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V.
Mirabelle enthüllt ihre kleine boshafte und sentimentale Seele.

Entschlossen noch in derselben Nacht zu fliehen, kehrten die beiden Mädchen in ihre Zimmer zurück, um dort die Vorbereitungen zu ihrer kleinen Fußreise zu treffen.

Das Empire-Kleid lief über die dunklen Rasenplätze, eilte die Stufen des Perrons hinan, folgte der Gallerie-Terrasse, hob sich, um durch das offene Fenster eines Salons einzusteigen und verschwand in dem schlafenden Palaste.

Das Kostüm mit den gestickten Ähren entfernte sich längs des Baches, dann durch die Lichtung; die beiden Marmornymphen sahen von ihrem Piedestal es unter einem fernen Hause verlöschen, gleich einem Sternlein, das zur Ruhe geht.

Das Kostüm ging in der That schlafen: es wurde hastig unter eine Chaiselongue geworfen. Man warf die kleinen Schnallenschuhe dazu, dann die weißen Strümpfe und sogar das Hemd. Nackt wie ein junges Mädchen, das allein ist, begann nun Mirabelle beim Scheine einer Kerze in einem Kleiderkoffer zu suchen, wo es mehr Männerjacken gab als Frauenleibchen.

Sie holte daraus ein Hemd mit flachem Kragen hervor, eines jener Hemden, welche man noch gewisse Söhne hübscher Frauen tragen läßt, welchen Söhnen man ihre sechzehn Jahre noch nicht ansehen soll. Sie zog ferner eine gestreifte Unterhose an, ein dunkelblaues Beinkleid, eine breite weiße Halsbinde mit Schleifen, eine weiße Weste, eine kurze Jacke mit einen Matrosengürtel.

Solchermaßen gekleidet, die Hände in den Taschen und den Blick über die Schulter betrachtete, sie sich in ihrem Spiegel und zwinkerte heiter und zufrieden. Dabei murmelte sie einen metaphorischen und zugleich vertraulichen Satz in jener sybillinischen Sprache, welche man »Argot« nennt, einen Satz, in welchem sie ausdrückte, daß ihre Verkleidung sie einen Augenblick mit jenem naiven und häßlichen Geschlecht aussöhne, welches nicht ganz das ihrige war.

Denn es wäre nutzlos sich zu verstellen: Mirabelle fühlte keine Neigung für die Männer. Die Kraft des Mannes, der Stiernacken, die Arme wie Flaschen, die Brust breit und flach wie Tische … nein! nicht für sie hatten die Götter ihr Meisterwerk geschaffen. Sie liebte nicht den Schnurrbart, noch den Bart, noch das blau rasirte Kinn. Das hinderte sie nicht, einen Freund anzunehmen, selbst einen unbekannten Freund, wenn man sie höflich darum bat. Man erzählte, daß sie sich außerhalb des Theaters den ausgesuchtesten Übungen überlasse und daß ihr Künstlergewissen sie – wie auf der Bühne – zwinge, eine Begeisterung zu heucheln, welche sie keineswegs empfand. Diese kleinen Sonderballete, bei welchen sie eine so zarte Rolle spielte, bewirkten keineswegs, daß sie nicht mit jedem Tage mehr und mehr Diejenigen verabscheue, die von ihr diese Anstrengung forderten. Das arme Kind fügte sich darein, weil den Besuchen der Zuschauer bei den Tänzerinnen gewisse unwandelbare Formalitäten vorausgehen und folgen, welchen allgemein eine große überzeugende Kraft beigemessen wird. Allein ihre Auffassung von der Liebe setzte eine noch zartere Art und Weise voraus und ihre Auffassung von der Kunst beruhte auf der Liebe. Der Mann aber, so wie sie ihn bisher kennen gelernt, hatte sich zumeist sentimental gezeigt wie ein Gaukelmännchen. Anderseits ist es bedauerlich, aber nothwendig zu konstatiren, daß eine Dame und ihr Ritter in dem Augenblicke, wo sie sich unter vier Augen finden, ein ungleichartiges Paar bilden.

Diese Erwägungen, unterstützt von einer natürlichen Neigung, hatten die kleine Tänzerin dahin gebracht, daß sie ihre Liebesfreuden in einem Kreise vertrauter Freundinnen verbarg. Darüber müssen wir unsere Mißbilligung aussprechen und dieses Buch macht es sich zur Aufgabe, durch einen gesunden und unerbittlichen Schluß dieses Urtheil zu verhängen.

Doch wir wollen den folgenden Ereignissen nicht weiter vorgreifen.

