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XVII.
Wie Nixis vorgibt, das Beispiel der schönen Thierrette nachzuahmen.

Mit demüthiger und zugleich eitler Haltung, mit verschlossener Miene und offenem Maul grüßte der Hugenott.

Sogleich setzte sich Diana mit der Puderquaste so, daß sie ihm den Rücken wandte. Den rechten Arm auf die Lehne des Sessels gestützt, erhob sie weich ihre linke Hand und sprach, auf den Pagen weisend:

– Warum lesen Sie nicht?

– Madame, antwortete Giglio, alle meine Verse können jungen Mädchen in die Hände gegeben werden, denn sie sprechen eben davon, was diese am meisten interessirt. Aber sie sind nicht für Herrn Nixis geschrieben und so lange Herr Nixis da sein wird, werde ich – mit Ihrer gütigen Erlaubniß – ihm keinen Anlaß zu einem Skandal geben.

– Wehe dem, der den Skandal verursacht! sagte Nixis in unheildrohendem Tone. Aber der Skandal muß kommen! Der Skandal muß kommen!

– Wer ist dieser Herr? murmelte Philis.

– Er ist schlecht gekleidet, sagte Emmanuela.

– Hast Du seine Hände gesehen?

– Ach, und sein Hals!

– Seine Zähne!

– Sein Bart!

– Und seine Halsbinde! Oh, seine Halsbinde!

– Wie häßlich müßte er nackt sein! Er thut sehr recht, daß er bekleidet geht.

Inzwischen näherte sich Nixis dem König.

– Sire, sprach er mit lauter Stimme: ich habe die Ehre, Euch um eine separate Audienz zu bitten. Es handelt sich um die wichtigsten Interessen. Ich erlaube mir zu erinnern, daß Ew. Majestät von Mitternacht angefangen mich mit Ihrem Vertrauen beehren und ich beharre darauf, gehört zu werden.

– Wir ziehen uns zurück, sagte Herr Lebirbe.

– Nein, sprach Pausol; bleiben Sie …

– Dann muß ich schweigen, sagte Nixis.

– Ach, wie langweilig! wie langweilig! wiederholte der König. Können Sie nicht allein Ihre Entschlüsse fassen, ohne mich zu solcher Stunde zu stören?

– Ew. Majestät lassen mir freie Hand?

– Einverstanden.

– Das genügt.

Und zum Pagen gewendet:

– Ich verhafte Sie, meine Herr.

– Himmel! schrie Madame Lebirbe.

– Halt, einen Augenblick! sagte Pausol. Sie sind verrückt, mein Freund. Ich werde Sie Ihres Amtes entheben müssen, wenn Sie sich so plump betragen meinem besten Pagen gegenüber, im Hause des würdigsten meiner Unterthanen. Madame, ich bitte Sie, eine beklagenswerthe Scene zu vergessen, die mich sehr peinlich berührt hat. Nixis ist ein fleißiger, zuweilen nützlicher Beamter, aber von einem übertriebenen Eifer und einem Urtheil, welches durch einen extravaganten, chinesischen Moralismus getrübt ist. Er entschuldigt sich bei Ihnen für die Worte, die er soeben hier gesprochen.

Herr und Madame Lebirbe, erschreckt durch diesen Zwischenfall, bestanden darauf, daß der König den Streit in ihrer Abwesenheit beendige, und zogen sich sammt ihren Töchtern zurück.

Als sie die Thür geschlossen hatten, sprach Pausol:

– Meine Freunde, ich bin es müde. Euch zu trennen und einem von Euch Recht zu geben. Machet Euren Streit unter einander aus und so rasch als möglich.

Dann durchschritt er das Gemach und ließ sich freundlich an der Seite Diana's nieder.

Giglio kreuzte die Arme hinter dem Rücken und schwieg.

Nixis hielt sich in einiger Entfernung und ließ folgende scharfe Anrede los:

– Also, mein Herr, es ist ein Prinzip? Sie haben es sich zur Aufgabe gestellt, jeden Tag ein unglückliches Mädchen, Magd oder Bäuerin, zu bezeichnen und sie von einer stumpfsinnigen, durch Unzucht betäubten Menge beschimpfen zu lassen?

– Beschimpfen? fragte Giglio sanft.

– Gestern banden Sie eine Kammerfrau des Königs auf ihrem Lager fest, um sie den Anschlägen von zwölf Schelmen auszuliefern; heute Abend ist es eine Kuhmagd, welche Sie mit vierzig Satyren in die Wälder jagen!

– Es sind vierzig von Ihnen auserwählte Männer, Herr Nixis! Vierzig auserlesene Anachoreten! Sie sehen, was aus ihnen wird, wenn man ihnen ein Weib anvertraut. Ach, wie schwach ist doch das Fleisch! Wie schwach ist doch das Fleisch!

