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VIII.
Pausol prüft Offenbarungen über einen Brief, dessen Wichtigkeit dem Leser nicht entgehen wird.

Gegen Mittag erwachte Pausol, einfach wie gewöhnlich. Bei ihm gab es keinen Morgen-Empfang. Durch überflüssige Zeremonien ließ er sein Leben nicht stören.

Auf sein Klingeln eilte eine Kammerfrau herbei, welche an jenem Morgen den Kammerdienst antrat. Die junge Person, deren Hände zitterten, strauchelte, stieß an alle Sessel und erröthete heftig, als sie neben dem König Diana in unzüchtiger Lage schlummern sah.

– Still! sagte Pausol. Sprich leise. Wie spät ist es?

– Ja, Sire … Nein, nein … Ich weiß nicht, stammelte das arme Kind.

– Gib mir meinen Schlafrock und laß mir mein Bad bereiten. Benachrichtige auch meine Vorleserin und den Küchenvorstand. Und nun schließe die Fenstervorhänge, damit die Königin so lange wie möglich schlafe.

Dann setzte der König mit großer Vorsicht einen Fuß nach dem andern sachte auf den Boden. Die Aussicht, der furchtbaren Diana für ein zweites Jahr Lebewohl zu sagen, hielt ihn nicht im Geringsten zurück.

Er verduftete.

Bald hernach lag er in einem duftigen Wasser und ließ sechs Schritte von seiner Badewanne seine gewöhnliche Vorleserin Platz nehmen, welche jeden Morgen kam, um ihm die telegraphischen Nachrichten und Auszüge aus den besten Feuilletons vorzulesen.

In Gemäßheit des ersten Artikels des im Lande Tryphema giltigen Gesetzbuches (Du sollst Deinem Nachbar nicht schaden!) war es den Zeitungen verboten, skandalöse oder entehrende Artikel zu veröffentlichen. Kein Blatt theilte die Flucht der weißen Aline mit und wenn einige hie und da sich Anspielungen erlaubten, so war die Vorleserin taktvoll genug, diese Anspielungen nicht zu verstehen.

Der König war indeß zerstreut. Als seine Toilette beendigt war und als der Küchenvorstand in einem Ruhekabinet das erste Frühstück aufgetragen und der König sich gesättigt und zwei Cigaretten geraucht hatte, verließ Se. Majestät das Kabinet und betrat das Gemach, wo seine Tochter herangewachsen war.

Alles war da unverändert geblieben. In dem Gemach herrschte eine Unordnung, welche eine hastig beendigte Toilette und einen plötzlichen Aufbruch verrieth. Im Studierzimmer, im Frisirkabinet, im Boudoir und im Badezimmer gab es ein seltsames Durcheinander von Schuhknöpflern, geographischen Lehrbüchern, schwarzen Strümpfen und Ballnetzen. Auf dem trägen Wasser des Waschbeckens schwamm ein Exemplar des »Telemach«.

Eine Viertelstunde lang irrte Pausol melancholisch von Zimmer zu Zimmer. Er öffnete die für Stylübungen bestimmten Hefte, hob vom Boden die kleinen Mieder auf, entrollte einen Ledergürtel und legte drei Haarnadeln in ihre Büchse zurück.

Dann drückte er den Mittelfinger der rechten Hand an den Knopf einer elektrischen Klingel und sagte dem eintretenden Diener:

– Laßt den Herrn Palastmarschall wissen, daß ich ihn hier erwarte und zu sprechen wünsche.

Nixis erschien alsbald.

– Mein Herr! sprach der König, ich schätze Ihren Eifer und Ihre Methode, indem Sie mir jeden Tag zwanzig Sorgen ersparen, mit welchen ich nicht fertig werden kann. Allein Ihre gestrige Untersuchung war eine unzeitgemäße, besonders, wenn man die Stunde und den Ort in Betracht zieht, wo Sie mir Bericht erstatten zu sollen glaubten. Und doch habe ich Ihnen bedeutet, daß ich in der Zeit zwischen fünf Uhr Abends und zwei Uhr Nachmittags keinerlei Unternehmen in Erwägung ziehen will. Sie haben Ihre Weisungen überschritten, indem Sie eine Initiative ergriffen in einem Falle, in welchem Ihre Kompetenz mehr als zweifelhaft war und indem Sie mich um meine Befehle angingen, ohne daß ich die geringste Absicht bekundet hätte, Ihnen einen Befehl zu ertheilen.

Hier brannte der König mit sehr ernster Miene eine Cigarette an, setzte sich, stützte den rechten Ellbogen auf die breite Lehne des Sessels, neigte das Haupt nach der rechten Seite, kreuzte die Beine, nickte und sprach:

– Jetzt lesen Sie Ihren Bericht.

