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IX.
Wo König Pausol, nachdem er sich von der Langweile der Regel freigemacht, die Verdrießlichkeiten des phantastischen Lebens kennen lernt.

Als der Milchmeier sah, daß die Nacht sich herabsenke und der König seine erquickende Siesta noch weiter verlängere, befahl er seiner Tochter über den Schlaf des Königs zu wachen; er selbst ging in die Stube hinauf, um den schwarzen Rock seiner fernen Jugend anzulegen und die Vorkehrungen für die Mahlzeit Sr. Majestät zu treffen.

Die kleine Nicole, jüngere Tochter des Milchmeiers, war eine von ehrgeizigen Hoffnungen verzehrte junge Person. Ihre Schwestern hatten sich in Zwischenräumen von zwanzig Jahren Gatten aus verschiedenen Klassen gewählt, in dem Maße, als das Vermögen ihres Vaters solider und größer wurde. Die erste hatte einen jungen Führer von studirten Affen erlangt, sagen wir erobert, welcher, nachdem er die Güte hatte, ihr ein Kind zu gewähren, auf dem Wege der Zugeständnisse noch weiter gegangen war und sich selbst ihr für immer gab. Die zweite hatte einen Gerichtsvollzieher geheirathet; die dritte – etwas schwieriger in ihrer Wahl – einen berühmten Gelegenheitsmacher. Die vierte war die Gattin eines Präfekten geworden. Nach diesem fortwährenden Aufstieg zu den Ehren und verschiedenen Salons wollte Nicole nicht zurückbleiben.

Als sie den König den Meierhof ihrer Vorfahren betreten sah, zweifelte Nicole keinen Augenblick, daß ihr Schicksal in Person – mit Krone und Purpurmantel – ihr entgegen komme.

Kaum war der König eingeschlafen, als sie trachtete, mit ihm allein zu bleiben. Zuerst wollte man dies nicht zugeben; dann, als die Stunden vergingen und die Nase des Königs immer tiefer auf den Bart herabsank, nahm der Schlaf des erlauchten Besuchers einen Schein der Ewigkeit an, welcher alle Vorsichtsmaßregeln unmöglich machte. Der Milchmeier drückte sich und ließ Nicole als Schildwache zurück.

Die Kleine fühlte ihr Herzchen heftig in der Brust pochen: die Stunde ihres Schicksals hatte geschlagen.

Ach, was sollte sie machen? Wie sollte sie die Rolle spielen, welche der glückliche Zufall ihr rieth? Die Etiquette der Höfe kannte sie nur durch die Gedichte und die Dramen, welche ihre Schwester, die Frau Präfektin ihr jedes Jahr zu Neujahr schenkte. Das war schon etwas und wenn man nur ein Bischen Belesenheit besitzt, ist man nicht verloren, dachte Nicole.

Und sie bewies es.

Sie nahm aus einer Vase von bemaltem Porzellan eine Rose von Goldschlagpapier, näherte sich dem König, küßte ihn auf die Stirne, streckte die Rechte aus und rezitirte mit weissagender Stimme:

– O König! Erwache aus Deinen Träumen! Erwache! Schau!

– Hüm! nieste Pausol. Was ist das? was will man von mir?

– Ich bin die Gesandte, – deklamirte die kleine Nicole – die Unbekannte, nie Genannte, zierlich Gewandte, nackt Abgesandte!

– Mein Kind, sagte der König noch halb verschlafen, was Du da sprichst, ist sehr hübsch. Aber wer bist Du?

Sie gerieth in Verwirrung, faßte sich aber bald und erwiderte:

– Ich bin der Stern, der zuerst kommt. Ich bin Diejenige, die man im Grabe wähnt und die dennoch ausgeht. Meine Brust ist unruhig, die Wollust beklemmt sie; niemals weine ich und niemals lache ich!

Der König sank in seinem Lehnsessel zurück und riß entsetzt den Mund auf.

Nicole fuhr in beschleunigtem Tempo fort:

– Diese Blume habe ich für Dich auf dem Berge gepflückt. Ach, ich fühle, daß ein höchster Augenblick mir naht … Ach, Traum meiner Nächte, süßes Verlangen meiner Tage, das ich nicht mehr erwartete, das ich stets erhoffte, ich habe das Bedürfniß, Dich zu sehen und Dich abermals zu sehen. Hier mein Herz, das nur für …

– Ach, was! … unterbrach Pausol.

Doch in demselben Augenblicke und eben als das junge Mädchen den letzten Satz mit einer feurigen Mimik unterstützte, bemerkte Pausol hinter den Fenstern vielfache Lichter, die dahin und dorthin irrten; er sah Fackeln, die sich näherten, Leute herumrennen, Arme sich ausstrecken, dann etwas wie einen riesigen Hammel, der von der Höhe der hohen Fenster den wackeligen Kopf bis zur Erde senkte. Plötzlich ging die Thüre auf und Diana mit der Puderquaste trat ein.

– Ha! rief sie. Ich war dessen sicher.

Die arme kleine Nicole verbarg sich hinter dem König.

Pausol schlug mit seiner breiten Hand auf den Tisch, daß es nur so dröhnte und rief:

– Bei allen Göttern, was soll alldies bedeuten? Schlafe ich noch oder habe ich den Verstand verloren? Nixis! Wo ist Nixis? Gilles! Giglio! Giguelillot! Wo ist mein Minister? Wo ist mein Page? Wo bin ich selbst? In welcher Räuberhöhle hat man diesen Hinterhalt ausgeheckt?

– Ach, Sire! Ihr seid in meinen Armen! erklärte Diana mit der Puderquaste.

– Du wirst in meinem Schatten sein und ich in Deinem Lichte, berichtigte die kleine Nicole.

– Der Teufel hole die Weiber und die Höflinge! schwor der König außer sich. Nixis! Warum kommt er nicht? Nixis! Giglio! Niemals werde ich mir allein aus der Patsche helfen! Wo sind meine Garden, meine Soldaten? Warum haben sie ihre Lanzen zerbrochen? Das war am Tage, wahrhaftig! Dieser Giglio ist ein Schlingel! Nixis hatte hundertmal Recht, daß er ihn ins Loch stecken wollte! Nixis! Wo hält er sich denn verborgen! Alle haben mich verlassen! den tollen Weibern ausgeliefert!

In der That ward der Rummel immer ärger! Diana zog Nicole beim Arme hervor und versetzte ihr ein paar Maulschellen, welche sich reimten. Man eilte herbei, um sie von einander zu trennen.

– Nixis! Nixis! wiederholte Pausol.

Und auch er kämpfte, unerkannt von den Mägden der Farm, welche auf den Lärm herbeigeeilt waren. Vor der Thür sammelten Leute sich an, schrieen durcheinander und ertheilten Rathschläge. Lautes Geschrei ertönte im Hofe und darein mengte sich das Schluchzen der kleinen Nicole, das Gebell aller losgelassenen Hunde, das dumpfe Blöken des ungeheuren Reitthieres, welches die flüchtige Sultanin benützt hatte, als man aus all' dem Lärm die schrille, klagende Stimme des Milchmeiers heraushörte:

– Ein Kameel! ein Kameel! ein Dromedar in meinem Hause!

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