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XIV.
Wo Jeder nach seinen Tugenden behandelt wird.

Von Deiner Vertheidigungsrede, sprach der König, ist mir hauptsächlich der erste Punkt im Gedächtnisse geblieben. Du hast für mich ein bequemes Nachtlager vorbereiten lassen und Du wachst über mein Wohlergehen. So handelt ein Getreuer des Königs. Während dieses furchtbaren Tages hast Du allein – wie ich allmälig einsehe – Dich bemüht, in jeder Richtung, wo es zu handeln sich geziemte, und das Böse ist von einem Andern mir gekommen … Schweigen Sie, Nixis, schweigen Sie! Sie sind abscheulich und unpolitisch. Als Algebrist haben Sie einen Querkopf, als Protestant einen beschränkten Verstand, als Eunuch sind Sie ein Neidhart. Ich halte Sie für einen Schafskopf. Gehen Sie und entschädigen Sie den armen Milchmeier für alle Schäden, die hier angerichtet wurden und für welche – nach allem Anschein – dieser kleine Gilles nicht beschuldigt werden kann. Das ist eine Frage, die zu gehöriger Zeit und am richtigen Orte gelöst werden wird, morgen oder später; sie geht mich weiter nichts an. Kümmern Sie sich um die Kosten, welche meine Fahrt verursacht; führen Sie die entflohene Königin in den Harem zurück.

– Oh, Sire! bat Giglio, könntet Ihr so grausam sein?

– Ei, was soll ich auf einer so geheimen Reise mit einer Frau anfangen?

– Demüthigen Sie sie nicht. Sie liebt Sie. Lassen Sie sie Ihnen in aller Stille folgen.

– Vorhin beklagtest Du noch, daß sie mir nachgefolgt ist.

– Ich bedaure, daß sie hat entfliehen können, um die Ruhestunden Ew. Majestät zu stören. Aber die Sache ist nun einmal geschehen; man muß sie hinnehmen, schon um den Lästermäulern Stillschweigen aufzuerlegen.

– Heute ist nicht der Tag der Königin Diana, unterbrach Nixis. Ich widersetze mich jeder Begünstigung, die gegen das Reglement verstößt.

– Was beschließt Ew. Majestät? fragte Giglio mit nicht allzu großer Ironie.

– Ich weiß nicht mehr, erwiderte Pausol. Gewöhne Dir ab, mir jeden Augenblick Entschlüsse vorzuschlagen, die mich ermüden. Wer ist um zehn Uhr Abends mein Berather? Du, Gilles. Thue nach Deinem Gutdünken und laß' mich in Ruhe.

Der Page verneigte sich, erhielt den Schlüssel, ging hinaus und befreite die unglückliche Diana, nicht ohne ihr mit verhüllten Worten zu verstehen zu geben, daß er die Ehre gehabt, für sie einzutreten.

Seine Pläne waren sehr einfach: Zwei Stunden später, um Mitternacht, würde aller Wahrscheinlichkeit nach Nixis die Macht wieder ergreifen und die Entscheidung seines Vorgängers umstoßen; allein die Königin würde inzwischen Zeit gefunden haben, sich im Schlosse einzurichten; Giglio würde zu ihr schleichen und Diana würde sich vielleicht einbilden, aus Dankbarkeit ihm Alldas zu gewähren, was sie aus Begierde und aus Rachsucht ihm geben würde.

Zum König zurückgekehrt, beobachtete sie eine stille und beleidigte Haltung. Da sie ein Wort des Bedauerns zu erwarten schien, reichte der König ihr die Hand, aber mit einer Freundlichkeit, welche augenscheinlich fürchtete, mit Begeisterung aufgenommen zu werden.

– Puderquaste, Sie werden heute Abend nicht nach dem Harem zurückkehren, wie ich Ihnen zuerst angedroht habe. Ich werde in diesem Dorfe übernachten und Sie ebenfalls. Nichtsdestoweniger bin ich verdrossen wegen Ihres Streiches und wegen all' der Scherereien, die Sie mir damit verursacht haben. Kommen Sie: wir wollen zu Fuße weiter gehen. Nixis wird sich um unsere Reitthiere kümmern und mein Page wird Sie bei der Hand führen. Inzwischen, Kleiner, gib mir meine Krone.

Giglio nahm vom Kleiderrechen den Purpurmantel und die leichte Krone; Pausol hüllte sich in seinen Mantel, setzte sich die Krone auf das Haupt und gab den Befehl zum Aufbruch.

Vier junge Mädchen trugen brennende Fackeln vor dem König einher, ohne andere Hülle als diejenige der Nacht; langsam legten sie die fünfundzwanzig Schritte zurück, welche die Farm vom benachbarten Schlosse trennten.

Rückwärts folgte Diana mit der Puderquaste, welche der Page mit hoch erhobener Hand und in respektvoller Entfernung führte.

– Wie heißen Sie? fragte Sie nach einigem Zögern.

– Giglio, Madame, erwiderte er.

Und er glaubte einen melancholischen Seufzer ausstoßen zu sollen.

– Giglio, das ist ein schöner Name, wiederholte die Königin.

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