Wir begnügen uns hier zu erklären, weshalb Mirabelle auf der Bühne mit unfehlbarem Auge die weiße Aline auserkoren, die von dem Zauber ihres Tanzes ergriffen war, weshalb ihr scharfsichtiger Blick ein anziehender geworden, weshalb sie nicht überrascht war, zwei Stunden später ein Stelldichein zu erhalten; und endlich, wie sie in die Falle einer Versuchung gehend, welche stärker war als ihre Klugheit, ihre Truppe verließ, als der verwunschene Prinz des Ballets, um die Tochter des Königs zu entführen.

Mittlerweile war die kleine Aline in ihr Zimmer zurückgekehrt. Sie nahm von ihrem Toilette-Tische ein Etui mit rother Schminke, eine Puderbüchse, eine zufällig gefüllte Börse und einige kleine Toilettegegenstände; kurz: Alldas, was die Hofdame vor dem König aufzählte, als sie die traurige Pflicht erfüllte, ihm das gefundene Briefchen zu übergeben. Dieses Briefchen hatte Line in zwei Minuten geschrieben. Sie hoffte nicht auf Verzeihung, aber sie wollte nicht, daß man um ihre kostbare Gesundheit besorgt sei.

Diese inneren Gefühle verschwanden vor ihrer Freude, wie die Sterne vor dem Monde. Und ihre Freude war von einem strahlenden Glanze, welchen das Stillschweigen kaum zurückzuhalten vermochte.

Wenn die Hofdamen sie nicht hörten, wie sie sprang, lief, in die Hände klatschte, zum Zeichen ihrer Freiheit den »Telemach« in das Waschbecken schleuderte, so geschah es vielleicht, (und ich wage diese Hypothese kaum auszusprechen) weil die strafbaren Hüterinnen ihre anstoßenden Gemächer verlassen hatten, um anderswo jene süßen Erschöpfungen zu suchen, welche von der Schlaflosigkeit heilen.

Wie dem auch sei, die kleine Aline floh mit einer fast geräuschvollen Eile, ermuthigt durch das Geheimniß, in welches ihre erste Wanderfahrt gehüllt war.

Sie eilte durch das Gehölz zum Nymphenspiegel und sah zuerst dort Niemanden.

Das Wasser fiel plätschernd in das Becken. Der Satyr und die beiden nachtblassen Nymphen im Dunkel der Bäume waren die einzigen Bewohner dieses verlassenen Winkels.

Line stieg zu dem kleinen Tempel hinan, machte Geräusch und rief leise.

Langsam und müde trat Mirabelle aus dem Schatten hervor und erschien zwischen den Säulen.

Ihr Kostüm mit den Silbertressen hatte sie gegen ein anderes vertauscht. Line war einen Augenblick enttäuscht, erkannte aber sogleich, daß Mirabelle in moderner Kleidung noch hübscher sei und daß ihre auf den breiten, weißen Kragen herabfallenden dunklen Haare völlig schwarz scheinen.

Mirabelle lächelte nicht, sondern seufzte tief. Als fünfzehnjähriger Liebhaber verkleidet, hatte sie vor ihrer Freundin jene trostlose und klagende Miene angenommen, welche diesem männlichen Alter geziemt. Sie that es keineswegs, um eine Rolle zu spielen. Das Gefühl des Ernstes der Umstände und der Erinnerung, die sie stets an diese so jugendliche Stunde haben werde, ließ ihr Herzchen stürmischer pochen. Sie sah sich im Geiste dem Elend verfallen, auf dem Boulevard St.-Denis in Paris Orangen verkaufen oder in der Canebière-Vorstadt zu Marseille Bleistifte feilbieten, in einem Alter, wo beide Geschlechter, nachdem sie lange Zeit darin übereinstimmten, daß sie begehrenswerth sei, darin übereinstimmten, sie Hungers sterben zu lassen.

Sie nahm die kleine Aline bei der Hand und führte sie in den dunklen Kreis, welchen die sechs Säulen einschlossen.

Sie durchlebte noch einmal – aber etwas trauriger – die schon für immer erstorbene Stunde, in der sie mit einem köstlichen Schauder gefühlt hatte, daß sie ihre Freiheit verpfände.

Zum Andenken nahm sie von dem Polster eine kleine weißgrüne Schleife.

An der Quelle pflückte sie eine duftende und eine duftlose Blume, die sie in ihrem Taschentuch vereinigte. Sentimentale Frauen gibt es nur mehr unter den Operntänzerinnen.

Unter dem Segen der nackten jungen Nymphen, welche zwei Hände über das Wasser ausstreckten und mit den zwei anderen sich vereinigten, drückte Mirabelle auf die Augen der weißen Aline langsam einen Kuß, welcher ihr von einer köstlichen Brüderlichkeit schien.

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