Nixis hatte sich nicht gerührt. Die Rathschläge, welche die Nacht bringt, hatten seinen Eifer gedämpft; er schrie nicht mehr, daß er das Interesse seiner Laufbahn seinen Pflichten hintansetze. Im Übrigen hatte er seine Bibel zu Rathe gezogen und war bei folgender kategorischen Stelle stehen geblieben:

»Ihr werdet schreien gegen den König, den Ihr Euch erwählt haben werdet, aber der Ewige wird Euch nicht erhören.« (Samuel VIII. 22.)

Dieser Satz beseitigte alle Skrupel. Er ward wieder Höfling.

– Sire, ich will Euch die Angelegenheit in aller Kürze darlegen. Meine Berichte befinden sich in diesem Portefeuille, aber es wird besser sein, wenn ich sie Euch resümire.

Er näherte sich dem offenen Fenster.

– Gestern Morgens, wahrscheinlich gegen vier Uhr, setzte sich Ihre königliche Hoheit die Prinzessin Aline völlig angekleidet auf das Marmorgesims dieses Fensters. Nachdem sie die Beine gehoben und eine Rotationsbewegung von rechts nach links gemacht, welche in dem Staube Spuren zurückgelassen, war sie aus einer Höhe von ungefähr fünfundsiebzig Centimetern auf das Rasenbeet hinabgesprungen. Ihre beiden Füße haben hier ihre parallelen, hernach alternirenden Eindrücke zurückgelassen und andere Spuren sind nicht da. Ihre Hoheit ist demnach allein fortgegangen.

Nach dieser Offenbarung kreuzte Nixis die Hände über seinem mageren Bauche und machte eine Pause.

– Gestern Abend, so fuhr er fort, machte die Prinzessin Vorbereitungen, die Nacht in einer Herberge zuzubringen, welche sich »Gasthof zum Hahn« nennt und etwa drei Kilometer von hier, an der nach der Hauptstadt führenden Straße liegt. Sie ist dort um drei Uhr vierzig Minuten eingetroffen, von einem benachbarten Gehölz kommend und von einem jungen Manne begleitet, welcher in der Gegend unbekannt ist, dessen Signalement ich aber besitze.

– Wie alt ist er? fragte der König.

– Sehr jung. Höchstens siebzehn Jahre.

– Das ist hübsch, meinte Pausol.

– Wenn Ew. Majestät gewollt hätte, wäre der Verführer gestern Abend verhaftet und die Prinzessin nach dem Palaste zurückgeführt worden.

– Durch Polizeiwachleute, nicht wahr?

– Oder durch Spezialabgesandte.

– Durch welche? Nixis, Sie erkennen niemals den heiklen Punkt einer Situation, noch auch die Pflichten, welche die Skrupel väterlicher Liebe uns auferlegen.

– Ich will nicht weiter bei der Sache beharren; Ew. Majestät haben Recht gegen mich. Ich habe den Befehlen Ew. Majestät gehorcht, der Ueberwachungsdienst ist gestern Abends um acht Uhr aufgehoben worden. Seitdem beobachte ich eine abwartende Haltung.

– Es wäre doch wichtig zu erfahren, mit wem wir zu thun haben, vor Allem, um entscheiden zu können, ob wir ihn verfolgen oder uns dessen enthalten sollen. Wer ist dieser Landstreicher, den Niemand bisher gesehen hat, der nicht zum Palast gehört, der nicht in der Umgegend wohnt und plötzlich einen solchen Einfluß auf den Geist meiner Tochter gewinnt, daß er sie sozusagen vor unserer Nase weg entführt, ohne sich nur die Mühe zu nehmen sie abzuholen? Er läßt sich von ihr einholen! Er erwartet sie und sie kommt zu ihm! Sie, die niemals die Rasenplätze des Parkes verlassen hat, läuft jetzt auf den Heerstraßen herum, sucht in einer Radfahrer-Herberge Unterkunft, in Gesellschaft eines siebzehnjährigen Schülers, dem sie nirgends hat begegnen können, ehe sie sich ihm in die Arme warf. Gestehen Sie, Nixis, daß das eine unerhörte Sache ist! Ich kann es nicht begreifen. Haben Sie keinerlei Anzeichen?

Nixis zeigte ein vorübergehendes Lächeln und erwiderte dann mit seiner knappen Stimme:

– Vorgestern und ehevorgestern gaben französische Tänzerinnen zwei Vorstellungen bei Hofe, vor den Königinnen im Harem. Die Prinzessin Aline war im Hintergrunde ihrer Loge anwesend; sie hatte zum ersten Mal die Erlaubniß erhalten, das Theater zu besuchen. Während der ganzen Dauer des Ballets hatte sie das lebhafteste Vergnügen bekundet und man konnte wahrnehmen, daß ihre Erregung jedesmal wuchs, wenn sie eine Kuh Namens Mirabelle tanzen sah.

