, entgegnete Pausol.

– Nun denn, bei einer Entführung ist der erste Tag der Tag der Unbesonnenheiten und der zweite der Tag der Listen. Die Prinzessin befindet sich in nächster Nachbarschaft; ich weiß es, als ob ich sie sähe. Der junge Tölpel, der sie begleitet, glaubt sich durch ein Gebüsch, oder durch die Thür seines Zimmers verborgen. Er hat sie an einen Ort in unserer nächsten Nachtbarschaft gebracht, das ist offenkundig, darüber gibt es keinen Zweifel. Morgen wird er merken, daß er eine Dummheit begangen hat. Übermorgen wird er so viele Vorsichtsmaßregeln getroffen haben, daß die ganze Polizei des Königreiches seine Spur nicht finden wird. Heute muß man handeln, sogleich, ohne eine Stunde zu verlieren. Fühlt Ihr das nicht?

– Gut, sagte der König dankend. Das ist die erste Banalität. Ich bin entzückt, daß sie schon ausgesprochen ist; ich werde mich nicht weiter damit zu beschäftigen haben. Übrigens gefällt mir der Rath in keiner Weise. Aber Eure Haut, Françoise, ist um den Gürtel so braun und zwischen den Brüsten so fein, daß ich Euch wenigstens fünf Minuten lang Recht geben will.

– Sire, Ihr macht Euch lustig über mich.

– Ihr allein glaubt das.

– Sire, sprach die Königin Diana, ich wünsche gleichfalls zu sprechen.

Diana, die man im Harem »Diana mit der Puderquaste« nannte, um sie unter mehreren Schönen gleichen Namens durch diesen Toilettegegenstand näher zu bezeichnen, Diana mit der Puderquaste zitterte ein wenig. Von dreihundertfünfundsechzig Nebenbuhlerinnen beneidet, sollte sie diese Nacht das Bett des Königs theilen. Man sagte, man wußte, kurz: es war klar, daß das Jahr voll Hoffnungen und Erinnerungen, dessen Ende sie so nahe sah, mehr Tage gedauert hatte als ihre Entsagung. Sie war denn ergriffen und stammelte nicht ohne Erröthen:

– Sire, man täuscht Euch. Der erste Tag einer Entführung ist derjenige aller Geheimnisse, der zweite derjenige des Vergessens. Der Unbekannte, auf dessen Rathschläge die Prinzessin Aline hört, hat es zuwege gebracht, sie inmitten von fünfhundert Personen unbemerkt aus dem Palast zu führen. Er hatte einen sehr geschickten und sehr gut ausgeführten Plan. Seiet versichert, daß er diesen Plan noch weiter verfolgt. Heute Abend muß er glauben, daß alle Welt auf den Beinen ist, um ihn zu verfolgen, er wird sich hüten, sich fangen zu lassen; und wenn er sich unter einem Strauch vergräbt, so geschieht es, weil dieser Strauch der letzte Ort ist, wo man ihn vermuthen würde. Aber er muß doch einmal wieder hervorkommen! … Man passe ihm auf seinem Wege auf! Je mehr man ihn von nun an merken läßt, daß er allzu vorsichtig ist, desto unvorsichtiger wird er fortan sein. Es hängt nur von Eurer Zurückhaltung ab, seiner habhaft zu werden. Wenn Niemand ihm nachjagt, wird er in acht Tagen auf den Heerstraßen, oder in einer Loge der Oper auftauchen. Ihr könnt ihn also nicht nur erwarten, sondern es ist von großer Wichtigkeit, daß Ihr Euch heute Abend ruhig verhaltet.

– Ich bin überwunden, sagte der König. Diese Ansicht ist ebenso banal, ebenso weise, ebenso nothwendig wie die erste war. Da sie übrigens der anderen vollkommen widerspricht, wiegt sie sie genau auf und ich fühle meinen Geist weder von der einen, noch von der anderen belastet.

Nach kurzem Stillschweigen schloß der König folgendermaßen:

– Ich werde denn mit köstlicher Freiheit und jeder Unruhe ledig Dein Urtheil annehmen, Diana mit der Puderquaste. Wiederhole es mir, denn es gefällt mir. Also, mein liebes Gesicht, Du behauptest …

– Daß es das Beste ist, nichts zu thun und daß Ihr zu Bett gehen könnt …

Pausol winkte zustimmend mit der Hand.

Die schöne Diana seufzte und beendigte ihren Rath, ihren Satz, ihren Gedanken, indem sie lächelnd hinzufügte:

– Mit mir …

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