– Das Schauspiel, das ich sehen mußte, wird niemals meinem Gedächtnisse entschwinden. Vielleicht niemals seit den traurigen Zeiten des Heidenthums hat sich unter den Augen des Himmels eine solche Orgie abgespielt, und wäre ich nicht gewarnt gewesen, so hätte ich glauben müssen, durch einen bösen Traum in die Pfühle von Suburra, oder in die Lasterhöhlen von Capua versetzt zu sein. Das unglückliche Mädchen war mit Händen und Füßen in der kritischesten Lage, ausgespreizt inmitten von fünf oder sechs Soldaten, die sie in einer unsagbaren Weise besudelten, alle zugleich, während der Rest der Bande unter höllischen Gesängen einen Rundtanz um das Opfer aufführte.

– Und machte das Opfer Schwierigkeiten?

– Nein, sie betrug sich stoisch! Ohne Zweifel innerlich zerfleischt durch die Gewaltthaten, die sie erduldete und mehr noch durch den Skandal, den ihre Blicke bezeugten, ließ sie doch nichts davon merken. Ihr Muth war der einer Märtyrin. Unter der Beschimpfung reichte sie die andere Wange hin und verlangte immer wieder neue Martern. Hatte sie Sünden abzubüßen? Ich weiß es nicht. Aber in den Zuckungen der Agonie war das arme Kind wie von Wonne durchdrungen. Sie selbst hat es mir stolz zugerufen.

– Sie sehen, sprach Giglio, die Damen finden niemals, daß sie allzu stark bedrängt sind.

Hier seufzte Diana tief.

Doch Nixis stampfte vor Wuth und fuchtelte mit den Fingern herum.

– Lachen Sie! rief er. Unterhalten Sie sich! Ihr Gelächter ist unheilvoll, junger Mann. Sie sind ein Übelthäter und ein Unzüchtiger! Sie haben die Seele eines Borgia! eines Richelieu! eines Heliogabal!

Giglio trat einen Schritt vor und unterbrach ihn:

– Mein Herr, ich habe für Heliogabal eine unbegrenzte Bewunderung und ich bin entzückt, wenn ich in Ihren Augen ihm gleiche …

– Ach! …

– Aber Sie machen Ihre historischen Vergleiche in einem Tone, welcher mir in keiner Weise gefällt …

– Mein Herr! …

– Und da der König uns ermächtigt, unsern Streit unter uns auszutragen …

– Immerhin …

– So fordere ich, daß Sie Entschuldigungen vorbringen …

– Niemals!

– … Oder daß Sie mit mir ohne Vermittler und ohne Aufschub die Bedingungen eines Waffenganges festsetzen …

– Auch niemals!

Nixis, ein Mann von heftigem, aber furchtsamem Naturell, wich bei jedem Worte einen Schritt zurück. Er stieß an die Thüre, öffnete sie und wollte verschwinden.

Doch Giglio folgte ihm und hielt ihn am Arme zurück.

In dem Zimmer, wo die Beiden zusammen eintraten, erwarteten das würdige Ehepaar Lebirbe und ihre Töchter den Ausgang einer Besprechung, deren seltsam heftige Wendungen sie schmerzlich berührten.

– Madame, sprach der Page ruhig und respektvoll, ich sollte sicherlich nicht in Ihrer Gegenwart eine private Diskussion beendigen, aber Sie haben gegen meinen Willen den Streit entstehen sehen und wenn Sie einwilligen, möchte ich mich von Ihnen nicht verabschieden, ohne Ihnen meinen Ankläger vorzustellen, von welchem ich Genugthuung fordere.

Dann fuhr er fort, indem er sich zu Nixis wandte:

– Mein Herr, ich verachte Sie aufrichtig; Sie sind ein Tölpel, ehrgeizig, knechtisch; Sie haben weder Takt noch Muth …

– Wollen Sie mich beschimpfen?

– Ich glaube kaum.

– Ich nehme Akt von dieser Erklärung.

– Wir sagten also, fuhr Giglio lächelnd fort, daß Ihnen Muth und Würde zugleich fehlen. Nichtsdestoweniger bin ich bereit, Ihnen die Ehre eines Waffenganges zu bewilligen …

– Aber ich verlange sie nicht!

– Ich biete sie Ihnen an.

– Ich lehne sie ab.

– Sie weigern sich zu schlagen?

– Mein Herr, der Ewige hat auf dem Berge Sinai in flammenden Lettern geboten: »Du sollst nicht morden!« Christus hat dieses Gebot wiederholt. Und Sie erwarten von mir, daß ich einen Säbel anrühre? Nein, mein Herr, da kennen Sie mich schlecht. Ich will das edle Beispiel befolgen, welches mir heute Abend in dem Olivenwäldchen gegeben wurde. Auch ich reiche unter der Beschimpfung die andere Wange hin. Auch ich will den Kelch der Schmach bis auf die Hefe leeren! Auch ich will mich auf dem Martergerüst ausstrecken. Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Herr. Ich bitte Sie öffentlich um Entschuldigung! Als Sieger werde ich aus dem Kampfe mit einem Stolze hervorgehen. Sehen Sie: ich beuge mein Haupt und ich fühle mein Herz erstarken.

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