Nixis schwieg wieder eine Weile und fuhr dann fort:

– Nach der Vorstellung ließ die Prinzessin dieser Person in einem versiegelten Umschlag eine Banknote als Geschenk überreichen. Ich bitte Ew. Majestät, jedes dieser Worte wohl zu erwägen. Nach meiner Auffassung gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Thatsache und dem öffentlichen Unglück, welches bald darauf folgte.

Ein verlegenes Schweigen trat ein.

Der König fuhr fort zu rauchen.

Nixis hielt es für nothwendig, noch bestimmter zu sprechen.

– Mit einem Worte, fuhr er fort, ich klage die Mirabelle genannte Ballerine an, eine teuflische Intrigue veranstaltet zu haben, mit der Absicht, eine Seele in den Abgrund zu ziehen, welche durch so viel väterliche Sorgfalt und Liebe keusch erhalten worden. Ich klage diese Schelmin an, die Vermittlerin des Verbrechens zu sein, welches begangen wurde. Den Namen des Verführers werden wir später erfahren; er ist ja gleichgiltig; aber daß er Mirabelle gekannt habe und daß diese ihm ermöglicht habe, sein Ziel zu erreichen: das will ich durch die fortgesetzte Untersuchung klarstellen, wenn Ew. Majestät mir keine Hindernisse in den Weg legen.

Pausol erhob beide Hände.

– Wir werden da nie herauskommen, sagte er verzagt. Die Sache verwickelt sich immer mehr. Und was ist aus den Tänzerinnen geworden?

– Sie sind noch an demselben Tage nach Narbonne abgereist.

– Sie sehen wohl, wir kommen nie heraus. Das ist eine unentwirrbare Geschichte.

– Um Vergebung, Sire! Zwei Verbrecher: zwei Informationen. Der eine ist in Frankreich; wir werden an die französische Regierung telegraphiren und nach Erledigung der nothwendigen Formalitäten werden wir seine Auslieferung erlangen. Die Verführung von Minderjährigen ist ein durch die internationalen Verträge vorgesehenes Verbrechen. Auf dieser Seite gibt es also keine Verlegenheit. Was den anderen Verbrecher betrifft, so haben wir ihn. Er ist da. Ein Wort von Ew. Majestät und ich lasse ihn verhaften.

Der König richtete den Blick auf den vor ihm stehenden Nixis.

– Sie sind ein gefährlicher Mann, Herr Groß-Eunuch. Nützlich, aber gefährlich. Wenn das Schicksal Sie an meinen Platz gestellt hätte, würde ich keinen Pfifferling für das Glück meines Volkes geben, Nixis, Sie sind ein Kaiman! Sie haben den grausamen Blick eines französischen Senators. Auch verstehen Sie mich nicht.

Mit einer lässigen Handbewegung klopfte er die Asche von der Cigarette ab.

– Ich will über Alldas nachdenken. Ihr Bericht ist lehrreich und wenn er vom Möglichen auf das Gewisse schließt, so enthebt mich dies nicht der Nothwendigkeit, über die Hypothesen, die er aufstellt, nachzudenken. Ich werde die Sache mit Muße erwägen; morgen werde ich einen Entschluß fassen. Warten Sie. Beruhigen Sie sich.

Mit einem Seufzer fügte der König hinzu:

– Wahrhaftig, ich hätte es nöthig, an andere Dinge zu denken. Diese Sorge bedrückt mich. Wenn sie noch länger andauert, werde ich krank davon. Sprechen Sie, mein Freund. Hat sich seit gestern Abend nichts ereignet, daß Sie mir so sehr den Kopf ermüden mit einem Vorfall, welcher schon sechsunddreißig Stunden alt ist?

– Doch, doch! Ich wagte nicht …

– Ach, sprechen Sie nur! Ich lade Sie dazu ein.

– Sire, es handelt sich um einen schimpflichen und abscheulichen Anschlag ganz plumper Art. Ein Wind der Tollheit weht durch den Palast. Es wäre ungehörig, daß Ew. Majestät sich bei solchen muthwilligen Streichen aufhalte, welche unter den heutigen Umständen ein unwürdiger Gegenstand des Nachdenkens Ew. Majestät wären. Ich war auf der Hut und ich habe gestraft. Der Urheber dieses Streiches kann seines Urtheils gewärtig sein.

– Welche Mühe, um Aufschluß über eine That zu erlangen. Ich höre Sie, Nixis. Wer ist der Sünder?

– Es ist ein Page, der letzternannte im Pagenkorps, derselbe, über den ich mich so oft bei Ew. Majestät beklagt habe. Er hat durch einen unqualifizirbaren Akt seinen Schelmereien die Krone aufgesetzt. Ich fühle mehr Scham, seine That zu berichten, als er fühlte, sie zu begehen.

– Was hat er schließlich gethan?

– Folgendes. Der ehrenwerthe Herr Palestre, Minister der öffentlichen Spiele, hat trotz seines Alters eine ausgesprochene Neigung für Dienstbotenliebschaften bewahrt. Ew. Majestät wissen dies vielleicht nicht. Was mich betrifft, so kann ich es keineswegs entschuldigen. Diese Schwäche eines sonst ehrenwerthen Greises erheitert die Gespräche der Pagen. Der muthwilligste dieser jungen Schelme beschloß, Herrn Palestre in einem Augenblicke zu überraschen, wo es sich am wenigsten geziemte, daß er überrascht werde. Er verbarg sich unter dem Bette der Kammerfrau, mit welcher der Minister seine Ungehörigkeiten beging – es ist die Kammerfrau Ew. Majestät – und als er aus gewissen Anzeichen, die ich nicht beschreiben kann, noch will, schloß, daß seine beiden Opfer in einem Zustande der Zerstreuung seien, welcher seinen Absichten günstig ist, kroch er hervor und warf über das Paar ein Tennisnetz …

– Hahaha! lachte der König.

– Er befestigte das Netz am Fuße des Bettes und zwang so Herrn Palestre und die Kammerfrau – trotz aller Anstrengungen, die sie machen mochten – in einer höchst unzüchtigen Lage zu verharren.

– Hahaha!

– Nicht zufrieden, der Urheber und Zeuge dieser traurigen Scene zu sein, rief er das ganze Pagenkorps an den Schauplatz dieses Skandals, welchen er so durch die Zahl der Zuschauer noch vergrößerte. Die nun folgenden Zwischenfälle waren solcher Art, daß die unglückliche Magd in Folge der Aufregung und Erschöpfung mindestens für acht Tage erkrankt ist. Deshalb haben Ew. Majestät heute Morgens ein neues Gesicht gesehen. Majestät, ich bin ganz verlegen zu sehen, daß Ew. Majestät mit solch' sympathischer Heiterkeit eine Missethat aufnehmen, welche ich jedes Schimpfes werth erachte, einstweilen, bis sie bestraft wird.

Pausol protestirte.

– Nein, nein. Sie haben, Nixis, eine Art zu generalisiren, welche Sie leicht zu Irrthümern treibt. Sie klassifiziren die Bewegungen und die Handlungen nach Gott weiß welcher Tabelle einer moralischen Mathematik, wo Sie ihre natürliche Ordnung nicht erkennen. Mehr als Sie hasse ich das Unzüchtige. Die lachende Wollust existirt nicht. Das Vergnügen liegt dem Schmerz näher als der Heiterkeit. Dies verkünde ich im Prinzip; nichtsdestoweniger ist die Anekdote, welche Sie mir erzählen, ganz ausgezeichnet.

– Ew. Majestät spotten.

– Nichts dergleichen. Die Geschichte ist wunderbar, göttlich; vor Allem darin, daß sie den Griechen nachgemacht ist. So wurde die sündige Aphrodite bei dem Gott der Schlachten in einem eisernen Netze gefangen und eingeschlossen. Diese klassische Erinnerung, welche einen meiner Pagen inspirirte, ist darnach angethan, mich zu erfreuen.

– Klassisch? Sagen Sie heidnisch, Sire.

– Außerdem bemerken Sie, Nixis, daß dieser junge Mann, anstatt auf gut Glück der Überlieferung des Vulkan zu folgen, ein Tennisnetz genommen hat, um gerade den Minister der öffentlichen Spiele darin einzuhüllen. Das ist ein Beweis eines persönlichen Geistes und selbständiger Ideen.

– Es sei. Das sind nach meiner Auffassung zwei Fehler.

– Endlich lobe ich im höchsten Grade die moralische Absicht, welche über der ganzen Scene schwebt. Es ist lächerlich und abscheulich, daß ein achtundsiebzigjähriger Greis das Bett einer Magd theile. Man kann niemals wissen. Wenn Herr Palestre sich beklagt, so hat er nur sich selbst wegen der jämmerlichen Lage zu beschuldigen, in welcher diese jungen Leute ihn gesehen haben. Was meine Kammerfrau betrifft, so ist ihr nur zutheil geworden, was ihr gebührt. Die Schmach ist eine Folge ihrer Handlungen und nicht derjenigen des Pagen.

– Was soll ich nun mit dem Schuldigen anfangen?

– Ihn sofort in Freiheit setzen und auffordern, mich hier zu besuchen. Ihn will ich in meiner gegenwärtigen Verlegenheit um Rath fragen.

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